Trapitos Arbeitszeit - endlich lückenlos dargelegt - n=1 ;-)

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      Meike., du hast sowas von Recht!
      Seit ich in der Schulleitung bin, lebe ich - insgesamt gesehen - wesentlich entspannter. Klar, es sind mehr Aufgaben und mehr Verantwortung und die Anrechnungsstunden wiegen den Zeitaufwand natürlich nicht auf - aber es ist weitgehend selbstbestimmtes Arbeiten, gerne auch mal in Ruhe mit einem Tee, wenn die Schule schon schön leer ist und keiner mit einer "Kann ich dich kurz stören...?"- Frage dazwischen funkt.
      Dagegen sind die Stunden in einer ersten Klasse wirklich anstrengend - inhaltlich eher nicht, aber was die ständige Bestätigung, Unterstützung, Rückversicherung, Ermunterung, Ermahnung, Antreiberei,... angeht. Gerade gegen über den Zwergen sollte man ja stets ausgeglichen sein und muss sich dann "unpassende Reaktionen" (Augenverdrehen angesichts unvorstellbarer Verhaltensweisen, genervtes Seufzen bei der 20. Nachfrage zum gleichen Thema, Verzweiflung am Schuljahresanfang...) verkneifen. Im Unterricht muss ich von 7.45 bis 13.00 voll präsent sein. Da ist die Anspannung eine ganz andere, als wenn man im Büro vor sich hin arbeitet, die Lieblingsmusik eingelegt hat und die Themen nach eigenem Zeitplan und aktueller geistiger Verfassung abarbeitet.

      Analog dazu: Fortbildungen vorbereiten empfinde ich fast schon als Entspannung - nämlich als Beschäftigung mit einem (meistens) von mir gewähltem Thema, das mich interessiert. Die Veranstaltung selbst ist dann schon wieder ein anderes Thema, gerade wenn es Pflichtveranstaltungen für Kollegen sind und man neben dem Inhalt auch noch die Schwingungen im Raum herausspüren, aufgreifen und nach Möglichkeit in eine positive Richtung lenken darf.

      Wäre spannend, wenn es zur Arbeitsintensität Forschungen gäbe... ich kenne allerdings keine.
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      Jetzt wo baum das schreibt - so geht es mir auch. Seit ich über die Hälfte meiner Stunden im Schulleiterbüro sitze und dort arbeite, finde ich es in der Summe entspannter.

      kl. gr. frosch
      Free Tibet!!
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      Die meisten meiner Beiträge entstehen auf einer tablet-Tastatur. Da es dort kein haptisches Feedback gibt, schleichen sich schneller Tippfehler ein. Sorry.
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      Danke Meike, für den ausführlichen Beitrag. Einen Teil davon hatte ich schon festgestellt, aber nicht alles und hätte es nicht so gut zusammenfassen können.
      Eine Kollegin, 30, sagte letzte Woche, dass sie - seit sie in der Schule arbeitet - immer voll durchhängt abends und am Wochenende, vorher hat sie nach Feierabend gefeiert etc. Meine Zeit außerhalb der Schule ist zu lange her (bzw. ich habe damals Teilzeit gearbeitet). Woran ich mich noch erinnern kann: Ich habe da Nachtschichten gemacht, wenn dringend Aufträge fertig werden mussten, zusammen mit einer ruhigen, fleißigen Kollegin. Es war absolut entspannt, wir waren ein Superteam und ich habe mich in der Schule nie länger als ein paar Minuten so entspannt und gleichzeitig noch grundlegend leistungsfähig gefühlt wie damals nachts um halb 2.

