Schwindende Lesekompetenz und Wohneigentum

  • Leichte Sprache ist die Zukunft. Du willst dich der Zukunft widersetzen. Das ist schlecht. Vertraue auf unsere Bundesregierung. Das ist gut.
    Gruß !

    Dazu hatten wir mal eine Fortbildung. Ich war kurz davor zu fragen, ob der Vortragende von einem Arzt behandelt werden möchte, der mittels leichter Sprache ausgebildet wurde...

  • Die Tabelle ist dann OK, wenn sie gleichzeitig mit Basis- und Orthographemwissen verknüpft wird. Schwierig wird es eher, wenn man den Schülern sowas wie "I wie Igel" beibringt und die Schüler den langen I-Laut dann immer mit "i" verschriftlichen, obwohl es in den meisten Fällen ein "ie" ist.

  • ZAP-Text über einen Imker...

    Der Imker ist ein Mensch. Der Mensch arbeitet mit Bienen. Bienen machen den Honig. Honig ist süß. Und schmeckt lecker. Viele Menschen essen morgens Honig. Der Imker ist ein wichtiger Beruf.


    Was gibt es mehr über den Imker zu sagen?


    Gruß !

  • Leichte Sprache ist die Zukunft. Du willst dich der Zukunft widersetzen. Das ist schlecht. Vertraue auf unsere Bundesregierung. Das ist gut.

    Es wird dich überraschen Mikael, aber der Sinn von leichter Sprache ist dann doch ein anderer.

  • Es wird dich überraschen, Flammkuchen, aber das hat überhaupt nichts mit meinem Beruf zu tun.
    Texte in leichter Sprache sind vor allem für Menschen gedacht, die Lesekompetenz überhaupt nicht aufbauen können. Ich sehe eher im privaten Umfeld, wie sinnvoll beispielsweise so eine Seite der Bundesregierung ist.


    Übrigens kein Grund, persönlich zu werden. Ich bin mit meinem Lebensweg schon ganz zufrieden so.

  • Toll, dass ihr euch da überwiegend einig seid! Das wünsche ich mir auch für meine Schule.
    Wie kam es dazu? Ist das bei Euch ein richtiges Thema, über das direkt gesprochen wurde, oder hat sich das einfach von selbst aus den Persönlichkeiten so ergeben?

    Es kam dazu, weil wir ein technisches Berufskolleg sind und man da manche Fehler eben nur einmal macht bevor man tot ist. Das selbstentdeckende Lernen funktioniert nicht. Die Gefahren für die Schüler wären viel zu hoch. So könnten sie sich beispielsweise in den Metallwerkstätten problemlos eine Hand an der Drehmaschine abreißen oder einen Stromschlag im Elektrolabor bekommen. Da muß man ganz klare Ansagen machen, wie der Laden zu laufen hat und dann klappt das auch.


    Ich war als junger Lehrer vom Seminar auch erst auf Handlungsorientierung getrimmt und darauf, daß die Schüler alles selber entdecken können. Das änderte sich schlagartig danach, weil die Schüler bei den engen Sicherheitsvorgaben den Frontalunterricht praktisch einforderten. Jedenfalls habe ich deren reihenweise Aufforderung: "Zeigen sie uns wie das geht!" so interpretiert. Seitdem läuft der Unterricht bei mir wesentlich besser. Man kann die Probleme aus der realen Welt einfach nicht soweit runterbrechen, daß die Schüler innerhalb weniger Minuten eine Lösung finden, für die Ingenieure mitunter ihr ganzes Leben eingesetzt haben.


    Außerdem haben wir einfach zieg Berufe, die keine Fehler verzeihen. Da hat sich bei uns ein gewisser Corpsgeist entwickelt: "Wir sind die letzte Barriere zwischen den Unzulänglichkeiten der allgemeinbildenden Schulen und dem Berufsleben. Wenn sie bei uns bestehen, auch wenn es nur mit Note 4 ist, dann dürfen sie! Dann sollten sie es aber auch können."


