Erzieher sollen so viel wie Grundschullehrer verdienen

  • Warum hört eigentlich das Interesse an nachgewiesenen Zusammenhängen immer plötzlich auf, sobald sie irgendwie mit Pädagogik zu tun haben? Finde es seltsam, dass wir in diesem Zusammenhang immer wieder bei "ich war doch selbst auf dieser und jener Schule" landen.

    Es bestreitet eigentlich keiner nachgewiesene Zusammenhänge. Das jeweilige Fazit ist nur ein anderes. Du sagst, das dreigliedrige Schulsystem ist für die Füchse, ich sage, es ist gut. Du siehst ein systemisches Problem, ich sehe ein Problem bei den Eltern. Ich nenne auch keine Einzelfälle sondern sage, ich unterrichte an zwei Schulstufen und sehe keine "falsch einsortierten" SuS (und wenn dann eher zu hoch, als zu tief im Niveau). Das Phänomen müsste bei uns ja noch viel ausgeprägter sein, da die Übertrittsquote ans Gymnasium so viel kleiner ist. Meinst Du denn alle SuS bekommen automatisch bessere Noten nur weil noch mehr ans Gymnasium gehen? Das Problem mangelnder häuslicher Unterstützung bleibt doch, egal an welcher Schulstufe.

  • ...Du siehst ein systemisches Problem, ich sehe ein Problem bei den Eltern. ..

    Noch mal: Ich sehe, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Kinder aus „problematischen Elternhäusern“ schlechtere Bildungschancen haben. Das bedeutet: Desinteressierte Eltern gibt’s überall, besonders große Nachteile hat man damit in Deutschland.


    Zu welchem Anteil das mit dem Sieben nach Klasse 4 zu tun hat weiß ich nicht.

  • Noch mal: Ich sehe, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Kinder aus „problematischen Elternhäusern“ schlechtere Bildungschancen haben.

    Im Vergleich zu welchen Ländern denn konkret? Im Gegensatz z.B. zu den angelsächsischen Länder bietet Deutschland ein hochleistungsfähiges öffentliches Schulsystem an (die deutschen Gymnasien stehen im weltweiten PISA-Vergleich in der absoluten Spitzengruppe!), das vollkommen kostenfrei ist (für ökonomisch Schwache gibt's Lernmittelzuschüsse)! Man ist nicht gezwungen auf eine Privatschule zu gehen, die teuer bezahlt werden muss, wie in GB, oder in einem Wohngebiet zu leben, wo die Immobilienpreise exorbitant teuer sind, wie in den USA, um auf eine Schule zu gehen, deren Abschluss wirklich etwas wert ist und nicht nur die Anwesenheit bescheinigt.


    Der einzige Nachteil am deutschen Schulsystem: Man muss sich anstrengen. Die einzige Zutrittsschwelle für das Gymnasium ist Leistung. Wer die nicht bringt (aus welchen Gründen auch immer), der ist einfach auf der falschen Schulform. Aber auch hier bietet das deutsche Schulsystem eine Lösung an, z.B. in Form der Gesamtschulen: Bessere Betreuung und kleinere Lerngruppen (da höhere Lehrerstundenzuweisung als bei den Gymnasien), in einigen Bundesländern mehr Zeit bis zum Abitur (13 statt 12 Jahre), Heterogenität (wer sie unbedingt haben will...) und Bevorzugung durch die Politik (jedenfalls solange Rot-grün in dem Bundesland an der Macht ist).


    Also: Was soll am deutschen Schulsystem schlecht sein? Kann doch jeder den Weg gehen, den er möchte.


    Wer natürlich Schule primär als soziale Spaßveranstaltung und "Leistung" als Wert der ewig Gestrigen ansieht, der muss das deutsche Schulsystem natürlich als "ungerecht" empfinden...


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

    4 Mal editiert, zuletzt von Mikael ()

  • Der Abschluss einer Erzieherin/eines Erziehers ist in Deutschland auf DQR 6 eingestuft. Das ist also das selbe Niveau wie ein Bachelor-Abschluss.


    https://www.kmk.org/fileadmin/…eherInnen-QualiProfil.pdf


    Ist denke ich vielen nicht bekannt, dass das Grundschullehramt damit keine höheren Anforderungen stellt, als die Ausbildung an einer Fachschule/Fachakademie für Sozialpädagogik.

    Aua! Das non sequitur tut aber weh...

  • Anders als in Bayern und Co: In NRW bekommen auch Realschullehrer A12. Das wird immer gern vergessen.