      Was mir auch zusetzt, ist die ständige Lautstärke in einer Grundschule. Schlecht gedämmte Räume und vor allem Treppenhäuser.
      Außerdem finde ich die Arbeit extrem komplex: Ich muss als Grundschullehrerin, Sonderpädagogin, Mutti, Vati, große Schwester, Kuschelbär, Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin (idealerweise mit Spezialausbildung für "emotional-instabile Persönlichkeitsstörungen"), Ergotherapeutin, Lerntherapeutin, Logopädin, DAZ-Kleingruppenlehrerin, Arzthelferin, Polizistin (Spezialgebiet Taschendiebstahl) und Sekretärin gleichzeitig arbeiten und das teilweise parallel tun. Gleichzeitig erwarten meine Schüler noch von mir, dass ich Hellseherin, Zahnärztin und Schneiderin bin. Mein am häufigsten verwendeter Spruch der letzten Wochen: "Ich bin nur einmal da."
      Modernes Märchen: ... und denn wollte der Prinz fragen: „Willst du mich heiraten?“ Und dann hat Bella gesagt: „Nein danke!“
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      Meike. schrieb:

      es strengt mehr an. Obwohl ich nullgarkeine Diszplinprobleme und nur liebe Kurse habe.
      Dazu ein kleines Anekdötchen, das sich gestern bei mir im Schulzimmer ereignet hat:

      Ich: "UV-Licht ist für uns unsichtbar, manche Tiere, z. B. Bienen, können das aber sehen."
      Schülerin: "Echt?? Krass. Wie sieht das dann aus?"
      Ich: "Keine Ahnung, ich bin ja keine Biene."
      die GANZE Klasse: "Und diese Biene die ich meine, nennt sich Majaaaaa ..."

      Zwei Sonnenstrahlen und schon steigen denen die Hormone zu Kopf. Das ist ein wirklich, wirklich lieber Kurs. Sehr interessiert, sehr leistungsstark, den Rest der Stunde haben wir dann auch ganz seriös über Spektrallinien und Ionenanalytik diskutiert. Aber zeigt mir mal irgendeinen Büro- oder Industrie-Job, bei dem die Kundschaft plötzlich anfängt das Biene-Maja-Lied zu singen :rose:
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      Früher war mehr Lametta!
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      Ich hätte mitgesungen. ;) Die Klasse muss nur schnell wieder "runterkommen". Dann passt das. (Und entlastet mich persönlich auch im Unterricht, da es Druck abbaut.)

      kl. gr. Biene
      Free Tibet!!
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      kleiner gruener frosch schrieb:

      Ich hätte mitgesungen.
      Was glaubst Du, was ich gemacht habe ... :lach: Natürlich ist das kein Drama, aber es ist eben eine dieser Situationen, die zu Meikes Ausführungen passt. Diese Art von unvorhersehbaren "Störungen" der Arbeit treten einfach nur in Berufen auf, in denen man mit vielen verschiedenen Menschen arbeitet und das würde ich durchaus auch als eine spezielle Art der Belastung bezeichnen.
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      Früher war mehr Lametta!
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      Mein Motto der letzten Wochen: "Unterricht ist eine Aneinanderreihung von Zwischenfällen. Wenn man nur genug geplante und lehrplanrelevante Themen wegfallen lässt und zwischendurch rotiert, was das Zeug hält, passt es irgendwie wieder."
      Modernes Märchen: ... und denn wollte der Prinz fragen: „Willst du mich heiraten?“ Und dann hat Bella gesagt: „Nein danke!“
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      Meike. schrieb:

      Ja, das ist eines der vielen Dinge, die man einfach mit anderen Jobs nicht vergleichen kann. Und da hilft reine Arbeitszeit aufschreiben eben nicht mehr weiter.
      Ich glaube, noch deutlicher ist der Unterschied in der Belastung, wenn man nicht nach Arbeitszeit, sondern Arbeitsintensität geht.
      Da bewegen wir uns dann aber in einem Bereich, der gar nicht mehr verifizierbar, der aber - so glaube ich - gesundheitlich das eigentlich Entscheidende ist.

      Ich rede mal von mir, auch wenn ich weiß, dass ich da mitnichten die Einzige bin:
      Ich habe derzeit ein Tätigkeitsfeld, bei dem etwa ein Drittel/Hälfte meines Jobs Büroarbeit ist, und zwar anspruchsvolle Arbeit, auch mit hoher Verantwortung (Verhandlungen mit Amtsleitung und Dezernenten), und Verwaltungsarbeit.
      Der andere Teil ist Unterricht in diszplinproblemfreien Oberstufenklassen.