    Oder würdest Du in folgenden Feldern Handwerker akzeptieren, die ihre Arbeit nur zu 90% korrekt durchführen und nicht zu 99,9999999...%?

    • KFZ-Mechatroniker, die an der Bremse, der Lenkung und den Radbolzen deines PKWs Hand anlegen
    • Gas-/Wasser-Installateure, die in deinem Haus die Gasleitungen verlegen
    • Elektriker in deiner Wohnung (Gefahr von Stromschlag und/oder Feuer)
    • Stahlbauer, deren Hallendächer bei 5cm Schneelast einbrechen bzw. deren Brücken zusammenbrechen sobald man die Schalung entfernt
    • Bautischler, die den Dachstuhl deines Hauses auslegen und aufbauen, auf das er dir nicht auf den Kopf fällt

    Da ist unsere Meinung ganz klar: Wir müssen die Gesellschaft davor schützen, daß letztlich Gesellen in diesen Berufen tätig werden und damit eine Gefahr für die ganze Gesellschaft darstellen, die ihr Handwerk nicht beherrschen. Da gibt es keinen Platz für Mitleid und Nachgiebigkeit aufgrund schwieriger Kindheit, diverser Gebrechen usw. ... so hart das dann auch ist.

  • Ironiemodus: Ich finde explodierende Bücher jetzt auch echt richtig gefährlich. Deshalb lass ich meine Schüler nichts mehr lesen. Die Verantwortung ist mir zu groß

    Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

  • Der Imker ist ein Mensch. Der Mensch arbeitet mit Bienen. Bienen machen den Honig. Honig ist süß. Und schmeckt lecker. Viele Menschen essen morgens Honig. Der Imker ist ein wichtiger Beruf.
    Was gibt es mehr über den Imker zu sagen?


    Gruß !

    Sinngemäß war es das, was die Schüler aus dem Text entnehmen sollten, um dann bei den folgenden multiple-choice-Fragen das Kreuzchen an die richtige Stelle zu setzen. Was da aber so alles angekreuzt wurde... Und irgendwann bin ich da als fachfremder Lehrer, das Fach Deutsch und auch den Förderbedarf der Schüler betreffend, nur noch hilflos.

    Also ich respektiere die Arbeit von Sonderpädagogen. Ich könnte das definitiv nicht machen.


    Gruß !

    Was machst du, wenn die ersten Inklusionskinder auch an eurem Gymnasium Einzug halten?

  • Hand aufs Herz: wer hat mit 15 nicht nur die Lektürehilfe gelesen, sondern sich ernsthaft für Maria Stuart begeistert? Und wenn ich die Rechtschreib- und Grammatikfehler hier im Forum sehe :flieh:


    Ich kenne ganz famose, an vielem interessierte Jugendliche. Wenn sie keinen Imker kennen, dann mags halt einfach auch mal daran liegen, dass es kaum noch welche gibt. Geht mit ihnen Honig machen! Ach nee, das kann hier ja och bloß keiner.


    Vergleicht doch bitte mal eure Kindheit mit der eurer Eltern und Großeltern: ja, ganz ganz anders und wir leben (und lesen) trotzdem. Und jetzt bringen wir es anderen bei, muss das immer dramatisch sein?

  • Hand aufs Herz: wer hat mit 15 nicht nur die Lektürehilfe gelesen, sondern sich ernsthaft für Maria Stuart begeistert? Und wenn ich die Rechtschreib- und Grammatikfehler hier im Forum sehe :flieh:


    Ich kenne ganz famose, an vielem interessierte Jugendliche. Wenn sie keinen Imker kennen, dann mags halt einfach auch mal daran liegen, dass es kaum noch welche gibt. Geht mit ihnen Honig machen! Ach nee, das kann hier ja och bloß keiner.


    Vergleicht doch bitte mal eure Kindheit mit der eurer Eltern und Großeltern: ja, ganz ganz anders und wir leben (und lesen) trotzdem. Und jetzt bringen wir es anderen bei, muss das immer dramatisch sein?

