Didaktische Analyse / Didaktische Reduktion

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    • Didaktische Analyse / Didaktische Reduktion

      Hallo zusammen,

      ich muss zum ersten Mal eine didaktische Analyse / didaktische Reduktion schreiben und stehe kurz vorm Verzweifeln. Mir ist klar, dass ich irgendwie begründen muss WARUM dieser Unterrichtsinhalt den Schülern in der Stunde gelehrt wurde, aber ich verstehe leider überhaupt nicht wie ich das anstellen soll. Und schon gar nicht mit Hilfe welcher Literatur. Mein Unterrichtsthema war die Wiederholung der Satzglieder (Subjekt, Prädikat, Zeit- und Ortsangabe). Ich habe mir dazu in der Bib jetzt ein paar Bücher zur Fachdidaktik Deutsch ausgeliehen, bin aber eigentlich in keinem der Bücher auf eine wirkliche Begründung gestoßen, warum dieses Thema für die Schüler relevant ist.

      Ich bin wirklich dankbar für jeden Tipp! Brauche dringend ein paar gute Ratschläge :(

      Danke!
    • hey Cari,

      Ich versuch mal einen ersten Ansatz zu machen mittels Beispielen.

      Didaktische Reduktion:
      Fakt ist ja, dass dein Wissen, welches du pro Stunde vermitteln kannst begrenzt ist, weil die Stunde irgendwann endet. Ergo reduzierst du deinen Stoff für die Stunde.

      Die Frage ist jetzt warum du ihn genau diesen Stoff reduziert hast und andere Sachen nicht genommen hast.

      Beispielsweise halte ich am Montag eine Stunde über vorrangige und nachrangige Rechte eines Käufers.

      Behandeln werde ich in der Stunde aber nur vorrangige Rechte.

      Gründe: - Die Schüler sollen sich zuerst auf einen Bereich konzentrieren
      - Beide Bereiche wäre zu viel Stoff und würde sie verwirren
      - Ich schaffe die Grundlage für die zweite Stunde mit nachrangigen Rechten, sodass sie es besser einordnen können
      - Mehr Zeit für übungsaufgaben während der Stunde usw.

      Anderes Beispiel zur didaktischen Analyse:
      Ich wähle in Englisch die Methode eines Vokabeltabus für neue Vokabeln.

      Gründe: - Die Schüler erklären sich selbständig neue Vokabeln
      - Schüler haben mehr Spaß am lernen
      - Schüler lernen zu kommunizieren
      - Schüler nehmen die Vokabeln besser auf

      Literaturtechnisch hab ich mich leider noch nicht mit dem Thema befasst und kann dir keine Namen nennen außer vielleicht Hilbert Meyer - Was ist guter Unterricht?

      Wobei ich nicht weiß ob er auf die Didaktik darin eingeht.
    • ... Und idealerweise ist die Begründung nicht nur formal ("steht so in den Richtlinien"), sondern erwächst aufgrund Deiner didaktischen Beobachtungen im Unterricht; zum Beispiel:
      "Bisher taten sich die Schüler schwer, x und y in freien Texten anzuwenden. Deshalb soll das jetzt anhand von dieser und jener Aktivität eingeübt werden."

      (Nicht, dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben könnte, aber ich stelle mir vor, dass im Grundschulbereich die Begründung der Unterrichtsinhalte deutlich einfacher sein dürfte als im Sekundarbereich. Denn an der Grundschule ist tatsächlich alles so schön wichtig... :)

      Hamilkar
    • Die didaktische Analyse (die übrigens im "richtigen Leben" völlig für den Allerwertesten ist!) für grammatische Phänomene bezieht sich eigentlich immer auf Sprachkompetenz und Sprachbewusstheit und deren Funktion in der Gesellschaft / im Leben.
      Also könnte man folgende Überlegungen anstelle und mit dem konkreten Unterrichtsinhalt verbinden:

      Sprache ist das kommunikative Medium der Menschen, ihre Form des Ausdrucks. Je präziser und korrekter sich SuS ausdrücken können desto effektiver können sie ihre Anliegen begründen, vertreten, nach außen tragen (Beispiele nennen: Schule, Ausbildung, Beruf, Verträge, Beziehungen, trullala)).