      Bis auf Sitzungsleitung und kitzlige Dienstgespräche ist Unterricht bzw. das Tätigkeitsfeld in der Schule immer anstrengender obwohl es zeitlich insgesamt nicht mehr ist, es ist auch was die Verantwortung angeht nicht mehr, aber es strengt mehr an. Obwohl ich nullgarkeine Diszplinprobleme und nur liebe Kurse habe. Die ich mag. Die mich mögen. Mit denen ich fachlich gut vorankomme. In einer Schule, an der ich gerne bin. Fachlich breche ich mir auch keine Zacken aus der Krone, da bin ich fit. Trotzdem: Es schlaucht deutlich, deutlich mehr.

      Ich habe mich, als ich das feststelle, gefragt, warum - ?
      Ich habe keine eindeutigen Antworten gefunden, außer, dass ich (und alle Mit-GPRen und ex-Lehrer-Verwaltungsbeamte im SSA und an Schulen, die ich kenne) dasselbe sagen: nichts ist so anstregend wie "an der Front". Auch wenn's gut läuft und Befriedigung bringt (und wenn dem nicht so ist, ist es die gesundheitsgefährdende Hölle schlechthin, aber das ist ein anderes Thema).

      Und wieso ist das so?
      Vielleicht ist es das hier:
      - Dauerpräsenz: 40-60 Augen sind ständig auf einen grichtet. Man kann sich keine Sekunde Schwäche erlauben. Bzw man könnte vielleicht schon..? Aber man tut es nicht. Kein kurzes Wegschalten (kann ich im Büro), kein Nasebohren (würde ich NIE tun im Büro ), keine Dehnübung für die Nackenmuskulatur oder kurzes Augenschließen, keine Chance, diese email zwei- oder dreimal zu lesen, wenn die Konzentration nicht gut ist (Schülerbeiträge müssen beim ersten Mal verstanden und eingeordnet und darauf reagiert, gewertschätzt, verwendet werden), Reaktionen müssen sofort erfolgen, es gibt keine Ablage (!!) für Schülerfragen/verhalten. usw. Ihr versteht, was ich meine?

      - Entscheidungsdichte: Im Klassenraum werden seriell Entscheidungen getroffen. In wuseligen Klassen jede paar Sekunden eine, bei mir in der Oberstufe nicht so, ich kann auch bei ner Stillarbeit mal rumgehen und grad mal nix entscheiden, aber ich muss es jede Sekunde können. Planänderung, Gesprächsformänderung, Reaktion auf dies oder jenes, Medienänderung so oder so, kürzen, straffen, dehnen, wiederholen, rephrasieren, antworten, offen lassen, Lockerung durch Witzchen, Unterbrechen und Ansprache halten, mahnen, durchwinken, auf etwas fokussieren, einordnen, nicht einordnen und so stehen lassen, ablenken, vertiefen jetzt oder später, zurückführen, Kreise schließen, loben, anerkennen, weiterverweisen, usw., usf. Und: jede falsch getroffene Entscheidung im Untericht hat sofort Konsequenzen. Das ist bei anderer Arbeit auch nicht so: dann überarbeiteste es halt nochmal. Machst es neu. Anders.

      - Unmittelbarkeit: Im Büro gibt es Anfragen oder Aufträge, die leg ich weg. "Erstmal die Rechtsstelle fragen um sicher zu gehen" oder "Les ich morgen genauer, kapier ich heute nicht auf Anhieb" oder "Nervt mich jetzt, mach ich später" ... Das ist meine Entscheidung. Selbstbestimmt. Im Unterricht ist man fremdbestimmter, finde ich. Es muss JETZT passieren und es muss kompetent, konsequent sein und es muss sitzen. Und: "Da frag ich die anderen, hab ich jetzt keine Meinung zu": es gibt im Unterricht kein Team, kein Netz wie bei den meisten Jobs mit Verantwortung: ich treffe meine Entscheiungen alleine. Und trage die Konsequenzen allein und sofort. (Jeder Dezernet oder Sachbearbeiter im Amt kann den Juristen fragen. Ich im Büro auch. Oder meine Gewerkschaft, mein Gremium, die Gremien anderer Bezirke. Ich habe Backup).

