Erfahrungen mit SchulbegleiterInnen - Umfrage

  • Hallo liebes Kollegium,


    mein Name ist Philipp und ich arbeite als Therapeut für ein Autismuszentrum.


    Nun habe ich in meiner beruflichen Praxis schon etliche HPGs erlebt, viele I-Hilfen kennengelernt und mit geschätzt 200 LehrerInnen zusammengearbeitet.
    Was immer wieder Probleme bereitet: Inklusion...
    Das tragische an diesem theoretisch so tollem Begriff ist natürlich die Umsetzung. Ich habe dieses Forum nun durchstöbert und lese dort nicht wirklich etwas neues.
    Was ich als Therapeut am meisten bemängel, ist die Tatsache, dass die Leidtragenden am Ende des Tages IMMER meine Klienten sind. Neben dem Frust, der sich bei LerherInnen aufbaut und die maßlosen Zumutungen des jeweiligen Schulamtes (es lebe die ADD...), denke ich, dass Fachpersonal in Form von SchulbegleiterInnen, IntegrationshelferInnen, InklusionshelferInnen oder wie auch immer man es nennen mag, hier Aushilfe verschaffen könnte. Leider gibt es in den seltensten Fällen Fachpersonal, da Inklusion zum Wohle der öffentlichen Kassen natürlich nicht zu teuer werden darf...
    Was ich vorhabe ist folgendes: Ich würde gerne ein Seminar kreieren, welches diese Nicht-Fachkräfte grundsätzlich qualifizieren soll. Da I-Hilfe kein anerkannter Ausbildungsberuf ist und auch Träger, welche I-HelferInnen stellen, seltenst volle Kassen für Maßnahmen zur Weiterbildung haben, muss ein solches Seminar zeitlich sehr begrenzt und "günstig" sein. Demnach muss man den Inhalt auf das wesentliche reduzieren. Wesentlich ist die Zusammenarbeit mit Ihnen als LehrerInnen.
    Was mich nun interessiert, ist folgende Frage, welche ich in der Praxis zwar beantwortet bekomme, in einem solchen Forum aber wahrscheinlich aufgrund der Anonymität doch etwas offener ist:


    Was haben Sie als LehrerInnen für Erfahrungen mit SchulbegleiterInnen gemacht? Was wünschen Sie sich an Grundkenntnissen der I-Helfer? Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor? Was soll eine SchulbegleiterIn leisten? Wie gehen Sie mit Unsicherheiten der I-HelferInnen um?


    In der Summe würde ich Ihre Anmerkungen als Inspiration betrachten und versuchen, diese adäquat in eine Seminarplanung einfließen zu lassen. Grundsätzlich denke ich, dass qualifizierte I-HelferInnen auch Ihnen das Leben leichter machen können, weshalb ich auf einen sinnvollen Austausch hoffe.
    Ich freue mich auf Ihre Beiträge und bedanke mich für einen produktiven Austausch.

  • Meine Erfahrungen mit Schulbegleiterinnen sind sehr unterschiedlich. Da gibt es durchaus kompetente Menschen, aber es gibt auch welche, die die ganze Zeit am Handy spielen und sich in aller Lautstärke mit dem zu betreuenden Schüler auseinandersetzen. Da es sich um erwachsene Menschen, teilweise älter als man selber, handelt, hat man gewisse Hemmungen, diese zu maßregeln. Was ich persönlich als ungut empfinde: Die Besprechungszeiten, die man mit der Lernbegleitung nach dem Unterricht, bzw. bei Rundetischgesprächen hat, muss ich zusätzlich ohne Ermäßigungsstunden bzw. Bezahlung leisten. Bei den Lernbegleitern zählt dies als Arbeitszeit. Nach 6 Stunden Unterricht noch 60 oder 70 Minuten Besprechung ohne Ausgleich, mindestens einmal pro Woche, das nervt. Diese Besprechungen sind aber notwendig. Bei den Lernbegleitern, die gut vorbereitet werden und Teamsitzungen mit anderen Lernbegleitern haben, die Kinder mit den gleichen Problemen betreuen, ist die Zusammenarbeit gut. Was ich mir dennoch wünschen würde, ist, dass Schulbegleiter dem zu betreuenden Kind nicht so viel abnehmen, bzw. grundsätzlich bei Problemen alles entschuldigen und auf die "Behinderung" schieben. Alle anderen sind Schuld. Komischerweise kann man bei Abwesenheit der Lernbegleitung Dinge einfordern, die diese nicht für machbar hält. Oft ist das Gespräch schwierig, weil sich die Begleitung für kompetenter hält. Unsicherheiten bemerke ich weniger. Die fühlen sich ziemlich sicher und nehmen Kritik überhaupt nicht gerne an. Aber das sind jetzt meine persönlichen Erfahrungen.