    Ein Lehrer mit der Amtsbezeichnung "Realschullehrer" bekommt in NRW tatsächlich A13, ich glaube aber nur gehobener Dienst. Die gibt es aber nicht mehr so so wirklich viele. Die haben aber, afaik, auch die Fakultas für die S2.


    Die Lehrer die inzwischen hauptsächlich an einer Realschule tätig sind, sind aber die Lehrer die im "Lehramt für die Haupt-, Real-, und die entsprechenden Jgst. der Gesamtschulen" ausgebildet sind, die haben A12, das ist richtig, die haben aber als Amtsbezeichnung auch den Lehrer und nicht den Realschullehrer.

  • Da hast du schon recht.
    Meine Aussage bezog sich darauf, dass es halt so rüber kommt, dass nur die Lehrer an Grund- und Hauptschulen A12 bekämen. Alle anderen A13. Ich selbst bin eine Lehrerin an einer Realschule ( wie du geschrieben hast) schon immer. A13 haben bei uns nur noch Kollegen der Altersklasse 60+ (mit Realschullehrerstudium ). So viel nur dazu wie meinen Betrag weiter oben gemeint habe.


    Edit: Meine Schwiegermutter hat ein Realschullehrerstudium gemacht und A13 bekommen. Sie hat aber keine Fakultas für S2.

    Freundlichkeit ist kostenlos, aber niemals umsonst.

  • Also ich bin auch Realschullehrer (Studium und Ref) hätte bei Einstellung vor 6 Jahren in NRW aber auch nur A12 erhalten. Da ich auch Angebote aus Hessen hatte, habe ich mich dann doch für die höhere Besoldungsgruppe entschieden.

  • Ansonsten bin ich ein aussgesprochener Fan des dreigliedrigen Schulsystems. Weder bei euch noch bei uns sind die Türen zur Uni mit einem Haupt- oder Realschulabschluss zugeschlagen. Zweiter Bildungsweg und so. Meine Chefin z. B. war selbst nie am Gymnasium

    Just for the record: ich zum Beispiel auch nicht. ;) Ich finde, das deutsche (und das schweizerische) Schulsystem hat auch für Spätzünder (oder im Zweifel für "ungerecht" Ein- oder Aussortierte) viele Möglichkeiten, das auch noch im Erwachsenenalter zu korrigieren. Ich z.B. gehörte auch zur Zielgruppe der Arbeiterkinder aus bildungsfernem Umfeld. Das Gymnasium war für mich "terra incognita", weder kannte ich Kinder, die auf's Gymnasium gingen, noch war in meiner Verwandtschaft jemand, der eines besucht hat. Bin aber weit davon entfernt, deswegen das Bildungssystem zu beschuldigen. Wie gesagt, eine "falsche" Einsortierung muss kein lebenslanges Schicksal sein.

  • Da frag ich mich, warum es die ganzen Schulleistungsstudien gibt, wenn die Ergebnisse keinen interessieren. Ach nee halt, wenn irgendjemand sagt, dass die Rechtschreibleistung in Bremen abgenommen hat, dann ist natürlich Polen offen bzw. Holland in Not, die Bayern sind zufrieden und irgendeinen Schuldigen finden wir schon.
    Ist doch irgendwie sinnlos, dass sich lauter Hochschulabsolventen auf die Schulter klopfen, aus welch tiefem Morast sie sich nach oben gezogen hätten, wenn doch nunmal festgestellt wurde, dass Deutschland in diesem Punkt ein Problem hat :S

  • Und was hätten wir, wenn wir kein dreigliedriges System mehr hätten? Gesamtschulen knapp über dem Niveau von Hauptschulen und weit entfernt von den jetzigen Realschulen und Gymnasien (PISA lässt grüßen)..?
    Mal im Ernst...nicht eine einzige Schulleistungsstudie gibt das dreigliedrige System als verantwortlich an, weil es einfach quasi keine Länder zum Vergleich gibt.


    Und nur nebenbei: Unsere duale Berufsausbildung + Techniker/Meister/etc. ist in etwa allem überlegen was in anderen Ländern Hochschulen verlässt...aber ja..."Studierendenquote" ist ja ein Mantra, weil ein Bachelorabsolvent besser ist als ein Handwerksmeister...not...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Und was hätten wir, wenn wir kein dreigliedriges System mehr hätten? Gesamtschulen knapp über dem Niveau von Hauptschulen und weit entfernt von den jetzigen Realschulen und Gymnasien (PISA lässt grüßen)..?

    Jaja. Natürlich. So wie überall auf der Welt, wo man nicht unser dreigliedriges Schulsystem hat.

