Evangelischer Reli-Unterricht für Kinder aller (und keiner) Konfessionen - wer hat Erfahrung?

  • Ändern kann und will ich es nicht, dass sie nun da sitzen; ich möchte es ihnen auch nicht so schwer machen. Jetzt ist es aber genau umgekehrt: Sie machen mir das Leben schwer, indem mind. ein Drittel eine heftige Verweigerungshaltung gegenüber dem Unterricht hat....
    Ich kann und will die Schüler nicht raushaben aus meinem Unterricht, ich möchte produktiv arbeiten, weiß aber nicht so recht wie.
    ...
    Und den Rest muss ich noch mal überlegen, damit ich nicht selbst den Glauben an die Menschheit verliere :D

    Ich glaube, du nimmst das alles zu persönlich. Es geht weder darum, jemanden loszuwerden, noch den Glauben an die Menschheit zu verlieren :)
    Und ich vermute, dass du das auch zu sehr vom Fach abhängig machst. Die Klasse ist durcheinandergemischt, sieht sich nur in dieser Stunde in dieser Konstellation und du bist neu dort. Kinder (ganz besonders solche, die aus problematischen Familien kommen, denen die 5 in welchem Fach auch immer wurscht ist) brauchen Kontinuität und Verlässlichkeit, um Bindungen aufbauen zu können. Erst dann können sie zuhören und lernen und vor allem über Emotionen und Glauben diskutieren.


    Im Grunde wollen sie Teil der Gruppe sein und warten darauf, dass du ihnen sagst, wos langgeht. Sie zeitweise auszuschließen (im Rahmen von Ordnungsmaßnahmen) sagt ihnen, dass sie zu weit gegangen sind. Ich verspreche dir, ohne dass ich die Kinder kenne, dass sie anschließend in der Klasse sein WOLLEN und friedlich auf ihrem Stuhl sitzen werden. Sag ihnen klipp und klar, in meinem Unterricht benimmt man sich folgendermaßen: Regel 1, Regel 2 und höchstens noch Regel 3.


    Hol dir Klassenlehrer, Eltern, Schulleitung mit ins Boot und setze besten Gewissens Grenzen. In deinem Unterricht wird mitgearbeitet und wertschätzend mit den anderen gesprochen. Völlig egal, ob gerade Deutsch, Reli, Kunst oder Frühstückspause auf dem Stundenplan steht. Alles, was länger als 5 min. entfernt ist, interessiert sie nicht. Sie wollen jetzt wissen, wer die Gruppe leitet und das bist du. Wenn du dich durchsetzt, werden sie auch Geschichten von Noah anhören und anfangen, ehrlich mit sich und den anderen zu sein. Denn Emotionen jenseits von Rumhacken auf anderen und den Clown spielen haben sie genug.


    Sie trauen sich aber erst, diese Verletzlichkeit zu zeigen, wenn sie wissen, dass sie in dieser Klasse sicher sind, weil du diese Sicherheit gibst.

  • Naja, Religion ist eben ein ordentliches Lehrfach in S-H und solange der Ausbau der Lehrer für Philosophie und/oder katholischen und muslimischen Religionsunterricht nicht passiert ist, kann man eigentlich keine Kinder vom Unterricht ausschließen.


    Solange sie nicht explizit aus gewichtigen Gründen befreit worden sind, müssen sie teilnehmen, jedenfalls soweit ich weiß.

    Natürlich geht es nicht darum, Schüler auszuschließen. Im Gegenteil, ich finde es gut, wenn die Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Allerdings frage ich mich schon, ob es sich deine Schule nicht etwas einfach macht und eventuell Lehrerstunden sparen möchte. Denn laut dem Runderlass "Religionsunterricht" sind die Schüler nämlich nicht verpflichtet, teilzunehmen. Hingegen ist sogar ein Antrag für Kinder mit anderer Konfession nötig:
    "§ 4Teilnahme
    (1) 1 Soweit für eine Konfession Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach gem. § 7Abs. 1 Satz 1 SchulG erteilt wird, nehmen die Schülerinnen und Schüler dieser Konfessiondaran teil. 2 Konfessionell nicht gebundene oder einer anderen Religionsgesellschaft angehörigeSchülerinnen und Schüler können auf Antrag am evangelischen oder katholischenReligionsunterricht teilnehmen.
    (2) 1 Eltern können konfessionell gebundene Schülerinnen und Schüler, die noch nicht religionsmündigsind, vom Religionsunterricht abmelden. 2 Religionsmündige Schülerinnenund Schüler mit konfessioneller Bindung können sich selbst vom Religionsunterricht abmelden.3 Vom Religionsunterricht abgemeldete und konfessionell nicht gebundene Schü-lerinnen und Schüler erhalten anderen Unterricht (§ 7 Abs. 2 Satz 3 SchulG) in einemPflichtfach, das zum Religionsunterricht thematisch vergleichbare Erziehungs- und Bildungszieleverfolgt.
    ...
    (5) 1 Über die Bedingungen, die für den Religions- und Philosophieunterricht gelten, sinddie Eltern auf entsprechenden Informationsveranstaltungen durch die Grundschulen zuBeginn der Jahrgangsstufe 1 und durch die weiterführenden Schulen im Rahmen der Anmeldungfür die weiterführenden Schulen zu informieren."

  • Vom Religionsunterricht abgemeldete und konfessionell nicht gebundene Schü-lerinnen und Schüler erhalten anderen Unterricht (§ 7 Abs. 2 Satz 3 SchulG) in einemPflichtfach, das zum Religionsunterricht thematisch vergleichbare Erziehungs- und Bildungszieleverfolgt.