    • Offizieller Beitrag

    1. Meine Erfahrungen mit Schulbegleiterinnen sind sehr unterschiedlich. Da gibt es durchaus kompetente Menschen, aber es gibt auch welche, die die ganze Zeit am Handy spielen und sich in aller Lautstärke mit dem zu betreuenden Schüler auseinandersetzen. Da es sich um erwachsene Menschen, teilweise älter als man selber, handelt, hat man gewisse Hemmungen, diese zu maßregeln.
    2. Was ich persönlich als ungut empfinde: Die Besprechungszeiten, die man mit der Lernbegleitung nach dem Unterricht, bzw. bei Rundetischgesprächen hat, muss ich zusätzlich ohne Ermäßigungsstunden bzw. Bezahlung leisten. Bei den Lernbegleitern zählt dies als Arbeitszeit. Nach 6 Stunden Unterricht noch 60 oder 70 Minuten Besprechung ohne Ausgleich, mindestens einmal pro Woche, das nervt. Diese Besprechungen sind aber notwendig.
    3. Was ich mir dennoch wünschen würde, ist, dass Schulbegleiter dem zu betreuenden Kind nicht so viel abnehmen, bzw. grundsätzlich bei Problemen alles entschuldigen und auf die "Behinderung" schieben. Alle anderen sind Schuld. Komischerweise kann man bei Abwesenheit der Lernbegleitung Dinge einfordern, die diese nicht für machbar hält.

    Ich habe mal etwas am Zitat herumeditiert.
    1. und 3.: Dem schließe ich mich an.
    2. Bei uns stehen keine Besprechungszeiten zur Verfügung. Mal abgesehen von meiner Zeit, gibt es dafür keine Stunden für die I-Begleiter, denn die Stunden sind bei uns gedeckelt. Wir haben 20 Stunden für die ganze Schule, das sind im Schnitt 15 Minuten pro Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dadurch bekommen das nur ausgewählte Schüler. Ich sehe die I-Helferin, die einen meiner Sch. in den Pausen begleiten soll, fast nie.


    Was ich mir noch wünsche:
    Ein gepflegtes Äußeres - es muss nicht "schick" sein. Zum Beispiel Jeans und Shirt ohne größere Löcher, die mehrmals monatlich die Waschmaschine von innen sehen; regelmäßige Haarwäsche; wenn möglich vollständige und geputzte Zähne.
    Ein nicht so häufiger Wechsel der Schulbegleiter: Derzeit wechseln die halbjährlich. Kaum haben sich alle aneinander gewöhnt, sind sie wieder weg und man fängt mit neuen von vorne an.
    Schön wäre, wenn die Schulbegleiter Grundwissen über die Störungsbilder und vor allem den Umgang damit, die die betreuten Kinder haben, mitbringen, z.B. bei Autisten oder Impulskontrollstörungen.
    Es wäre schön, wenn die Schulbegleiter die Empfehlungen und Wünsche der Lehrkräfte umsetzen. Wenn ich einem SB sage: "X. benötigt in der Pause Kontakt und Ansprache durch Sie. Bitte gehen Sie auf ihn zu. Lassen Sie uns das beim ersten Mal gemeinsam machen. Ab dem 2. Mal kennt X. Sie und Sie können alleine mit ihm sprechen.", dann meine ich das auch. Da nützt es dann wenig, wenn der SB am Schultor steht und in die Luft schaut. Kontakt und Ansprache gehen anders, z.B. mit dem Zugehen auf ein Kind, dem Verwenden der Stimme und Sprache und Augenkontakt. (Je nach Störungsbild, wie gesagt.)