      Sprachkorrektheit ist dabei die Kompetenz, die es ihnen ermöglicht, genau verstanden zu werden, sich angemessen mitzuteilen, sowie Mitteilungen anderer in ihrer Intention und ihrem Inhalt verstehen zu können. (erklären, warum das im Leben wichtig ist). Dies ist eine Kompetenz, für die sie sich in vielfältigen Übungen mit grammatischen Phänomenen und deren Funktion auseinandersetzen und diese automatisieren müssen.

      Satzglieder sind (hier erklären, wieso deren Kenntnis wichtig dafür ist, zu erkennen, was man mit einem Satz alles machen kann und welche Funktion dabei die Satzglieder haben - ihre Stellung ändert Aussage zu Frage zu Aufforderung etc... und wie wichtig es ist, dieses Instrumemtarium zu beherrschen: Herstellen von Bedeutung, Auflösen von Mehrdeutigkeiten, usw.)

      Die so gewonnene Kompetenz muss in Textherstellung und Textüberarbeitungsformen übertragen und angewendet / geübt werden, (hier deine konkrete Text/Übungsform anpreisen und erkären, wieso gerade diese Satzglieder kontextbezogen besonders gut festigt und warum diese Textform lebenswichtig ist: Brief, Bitte, Frage, Apell z.B.).

      Das kriegste schon hin :)
      WE are the music-makers, and we are the dreamers of dreams,
      World-losers and world-forsakers on whom the pale moon gleams
      yet we are the movers and shakers of the world for ever, it seems.
    • Hallo ihr Drei,
      ich bedanke mich mal bei euch allen für diese ausführlichen Antworten! :top: Es ist mir schon ein wenig klarer geworden, was ich zu tun habe. Ich denke ihr wisst das selbst ja nur zu gut, dass man an der Uni leider immer nur gesagt bekommt was man machen soll, aber wie man das am besten anstellt muss man selbst herausfinden. Bin dann immer kurz vorm verzweifeln, denn woher soll ich denn wissen in welcher Literatur genau das steht was ich jetzt brauche. Werde mich in der Bib nochmal umsehen und vielleicht find ich dann nochmal was passenderes, wenn ich mich jetzt an dem orientiere was ihr mir gesagt habt.

      Also vielen Dank nochmal dafür :)
      Liebe Grüße
      Cary
    • Hallo, ich bin es noch einmal mit einer kleinen Verständnisfrage. Wäre super, wenn nochmal jemand darauf antworten würde. :)

      Also die didaktische Analyse habe ich mittlerweile geschrieben und ich bin eigentlich auch ganz zufrieden damit. Jetzt geht es nochmal um die didaktische Reduktion. Muss es denn in jeder Stunde eine didaktische Reduktion geben? Denn ich bin der Meinung dass es so etwas bei mir nicht gab. Aber vielleicht verstehe ich eben auch etwas falsch daran. Es ging in meiner Stunde darum, dass die Kinder nochmal alles zu den Satzgliedern üben sollten, weil sie am nächsten Tag darüber auch eine Probe geschrieben haben. Ich habe dazu zunächst mit der ganzen Klasse alles wichtige wiederholt und ein Tafelbild erstellt, dann hab ich eine Lerntheke mit diversen Übungen zu den Satzgliedern vorbereitet an der jeder selbstständig arbeiten konnte. Und ich wollte ja demnach auch, dass wirklich ALLES wiederholt wird. Also hab ich ja nichts reduziert. Oder verstehe ich daran etwas falsch?
    • Cary95 schrieb:

      Muss es denn in jeder Stunde eine didaktische Reduktion geben?
      Selbstverständlich, denn es gibt keinen Sachverhalt, den man den SuS auf Uni-Niveau näherbringt.
      In der Sachanalyse kloppst Du den Fachleitern den fachlichen Inhalt Deiner Stunde auf wissenschaftlichem Niveau hin.
      Bei mir war das beispielsweise die Erklärung einer chemischen Reaktion mit Hilfe von Differentialgleichungen zur Reaktionskinetik unter Einbeziehung der Ligandenfeldtheorie bei Komplexen.
      Dann sehen die Fachleiter, dass Du Ahnung von Deinem Fach hast. Ich wollte erst noch weiter ausholen, aber mein Mentor meinte, dass die meisten Fachleiter (sind ja meist keine promovierten Wissenschaftler ihres Fachs) das entweder eh nicht verstehen oder nicht genau lesen. Es geht bei der Sachanalyse einfach darum zu zeigen, dass Du Dein Fach beherrscht.

      Da Du den SuS den Sachverhalt natürlich nicht auf diese Weise näher bringen kannst, musst Du ihn didaktisch reduzieren. Und in diesen Teil schreibst Du dann, was Du aufgrund des Wissensstandes der SuS weglässt oder vereinfacht darstellst. Am besten noch mit Gründen warum unter Bezugnahme auf den Lernstand.
      In meinem Fall habe ich beispielsweise für die Schüler so getan, als würde in einem Komplex auch einfach eine Art kovalente Bindung vorliegen und die Koordinationszahlen ließ ich Gott vom Himmel regnen. Und all diese kleinen Anpassungen von Modellvorstellungen usw. schreibst Du in die Rubrik "Didaktische Reduktion".



      Cary95 schrieb:

      Denn ich bin der Meinung dass es so etwas bei mir nicht gab.
      Du wirst doch wohl kaum Satzglieder so (an einer Grundschule!) behandeln, wie Du es an der Uni gelernt hast? Ich habe keine Ahnung vom wissenschaftlichen Anspruch von Germanistik, aber ich bin mir sicher, dass ihr euch da auf ganz anderem Niveau mit Satzgliedern beschäftigt habt.
      Bin ehrlich gesagt ein wenig schockiert von diesem Satz!
    • Um es noch einmal kurz zu machen:

      Didaktische Reduktion = "Mundgerechtmachen" eines Unterrichtsinhalts für eine bestimmte Lerngruppe.
      Das Wiederholen eines Unterrichtsthemas vor einer Klassenarbeit enthält doch schon das didaktisch reduzierte Thema.
      Gruß
      Bolzbold



      Ich bin ein Ar***, und deswegen konnte ich nur Lehrer werden.
    • Wenn Du bisher nur "blind" auf vorgefertigte Unterrichtsmaterialien zurückgegriffen hast, bist Du Dir der didaktischen Reduktion nicht bewusst. Denn diese didaktische Reduktion wurde von den Autoren dieser Unterrichtsmaterialien vorgenommen, man hatte Dir sozusagen diesen Arbeitsschritt abgenommen.

      Aber Du musst eben im Referendariat lernen, selbst didaktisch zu reduzieren, und zwar auf sinnvolle Weise.

      Du könntest Dir zu einem Thema mal unterschiedliche Unterrichtsmaterialien besorgen und vergleichen. Also gucken, worin es Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt. Aufgrund dieses Vergleiches kannst du auf die didaktische Reduktion der Autoren rückschließen. Ist ganz interessant, sowas mal zu machen, nimm Dir mal 'n Nachmittag Zeit dafür. Macht Spaß, und es wird Dir so Einiges bewusst machen.

      Übrigens finde ich es gut, dass Du diese Probleme hast und dass Du dran arbeitest! Denn genau dies ist es ja, was man im Ref lernt. Denn Du sollst ja aktiv den Unterricht zu planen lernen, und dazu gehört sowas. Du bist kein dressierter Affe, der sich nur irgendwelche Vorlagen kopiert und diese dann 1:1 in die Klasse trägt.
      Übrigens ist die didaktische Reduktion letztlich auch wichtig, um den Unterricht zielgerichtet zu steuern.