    Es geht hier im thread ja um schwindende Lesekompetenz. Und der Imker-Text war nur ein Beispiel, um die schwindende Lesekompetenz zu verdeutlichen. Es war nicht schlimm, dass die Schüler nicht wussten was ein Imker ist. Überraschend war, dass sie es immer noch nicht wussten, nachdem sie den Text gelesen hatten.

  • @Krabappel Ich vergleiche tatsächlich ständig die Jungs mit mir selbst und komme in den allermeisten Fällen zum Schluss, dass ich eher "schlimmer" war (vor Allem wenn es um Verhalten oder Ähnliches geht).


    Was das Lesen angeht, sieht das etwas anders aus: Ich erlebe täglich, dass 16-25-jährige Muttersprachler einfachste Sätze nicht verstehen. Das gipfelte ganz aktuell darin, dass in der Gesellenprüfung mehrere Azubis nicht zum ersten Prüfungsteil erschienen, weil auf dem Blatt stand, dass sie Montag und Donnerstag kommen sollen. Offenbar hatten sie den Montag "überlesen" oder waren nicht fähig, ein "und" zu interpretieren. Und das bei der Einladung zur vermutlich wichtigsten Prüfung ihres Lebens.


    Ganz ehrlich: SOWAS ist "damals" in unserer Ausbildung nichtmal dem dauerbekifften und ansonsten völlig merkbefreiten Mitschüler passiert.


    Meine Arbeitsblätter schreibe ich inzwischen absichtlich in möglichst kurzen, knackigen Sätzen. Verstanden werden sie häufig trotzdem nicht. Ich rede in etwa vom Niveau "Trage die Messwerte in die Tabelle unten ein". Wenn ich nicht den Satz vorlese und am Projektor auf die Tabelle zeige, sind einige überfordert.


    Beim Schreiben sieht's kaum anders aus: In Klassenarbeiten verstehe ich zum Teil wirklich nicht mehr, was sie mir sagen wollen, obwohl mir meist schon ein paar "hingerotzte Brocken" reichen, wenn sie fachlich in Ordnung sind. Ich rede hier nicht von so Kleinigkeiten wie "Wiederstand <> Widerstand", sondern von Sätzen, die dermaßen falsch geschrieben und durcheinander gewürfelt sind, dass man nicht mehr erahnen kann, was gemeint ist.


    Auch das - so kann ich zumindest für mich und mein Umfeld "damals" sagen - ist heute deutlich heftiger als früher. In meiner Ausbildung war "Wiederstand" statt "Widerstand" noch Anlass für eine Standpauke des Ausbilders oder Lehrers, heutzutage liest man schon drüber Weg nach dem Motto "Es ist immerhin nur EIN Buchstabe falsch".


    Ich habe ehrlich sogar den Eindruck, das sei sogar schon in den wenigen Jahren, die ich nun auf der anderen Seite des Pults stehe, schlimmer geworden.


    Gruß,
    DpB


    PS:
    Nicht gerade der hilfreichste Tipp der Welt, aber unsere Sprachförderer sind sich einig, dass nur "üben, üben, üben" hilft. Insofern fänden zumindest die wohl das Vorgehen der oben erwähnten Referendarin mit ihrem "drastischen Training" ganz gut.


    (wie üblich) EDIT-PPS: Das alles betrifft übrigens nicht nur den sprachlichen Bereich, im Rechnen sieht es genau so aus. Auch dort habe ich mit Hilfe unter anderem dieses Forums schon einige möglichen Gründe herausgefunden (Stichwort "Zahlen einsetzen vor dem Umstellen von Formeln")
    Ich möchte aber nochmal ausdrücklich feststellen: Ich sehe die Schuld auf schulischer Seite nicht bei den LehrerInnen der Grund- und allgemeinbildenden Schulen, sondern bei denen, die diesen LehrerInnen in der Ausbildung erzählen, dass man unbedingt neue Fachmethodiken verwenden müsse, die jedem die Zehennägel hochrollen, der dann später darauf aufbauen muss. Und andere Faktoren (um wieder zum sprachlichen zurückzukommen: zu Hause wird weniger gelesen, vermutlich haben Elternhäuser mit zwei Berufstätigen auch deutlich weniger Zeit, mit den Kindern zu üben, als meine Eltern plus Oma damals) kommen natürlich auch noch dazu.