    <Mod-Modus> Es kann sein, dass wir dich wegen nicht vorhandener Schreibberechtigung sperren müssen. Dann kannst du aber hier den Thread noch lesen.

  • Erstmal vielen Dank für die Beiträge! Da ich offenbar gegen Forenregeln verstoßen habe, welche mir nicht bewusst waren, entschuldige ich mich dafür und versuche, mich zukünftig daran zu halten. Sollte ich ggf. gesperrt werden, wäre das natürlich sehr Schade. Vielleicht erfülle ich ja dennoch gewisse Voraussetzungen, um in diesem Forum weiterhin teilnehmen zu dürfen (B.A. Pädagogik, Tätigkeit als Dozent bei einem freien Bildungsträger) :)


    Zu den bisherigen Beiträgen:
    zu 1.: Ein Punkt im Seminar wird definitiv das Verhalten im Unterricht sein. Da geht es dann eben auch um eine angemessene Kommunikation und - Eurer Inspiration sein Dank - die Vorbildfunktion in der Klassengemeinschaft. Es kann natürlich nicht sein, dass eine Schulbegleitung in einer "handyfreien" Zone etwas vorlebt, was die Gesellschaft speziell im oberen Bereich der Wirbelsäule so sehr prägt. Vielen Dank dafür, das wird ergänzt!
    zu 2.: Bezüglich der Besprechungszeiten halte ich es für überaus sinnvoll, seinen Alltag als Schulbegleitung zu dokumentieren. So wäre es den Lehrkräften möglich, einen Werdegang aus Sicht der I-HelferIn nachzuvollziehen. Ich denke, dass Transparenz eine ganz wichtige Rolle in der Zusammenarbeit spielt - diese ist seltenst in einem Maße vorhanden, welches konstruktives interdisziplinäres Arbeiten fördert. Auch hier vielen Dank für die Anregung!
    zu 3.: Die "Abnahme" an Aufgaben hängt ganz von Art und Ausprägung der Beeinträchtigung ab. Hier wird es erfahrungsgemäß immer Konflikte geben (Leistungsorientierung vs. Inklusion). Hier kann ich Ihnen als Lehrkraft nur den Rat geben, unangenehme Fragen zu stellen. Warum wurde in einer gewissen Situation interveniert? Was ist das Ziel der I-Kraft? Ist es pädagogisch zu rechtfertigen oder erleichtert es der I-Kraft einfach nur die Arbeit? Die Hilfestellungen sollten im Nachteilsausgleich möglichst präzise formuliert werden, um Konflikte zu vermeiden. Lassen Sie sich ruhig erklären, warum Hilfestellung geleistet wurde! Gibt es unzulängliche Antworten darauf, äußern Sie Ihren Unmut. Ergänzend die Frage aus eigener Erfahrung: Haben Sie einen Nachteilsausgleich formuliert? Es gibt (leider) immer wieder Fälle, bei denen kein Nachteilsausgleich vorhanden ist. Dieser ist ungemein wichtig, weil er eben nicht nur die Kinder sondern auch Sie als Lehrkraft entlastet - es herrscht Transparenz, das Konfliktpotenzial wird gemindert.


    Bzgl. der Äußerlichkeiten einer I-Kraft liegt es in der Verantwortung des Trägers dafür Sorge zu tragen, dass eine Vorbildfunktion im Klassenverband bewusst wahrgenommen wird (Kleidung, Handy etc.). Hier müsste die Schulleitung den Träger ggf. darauf ansprechen, das Personal darauf hinzuweisen.


