Wie weit individualisiert ihr?

    • Wie weit individualisiert ihr?

      Hallo an alle!

      Ich differenziere in meiner Klasse sehr oft.

      Nun stoße ich an eine Grenze:
      zwei meiner Schüler rechnen wie wild. Sie haben in einer Stunde zehn A5 Seiten im Arbeitsheft weiter gemacht, als eigentlich erlaubt. Dabei hatten sie so viel Spaß, dass ich sie gar nicht aufhalten konnte/wollte. Auch komplexere Aufgabenstellungen im Zahlenraum bis 20 erledigen sie schnell.

      Was macht ihr in solchen Fällen? Ich würde sie ja gerne bis 100 rechnen lassen. Ähnlich gelagert ist auch die Problematik mit den Kindern, die noch weiter bis 10 ihr Wissen trainieren sollten.

      Für mich persönlich wäre eine solche Individualisierung erstrebenswert. Allerdings gebe ich die Klasse nach zwei Jahren ab und dann? Irgendwie traue ich mich nicht, den Schritt zu gehen und hoffe auf eure Erfahrungsberichte!

      Ganz liebe Grüße!
    • Ich habe dieses Luxusproblem auch - allerdings begegne ich ihm sehr leicht, wenn die Kinder lesen können.
      Es gibt ja die Möglichkeit, qualitativ und quantitativ zu differenzieren. Ich habe Glück und meine Eltern sponsern meist Hefte, wenn ich vorschlage, sie anzuschaffen.

      Ich lasse die Kinder nicht in den nächsten Zahlenraum vordringen, weil ich möchte, dass sie mit den anderen mittleren . also müssen sie erst die Aufgaben der anderen bearbeiten, (damit habe ich auch sicher, dass sie die einzelnen Lerntricks mitbekommen), sind sie dann fertig kommen die nächsten Aufgaben. Außerdem, was machen diese Kinder sonst in der vierten Klasse? Am liebsten würden viele Kinder einfach in höheren Zahlenräumen rechnen, aber das wäre mir zu wenig, also vermittle ich den Kindern immer, das Mathelernen Knobeln, Anwenden der erlernten Rechentricks ist.

      Ich differenziere also qualitativ: In der ersten /zweiten Klasse ist es wichtig, sich lesend die Aufgabenstellung zu erarbeiten, also gibt es Lese-Rechenblätter, zumal oftmals gute Rechner schlechte Leser sind. Zusätzlich gibt es
      Knobelaufgaben, Rechenkrimis oder Geometrieaufgaben aus der Klasse 2 (es ist meine Erfahrung, dass für diese Bereiche immer die Zeit fehlt). Bei den Knobelaufgaben ist es meist so, dass die Kinder noch Hilfen benötigen, so dass mein Einsatz dabei davon abhängt, wie groß die Hilfsbedürftigkeit der übrigen Klasse ist. Im Moment habe ich zwei inklusive Kinder, so dass mir durch diesen hinzugekommenen Bereich Kapazitäten fehlen.....

      Hefte/Aufgaben, die ich nutze:
      Rechen-Malblätter von Metze, ich habe sie aber in der Schule und finde sie im Internet gerade nicht
      Mathestars Knobeln 1 und 2
      Nachbauen von Steckwürfelbauplänen
      Auf den Internetseiten von Mildenberger - gibt es eine online Plattform, auf der man Übungen erstellen, ausdrucken kann....
      tierische Sachaufgaben (habe ich mal in irgendeinem Blog gefunden)
      Mathelesespur, gibts in der Lernboutique , es gibt auch Hefte, ich finde sie jedoch gerade nicht im Internet (bei Bedarf schaue ich in der Schule nach)
      Mathekrimis :Oldenbourg Kopiervorlagen: Mathekrimis: Sachrechnen im 2. Schuljahr - Band 163 Ringeinband – 1. Juni 2011
      Denken und Rechnen Geometrieheft 3/4
      Denken und Rechnen PC Programm für 5 Euro downzuloaden
      Mathepirat (haben wir als Schullizenz, ist ähnlich Antonin), es gibt auch Zahlenzorro (den haben wir leider nicht)
      Aufgaben von der Seite : von Heike Winkelvoß ,http://www.egladil.de
      du kann Mathe (viele Känguru-Aufgaben werden online geübt)

      flippt
    • Ich halte es wie elefantenflip: Ich lasse die Kinder nicht in den nächsten Zahlenraum.