      - Dauerarbeit: Ich habe in der Schule keine Pausen. Lehrerzimmer ist keine Pause. Außer ich geh in einen leeren Klassenraum. Was irgendwie keiner macht. Und wenn doch: dann gibt es da dann so viel Ruhe, dass man ja andlich mal gescheit was arbeiten könnte? Im Büro geh ich runter in die Cafta und da GIBT es nichts zu tun. Und es redet auch keiner über die Arbeit mit mir. Die wissen ja gar nicht,w as ich da so mach
      Feierabend gibt es schulisch auch nicht. Ich bin nie fertig. Aus dem Büro darf ich aus Datenschutzgründen nichts mitnehmen an Daten. Was nicht fertig ist, bleibt da. Ich darf nicht mal ne automatische Weiterleitung von mails machen. Erst hat mich das geärgert, mittlerweile bin ich mir nicht ehr so sicher. Ich bin, wenn ich mir nicht Sachen auf den Kopierer lege und sie mit heim trage, fertig, wenn ich die Tür rausgehe. Ich trage zwar oft was heim, aber das ist eine Menge, die dann "fertig gemacht" werden kann. Also endlich. Schulisch nicht. Ich könnte immer was machen. Es gibt kaum abgeschlossene Arbeiten, das Schuljahr kann man ja nach oben offen beliebig genau planen, Klausuren optimieren, Material erstellen, überarbeiten, erneuern...

      Ich weiß nicht, ob das als Erklärung reicht. Irgendwie reicht's mir noch nicht. Aber das ändert nichts daran: nichts ist so anstrengend wie Schule.
      Zumindest kein Verwaltungsbürojob, auch nicht die spannenden und verantwortlichen, die auch anstregend sind wie meiner: da ist auch hohe Konzentration angesagt. extreme Genauigkeit, Sachkenntnis, Verwaltungskenntnisse, Rechtskenntnisse, auch Empathie und Diplomatie und alles mögliche andere - aber es schlaucht einfach nicht so. Sagen alle, die ähnlich arbeiten.

      Und daher glaube ich zunehmend: in der Schule ist die Crux die Arbeitsintensität, neben der Arbeitszeit. Und wie man die erheben, beschreiben, evaluieren könnte, da bin ich überfragt. Interessiert mich aber.
      Ist Arbeitsintensität eigentlich jemals untersucht worden? Kennt da einer was?
      Witzig, was ich bis jetzt als Seiteneinsteiger erlebt habe widerspricht in vielen Punkten deinen Ausführungen. Punkte wie Dauerpräsenz sind aber natürlich klar, das ist wirklich stark ausgeprägt im Lehrerberuf. Allerdings finde ich sowas wie Entscheidungsdichte einfach nicht aussagekräftig. In anderen Berufen in denen (auch) mit "Kunden" umgegangen wird trifft das auch alles zu, nur ist die Tragweite der Entscheidung eine andere bzw. anders zu bemessen.

      Ich finde diesen ständigen Vergleich mit einem 08/15 Bürojob auch nicht sehr zielführend, hier wird zum Großteil A13 eingestrichen, was wohl kaum mit einem normalen Bürojob zu erreichen ist. Bei dem Verdienst müsste man das eher mit Entwicklungsingenieuren o.ä. vergleichen und da sieht die Arbeitsbelastung ganz!!! anders aus. Und dann treffen auf einmal auch 80% der Punkte zu. Ich finde diesen Tenor "Uns gehts allen so schlecht und wir arbeiten alle so viel" wirklich störend in der Schule, das ist das was mich persönlich am meisten stresst. Das einfach niemand mehr in der Lage ist einfach mal mit dem zufrieden zu sein, was er hat :schreien:

      So, ich will ja auch nicht alles schlechtreden ;) Aber in anderen so hochbezahlten Berufen müssen die Leute auch arbeiten, das wollte ich damit nur einmal zum Ausdruck bringen!
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      dasHiggs schrieb:

      Witzig, was ich bis jetzt als Seiteneinsteiger erlebt habe widerspricht in vielen Punkten deinen Ausführungen. Punkte wie Dauerpräsenz sind aber natürlich klar, das ist wirklich stark ausgeprägt im Lehrerberuf. Allerdings finde ich sowas wie Entscheidungsdichte einfach nicht aussagekräftig. In anderen Berufen in denen (auch) mit "Kunden" umgegangen wird trifft das auch alles zu, nur ist die Tragweite der Entscheidung eine andere bzw. anders zu bemessen.

      Ich finde diesen ständigen Vergleich mit einem 08/15 Bürojob auch nicht sehr zielführend, hier wird zum Großteil A13 eingestrichen, was wohl kaum mit einem normalen Bürojob zu erreichen ist. Bei dem Verdienst müsste man das eher mit Entwicklungsingenieuren o.ä. vergleichen und da sieht die Arbeitsbelastung ganz!!! anders aus. Und dann treffen auf einmal auch 80% der Punkte zu. Ich finde diesen Tenor "Uns gehts allen so schlecht und wir arbeiten alle so viel" wirklich störend in der Schule, das ist das was mich persönlich am meisten stresst. Das einfach niemand mehr in der Lage ist einfach mal mit dem zufrieden zu sein, was er hat

      So, ich will ja auch nicht alles schlechtreden Aber in anderen so hochbezahlten Berufen müssen die Leute auch arbeiten, das wollte ich damit nur einmal zum Ausdruck bringen!
      In Zeiten des Usenet gab es u.a. "Godwin's Law", das besagt: An einem bestimmten Punkt jeder beliebigen Diskussion kommt jemand mit einem unpassenden Nazivergleich um die Ecke.

      Ich finde, hier im Forum könnte man ein ähnliches Law postulieren: An einem bestimmten Punkt jeder beliebigen Diskussion kommt ein Seiteneinsteiger und erzählt denjenigen, die leider nur Lehrer gelernt haben, dass sie vom wahren Berufsleben keine Ahnung und damit keinerlei Berechtigung haben, sich über irgendeinen Aspekt ihrer Arbeit zu beklagen...
      Neulich in Latein: Ante Ides martias metus Calpurniae auctus erat. - Vor dem 15. März hatte Calpurnia Angst, sich zu vermehren.
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      Ich hatte vor ein paar Jahren mal die Möglichkeit im Cockpit mitzufliegen. Die Piloten haben während des Fluges einiges über ihren Job erzählt...

      Objektiv gesehen schauen die Piloten 90% der Zeit dem Autopilot beim Fliegen zu. Man sollte meinen, dass das 0 anstrengend ist.
      Aaaaaaber: Piloten müssen zu jeder Zeit mehrere Enrscheidungsalternativen parat haben für Situationen, die theoretisch passieren können, von denen aber keiner weiß ob und wann sie eintreten. Die rechnen also permanent, ob der Sprit für ein alternatives Ziel reicht, falls das Wetter umschlägt o.ä..

      Ich finde als Lehrer ist es ähnlich. Wenn der Unterricht perfekt läuft, dann ist es wenig anstrengend (man läuft quasi auf Autopilot). Trotzdem hat man ja immer ein paar Gedankengänge, was man macht, wenn dies und jenes eintritt.
      Aber nicht selten steht die Sternenkonstellation schlecht, oder was auch immer sonst den Unterricht torpediert. Und dann muss man in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen und Alternativen abwägen. Das finde ich mega anstrengend.