    Der stetige Wechsel hat mehrere Gründe. Einem (Selbstwert) möchte ich mit einem solchen Seminar entgegenwirken, da ständige Wechsel speziell für meine Klienten (Menschen mit Autismus) ein Grauen sind. Leider sind die Arbeitsbedingungen von I-HelferInnen ziemlich schlecht. Ferienzeiten bleiben häufig unbezahlt, Krankheit der Kinder ebenso. Kürzungen sind bei kleinsten Erfolgen an der Tagesordnung und insgesamt kann man nur sehr schlecht planen. Hier liegt die Verantwortung beim System selbst, wobei ich denke, dass die Problematik bekannt ist und mit etwas Glück eines Tages behoben wird.


    Grundwissen zu den Störbildern ist selten vorhanden und müsste in Form von Fortbildungen durch den Träger angeboten werden. Der Alltag besteht meist aus Google und Frust. Hier werde ich im Seminar versuchen, Anregungen zu geben und auch die Träger gezielt darauf hinweisen. Danke für diesen Punkt!


    Zur Umsetzung der Anweisungen von Ihnen als Lehrkraft ist das Problem aus meiner Sicht, dass es keine Klarheit in der Aufgabenverteilung gibt. Diese wird im Seminar klar aufgestellt. Außerdem müssen Sie sich vor Augen halten, dass die SchulbeleiterInnen oft keinerlei Erfahrung und Wissen mitbringen. Soll heißen: Sie müssten Anweisungen nicht nur formulieren, sondern begründen, erläutern und ggf. vorleben. Ich denke, ich werde den Punkt des Umgangs mit LehrerInnen dahingehend ausbauen und die TeilnehermInnen dahingehend wenigstens zu sensibilisieren, auch wenn diese oft älter sind, als die LehrerIn.


    Ganz herzlichen Dank für Ihre Beiträge, ich bin begeistert und freue mich auf mehr!

  • https://www.schleswig-holstein…_blob=publicationFile&v=2



    Das Land Schleswig Holstein bietet Zertifikatskurse für Schulbegleiter an (siehe oben). Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr gute Erfahrungen mit den Leuten gemacht, die alle übrigens diese Fortbildung besucht hatten und offensichtlich davon profitieren. Grundsätzlich ist es ja schwierig überhaupt zuverlässige und geeignete Mitarbeiter zu finden... leider.

    Sei immer du selbst! Außer, du kannst ein Einhorn sein - dann sei ein Einhorn! :verliebt:

  • Bei uns läuft das nur suboptimal.
    Ausgebildetes Personal empfindet es als Hohn, für diese Entlohnung und unter diesen Bedingungen (Befristung zum Schuljahresende, also Sommer arbeitslos, wenn Kind fehlt entweder zu einem anderen Kind oder kein Geld), sind auch nicht direkt angestellt, sondern über Träger kommen sie an die Schule.
    Also sind es vorwiegend Studenten, die auf einen Studienplatz oder was besseres warten, Nichtausgebildete aller colour, die es machen müssen (?) oder Rentnerinnen. Hatte ich alles in den letzten drei Jahren an meinem Downkind dran.


    Es wäre also erstmsl wesentlich, daraus einen attraktiven Job zu machen, so dass ihn Leute lernen und machen wollen. Es ist eben kein "das kann jeder", nee im Gegenteil. Ich empfinde ihn tatsächlich als Herausforderung, die Schulbegleitung eines behinderten Kindes zu sein. So vieles muss beachtet werden und gewusst werden.


    Wünsche sind bei mir die gleichen, die oben von Conni genannt wurden.

  • Vielen Dank nochmal für die Rückmeldungen!
    Ich sehe die Problematik ähnlich skeptisch - es ist kein attraktiver Job und die Rahmenbedingungen sind sehr bescheiden.
    Aber genau daran möchte ich ansetzten und hoffe, auch Ihnen als LehrerInnen damit letztendlich eine Hilfe zu sein.
    Schleswig-Holstein ist, was Inklusion angeht, sehr vorbildlich. Leider ziehen wenige Bundesländer hinterher...

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