      Allerdings habe ich das "Luxusproblem" nahezu gar nicht, denn ich differenziere eher nach unten-unten-unten.
      Dafür habe ich mich jahrelang an meiner Schule mit für ein eher umfangreicheres Mathelehrwerk eingesetzt, wir haben Flex und Flo. Dazu gibt es neben den Arbeitsheften ein Übungsheft, normale Kopiervorlagen, Kopiervorlagen "Lernen an Stationen" (nicht alle Themen und oft etwas spielerischer) und einen Vorkurs (Kopiervorlagen). Dazu habe ich Arbeitshefte, aus denen ich punktuell kopiere, wo es erhöhten Bedarf zum Üben gibt: Denken und Rechnen Förderheft, Einstern, Zahlenfuchs, Indianerhefte. Von letzteren gibt es auch differenzierte Hefte.
      In meinen Klassen ist es so, dass ich fast ausschließlich frontal einführe. Jegliches selbstständige Erarbeiten hat sich in Bezug auf die Ziele des Rahmenlehrplanes in Mathematik nicht bewährt. Danach führe ich mehrere "Festigungsstunden" durch, weil ein Teil meiner Schüler alles schnell wieder vergisst. So lange, bis bestimmte Techniken / Strategien sitzen... In dieser Zeit werden Aufgaben von leichtem bis mittlerem Schwierigkeitsgrad von mir ausgewählt und von allen bearbeitet. Leistungsstärkere Schüler, bei denen ich sicher bin, dass sie die geübte Strategie verstanden haben (oder eine eigene hilfreiche Strategie haben), dürfen selbstständig rechnen, sie haben dann automatisch die restlichen mittleren und die schwierigeren Aufgaben zu bearbeiten - da haben sie dann auch mit dem Lesen von Aufgabenstellungen und mit dem Üben von Sachaufgaben und Textaufgaben zu tun.
      Alternativ gibt es noch die Blitzrechenkartei (Klett, die ist auch super im Förderunterricht, auch mit älteren Schülern, die bis 20 nicht sicher sind und nicht sooo teuer), mit der kann man eigentlich fast alle Niveaustufen rechnerisch abfangen, selbstgebastelte Klammerkarten (Bei mir halt 4 + 5, aber wie wäre es mit "Summe aus 4 und 5" oder "Bilde die Summe aus 4, 7 und 5. Subtrahiere davon 3."? Dann trainieren sie noch die Fachbegriffe.) eine Tangram-Kartei (Betzold? Keine Ahnung, vor ewiger Zeit gekauft, englischsprachiger Verlag), eine Sudoku-Kartei und jetzt in der 3. eine Karteibox vom Rechenraben (?), die ich mal geschenkt bekam.

      Kinder, die bis 10 trainieren müssten, gehen in den Förderunterricht und üben das dort. Ferner bitte ich die Eltern um Unterstützung. Im Matheunterricht machen sie bei der Erarbeitung neuer Strategien jedoch mit, denn wie soll ich es leisten, ihnen später noch den ZR bis 20 nahezubringen, wenn alle 15 Sekunden jemand neben mir steht und eine Frage hat oder den Nachbarn mit dem Buntstift in die Nase pikt? Geht nicht. Zusätzlich baue ich dann in den Matheunterricht Übungsphasen ein, in denen alle auf ihrem Niveau üben, das kann man gut differenzieren.
    • Das sieht bei mir ähnlich aus wie bei elefantenflip und Conni (außer das wir mittlerweile mit den Materialien von Denken und Rechnen arbeiten und mit vielen anderen Materialien von Klett ergänzen ;) ). Es ist für die mathematisch sehr guten Kinder auch viel fordernder und für die weitere Entwicklung tragfähiger tiefer in die mathematischen Konzepte einzusteigen, sie mit Problemlöseaufgaben herauszufordern, sie nach neuen mathematischen Mustern suchen zu lassen usw.
    • elefantenflip schrieb:

      Bei den Knobelaufgaben ist es meist so, dass die Kinder noch Hilfen benötigen, so dass mein Einsatz dabei davon abhängt, wie groß die Hilfsbedürftigkeit der übrigen Klasse ist. Im Moment habe ich zwei inklusive Kinder, so dass mir durch diesen hinzugekommenen Bereich Kapazitäten fehlen.....
      Wie, aufgrund von Inklusionskindern werden die guten Kinder nun weniger gefördert, als wenn die Inklusionskinder nicht da wären? Und mir hat man im Ref vehement und energisch widersprochen, als ich dies als anzunehmende, negative Konsequenz der Inklusion für das Niveau und die Förderung der Spitzenschüler damals vorausgesagt habe.

