Müssen Schüler Noten nicht mehr akzeptieren? Veränderungen der Lehrerrolle

  • Ich beobachte das, seit ich selber zur Schule gehe - seit wann ist es "normal", dem Lehrer seine Beurteilungskompetenz abzusprechen und über seine Noten zu diskutieren, ja sogar rechtliche Schritte einzuleiten?
    Ich habe dieses Jahr zwei "schwierige" Schülerinnen (Ich unterrichte am BK, die Schüler machen eine Berufsausbildung), mit denen es etliche Beratungsgespräche gegeben hat, in denen es um die Berufseignung ging. Beide Schüler sind im ersten Ausbildungsjahr und werden nicht versetzt, Die Fachlehrer sind sich einig, dass eine Wiederholung nicht empfehlenswert ist.
    Diese Schüler sind beide schon bei der Schulleitung gewesen - es ging um das Gefühl, immer ungerecht benotet zu werden, ungerecht behandelt zu werden, sich nicht wohl zu fühlen, die Lehrer als zu streng und "gemein" zu empfinden und die Noten anzuzweifeln.


    Jedes Mal zieht das einen Rattenschwanz hinter sich her - ich muss dann auch zum Gespräch zur Schulleitung (die den Kollegen über sehr wohlgesonnen ist), es muss irgendwas dokumentiert und nachgewiesen werden, es müssen ggf. Bögen ausgefüllt werden, um eine Note zu begründen, es hinterlässt ein schlechtes Gefühl und belastet letzendlich das Verhältnis zwischen Schüler (und ggf. Familie).


    Wie seht ihr das Problem und wie geht ihr damit um?


    Ich habe die Befürchtung, dass meine Schulleitung so langsam einen schlechten Eindruck von mir bekommt.

    • Offizieller Beitrag

    Akzeptieren im Sinne von schweigend hinnehmen als "gottgegeben" müssen die Schülerinnen das nicht. Dass Noten hinterfragt werden, ist Teil des Geschäfts bzw. des Spiels.
    Ich sage meinen Schülern ganz klar, dass ich ihnen die Beurteilungskompetenz für die mündliche Mitarbeit eines Halbjahres oder gar nur eines Quartals abspreche, weil sie letztlich nur sporadisch und sehr selektiv darauf achten, wer sich wieviel einbringt und zum anderen ihre Erinnerung oft nur einige Tage zurück reicht - vorzugsweise natürlich um ihre eigene Position zu untermauern.


    Schwache Schüler (er)finden gerne die Ausrede der ungerechten Benotung, weil sie so nicht die Verantwortung für ihre Leistungen übernehmen müssen bzw. diese nicht übernehmen wollen. So wird die Lehrerschaft dann in eine Rechtfertigungsposition gedrängt, in die sie gar nicht reingehört.


    Solange Du Deine Noten begründen kannst, hast Du nichts zu befürchten. Letztlich muss ja derjenige etwas beweisen, der einen Fehler bemängelt.

  • Ich beobachte das, seit ich selber zur Schule gehe - seit wann ist es "normal", dem Lehrer seine Beurteilungskompetenz abzusprechen und über seine Noten zu diskutieren

    Schon lange, ich kenne es mindestens seit den 1990er Jahren (da noch nicht als Lehrer, sondern als Schüler, der sich nicht in die Warteschlange am Pult eingereiht hat und sie deshalb in Ruhe betrachten konnte - vor allem in der Sekundarstufe II).

    Diese Schüler sind beide schon bei der Schulleitung gewesen - es ging um das Gefühl, immer ungerecht benotet zu werden, ungerecht behandelt zu werden, sich nicht wohl zu fühlen, die Lehrer als zu streng und "gemein" zu empfinden und die Noten anzuzweifeln.

    Das Problem ist, dass es eine Ausdrucksform großer Inkompetenz gibt, die darin besteht, dass die eigene Inkompetenz nicht registriert wird. Anders gesagt: Es ist ein Zeichen bereits relativ hoher kognitiver Leistungsfähigkeit, Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit erkennen zu können oder sogar verstehen zu können, worin diese Grenzen ihre Ursachen haben. Oder noch einmal anders und mit Dieter Bohlen: "Das Problem ist: Erklär einem Idioten, dass er ein Idiot ist."