    5 Mal editiert, zuletzt von DePaelzerBu ()

  • Ich merke bei meinen größeren Grundschülern keinen Abfall in der Leseleistung im Lauf der Jahre, eher nach einer Talsohle von ein paar Jahren wieder eine Steigerung. Ebenso habe ich festgestellt, dass das Lesen in der letzten Jahren wieder viel mehr in den Focus (Lehrplan, Fortbildungen, Schulbücher) gerückt ist. Zuerst ging es mehr um das Verständnis, neuerdings auch wieder verstärkt um die Lesefertigkeit. Das dritte Standbein ist der Bezug zur altersgerechter Literatur.
    Gerade für den Grundschulbereich gibt es viele Projekte, die mit dem Lesen zu tun haben. Was ich in letzter Zeit allerdings fürs Lesen tue, hätte ich vor 15 Jahren nicht gemacht.

  • Ich kann jetzt nur für NRW sprechen und auch direkt vorweg: Ich halte das keinesfalls für die Schuld der Grundschullehrkräfte, sondern für die der bescheuerten Vorgaben aus dem Schulministerium in NRW.


    1.) Die Lesekompetenz am Gymnasium ist in Ordnung, wenn es um das rein mechanische Lesen geht, aber ich bin entsetzt, wenn ich Kinder mit uneingeschränkter Gymnasialempfehlung bekomme, die die Aufgabenstellungen im Mathebuch nicht verstehen (wenn ich selbst was schreibe, könnte es ja sein, dass ich das zu kompliziert formuliere und es nicht merke...ich empfinde die Anweisungen im Mathebuch schon als nicht kompliziert) und vor einer Aufgabe stehen und nicht anfangen können, weil sie nicht wissen was sie machen sollen oder nur den ersten Halbsatz der Aufgabenstellung lesen, anfangen und alles falsch machen, was man falsch machen kann. Reines Vorlesen klappt problemfrei, sinnentnehmendes Lesen ist eine Vollkatastrophe, wobei es häufig auch an fehlender Frustrationstoleranz oder Faulheit liegt: Meine erste Anforderung bei "Ich versteh das nicht" ist immer "Lies mir die Aufgabenstellung laut vor.", aber das hilft auch nur in der Hälfte der Fälle


    2.) Die Schreibkompetenz ist jenseits von Gut und Böse. Aber wenn man keine Diktate mehr schreibt, Rechtschreibtraining (aka echtes Training im Sinne von vielen, vielen Wiederholungen) als unwichtig ansieht und die Kreativität der Kinder lobt, dafür dass sie irgendeinen Murks geschrieben haben...


    3.) In Mathe fehlt mir auch ein wenig das Training. Zumindest das kleine 1+1 und 1x1 sollte man auswendig können, es spart so viel Zeit bei ungefähr allen schriftlichen Rechenarten...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

    • Offizieller Beitrag

    Die Kritik an der Jugend ist ja so alt wie die griechischen Philosophieschulen. Trotzdem hat sich die Menschheit weiterentwickelt.
    Dieses Prinzip aus der Geschichte beruhigt einerseits. Andererseits frage ich mich, was wohl die positiven Entwicklungen sein sollen, die die heutige Jugend rückblickend in 100 Jahren bewirkt haben wird.

  • @Krabappel Ich vergleiche tatsächlich ständig die Jungs mit mir selbst und komme in den allermeisten Fällen zum Schluss, dass ich eher "schlimmer" war (vor Allem wenn es um Verhalten oder Ähnliches geht)...

