Leitfaden zum Umgang mit behinderten und chronisch kranken Schülern

  • Hallo ihr Lieben,
    ich habe mal im Rahmen eines Uniseminars ein Handout zum Thema "Umgang mit behinderten und chronisch kranken Schülern" gemacht, das auf meinen eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit als blinde und chronisch kranke Schülerin basiert (habe Rheuma und grünen Star).


    An meiner Uni wird es fleißig weitergegeben. Ist jetzt natürlich nicht didaktisch fundiert, aber vielleicht für den einen oder anderen ganz hilfreich.

  • Die Vorstellung zur Prüfungsgestaltung ist meiner Erfahrung nach utopisch. Wenn ich einen Schüler immer in meiner Freistunde statt in der normalen Stunde schreiben lassen, heißt das automatisch eine separate Klausur / Klassenarbeit für ihn zu erstellen. Es bedeutet auch, dass eine solche Freistunde vorhanden sein muss - und zwar nach deiner Darstellung auch noch so, dass der Schüler möglichst keinen anderen Unterricht versäumt. Und dass ich für die steigende Zahl von Schülern mit besonderen Bedürfnissen immer mehr Freistunden opfere, die ich dringend brauche, um bei voller Stelle zu kopieren, zu korrigieren, zu koordinieren oder einfach mal Luft zu holen. Oder um Vertretung zu machen, weil die Personaldecke arg dünn ist. Gehe ich von einem durchschnittlichen Gymnasialstundenplan mit 10 Fächern aus, dann schreibt der Schüler im Halbjahr über 20 Klassenarbeiten und Lernkontrollen! Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, bei Nachteilsausgleich in Form von "länger schreiben" in die großen Pause hineinzuschreiben - die anderen gehen zügig raus und die Gänge sind bei uns in den Pausen geräumt. Die Zahl der Schüler mit Nachteilsausgleich nimmt nach meinem Eindruck von Jahr zu Jahr zu. LRS, individuelle Beeinträchtigungen, Behinderungen ... Bei uns gibt es auch Schüler, die aufgrund ihres Sozialverhaltens nicht im Klassenverband schreiben können, da sie während Klassenarbeiten unkontrolliert brabbeln, plötzlich schreien, aggressiv werden. Die schreiben in der Regel separat unter Aufsicht. Je mehr Schüler das werden, um so schwieriger wird aber die Organisation. Bisher beaufsichtigt im Notfall unser Schulsozialarbeiter, aber der wird demnächst vom Schulträger wegrationalisiert.

  • Mein Handout richtet sich, wie gesagt, auch nach meinen persönlichen Erfahrungen aus der Schülersicht. Die Lehrersicht sieht natürlich (was auch verständlich ist) oft anders aus. Ich weiß aber aus meiner Erfahrung als hochgradig sehbehinderte Schülerin, dass es bei mir absolut nicht funktiioniert hat mit dem in die Pause reinschreiben. Es war dann immer laut und die Pause war auch nicht lang genug, sodass ich noch in den nächsten Unterricht im Klassenzimmer hätte reinschreiben müssen.


    Mit in einer Freistunde schreiben meinte ich auch nicht zwangsläufig, dass du den Schüler dabei die ganze Zeit abeaufsichtigen musst. Bei mir wurde dann z.B. ein freier Raum gesucht, in dem ich dann in Ruhe schreiben konnte. Korrekturarbeiten würden sich in der Zeit ja eigentlich auch anbieten, wenn man die nicht unbedingt zuhause machen will.


    Genrell bin ich der Meinung, dass das ganze Konzept der Inklusion eigentlich utopisch ist und für den Schüler meist eher (schulisch gesehen) Nachteile mit sich bringt und natürlich auch viel Arbeit für die Lehrer darstellt.


    Genrell wird über Inklusion meist nur aus der Lehrerperspektive gesprochen. Ich wollte hier auch mal die andere Seite mit einbringen, die ich als Schülerin selbst erfahren habe. Das sind ja auch keine zwingenden Punkte, dass man das so machen soll. Aber es sind durchaus Dinge, die man sich als betroffener Schüler wünschen würde. Und es ist sicherlich auch nicht möglich, alle diese Punkte zu beherzigen. Aber man kann sich ja hier und da etwas raussuchen, was vielleicht für einen selbst gut realisierbar scheint.


    Im Übrigen bin ich selbst eine absolute Inklusionsgegnerin (zumindest was die Schule angeht). In der Uni sieht das schon wieder ganz anders und viel einfacher aus.