    Klingt lustig, ist aber ein Riesenproblem pädagogischer Arbeit.


    Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt


    Ich sage meinen Schülern ganz klar, dass ich ihnen die Beurteilungskompetenz für die mündliche Mitarbeit eines Halbjahres oder gar nur eines Quartals abspreche, weil sie letztlich nur sporadisch und sehr selektiv darauf achten, wer sich wieviel einbringt und zum anderen ihre Erinnerung oft nur einige Tage zurück reicht - vorzugsweise natürlich um ihre eigene Position zu untermauern.

    Das ist als Hilfserklärung brauchbar und wird wohl von jedem von uns genutzt. Mancher "Problemschüler" versteht zwar nicht, dass sein Deutsch oder Englisch grauenhaft ist oder er nicht zeichnen oder organisieren kann - aber dass er ein Egoist ist, das ist selbst ihm bekannt.

  • Mch fragte gestern eine Schülerin- wohl schonmal sicherheitshalber- ob Lehrer schlechter bewerten dürften, wenn sie Schüler nicht mögen. Und erwähnte dabei auch "ich glaube, Sie mögen mich nicht"
    Ich erklärte Ihr dann, dass ihre häufigen Aufenthalte im Trainingsraum ebenso wenig mit mögen zu tun haben, wie die Benotung ihrer (oft nicht vorhandenen) Leistungen. Man merkte aber, dass ihr das eigentlich klar war

  • Das war ihr klar? Wow, hanuta, ich beneide dich... Ich muss mir demnächst die Diskussionen wieder geben... Aber irgendwie sind es immer die Schüler, mit denen man am meisten Stress hat, die einen in ewige Notendiskussionen verwickeln (+ein paar notorische Feilscher, die ich zwar als anstrengend empfinde, denen ich aber nicht sooo böse sein kann).


    /edit: BTT Also, wenn die Schulleitung ein gutes Verhältnis zum Kollegium hat, wird sie die Probleme kennen und eventuell mal Tipps geben, wie man besser mit sowas umgehen kann.


    Mein bevorzugtes Werkzeug ist die Selbsteinschätzung. Wenn man selbst Schüler besser sieht, sind die glücklich, wenn man gleicher Meinung ist, ist es schnell vorbei und wenn sie sich höher einschätzen, kann man sie "runterhandeln"* durch ein paar wohlgesetzte Argumente. Bsp. X sagt 9 Punkte, ich bin der Ansicht höchstens 6. Dann schaue ich erstmal kritisch und eröffne mit: "Das sehe ich anders." Dann dargelegt, woran es überall mangelt... Funktioniert nicht immer, aber oft. Liegt vielleicht auch an meinem Gesichtsausdruck, den ich bei überzogenen Forderungen an den Tag lege, ich weiß es nicht. :teufel:


    *Handeln stimmt natürlich nicht, aber dann sind die Schüler in der Verteidigungsposition, das macht es meiner Ansicht nach leichter.

    Quiet brain, or I'll stab you with a Q-Tip!

    2 Mal editiert, zuletzt von MSS () aus folgendem Grund: Kommafehler

  • @ MSS Naja, Eingesammelte Arbeitsblätter ohne Inhalt, keine Mappe, Referat nicht gehalten...Da weiß die schon selbst, dass das nicht ausreichend ist. Aber mal probieren, ob Frau hanuta nicht Angst bekommt kann man ja mal ^^

    • Offizieller Beitrag

    Ich versuche, möglichst viele Noten zu machen und generell die einzelnen Noten transparent zu machen. Die Eltern haben auch Zugang zum Notenprofil ihrer Kinder; die Zeugnisnote kann dann eigentlich nicht mehr gar so überraschend kommen.

