Unruhe im Unterricht. Was tun?

  • Hallo ihr Lieben,
    habe eine dritte Klasse übernommen, in der große Leistungsunterschiede herrschen. Daher habe ich mich in den meisten Fächern für offene Unterrichtsformen entschlossen (Stationenarbeit, Werkstattunterricht,...).
    Es kommt hinzu, dass es in dieser Klasse einige Schüler gibt, denen Sozialverhalten ein Fremdwort ist.
    Die Lautstärke im Unterricht ist somit unerträglich. Es wird sich lautstark unterhalten, Quatsch gemacht (z.B. das Arbeitsblatt des Nachbarn angemalt), herumgelaufen,...
    Ich mache die Kinder dann immer wieder darauf aufmerksam, dass es zu laut ist und nenne die Namen der ruhig arbeitenden Kinder. Zudem haben wir ein Zeichen, das für Ruhe sorgen soll, welches die meisten Kinder aber nicht beachten. Habe zum Ende der Stunde mit den Kindern über ihr Verhalten geredet, glaube aber, dass die Einsicht schnell schwindet.
    Was macht ihr in solchen Situationen, gerade in offenen Unterrichtsphasen?
    Würde mich sehr über Tipps freuen, denn so kann es nicht weitergehen.
    LG
    Cora

  • hi cora,
    nur ganz kurz und zwischen tür und angel...


    sind es denn viele, die den unterricht stören? oder immer die selben? lassen sich ansonsten ruhige kinder mitreissen?


    hast du es schon mal mit mitteilungen an die eltern oder nacharbeiten versucht?
    das habe ich einmal gemacht und danach waren die kinder super! die wollten testen, wie weit sie bei mir gehen konnten und als sie gesehen haben, dass irgendwann (möglichst schnell) eine konsequenz folgt, ist bei den kids der groschen gefallen...


    lg leila

  • Hallo leila,
    es sind meistens zwei Schüler, die die Unruhe in die Klasse bringen. Davon lassen sich auch meist zwei, drei weitere Schüler anstecken. Bei offenen Unterrichtsphasen herrscht jedoch ein allgemein zu hoher Geräuschpegel. Gerade bei Stationenarbeit an Gruppentischen lenken sich die Kinder gegenseitig ab, arbeiten nicht richtig, reden laut, usw.
    Hättest du einen Tipp, wie man dem entgegnen kann?
    LG
    Cora

  • Auch wenn ich jetzt antiquiert klinge, ich würde wenn ich eine Klasse neu übernehme würde ich immer erst mal lehrerzentrierten Frontalunterricht machen, der gut durchstrukturiert ist. Jedes Kind versucht in der ersten Zeit seine Grenzen auszutesten und es erfordert viel Geduld und Konsequenz, diese ihm aufzuzeigen und klar zu machen. Die freien Unterrichtsformen müssen in den meisten Fällen erst einmal eingeübt werden. Damit würde ich erst nach den Herbstferien anfangen. Bis dahin haben die Schüler dann die Chance die Tolereranzgrenze ihres Lehrers kennen zu lernen. Dann klappt es bestimmt.

    Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Cora,


    ich habe in meiner Flexklasse eine Wolke an die Tafel gezeichnet, direkt neben das Stillarbeitssymbol. Wenn ich einen Schüler drei Mal ermahnen musste leiser zu sein, kommt sein Name in die Wolke und er bekommt sofort eine Abschreibübung als zusätzliche Hausaufgabe. Sollte das nichts helfen, wäre der nächste Schritt, dass dieser Schüler eine besonders schöne Stunde (Sport, Kunst) bei der Schulleiterin im Büro oder in ihrer Klasse verbringen muss - natürlich mit einem Haufen Arbeit. Das geht auch schon mal als zusätzliche Stunde. Alle Maßnahmen habe ich am Elternabend besprochen und lasse mir im akuten Fall per Telefon oder Mitteilungsheft eine Bestätigung geben.
    Du musst hart und konsequent sein. Die Kinder fordern das meist selbst! Ich warte auch immer zu lange bis mir der Kragen platzt und spreche dann häufig auch noch mit ebenfalls hilflosen Eltern, die von mir althergebrachte Bestrafungsmethoden fordern. Wenn du eine nette Schulleitung hast, mach zusammen mit dem Schüler einen Gesprächstermin im Schulleiterzimmer. Das hat oft ziemlich respekteinflößende Wirkung.