      Zum Thema: Ich bin zwar nicht im Grundschullehramt, finde die Idee aber prima, dass die guten SuS Knobelaufgaben bekommen sollen. Ich beobachte bei vielen SuS, dass sie Mathematik als Rechnen nach Formeln und fest gefügten Vorgehensweisen begreifen, aber wenig kreativ sind Probleme zu lösen oder die Mathematik als echtes Hilfsmittel zum Problemlösen zu sehen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass solche Aufgaben bereits in der Grundschule die Basis dafür legen, dass SuS auch später stärker nachdenken und Probleme analysieren, statt einfach nach einem Rechenschema zu fragen. Und bei den intelligenten SuS ist es doch eh so, dass für sie eine Zahlenraumerweiterung pille palle ist und sie sich auch da vermutlich unterfordert fühlen würden. Das können sie dann ja im Gleichschritt mit den schwachen SuS machen und in der Zeit, die diese brauchen um erstmal so weit zu sein, anspruchsvollere Aufgaben bearbeiten.
    • Ich habe mich während der Ausbildung immer gewundert, was da von Individualisierung erzählt wurde, und wie von einem als Lehrer mittlerweile fast verlangt werden würde, man müsse für jedes einzelne Kind individuell individualisieren. Meine Verwunderung kam daher, dass für mich jedes einzelne Kind ohnehin ein Individuum ist, für das nicht mehr individualisiert werden braucht.

      Das Grundproblem liegt für mich in einem hemmenden Rollenverständnis des Lehrers: er produziert/beschafft, was die Kinder re-produzieren sollen. Damit steigt natürlich der Arbeitsaufwand ganz massiv, je mehr unterschiedliche Aufgaben usw. er beschaffen/produzieren muss. Ich habe das Problem für mich auf zwei ganz einfache und nebenbei arbeitssparende Arten gelöst:

      - es gibt einen großen und übersichtlichen Pool an Arbeitsaufgaben über alle Klassen hinweg, außerdem eine Art Übersicht des Stoffs über alle Klassen hinweg und durchdefiniert als Prüfungen. Fühlt sich ein Kind kompetent genug, eine Prüfung anzustreben, kann es sich an der Prüfung versuchen, schafft es sie, super, wenn nicht, auch kein Problem. Da die Prüfungen allgemein durchdefiniert sind kann ich anhand dieser "Blaupausen" jederzeit innerhalb von wenigen Minuten neue, ähnliche Prüfungen erstellen, so dass zahlreiche Versuche leicht möglich sind. Wer das will kann über das Jahr gewisse Prüfungen auch verpflichtend und gemeinsam (zusätzlich) verlangen, um irgendwann alle auf den gewollten Stoff zu bringen.

      - die Kinder mitproduzieren lassen! Die haben ziemlich viel Freude dran, sich gegenseitig Aufgaben zu erfinden, und da sie - wenn man sie als Individuen betrachtet - ohnehin alle unterschiedlich gut in allem sind, gibts im Grunde auch immer jemanden, der als "relativer Meister" für den anderen dienen und ihm eine fordernde Aufgabe erfinden kann.

      Als ich so ein System zum ersten Mal ausprobiert habe hatten die Kids verschiedener Klassenstufen (es war eine gemischte Klasse) innerhalb eines Monats den jeweiligen Jahresstoff ihrer Klasse in Mathe durch (ich hab damals nur in Mathe so angefangen). Nur so als Ausblick drauf, was da möglich wird.