    So ist es - Transparenz ist das A und O. Ich biete viele verschiedene Formen der Beteiligung an (Einzel- Gruppen- Partnerarbeit, schriftliche Ausarbeitungen, Präsentationen, freiwillige selbst gestaltete Stunden, optionale Zusatzaufgaben, Kreatives, usw, usf), so dass ich richtig viele Noten habe, die Schüler können sie jederzeit einsehen. Unter jede Klausur scheibe ich die aktuelle mündliche Note, begründet mit 1-2 Sätzen. Auf Nachfrage drucke ich das teacher-tool Datenblatt mit allen Noten und Bemerkungen (no homework, excellent preparation, forgot material, etc...) aus. Ich biete Beratung an, wenn sich jemand verbessern will.


    Schüler und Eltern versichern mir oft, dass diese Rückmeldung unter den Klausuren und die Beratungsangebote sehr schätzen.


    Ich habe seit Jahren keine Notendisussionen mehr.

  • Geht mir genauso. Ein Datenblatt aus einem Noten-Tool wirkt Wunder. Vor allem, wenn da pro Quartal 10-15 Einzelnoten stehen, die der Rechner zu einer Gesamtnote zusammengerechnet hat. Das wirkt objektiv und ist transparent.
    Mit mir diskutiert auch keiner.

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

    • Offizieller Beitrag

    Geht mir genauso. Ein Datenblatt aus einem Noten-Tool wirkt Wunder. Vor allem, wenn da pro Quartal 10-15 Einzelnoten stehen, die der Rechner zu einer Gesamtnote zusammengerechnet hat.

    In meinem Schulforem ist allerdings die schematische Berechnung von Noten explizit in den Verordnungen ausgeschlossen

    • Offizieller Beitrag

    Also, inner Oberstufe kannste da auch nicht einfach irgndwas reinschreiben und die Schüler akzeptieren das, weil es ein Datenblatt ist - das muss schon Hand und Fuß haben. Ich kann allerdings auch alle Noten immer begründen - die Schüler bekommen die Kriterien an Tag 1 schriftlich.


    Und rechnerisch dürfen die Noten in der Tat nicht entstehen, in Hessen - die Endnote kommt bei mir zustande aus dem, was teacher tool ausrechnet UND den Bemerkungen über alles Mögliche, was nicht in Einzelnoten gefasst wird, das gibt nochmal ne Tendenz nach oben oder unten.


    Nichtsdestotrotz ist es für die Schüler beruhigend und nachvolziehbar, wenn sie sehen, dass da ordentlich geführte Notizen über ihre Leistungen sind, nichts durchgerutscht ist, und man auch noch sehen kann, was was war - anstatt (gibts ja auch gerne mal) eines bauchgefühlten: "Naja, meist ist die Mitarbeit ja ganz ordentlich, wie war nochmal dein Name" ;)

  • Geht mir genauso. Ein Datenblatt aus einem Noten-Tool wirkt Wunder. Vor allem, wenn da pro Quartal 10-15 Einzelnoten stehen, die der Rechner zu einer Gesamtnote zusammengerechnet hat. Das wirkt objektiv und ist transparent.
    Mit mir diskutiert auch keiner.

    Das Schulgesetz von NRW verbietet die arithmetische Ermittlung von Noten. Und das ist auch richtig so!

  • Das Schulgesetz von NRW verbietet die arithmetische Ermittlung von Noten. Und das ist auch richtig so!

    Wieso eigentlich? Die arithemtische Ermittelung ist für mich nach wie vor eigentlich die objektivste Darstellung des Leistungsbildes (soweit man bei Notenbildung halt von Objektivität sprechen kann). Es wäre doch ausreichend, dass man es in begründeten Fällen außer Kraft setzen KANN, statt diese Art der Notenbildung komplett zu verbieten.

    • Offizieller Beitrag

    Wieso eigentlich? Die arithemtische Ermittelung ist für mich nach wie vor eigentlich die objektivste Darstellung des Leistungsbildes (soweit man bei Notenbildung halt von Objektivität sprechen kann). Es wäre doch ausreichend, dass man es in begründeten Fällen außer Kraft setzen KANN, statt diese Art der Notenbildung komplett zu verbieten.