    Frag doch mal deine Lehrer, was sie damals über dich und deine Freunde gedacht haben, wenn ihr mit rotgeränderten Augen in der Bank hingt. „Oh, die Jugend von heute wird bestimmt Großartiges vollbringen?“


    Und @Aufgabenverständnis, auch das kann man üben. Z.B. nicht alles vorkauen, sondern „finds raus“. Oder: eine Zeit lang üben, nur Aufgabenstellungen zu verstehen, ohne Aufgabe rechnen zu lassen (seitenweise nur: „was muss man hier tun?“). Und wer die Aufgaben dauerhaft nicht versteht, erledigt das Problem selbst durch seine schlechten Noten.


    Wenn einer allerdings wirklich einen IHK-Abschluss bekommen sollte, obwohl er nicht weiß, was eine Tabelle ist... das kann ich mir aber kaum vorstellen.

  • 1. Frag doch mal deine Lehrer, was sie damals über dich und deine Freunde gedacht haben, wenn ihr mit rotgeränderten Augen in der Bank hingt. „Oh, die Jugend von heute wird bestimmt Großartiges vollbringen?“
    2. Und @Aufgabenverständnis, auch das kann man üben. Z.B. nicht alles vorkauen, sondern „finds raus“. Oder: eine Zeit lang üben, nur Aufgabenstellungen zu verstehen, ohne Aufgabe rechnen zu lassen (seitenweise nur: „was muss man hier tun?“). Und wer die Aufgaben dauerhaft nicht versteht, erledigt das Problem selbst durch seine schlechten Noten.


    3. Wenn einer allerdings wirklich einen IHK-Abschluss bekommen sollte, obwohl er nicht weiß, was eine Tabelle ist... das kann ich mir aber kaum vorstellen.


    Ich hab mal nummeriert, zum abschnittsweisen zitieren bin ich (wirklich) zu doof...


    Zu 1: Ein Teil meiner heutigen Kollegen waren meine Lehrer. Sie bestätigen so ziemlich alles, was ich sage. Glaubst Du mir vermutlich eh nicht, aber grad die Alten fangen oft an mit "Vor 10, 15 Jahren konnte man mit denen noch....". Und ja, das vor 10-15 Jahren waren wir.


    Zu 2: "Find's raus" führt zu völliger Resignation. Es ist nicht so, dass sie zwingend nicht wollen, sie KÖNNEN nicht. Und da ich schon in der sowieso viel zu knappen Zeit Matheversäumnisse soweit möglich ausbügeln muss, ist garantiert keine Zeit mehr, auch noch "seitenweise nur Aufgabenstellungen zu verstehen".


    Und nein, durch schlechte Noten erledigt sich da gar nichts. Im Gegensatz zu anderen Schulen hat die Berufsschule keine Möglichkeit, Schüler aufgrund von Noten zurückzustellen oder ähnliches. Wir können höchstens den Betrieben raten, das zu beantragen oder mit dem Azubi darüber zu reden, ob dieser Beruf wirklich das richtige ist. Die meisten werden allerdings durchgeschleppt, völlig chancenlos, aber Hauptsach, auf der Baustelle können sie ordentlich hinklotzen. Selbst bei denen, die zurückgestellt werden, fehlen dann weiterhin die Voraussetzungen, die sie eigentlich schon zu uns mitbringen sollten.


    Womit wir bei 3. wären: Es bekommen immer weniger den HWK-Abschluss (IHK wär Industrie, ich bin im Handwerk, das aber nur am Rande). Wir haben in der theoretischen Prüfung im ersten Anlauf Durchfallquoten zwischen 20 und 30%. In einzelnen Prüfungsteilen bis zu 60%. Mit dem Zweit- und Drittversuch klappt das dann bei den meisten doch "irgendwie", weil wir mit den Wiederholerklassen dan nur noch gezielte Prüfungsvorbereitung machen. Geschätzt dürften dann am Ende noch etwa 10% komplett durchfallen. Die haben dann insgesamt 4,5 Jahre - wenn sie was wiederholt haben, mehr - komplett in den Sand gesetzt.