    Talida

  • Hallo Talida,
    danke für deine Tipps. Gerade das mit der Wolke gefällt mir gut. Heute hat es schon ein bisschen besser geklappt, da ich den Kindern angedroht habe, dass es keine Freiarbeit, etc. mehr geben wird, wenn dabei keine Ruhe herrscht (leise etwas mit dem Partner bearbeiten ist ja in Ordnung).
    Statt Freiarbeit, Stationenarbeit, etc. würde es dann Buchunterricht geben und die Kinder, die sich an die Regeln halten, könnten sich dann bei den "Störern" bedanken.
    Das haben erst einmal alle verstanden.
    LG
    Cora

  • Also ich habe zwei "Kandidaten" bei mir in der Klasse, die permanent und auch extra den Unterricht stören und so ihre Arbeit nicht fertig bekommen. Beide mussten schon zweimal eine Stunde länger bleiben und nacharbeiten. Seitdem arbeiten sie auch zuverlässiger und ruhiger. Manchmal hilft glaube ich nur die Hammermethode...


    LG LEila

  • Hallo,


    das sehe ich völlig anders. Sehr vielen Kindern schadet diese Art von "Unterrichtsvollzug". Mein Kind wurde durch diese Sichtweise von Lehrern psychisch zu Grunde gerichtet.


    Schau doch noch einmal hier: http://f3.webmart.de/f.cfm?id=…=threadview&a=1&t=2593500


    Viele Grüße
    Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Zitat

    Sehr vielen Kindern schadet diese Art von "Unterrichtsvollzug". Mein Kind wurde durch diese Sichtweise von Lehrern psychisch zu Grunde gerichtet.


    Hallo Erika,
    grundsätzlich gehe ich auch vorsichtig mit diesem Thema um.
    Aber wenn ich zwei Kinder habe, die in der Lage sind volle Leistung zu bringen - ihrem Leistungsniveau entsprechend, und mir entgegen kommen und prahlend erzählen, dass sie es bei Frau x geschafft haben, sich die ganze Stunde der Arbeit entziehen zu können (ich habe mich bei Frau x erkundigt) dann finde ich, dass bei diesen Kindern Arbeitsverweigerung dahinter steckt. Und da finde ich es, in Absprache mit den Eltern, ok, wenn mal nachgearbeitet wird.


    So, jetzt aber ab in die Schule!
    Leila

    • Offizieller Beitrag

    Hallo,


    ist es nicht gerade kontraproduktiv, mit solchen Kindern keine Freiarbeit oder Stationenlernen zu machen? Gerade da können sie doch auch mal rumlaufen, abwechslungsreiche Dinge tun, unterschiedliche Lernkanäle nutzen, usw.


    Bei meinen Spezis habe ich damit jedenfalls gute Erfahrungen gemacht. Gerade die Kinder, die im gemeinsamen Unterricht oft stören, waren dann die, die nach kurzer Zeit sehr gut selbstständig arbeiten konnten.
    Man kann das sicher nicht verallgemeinern und der Anfang ist anstrengend, aber ich finde, es lohnt sich.


    Wenn ich an meinen Anfang in der damaligen Klasse 1 denke... :rolleyes: Aber jetzt sind die Freiarbeitsphasen eigentlich sehr angenehm für alle Beteiligten.


    LG,
    Melosine

    • Offizieller Beitrag

    Ich mache es bei meinen Fünfern so: Die Schüler sitzen an Gruppentischen und wenn ich absolute Ruhe einfordere, skizziere ich an der Tafel die Anordnung dieser Gruppentische (einfache Quadrate). Wenn an einem Tisch jemand spricht, dann bekommt diese Gruppe einen Strich. Die Kinder ermahnen sich immer gegenseitig an ihren Tischgruppen und ich lobe die Gruppen, die keinen Strich haben. Nach der Stillarbeitsphase wird die Skizze wieder weggewischt. Es gibt keinerlei Konsequenzen, aber die Kinder sind sehr stolz, wenn ihre Tischgruppe keine oder kaum Striche hat.