    Weil jede Note den individuellen Lernfortschritt in der heterogenen Lerngruppe pädagogisch berücksichtigen soll.

  • Türschild für den Elternsprechtag:


    [Blockierte Grafik: https://workbuyconsumedie.files.wordpress.com/2012/01/now-and-then.jpg?w=450&h=283]


    Früher war einfach "Gesetz", was die Lehrer gesagt haben. Und die Kinder wurden gar nicht gehört, ihre Meinung war nicht viel Wert. Wenn der Lehrer eine schlechte Note gibt, dann muss das ja stimmen und das Kind ist Schuld.


    Heute hören Eltern ihren Kindern mehr zu, messen auch ihren Ansichten eine Bedeutung bei. Und vorallem treten immer mehr Eltern gegenüber der Lehrerschaft als "Anwälte" ihrer Kinder auf. Das finde ich sehr wichtig, denn zwischen Lehrer und Kind besteht einfach ein riesiges Machtgefälle und die uns anvertrauten Kinder können sich alleine nicht gegen Ungerechtigkeit und schlechte Behandlung wehren. Da brauchen die Kinder einfach jemanden, der für sie einsteht und gegenüber den Lehrer die Kinder vertritt.


    Zum Thema Noten:


    Bei Klausuren und Klassenarbeiten habe ich die vom Schüler erbrachte Leistung schriftlich vorliegen. Dadurch kann die Leistung mehrfach und von verschiedener Seite nochmals geprüft werden, wenn der Schüler mit meiner Bewertung nicht einverstanden ist.


    Bei den mündlichen Noten sieht es ganz anders aus. Zu einem grossen Teil ist diese Benotung sehr subjektiv und man kann meine Bewertungen der Leistungen nicht mehr nachprüfen. Wenn beispielsweise ein Schüler ein Referat hält, würde ich nach meiner Einschätzung das Referat vielleicht mit einer 3 benoten, mein Fachkollege aus der Nachbarklasse hätte das Referat vielleicht mit 2 ewertet und wieder ein anderer vielleicht nur mit 4.


    Wenn ich also einem Schüler für ein Referat eine Note gebe, der Schüler aber der Meinung ist, dass meine Bewertung für seine Leistung viel zu schlecht ausgefallen und nicht angemessen ist, wie will man dieses Dilemma auflösen?


    Ein noch grösseres Prioblem besteht bei den Noten für die mündliche Beteiligung am Unterricht. Und da gebe ich auch ganz ehrlich zu, dass ich mich nicht in der Lage sehe bei einer Klasse mit 25 bis 30 Schülern jeden Schüler und seine Leistung wirklich täglich im Blick zu haben und das wirklich gut bewerten zu können.

    • Offizieller Beitrag

    Ein noch grösseres Prioblem besteht bei den Noten für die mündliche Beteiligung am Unterricht. Und da gebe ich auch ganz ehrlich zu, dass ich mich nicht in der Lage sehe bei einer Klasse mit 25 bis 30 Schülern jeden Schüler und seine Leistung wirklich täglich im Blick zu haben und das wirklich gut bewerten zu können.

    Ist wirklich nicht ganz einfach!
    Allerdings bin ich der Meinung, ich muss nicht jeden Schüler jeden Tag mündlich benoten. Schüler müssen auch mal einen schlechten Tag haben dürfen.
    Und zum Glück gehören zur mündlichen Mitarbeit auch noch Dinge wie Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Präsentationen, kleinere Dialoge in den modernen Fremdsprachen, kleinere Leistungsnachweise wie Vokabelabfragen usw.
    Dann kann man doch einen recht guten Gesamteindruck gewinnen. Ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit :D


    Wichtig finde ich, dass den Schülern die Kriterien von Anfang an klar sind, nach denen sie bewertet werden. Und dass das immer wieder neu thematisiert wird, denn auch das gerät sehr schnell in die Vergessensschublade ;)

Werbung