  • Wir haben ein paar Schüler mit Förderschwerpunkt Sehen, die auch Zeitverlängerung als NTA haben. Das geht immer in die folgende Stunde hinein, aus folgender sehr einfacher Überlegung: In der Sekundarstufe I haben Schüler keine Freistunden, d.h. ohne Unterrichtsausfall müsste jede Klassenarbeit in der 6. Stunde geschrieben werden (und in der 7. dann mit NTA fertiggestellt werden), damit der entsprechende Schüler keinen Unterricht verpasst. Da steigen dir sehr schnell sämtliche Eltern aufs Dach (mal abgesehen von dem Wahnsinn bei den Kleinen nach der 4. Stunde irgendwas zu schreiben).


    Was man überlegen kann ist, ob der Schüler im Klassenverband anfängt zu schreiben und dann nach der Stunde wechselt (bei uns Aufsicht über Integrationshelfer oder Bereitschaftslehrkraft) oder die gesamte Zeit in einem gesonderten Raum schreibt. Der erste Fall ist inklusiver, der zweite Fall ist ruhiger...ansonsten aber ein sehr netter und kompakter Leitfaden.

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • @Fizzylzy: An meiner Schule gibt es einen Schüler, der blind ist und inklusiv beschult wird. Das klappt auch. Er war früher an der Blindenschule, zieht es aber vor, zuhause wohnen zu können und will lieber den inklusiven Weg gehen. Ich mag hier nicht mehr schreiben, da der Fall so speziell ist und man leicht herausfinden könnte, über wen ich schreibe. Falls es dich interessiert, wie das bei uns so klappt, gerne Kontakt über PN.

  • Inzwischen hat sich, denke ich, auch schon ein bisschen was in den Schulen getan. Ich hatte damals z.B. weder eine Unterstützung von Sonderpädagogen, noch eine Schulbegleitung. Klar muss man immer nach den Gegebenheiten gehen und es ist ja auch schließlich nicht jeder Schüler gleich.


    Bei mir war es damals auch so, dass ich z.B. innerhalb von 10 Jahren 33 Mal operiert wurde und immer einige Wochen dadurch ausgefallen bin. Deshalb war es mir besonders wichtig, nicht noch mehr Unterricht zu verpassen und wenn, dann welchen, in dem ich es mir leisten konnte.


    Sicherlich haben aber auch nicht alle blinden Schüler so viele Unterrichtsausfälle. Das kommt ja immer ganz auf die Erkrankung an, wenn überhaupt eine vorliegt.


    Aus diesem Grund meinte ich aber auch schon ganz zu Beginn, dass nicht jede Behinderung gleich ist. Jeder Blinde/Sehbehinderte "sieht" z.B. anders, hat andere körperliche Einschränkungen und Belastungsgrenzen und auch generell eine ganz andere Biographie, was auch die Krankengeschichte mit einbezieht.


    Wenn ich aber z.B. einen blinden Schüler habe, der ständig aus gesundheitlichen Gründen ausfällt und durch die Sehbehinderung z.B. erhebliche Probleme in den Fächern Mathe, Physik u.ä. hat, würde ich z.B. versuchen, den Schüler nicht unbedingt in eine dieser Stunden reinschreiben zu lassen, sondern vielleicht eher in Fächer, die dem Schüler ohnehin relativ gut liegen.


    Dass man von zuhause nicht weg möchte und stattdessen lieber inklusiv beschult werden möchte, kiann ich gut verstehen. Aus dem Grund bin ich auch erst mit 16 Jahren von zuhause weg und nach Marburg gegangen. Dort hat sich dann aber mein Notenschnitt erheblich verbesser (von 3 auf 1,5 in der 11. Klasse). MIr ist auch an der Regelschule einfach irgendwann der Spaß am Lernen vergangen, weil ich einfach total überfordert war. Nebenbei musste ich schließlich auch noch Punktschrift, Zehn-Finger-Schreiben, Mobilitätstraining etc. lernen. Dazu kamen die Hausaufgaben und ständige Kopfschmerzen.


    Solche Sachen waren dann auf der Blindenschule normales Programm und gehörten zum Unterricht mehr oder weniger dazu. Man hatte die passenden Materialien und HIlfsmittel und die Lehrkräfte war3en entsprechend geschult. Da hat das Lernen dann auch wieder Spaß gemacht.


    Im Endeffekt muss jeder für sich selbst entscheiden, was für einen das richtige ist. Abstriche muss man sicherlich immer auf beiden Seiten machen.


    Valerianus: Ich denke beides sind gute Methoden. Da würde ich dann glaube ich einfach danach gehen, worum es sich bei der Arbeit handelt. Wenn man jetzt z.B. einen langen Text lesen, strukturieren und auch intensiv durchdenken muss, würde ich z.B. letzteres bevorzugen. Bei Arbeiten, die nicht so tiefgreifendes Denken erfordern und man auch mal kurz unterbrechen kann, ist denke ich auch die erste Variante nicht schlecht. Kommt ja auch immer darauf an, worauf der Schüler mehr Wert legt -- auf die Konzentration und Ruhe oder auf die Klassengemeinschaft.

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