    Das geht bei uns ganz einfach - und unsere Klasse ist keinesfalls eine Klasse superruhiger Musterkinder - eher im Gegenteil. ;)


    Ach, wäre es schön, wenn sowas auch noch in der Mittelstufe klappen würde. ;)

  • Hallo,


    wann fängt Stören des Unterrichts eigentlich an?


    Mein Sohn (11J) ist seit 4-5 Wochen Schüler an einem Gymnasium, bisher ziemlich glücklich und unfrieden dort. Heute hatte er und einige andere Jungen (es sind ja meistens die Jungen) ihre ersten Strafarbeiten -gleich 2 an einem Tag - zu machen. Es fängt ja wirklich schon wieder gut an - wann ist das endlich vorbei?


    Einmal sind mein Sohn und 2 andere Jungs nach einem Rollenspiel, was offensichtlich viel Spaß gemacht hatte, anschließend gegenseitig zu ihren Tischen gegangen, um sich Autogramme zu geben. Strafe: eine halbe Seite darüber schreiben, wie man sich im Unterricht zu benehmen hat.


    Beim zweiten Mal saßen mein Sohn und andere noch nicht auf ihren Plätzen, als die Lehrerin zum Stundenanfang ihren Pult erreichte. Mein Sohn sagte mir, er hechtete zu seinem Platz, habe ihn aber nicht ganz rechtzeitig erreicht.
    Strafe: einen Absatz aus der Schulordnung abschreiben.


    Mein Sohn hat ziemlich über die blöden Lehrer gewettert. Mitschüler haben auch keinen Straftatbestand erkennen können, sondern nur Pingeligkeit und Humorlosigkeit der Lehrer.


    Ich habe meinem Sohn zunächst natürlich gesagt, dass ihm wohl nichts anderes übrig bleibe, als sich den Wünschen der Lehrer anzupassen.


    Denken musste ich allerdings an "Unterrichtsvollzugsanstalt".
    Bei Stundenbeginn müssen die Kinder übrigens aufstehen zur Begrüßung. Ist das alles noch normal? Werden nur funktionierende unauffällige Maschinen mit leisen Motoren erwartet bzw. gut denkende Köpfe ohne Kinderkörper, die sich auch bewegen und ohne Kinderseelen, die auch Spaß haben wollen?


    Ich glaube nicht, dass solche Strafmaßnahmen, solches Disziplinieren (oh, wie ich das Wort schon hasse) zu einem positivem Schulklima beitragen können.


    Viele Grüße
    Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

    Einmal editiert, zuletzt von Erika ()

  • Hallo Erika,


    nur 2 Dinge:


    1.
    Wenn ich mir meine Berufsfachschüler (1. Lehrjahr) so anschaue, bin ich mir sicher, dass keiner von ihnen eine Unterrichtsvollzugsanstalt besucht hat. Sonst wäre die Disziplin nämlich von Haus aus besser. Dies ist nicht nur in der Schule zu beobachten sondern auch im Kino, in der S-Bahn, beim Sport,...


    2.
    Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Wenn ich eine Strafarbeit, zum Beispiel für's Schwätzen mit dem Nebensitzer, aufgebrummt bekommen habe, was meinst Du denn, was ich da zuhause erzählt habe? Der Lehrer hatte natürlich Recht, ich habe die ganze Zeit gequatscht und er hat mich auch mehrmals ermahnt?
    Natürlich nicht.
    Selbstverständlich habe ich mich ins beste Licht gerückt.
    Kann sein, dass ich mich täusche, aber ich glaube, das macht fast jedes Kind. Ansonsten würde ich mir da meine Gedanken machen....


    So schlimm geht's den Kindern heute wirklich nicht. Das Problem ist nur, dass in der Schule oftmals noch Werte zählen, die in der Klein-/Restfamilie leider meist schon in Vergessenheit geraten sind.


    Bitte nur als meine Meinung, meine Beobachtung betrachten. Ist nicht als Angriff oder Aufruf zum Beitragsduell zu verstehen.


    Viele Grüße
    Super-Lion

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Erika,


    ich kann die Lehrer deines Kindes teilweise verstehen. Es ist nämlich tatsächlich in der Schule immer eine Gradwanderung zwischen sanktionieren und nicht-sanktionieren.