      Ein Bunterrichter
    • Bundesrichter: So etwas praktiziere ich auch - ich unterrichte jahrgangsgemischt, doch nicht alle Kinder eignen sich dazu..., ich komme auf meinem Weg zu besseren Ergebnissen - jedoch gibt es auch immer wieder Phasen, in denen Kinder eigene Aufgaben erfinden, AB´s für die anderen entwerfen...., meine Erfahrung ist jedoch, dass die meisten Kinder zum Knobeln Ansporn benötigen. Prüfungen, wie du sie beschreibst, habe ich auch versucht, doch blieben die Aufgaben hinter dem, was die leistungsstarken Kinder schaffen, zurück. Ich selber komme mit dem ganz individualisierten System nicht klar, wie es Kollegen handhaben, die ganz konsequent z,B. nach Flex und Floh, Einstern, ... Lernwegen, mit dem Prinzip von Stopptests arbeiten. Liegt aber vielleicht auch an meiner länger zurückliegenden Ausbildung und wie ich es mir angewöhnt habe, die Arbeit zu strukturieren, dass ich den Überblick behalte.

      Firelilly, leider ist die Situation im Moment so, wie du schreibst. Ich habe zwar schon eine Praktikantin, doch selbst mit ihrer Hilfe sind in diesem Jahr meine Kräfte aufgrund von mehreren "besonders lernenden Kindern" sehr begrenzt. Wir haben nur 4 Arme und Hände und 2 Köpfe zum Mitdenken..... Leider.

      flippi,
    • Ich bin auch so eine Mischerin der Systeme wie flip.
      Vor allem bin ich auch ein Verfechter von viel Sprache gerade im MaU, @Bunterrichter, und gemeinsamen Überlegungen. Deshalb bin ich gar kein Fan von diesen Lernstraßenarbeiten, wo jeder allein wurstelt.
      Bei Hospitationen hab ich oft gesehen, dass Kinder abarbeiten, aber z.T. die Tiefe fehlt.
      8) LG cubanita1

      Achte gut auf deinen Körper. Er ist der einzige Ort, in dem du leben kannst.
    • Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Kinder unterschiedlich gut darauf anspringen, jedoch auch jene dass dies (nach bisheriger Erfahrung) offenbar zu einem guten Teil an ihren eigenen Vorerfahrungen mit Selbst-Disziplin und Selbst-Ständigkeit liegt - wer darin geübter ist, kommt besser damit zurecht. Das heißt nicht, dass es nicht ein jeder bis zu einem ausreichenden Grad erlernen kann.

      Unterscheiden muss man hierbei denke ich allerdings sehr stark zwischen einem selbstständigen Abarbeiten von trotzdem vordefinierten Aufgaben (also wieder einem Re-Produzieren) und einer Nutzung der erlernten oder zu erlernenden Fähigkeiten, um produktiv etwas zu schaffen/tun, was subjektiv und intrinsisch bedeutsam ist. Ich arbeite aktuell gerade nicht in einer Schule aber trotzdem mit Kindern und Jugendlichen, und es ist für mich sehr interessant zu beobachten, dass die meisten dieser Kinder offenbar überhaupt nicht verstanden haben, dass sie die in der Schule verlangten Werkzeuge auch einsetzen könnten, um subjektiv Bedeutsames zu schaffen. Geschichten zu schreiben ist für sie gleichbedeutend mit Geschichten zu schreiben, die sie eben nicht betreffen. Ich habe unter diesen Kindern beispielsweise auch zwei noch sehr junge Brüder aus Syrien, der ältere hat den jüngeren auf der Flucht vor dem Ertrinken gerettet, der jüngere der beiden wäre beinahe auf einen Panzer zugerannt und wollte ihm sein selbst-erfundenes ein Panzer-Lied vorsingen. Langsam beginnen die nun, das Schreiben, Erzählen usw. auch als eine Möglichkeit des produktiven Ausdrucks für sich selbst zu entdecken, und eine für mich sehr häufige Erfahrung wiederholt sich: sobald dieser Zusammenhang von Kindern erkannt wurde, fangen sie früher oder später von sich aus an produktiv zu werden und sind oft kaum mehr aufzuhalten. Ab dem Zeitpunkt brauchts kaum mehr externe Motivation, die beißen sich durch die schwierigsten Probleme durch wenn sie es für notwendig halten. Aber zu dieser ersten elementaren produktiven Erfahrung, zu der muss man ihnen manchmal eben verhelfen.

      Ein Bunterrichter