      Hamilkar
    • Firelilly schrieb:

      Du wirst doch wohl kaum Satzglieder so (an einer Grundschule!) behandeln, wie Du es an der Uni gelernt hast? Ich habe keine Ahnung vom wissenschaftlichen Anspruch von Germanistik, aber ich bin mir sicher, dass ihr euch da auf ganz anderem Niveau mit Satzgliedern beschäftigt habt.
      Bin ehrlich gesagt ein wenig schockiert von diesem Satz!
      Sorry, du wusstest sicherlich gleich von Anfang an wie's richtig geht.

      Allen anderen: Danke für die Antworten! Ich finds halt immer ziemlich schwierig für eine herausgegriffene Stunde, die man im Praktikum hält, so etwas zu schreiben. Und ich habe eben eine reine Übungsstunde abgehalten, ohne neuem Stoff oder so. Und deshalb habe ich eben nicht ganz verstanden, inwiefern ich irgendetwas didaktisch reduziert habe.
    • Das war von Firelilly sicher nicht bös gemeint und natürlich kannst du da anfangs, vor allem im Praktikum noch wenig damit anfangen.

      Wir haben das im Ref bisher auch noch nicht behandelt und es ist auch schwer dir dabei zu helfen ohne Beispiel.

      Nehmen wir mal das Beispiel von Wikipedia:

      "Hans baut im Wald mit seinem Freund eine riesige Baumhütte.

      Im Wald baut Hans mit seinem Freund eine riesige Baumhütte.Mit seinem Freund baut Hans im Wald eine riesige Baumhütte.Eine riesige Baumhütte baut Hans im Wald mit seinem Freund."
      Da haben wir den Satz auf vier verschiedene Arten dargestellt. Wenn du jetzt beispielsweise als Aufgabe nur den ersten Satz nimmst und diesen analysiert, dann ist deine didaktische Reduktion, dass du den Satzbau nicht veränderst um die Kinder nicht zu verwirren.
      Sie sollen erst einmal anhand eines einfachen Satzes lernen wie die Satzglieder in diesem bestimmten Satz angeordnet sind und warum.

      Ich hab leider null Plan von dem Lehren der Germanistik, aber vielleicht wird es dadurch verständlicher für dich ;)
    • Danke :)

      Für mich war das typische Beispiel für eine didaktische Reduktion halt immer, dass ich, nochmal bezogen auf Satzglieder, nur ein Satzglied in einer Einführungsstunde einführe und natürlich nicht alle auf einmal. Und sowas gabs bei mir ja letztlich nicht. Das Ziel der Stunde war einfach, den Kindern nochmal möglichst viel Zeit zum Üben zu geben und in der gemeinamen Wiederholung auch sicherstellen, dass alle Kinder wissen um was es geht etc. Ich habe nur schon bereits bekannten Unterrichtsstoff aufgegriffen, wiederholt und vertieft. Dass ich keine Übungen auf Uni-Niveau mit den Kindern mache ist ja selbsterklärend und dass ich keinen neuen Stoff mehr in so einer Stunde einführe auch. Und daher hab ich eben nicht ganz verstanden, inwiefern ich didaktische reduziere. Aber naja, ich versuche jetzt nochhmal mein Bestes!
    • Ich empfinde die didaktische Reduktion als den anspruchvollsten Teil der Unterrichtsplanung. Sie hat mir zu Beginn meiner Lehrerausbildung auch die größten Probleme bereitet.
      Dem Problem bin ich damit begegnet, dass ich Alternativen in der Unterrichtsplanung einplante, entweder in Richtung nach oben oder auch nach unten. Mittlerweile plane ich sehr passend, bin aber immer noch sehr flexibel, was mir heute oft zugute kommt (wie in der sehr schwachen Matheklasse aus einem anderen Thread).