      Ich arbeite übrigens zwar stellenweise ziemlich viel, glaube aber nicht, dass ich im Schnitt über 40 Stunden komme, weil ich am Wochenende und in den Ferien kaum arbeite.
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      dasHiggs schrieb:

      Ich finde diesen ständigen Vergleich mit einem 08/15 Bürojob auch nicht sehr zielführend, hier wird zum Großteil A13 eingestrichen, was wohl kaum mit einem normalen Bürojob zu erreichen ist. Bei dem Verdienst müsste man das eher mit Entwicklungsingenieuren o.ä. vergleichen und da sieht die Arbeitsbelastung ganz!!! anders aus.
      Zum Einen vergleicht niemand hier den Lehrerberuf mit einem 08/15-Bürojob, der nicht nur vom Gehalt, sondern auch von der Ausbildung her kaum vergleichbar sein dürfte. In diesem Zusammenhang finde ich übrigens auch die Formulierung "A13 einstreichen" sehr bezeichnend.

      Zum Anderen musst Du keineswegs Entwicklungsingenieur (für VW-Software, sowas in der Art?) sein, um ein mit A13 vergleichbares Gehalt zu bekommen. Jeder Facharbeiter in der Automobilindustrie kann mit uns Lehrern LOCKER mithalten (ca. 60.000/a plus Bonus; BMW 2016: ca. 8500 €, Porsche 2016: 9111€ - und zwar für alle, auch für die Spülhilfe in der Kantine!), ebenso jeder Mitarbeiter eines Discounters oberhalb Filialleiter (Regionalleiter Lidl oder Aldi: ca. 100.000/a plus Dienstwagen). Ein ehemaliger Nachbar von mir vertreibt Tiefkühlkost für Iglo und hat (einer der wenigen, die da kein Geheimnis draus machen) ebenfalls um die 100.000 im Jahr plus 5er-BMW als Dienstwagen; das Ganze bei zwei Tagen Homeoffice.

      Nein, wir verdienen nicht zu wenig, vor allem, wenn man so ehrlich ist und zugibt, dass man nicht nur sechs Wochen Urlaub hat. ABER: Die immens hohe Rate von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen bei Lehrern hat ihre Gründe. Und die liegen nicht in der Bezahlung und nicht in einer speziellen, irgendwie defizitären Persönlichkeitsstruktur von Lehrern.
      Neulich in Latein: Ante Ides martias metus Calpurniae auctus erat. - Vor dem 15. März hatte Calpurnia Angst, sich zu vermehren.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von fossi74 ()

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      fossi74 schrieb:

      .. ABER: Die immens hohe Rate von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen bei Lehrern hat ihre Gründe. Und die liegen nicht in der Bezahlung und nicht in einer speziellen Persönlichkeitsstruktur von Lehrern.
      So ist das. Und da können Fluglotsen noch so gestresst sein, Friseure noch so schlecht verdienen. Relevant ist für uns doch, was an unserem Beruf so belastend ist und wie jede/r einzelne damit umgehen kann.

      Die eigene Gesundheit ist das Wichtigste. Und lasst mich überlegen :gruebel: nö, mir fällt nichts ein, was noch egaler wäre, als die Meinung anderer dazu, ob eines Lehrers Stress angemessen wäre.
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      Ich war heute z.B. von 7.30-15 Uhr in der Schule. Von der Unterrichtsplanung mal abgesehen, die ich heute noch machen müsste, war für mich (nicht objektiv messbar) anstrengend, dass ich
      - mit 4 Erwachsenen, die je eine andere Meinung hatten, eine Entscheidung für die Beschulung eines Kindes treffen musste
      - ich mit Kindern, die ungeschickt sind und nicht zuhören können, 3 Stunden im Werkenraum verbringen musste
      - mit 2 LehrerInnen zwischen Tür und Angel klären musste, welche Kämpfe sie in meiner Klasse auszutragen hatten und wie das weitere Vorgehen nun ist
      - ein Telefonat mit einer extrem anstrengenden Mutter geführt habe
      - die Teenies aus meiner Klasse zur Räson bringen musste, während die Klasse, die eigentlich bei mir Unterricht hatte, auch nicht wirklich allein bleiben kann

      Das alles neben, während und nach den eigentlichen Unterrichtsstunden.