    Wir haben uns allerdings auch schonmal ernsthaft überlegt, ob wir nicht mal Unterricht machen, wie er von oben gefordert ist (wir bereiten nämlich offiziell gar nicht gezielt auf die Prüfung vor) und damit zwei, drei Jahrgänge dann so richtig an die Wand fahren. Die Hoffnung ist, dass sich möglichst viele der mittelständischen Betriebe beschweren. Vielleicht merkt DANN endlich mal jemand "weiter oben", dass hier was schief läuft, und die BS würde mal ein bisschen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. Im Moment scheint sie nämlich aus jeglicher Schuldebatte ausgeklammert zu sein, wir kommen schlicht nicht vor.


    Für diese Strategie tun uns aber die Jungs zu leid.


    So, da es jetzt aber ehrlich gesagt doch ein bisschen arg offtopic wird (ja, von meiner Seite!), verabschiede ich mich aus diesem Thema. Ändern werden wir eh nichts. So lange in der "wissenschaftlichen" Didaktik gilt, dass man nur etwas wird, indem man ständig veröffentlicht, wird weiterhin ständig neue Methodik gepredigt werden, egal wie sinnlos sie sein mag.


    Ich klammere mich einfach mal an Caros Beitrag fest. Wenn eine Verbesserung festzustellen ist, sollte das bei uns ja dann auch in ein paar Jahren ankommen.


    Gruß,
    DpB

  • Naja, ich kann die Vergleiche nur zu Kindern von Freunden ziehen, da scheint mir alles normal zu sein. Meine Schüler sind kaum vergleichbar ;)


    Was ich mir für mich aber aus dem hier öfter auftauchenden Thema mitgenommen habe: ich kopiere weniger. Man kann Fragen auch wunderbar von der Tafel abschreiben, Sätze prima vom Buch ins Heft übertragen, statt nur Lückentexte auszufüllen... das entspannt die Schüler, trainiert Lesen/Abschreiben/Merken und sie sind sinnvoll beschäftigt...

  • Ich war als junger Lehrer vom Seminar auch erst auf Handlungsorientierung getrimmt und darauf, daß die Schüler alles selber entdecken können. Das änderte sich schlagartig danach, weil die Schüler bei den engen Sicherheitsvorgaben den Frontalunterricht praktisch einforderten

    Bisschen OT: Dafür würde ich Dir gerne noch 10 weitere likes geben. Boah, bin ich an der Berufsschule mal von einer Kunst-Kollegin angemacht worden, als ich ihr erklärt habe, meine Chemikanten sollen nicht selber denken, sondern nach Vorschrift arbeiten. Die DSM oder EMS oder keine Ahnung welcher Ausbildungsbetrieb würde sich wohl recht herzlich bedanken, käme da einer auf die Idee, die SOP infrage zu stellen. Die Kollegin hat an der Stelle übersehen, dass sie ausschliesslich Berufsmaturanden unterrichtet, die für die FH studierfähig gemacht werden sollen. Ja, da ist selber denken dann halt schon wieder schick.


    @Krabappel: Ich glaube, in diesem Thread bist Du jetzt ein bisschen diejenige, die als Blinde von Farben spricht. Bei Deiner Schülerklientel ist es wohl irgendwie der Normalzustand, dass lesetechnisch nicht wahnsinnig viel zu holen ist. In der Sek II fällt es dann doch irgendwann auf, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich kämpfe schon auch mit meinen Herrschaften gegen die Ein- und Zweisilbigkeit. Chemie ist ein sehr wortgewaltiges Fach. Vielen fällt es wirklich wahnsinning schwer, sich präzise auszudrücken und dann bleibt natürlich bei jeder Prüfung mindestens die Hälfte der Punkte liegen, weil einfach die Sprache schlecht ist. Ich bin aber noch zu wenig lange dabei, als dass ich da irgendeinen Trend beobachten könnte. Ich mag mich nur daran erinnern, dass ich auch an der Uni vor 10 Jahren oder so, schon viele Diplom- und Doktorarbeiten schlecht geschrieben fand.

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