    Wenn ich nachmittags im Förderunterricht 8, 10 oder meinetwegen auch 15 Kinder habe und es etwas chaotischer zugeht (also Schüler rennen trotz anderer Anweisungen durch die Klasse und geben sich "Autogramme") dann kann ich da locker drüber hinwegsehen, vielleicht darüber lachen oder sie einfach deutlich ermahnen sich hinzusetzen.


    Wenn ich aber 30 oder mehr Kinder habe, womöglich noch in einem kleinen Klassenraum (wie bei uns) und im 45-Minuten-Takt andere Lehrer, dann MUSS ich möglichst viele Strukturen reinbringen, sonst wird es zum Chaos.


    Bei uns gibt es auch die Regel, dass die Kinder zu Beginn des Unterrichts auf ihren Plätzen sitzen, woran sich natürlich bisher noch nicht alle daran gehalten haben. Also bekamen wir Beschwerden von den Fachlehrern und auch von den Mitschülern darüber, dass es Rangeleien etc. im Klassenraum gab und die Kinder nicht pünktlich auf den Plätzen sitzen.


    Wenn ich den Raum betrete und es immer noch 5 Minuten dauert bis alle auf den Plätzen sind, dann gehen diese 5 Minuten jede Stunde im Unterricht verloren, ich kann mich nicht mit den Kindern verständigen, die zu Beginn der Stunde Fragen haben, die den Unterricht oder einfach das soziale Leben betreffen etc.


    Ich denke, es muss an einer weiterführenden Schule mit all ihren Strukturen (Fachunterricht in verschiedenen Räumen bei ständig wechselnden Lehrern im 45-Minuten-Takt) sehr viel mehr Regeln
    und auch andere als an der Grundschule geben.


    Wie gesagt, wenn ich nachmittags Förderunterricht gebe, kann ich sehr viel lockerer sein und auch mal mit den Schülern rausgehen und auf dem Schulhof rumtoben, selbst wenn ich wie jetzt zum Schuljahresbeginn 30 Schüler im Förderunterricht habe.
    Aber es sind dann vielleicht nur 200 und nicht 500, 600 oder 700 Schüler insgesamt im Schulgebäude und wir müssen nicht so viel Rücksicht nehmen.


    Als ich frisch aus dem Studium kam, schienen mir viele Regeln in der Schule (aufstehen zu Stundenbeginn, Kaugummiverbot etc.) als sehr antiquiert. Inzwischen habe ich zu vielen Regeln eine andere Meinung und sehe die Notwendigkeit.


    Ob man eine Strafarbeit verteilt oder wie man mit "Regelverstößen" umgeht ist natürlich eine andere Sache, aber auch das ist für mich immer eine Gratwanderung. Wenn man möchte, dass Sachen, die einem wichtig sind (meinetwegen auch, dass die Schüler sich nach einem Rollenspiel wirklich DIREKT setzen und nicht noch minutenlang "rumalbern") dann muss man sehr spontan entscheiden, wie man reagiert. Und ich finde Sanktionen sind in dem Moment nur eine der Möglichkeiten, aber durchaus eine legitime Möglichkeit.


    Solange dein Sohn wegen einer Kleinigkeit nicht die ganze Schulordnung abschreiben muss, finde ich das Ganze nicht verwerflich. Hättest du innerhalb von Sekunden eine bessere Lösung (aber wohlgemerkt im Schulalltag, in dem du von einer Klasse in die nächste hetzt, zwischendurch von Lehrern angesprochen wirst, sich andere Schüler beschweren, dass die anderen sie dadurch stören, dass sie in der Pause durch die Klasse toben, es mal wieder Streit gab und du all das an einem Schulvormittag für bis zu 180 Schüler klären musst, die du alleine an diesem Vormittag unterrichtest)?


    Bei uns mussten die Schüler sich auch an viele für sie sehr "harte" Sachen gewöhnen (Trinken und Toilettengänge außer bei hohen Temperaturen bzw. im Notfall) nur in der Pause... All diese Regeln haben meiner Meinung nach in den weiterführenden Regeln einen Sinn, dazu kann ich noch genaueres schreiben, wenn du möchtest.


    Grüße,
    Ex-Referendarin



    Zitat

    wann fängt Stören des Unterrichts eigentlich an?