  • Ach nee halt, wenn irgendjemand sagt, dass die Rechtschreibleistung in Bremen abgenommen hat, dann ist natürlich Polen offen bzw. Holland in Not, die Bayern sind zufrieden und irgendeinen Schuldigen finden wir schon.

    Das interessiert mich genauso wenig und ich hab auch hier im Forum noch von keinem Kollegen gelesen, der das mit dem dreigliedrigen Schulsystem in Verbindung bringt. Im Gegenteil ... die meisten Kollegen, die hier schreiben und an einer weiterführenden Schule unterrichten, sind sich einig, dass viel zu viele Kinder und Jugendliche am Gymnasium hocken, die da kognitiv völlig überfordert sind. Und zwar vollkommen unabhängig vom elterlichen Einkommen. Ich wiederhole es an der Stelle aber trotzdem gerne noch mal, dass halbwegs intelligente Leute in der Regel eben tatsächlich mehr aus ihrem Leben machen und es daher nicht allzu verwunderlich ist, wenn Bildung und Einkommen positiv korrelieren. "Korrelation" bedeutet mal ganz nebenbei bemerkt nicht "Kausalität".


    Aber jetzt doch mal Butter bei die Fische: Wie viele von Deinen Förderschülern müssten denn Deiner Meinung nach eigentlich an einer höheren Schulform sein? Wie hoch ist eure Durchlässigkeitsquote nach oben und was macht ihr konkret und aktiv dafür, dass sie grösser wird? Achtung: *Ihr* als Lehrer seid natürlich Teil des Systems, das Du hier an den Pranger stellst! Ich frage Dich explizit nicht danach, wie häufig die Eltern auf der Bremse stehen oder sich einen Dreck um ihre Kinder scheren!


    Mikael fragt Dich, im Vergleich zu welchen Ländern Deutschland denn eigentlich ein Problem mit der Durchlässigkeit hat. Valerianus fragt Dich nach einer Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem, die weniger "Bildungsverlierer" hervorbringt. Beantworte doch einfach mal diese Fragen, dann wüsste man mal, worüber wir überhaupt diskutieren. Ich werfe schon mal ganz vorsichtig ein, dass Finnland und Deutschland an der Stelle echt schlecht zu vergleichen sind weil unter anderem die demographische Entwicklung eine völlig andere ist. Ein alternatives System müsste also schon wirklich zu den Gegebenheiten in Deutschland passen, fremde und vermeintliche "Erfolgsrezepte" überstülpen scheint mir da keine sonderlich gute Idee zu sein.

  • Jaja. Natürlich. So wie überall auf der Welt, wo man nicht unser dreigliedriges Schulsystem hat.

    Das sind die Ergebnisse aus PISA. Unsere Gesamtschulen sind natürlich noch über dem Niveau von Mexiko, aber wenn das das Ziel ist, dann gute Nacht. Natürlich würde sich das Niveau heben, wenn da auch Gymnasialschüler hinkämen, aber seien wir mal ehrlich wenn wir uns unsere Schulpolitik der letzten Jahrzehnte anschauen: In welche Richtung wird sich das Niveau wohl verschieben, wenn die wirklich grottenschlechten Gesamtschüler mit den gleich schlechten Hauptschülern und den massiv besseren Realschülern und Gymnasiasten zusammenkommen? Wohl kaum in Richtung Gymnasium...es darf ja niemand sitzenbleiben und so. ;)


    P.S.: @Wollsocken80: Finnland ist zwar gerne bemüht, aber ein denkbar schlechtes Beispiel, weil die ihre (in Deutschland hochgelobten) Reformen gerade weitestgehend zurückbauen, nachdem sie (dank PISA) gemerkt haben, dass sich da etwas in eine völlig falsche Richtung entwickelt hat.

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  • Wie sind wir jetzt eigentlich vom Thema "Erzieher sollen so viel wie Grundschullehrer verdienen" zu einer Diskussion über das Schulsystem gekommen?


    Ich schwenke mal zurück. Meiner Meinung nach verdienen Erzieher zu wenig. Gerade in Großstädten kann man als Erzieher kaum über die Runden kommen. Die Ausbildung ist lang und es ist ein verantwortungsvoller Job.


    Aber, und das meine ich sehr ernst: Wenn sie das gleiche Geld bekommen wollen wie Grundschullehrer, dass sollen sie bitte auch eine Art "Lehrplan" haben, den sie einhalten müssen. Ich würde mir Inhalte wie
    - einen Ausflug pro Quartal
    - wöchentliche Bastelaktionen, am Ende der Kindergartenzeit sollte jedes Kind schneiden und mit Wasserfarben malen können
    - Feinmotorik fördern, am Ende der Grundschulzeit sollte jedes Kind eine Jacke zuknöpfen und vielleicht sogar eine Schleife machen können
    - Umgang mit Besteck üben
    - wöchentliche Experimentierstunde
    wünschen.