      Und das ganze hatte nur mäßig befriedigende Ergebnisse. Stundenmäßig wirklich machbar, ich liebe meine Klasse und gehe gern zur Arbeit. Trotzdem sinke ich dann durchgeschwitzt zusammen, weil im Endeffekt wenig Befriedigendes bei rausgekommen ist, während ich permanent hochkonzentriert sein musste. Vom komischen Essverhalten mal abgesehen...
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      fossi74 schrieb:

      An einem bestimmten Punkt jeder beliebigen Diskussion kommt ein Seiteneinsteiger und erzählt denjenigen, die leider nur Lehrer gelernt haben, dass sie vom wahren Berufsleben keine Ahnung und damit keinerlei Berechtigung haben, sich über irgendeinen Aspekt ihrer Arbeit zu beklagen...
      Wo habe ich gesagt, dass die Schule nicht "das wahre Berufsleben" ist? Und wo schreibe ich, dass jemand "leider nur Lehrer" gelernt hat?

      fossi74 schrieb:

      eder Facharbeiter in der Automobilindustrie kann mit uns Lehrern LOCKER mithalten
      Wie viele Leute haben denn das Glück in den von dir genannten Betrieben (die übrigens momentan sehr gut darstehen, das sah vor einem Jahr bei VW z.B. ganz anders aus) beschäftigt zu sein?

      fossi74 schrieb:

      Mitarbeiter eines Discounters oberhalb Filialleiter
      Macht ein guter Freund von mir: Viel Kohle, fetter Firmenwagen. Ist seit 8 Jahren verzweifelt Single und hat nichtmal Zeit Leute kennenzulernen. Würde niemals tauschen wollen.

      fossi74 schrieb:

      Nein, wir verdienen nicht zu wenig, vor allem, wenn man so ehrlich ist und zugibt, dass man nicht nur sechs Wochen Urlaub hat
      Tja ich hab immer nur das Gefühl, dass das niemand so recht zugeben und alle immer nur mosern. Zumindest "nach Außen". Vielleicht als eine Schutzreaktion, da Lehrer leider nicht den besten Ruf haben?

      fossi74 schrieb:

      ABER: Die immens hohe Rate von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen bei Lehrern hat ihre Gründe. Und die liegen nicht in der Bezahlung und nicht in einer speziellen, irgendwie defizitären Persönlichkeitsstruktur von Lehrern.
      Da stimme ich dir 100% zu, aber darum ging es mir gar nicht.

      Was mir nur besonders seit der Zeit in der Schule auffällt: Gesellschaft meckert über Lehrer -> Lehrer jammern wie schlecht es ihnen geht --> Gesellschaft meckert weiter --> Lehrer jammern weiter.
      Das ist ein Teufelskreis der sich so schon seit Jahrzehnten abspielt und es ist echt traurig, welchen geringen Stellenwert (bei vielen Leuten) unser Beruf hat.

      Und durch das stetige Gejammere wird das echt nicht besser.
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      dasHiggs schrieb:

      Tja ich hab immer nur das Gefühl, dass das niemand so recht zugeben und alle immer nur mosern. Zumindest "nach Außen". Vielleicht als eine Schutzreaktion, da Lehrer leider nicht den besten Ruf haben?
      Dein Gefühl trügt Dich. Zeigt ja dieser Thread hier. Der Tenor grade ist ja eigentlich "Mensch ... eigentlich arbeiten wir stundenmäßig gar nicht mal so super viel. Ist zwar anstrengend, macht aber Spaß. Und ja, Kohle stimmt auch." Mein Gefühl (ACHTUNG: Gefühl!!) sagt mir eher, dass es vllt. speziell bei Dir im Kollegium eine gewisse Häufung an Heulsusen gibt. Bei mir jetzt eben nicht, da ist eigentlich alles schick.
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