    Ich habe gerade noch mal deine Ausgangsfrage gesehen, die ich sehr wesentlich finde. Das Problem ist, dass viele Dinge, die eigentlich einzeln den Unterricht nicht unsagbar stören, aber in Kombination jeglichen Unterricht unmöglich machen. Eine Theorie in der Literatur über Unterrichtsstörungen ist die, dass man schon bei kleinsten Störungen SOFORT reagieren muss - wie auch immer man das tut.
    Und es stimmt wirklich, da man ja in einem Klassenraum 30 Individuen sitzen, die alle aufeinander reagieren.
    Sprich: Kind A spricht leise, daraufhin unterhalten sich B und C etwas lauter, da der Lehrer nicht eingreift, unterhalten sich vier weitere Schüler auch und dies sogar noch lauter. Innerhalb kürzester Zeit wird die ganze Klasse reden - und nicht nur reden und alle werden bei Ermahung sagen: "Die anderen haben ja auch..." Und damit haben sie nicht Unrecht. Deshalb muss man eben DIREKT reagieren und schon bei kleineren Unterrichtsstörungen, die für sich genommen, nicht so schlimm wären, eben direkt irgendwie reagieren.

  • Hallo Super-Lion,


    Zitat

    Wenn ich mir meine Berufsfachschüler (1. Lehrjahr) so anschaue, bin ich mir sicher, dass keiner von ihnen eine Unterrichtsvollzugsanstalt besucht hat. Sonst wäre die Disziplin nämlich von Haus aus besser. Dies ist nicht nur in der Schule zu beobachten sondern auch im Kino, in der S-Bahn, beim Sport,...


    Auch wenn du kein Beitragsduell wünschst, darf ich sicher noch einmal meine Meinung sagen.


    Eine "Unterrichtsvollzugsanstalt" verhilft eben nicht zu mehr Disziplin, eher das Gegenteil kommt dabei heraus, dann auch im Kino, S-Bahn, beim Sport ... Das habe ich life bei meinem Sohn erlebt und kenne unzählige Kinder, bei denen es ähnlich gelaufen ist.


    Damit will ich jetzt nicht sagen, dass Lehrer die Ursache für schlechtes Verhalten von Schülern sind, ebenso wenig sind es aber die Eltern. Beide Seiten können aber nicht normgerechtes Verhalten ganz enorm verstärken.


    Wir sind keine "Restfamilie" und haben immerhin 2 Kinder. Außerdem zählen für uns Eltern schon noch die guten alten Werte, die du meinst. Jahrelang haben wir versucht, unseren Kindern diese auch zu vermitteln, sie weder überbehütet, noch vernachlässigt. Trotzdem gab es arge Probleme mit unserem Großen, weil eben lange nicht so viel an Erziehung liegt, wie allgemein angenommen wird. Ich habe Jahre gebraucht, dieses zu erkennen. Heute noch habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich an meine jahrelangen Versuche denke, meinem Sohn ganz normale Dinge wie morgens anziehen, zuhören, Anweisungen sofort befolgen usw. denke, meine hilflosen Versuche, meinen Sohn durch konsequentes Erziehen, aus Hilflosigkeit dann durch Disziplinieren, Sanktionieren in eine Norm zu pressen.


    Es gibt soooooooooo viele Kinder und immer mehr, die sich entwicklungsbedingt nicht normgerecht verhalten und lernen können. Erziehungsprobleme kommen dann zwangsläufig dazu, sind aber sehr oft nicht die eigentliche Ursache. Es gibt allerdings mittlerweile auch schon Eltern mit früheren Entwicklungsstörungen und entsprechendem Werdegang, die nicht in der Lage sind, Kinder angemessen zu erziehen. Andere altbekannte Ursachen will ich damit nicht ausschließen, jedoch werden diese zu hoch gespielt.


    Hallo Referendarin,


    heute haben die "bestraften" Kinder der Lehrerin nochmals gesagt, dass sie doch nur Autogramme geben wollten. Die Lehrerin hatte dieses Vorhaben wohl gar nicht mitbekommen.


    Ich finde es wirklich erschreckend, dass einige Lehrer heutzutage inzwischen scheinbar völlig in Panik sind und bereits Strafen verhängen, disziplinieren, sanktionieren, bevor sie überhaupt wissen, warum ein Schüler etwas macht oder auch nicht macht. Ehrlich gesagt, ich kann sehr gut verstehen, dass Lehrersein heutzutage kein Zuckerschlecken mehr ist. Ich möchte nicht tauschen. In diesen Sanktionierungs-/Disziplinierungsversuchen sehe ich totale Hilflosigkeit, und das schadet den Kindern bzw. kann ihnen das ganze Leben versauen. Eltern geht es teilweise ähnlich. Eltern haben aber in der Regel immer noch ein Gefühl der Liebe zu ihren Kindern.