    All das wären sehr sinnvolle Inhalte.
    Was ich bisher erlebt habe war quasi das Gegenteil. Erzieher sitzen auf der Bank in der Sonne und ratschen oder stricken, während die Kinder frei spielen. Drei Erzieher essen mit der Hälfte der Kinder zu Mittag, während der andere Teil der Kinder unbeaufsichtigt im Garten spielt. Ich wiederhole: unbeaufsichtigt!!
    Insgesamt scheint "freies Spiel" in den Kindergärten, die ich mit meinen Kindern erlebt habe (es waren drei) den ganzen Tag einzunehmen und die Erzieher waren halt irgendwie auch anwesend... Nichts gegen freies Spiel, aber gerade im Vorschuljahr sollte man doch auch (nicht nur, aber auch) irgendetwas vermitteln.


    Mag sein, dass ich nur die Negativbeispiele mitbekommen habe, das ist halt immer die Gefahr, dass die eigenen Erfahrungen dann den objektiven Blick fast unmöglich machen. Die Kindergärten bei uns, die leisten definitiv weniger als die Grundschule, und da wundert mich die Forderung nach gleicher Bezahlung dann doch etwas, zumal ja auch die Ausbildung kein Studium ist.


    Ich verstehe die Forderung nach mehr Geld. Ich verstehe nicht, wie man Erzieher mit Grundschullehrern quasi gleichsetzen kann.

    Einmal editiert, zuletzt von Kathie () aus folgendem Grund: Wort vergessen

  • @Kathie: Deine Ziele für den Kindergarten sind eine gute Idee, vor allem wenn sie auch auf diesem erzieherischen Level blieben (denn seien wir ehrlich: Die Sachen die du da stehen hast, sollte jedes Kind zuhause lernen und weil das nicht passiert wäre der Kindergarten dafür ein guter Ort). Was bitte nicht passieren darf ist, dass Kindergärten zu einer echten "Vorschule" werden. Die Kleinen müssen früh genug allen möglichen Quatsch lernen und es gibt schon genug wahnsinnige Eltern die ihr Kind in den bilingualen Kindergarten stecken, Gott weiß warum...

    If you look for the light, you can often find it.
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  • @Kathie: Deine Ziele für den Kindergarten sind eine gute Idee, vor allem wenn sie auch auf diesem erzieherischen Level blieben (denn seien wir ehrlich: Die Sachen die du da stehen hast, sollte jedes Kind zuhause lernen und weil das nicht passiert wäre der Kindergarten dafür ein guter Ort). Was bitte nicht passieren darf ist, dass Kindergärten zu einer echten "Vorschule" werden. Die Kleinen müssen früh genug allen möglichen Quatsch lernen und es gibt schon genug wahnsinnige Eltern die ihr Kind in den bilingualen Kindergarten stecken, Gott weiß warum...

    Du darfst bitte nicht vergessen, dass Erzieher nicht nur im "Vorschulbereich" angesiedelt sind, sondern mindestens noch bis Klasse 6, teilweise auch noch später eingesetzt werden. Und da darf man dann gerne auch so etwas erwarten ;)

  • @Valerianus
    Das Schlimme ist, dass heute gehäuft Kinder mit nicht einmal grundlegenden Fähigkeiten eingeschult werden, auf die man sich früher verlassen konnte. Daran müssen die Kindergärten vermehrt arbeiten.
    Im Spiel lernt man viel - doch müssen diese ebenso unter dem Aspekt des Trainierens irgendeiner grundlegenden Fähigkeit eingesetzt werden. Verpflichtende Bastelarbeiten und Bewegung (Sport) in meinen Augen da auch dazu.

  • @Valerianus
    Das Schlimme ist, dass heute gehäuft Kinder mit nicht einmal grundlegenden Fähigkeiten eingeschult werden, auf die man sich früher verlassen konnte. Daran müssen die Kindergärten vermehrt arbeiten.
    Im Spiel lernt man viel - doch müssen diese ebenso unter dem Aspekt des Trainierens irgendeiner grundlegenden Fähigkeit eingesetzt werden. Verpflichtende Bastelarbeiten und Bewegung (Sport) in meinen Augen da auch dazu.

    Aber was bringt dir das denn dann in der Schule? Du hast doch dann trotzdem noch die Kinder, die nie eine Kita besucht haben.

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