    Oft fangen die richtig ernsthaften Verhaltensstörungen in der Schule erst an. Dort wird eben die Norm erwartet, wer dieser nicht entspricht, hat sehr schlechte Karten. Sehr vielen Kindern wird unterstellt, sie würden sich keine Mühe geben, sich absichtlich schlecht verhalten, absichtlich gegen Regeln verstoßen bzw. diese regeln nie im Elternhaus gelernt haben. Ein Riesenteufelskreis dreht sich rasant schnell.


    Ich kann bei der Arbeit Wasser trinken, wann ich will, auf die Toilette gehen, wenn ich muss, auch mal eine Minute zu spät zu einem Termin erscheinen und auch während Besprechnungen/Sitzungen ein Wörtchen mit dem Nachbarn reden, ohne dass ich diszipliniert und bestraft werde.


    Darf man wirklich von Kindern mehr Diszilin erwarten als von Erwachsenen?


    Wasser trinken, auch im Unterricht, ist übrigens enorm wichtig für vernünftige Hirnfunktionen und wird von Fachleuten empfohlen. Erst vor einigen Tagen habe ich es erst wieder in einem Vortrag über hirngerechtes Lernen gehört. Es gibt auch Kinder, deren Blutzuckerwerte schneller sinken als bei anderen Kindern, denen sollte es erlaubt sein, sogar zwischendurch zu essen, damit sie sich besser konzentrieren können.


    Von einer Sekunde auf die andere lässt sich in den Schulen nichts ändern. Ich kann wirklich die vielen hilflosen überforderten Lehrer verstehen, trotzdem aber nicht akzeptieren, dass Kinder darunter leiden müssen. Da hilft nur Fortbildung der Lehrer, Reformierung des Unterrichts, Bereitstellung von wirklich effektiven Fördermaßnahmen für die Kinder, und die bereits von Geburt an.


    Wenn nicht endlich etwas passiert, werden wir bald nur noch Psychopathen produzieren.

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • so, im Rahmen meiner Kolloquiumsvorbereitung zum Thema Unterrichtsstörungen gebe ich auch noch meinen Senf ab.


    Erstmal... bei uns dürfen die Kinder im Unterricht trinken, wann immer sie das wollen. Wir haben sogar ne Kanne Tee in der Klasse stehen. warum auch nicht? Ich finde das enorm wichtig, zumal unsere Schüler das von zuhasue aus oft nicht kennen.


    Und nun zum Unterricht - ich bin da auch oft hin- und hergerissen. Zum einen muss ich klare Grenzen setzen und Strukturen bieten (denn diese bieten auch Sicherheit und Orientierung), zum anderen macht für mich störendes Verhalten für die Kinder in der Regel einen Sinn. Wenn Schülerin XY z.B. immer wieder aus der Klasse läuft, kann ich das natürlich so nicht hinnehmen und muss ihr das auch deutlich machen, zum anderen muss ich als (Sonder)Pädagogin aber auch nachdenken, was ich an meinem Unterricht verändern muss, damit dieses Kind es schafft, sich auf Unterricht einzulassen, in der Klasse zu bleiben.
    Möglichkeiten sind - ihr erinnert euch, Kolloquiumsvorbereitung :D also verzeiht mir bitte die unmotiviewrte Aufzählung - Anzeichen von Über- und Unterforderung früh erkennen und dann die Anforderung oder Aufgabenstellung modifizieren, Strukturen geben in Form von klaren Tagesabläufen, Ritualen, Phasenwechsel usw, Loben und Spiegeln des Verhaltens, Motivation durch Materialien... ich kann da nur Marita Bergsson empfehelen, ein sehr guter Ansatz schulischer Erziehungshilfe.


    LG

  • Hallo Erika,


    jetzt muss ich wirklich 'mal ganz blöd fragen, im Moment scheine ich nämlich auf dem Schlauch zu stehen.

    Zitat

    Es gibt soooooooooo viele Kinder und immer mehr, die sich entwicklungsbedingt nicht normgerecht verhalten und lernen können. Erziehungsprobleme kommen dann zwangsläufig dazu, sind aber sehr oft nicht die eigentliche Ursache. Es gibt allerdings mittlerweile auch schon Eltern mit früheren Entwicklungsstörungen und entsprechendem Werdegang, die nicht in der Lage sind, Kinder angemessen zu erziehen. Andere altbekannte Ursachen will ich damit nicht ausschließen, jedoch werden diese zu hoch gespielt.


    Woher kommen denn diese Entwicklungsstörungen?


    Interessiert mich wirklich.


    Gruß
    Super-Lion

    Lehrer klagen, ohne zu leiden. :D

    Einmal editiert, zuletzt von Super-Lion ()

  • Laienhaft und rudimentär einige Stichwörter:


    Zu wenig Anregung der Nahsinne im frühen Kindesalter (rumkrabbeln auf unterschiedlichsten Unterlagen, Dinge ertasten und über den Mund erfahren ...), zu wenig Gelegenheit zu gemeinsamen Spielen in der Natur im Grundschulalter, zur Förderung von Grob- und Feinmotorik, Gleichgewichtssinn, Schwerkraft usw.


    Bablin

    Wer hohe Türme bauen will,
    muss lange beim Fundament verweilen.
    Anton Bruckner

    Einmal editiert, zuletzt von Bablin ()

  • @ Erika


    Ich halte deine Meinung für deutlich übertrieben. Schule ist natürlich keine Disziplinierungsanstalt, in der es von Strafen nur so wimmelt. Es gibt für Lehrer im Prinzip nur die Möglichkeit Sonderaufgaben bei Regelverstößen zu verhängen. Nachsitzen macht in meinen Augen wenig Sinn, wenn man es erst 2 oder 3 Tage später durchführen kann, weil die Eltern informiert werden müssen. Ich glaube daher nicht, dass meine Schüler psychische Schäden davon tragen, weil sie mal etwas zusätzlich machen müssen. Diese Schäden haben sie bereits in den meisten Fällen vorher bekommen.


    Was die Toilettenfrage angeht: Ich schicke alle 45 Minuten meiner Schüler (29) auf die Toilette. Würde ich es in der Stunde zulassen (tue ich in begründeten Ausnahmen aber auch) sieht das folgendermaßen aus: 1. S. Ich muss auf die Toilette. 2-7 Schüler: Ich auch! Lasse ich sie dann gehen, passieren viele Dinge, die mit der Toilette nichts mehr gemein haben. Z.B. Toilettentüren zuhalten, solange ziehen, das die Toilette überläuft, an andere Klassenzimmer klopfen und wegrennen, mal kurz auf dem Schulhof gucken...usw. Abgesehen davon dass ich mich als Lehrer nicht teilen kann und somit meine Aufsichtspflicht mindestens in einem Fall verletze, ist es auch äußerst störend für den Unterrichtsverlauf. Viele Kinder müssen nämlich nur auf die Toilette, weil sie eine Auszeit nehmen wollen, dann mach ich doch lieber mal eine Bewegungs- oder Stilleübung mit der ganzen Klasse. Nach Aussage einer Mutter in meiner Klasse, die Ärztin ist, ist es durchaus ausreichend regelmäßige Toilettenpausen anzubieten.
    Nach deiner Meinung werde ich aber meine Schüler zu richtigen Psychopaten erziehen, weil auch Essen und Kaugummikauen in meinen Stunden nicht erlaubt ist. Freie Erziehung mag vielleicht die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen fördern, aber wohin uns das führt zeigen die Spätfolgen der antiauthoritären Erziehung. Ich lasse Kinder, die mit dem Stuhl schaukeln sogar mal 5 min an ihrem Platz stehen. Die Alternative dazu ist ein Loch im Kopf, weil sie in meiner engen Klasse beim Schaukeln mit dem Kopf gegen Tischkanten oder Heizungskörper knallen würden.
    Im Übrigen gibt es eine umfangreiche Literatur zum Thema: Kinder brauchen Grenzen. Und als Lehrer fühle ich mich einfach verpflichtet, ihnen diese in einem normalen Rahmen zu setzen.

    Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient.

    Einmal editiert, zuletzt von Titania ()

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