    Da sind wir schon wieder an dem Punkt, an dem der ReliUnterricht durch Philosophie o.ä. ersetzt wird. An meiner Schule kann zur Zeit kein Ersatzunterricht stattfinden, dieses Halbjahr sowieso nicht mehr.


    Heute hat es, dank engmaschig geplantem Frontalunterricht, schon besser geklappt. :)

  • warum habt ihr kein ethik, notfalls fachfremd unterrichtet? es kann doch nicht sein, dass die kinder konfessionell gebundenen unterricht besuchen müssen, wenn sie/die eltern gar nicht gläubig sind? das ist ein unding; vor allem, wenn auch noch bewertet wird. ich will nicht sagen, dass das indoktrination ist (ich bin katholisch und unterrichte ethik), aber bedenklich ist es allemal. und unschön ja offenbar auch, für alle beteiligten.


    ich würde an deiner stelle ethikunterricht abhalten (dafür gibt's doch bestimmt einen lehrplan) und die reli-inhalte auf die entsprechend angemeldeten/getauften kinder beschränken.


    in bayern ist das undenkbar. hier geht man in ethik oder in reli, je nach elternwunsch, und wenn eine schule das gar nicht einrichten kann (was sehr selten vorkommt), dann werden schüler verschiedener schulen und stufen zusammengelegt für ethik/für den zeitraum freigestellt.

  • Genau das habe ich mich auch gefragt, kecks.


    Ist das eine evangelische Schule?


    Wenn ich ein Kind hätte würde ich nicht wollen, dass es Religionsunterricht bekommt. Mich wundert, dass da von Seiten der Eltern noch nichts kam...


    "Unschön für alle Seiten" trifft es ziemlich.

  • Tja, gute Frage... Ethik haben wir nicht. warum, weiß ich nicht, ich bin aber auch neu an der Schule 8|


    Naja, im Religionsunterricht wird ja nicht indoktriniert, sondern eine Kultur.näher gebracht; außerdem wird ja nicht der Glaube bewertet, sondern, wie schon erwähnt, Fakten und Kompetenzen. Ich will ja keine Kinder zu irgendwas bekehren, sondern dass sie möglichst eine tolerante Haltung gegenüber allen/vielen Lebensweisen bekommen.


    Es ist auch indiskutabel, ob und wie jetzt mal flott ein Ethikunterricht eingerichtet werden muss, sondern wie ich am besten mit der aktuellen Situation umgehen kann!


    @LittleAnt: sich dem Religionsunterricht zu verschließen, macht das Problem der Intoleranz ja nicht besser.
    Aber gut... ich wollte jetzt auch keine Diskussion zum Thema “Reli - ja oder nein?“ lostreten.


    Ich kann nun als Vertretungslehrerin mit befristetem Vertrag bis nächsten Sommer wohl kaum das System umändern.

  • und das ist eben das problem. als elternteil würde ich mit meinem kind in dieser situation zuhause sehr deutliche gespräche führen, über glaubenshaltungen und wahrheitsbegriffe und all sowas, soweit das mit grundschülern schon möglich ist (mit fünfklässlern geht es ganz gut), um diesem einfluss entgegenzuwirken.


    zumindest in bayern ist es schon so, dass im religionsunterricht ganz klar aus einer glaubenshaltung heraus über offenbarungswissen gesprochen wird. wenn man es böse sagen will: es wird indoktriniert. sicherlich kann man dabei einiges lernen, aber nichtsdestotrotz ist das ein nicht-wissenschaftlicher, sondern ein letztlich theologisch geprägter umgang mit glaubensinhalten. eben keine religionswissenschaft, sondern theologie, freilich altersgemäß didaktisch reduziert. nicht umsonst muss hier die religionslehrkraft eine missio haben, und die verliert sie, wenn sie im privatleben nicht den glaubensinhalten ihrer konfession gemäß lebt (z.b. hatte ich schon kollegen in ethik, die eigentlich gelernte theologen waren, aber dann halt nach scheidung wieder geheiratet haben; man weiß ja auch, was passiert, wenn homosexualität oder auch nur bisexualität öffentlich gemacht wird usw.).


    was heißt das für dich: aus einer anderen haltung heraus an das ganze herangehen. selbst neutral bleiben, keinen glauben und keine glaubensrituale vorleben im unterricht, sondern religionswissenschaftlich und philosophisch arbeiten. das ist dann aber wirklich ethik, nicht mehr reli, und vermutlich nicht lehrplankonform.


    ich würde an deiner stelle wirklich wegen ethik nachhaken und sonst halt tun, was man immer tut, wenn kinder aus dem ruder laufen: beziehung, struktur im unterricht, und noch mehr beziehung. wenige regeln, aber diese konsequent einfordern. viel verstärken, zeitnahe logische folgen als konsequenzen, ein bisschen tough love für die schnell heulenden, ein bisschen deutliche worte für die sich im tonfall vergreifenden und ggf. konsequenzen (nicht wegen gotteslästerung, sondern wegen beleidigung anderer). evtl. den lehrplan lehrplan sein lassen und ethik statt reli unterrichten.

  • Naja, der Lehrplan ist da nicht so streng formuliert: ich kann alle Themen so auslegen, dass jedes Kind was mitnimmt. --> Luther hab ich jetzt geschichtlich aufgezogen, Weihnachten werde ich wohl vergleichend mit anderen Religionen behandeln. Da finden sich schon Lösungen :)


    Aber Aussagen wie “Gott gibt es nicht und wer das glaubt, glaubt an eine Lüge“ machen mir halt zu schaffen, damit werden die Gefühle von einigen Kindern verletzt. Da kann ich noch so oft Toleranz predigen, es müssen disziplinierende Maßnahmen her, das hab ich jetzt gemerkt.

  • na, das sind doch aussagen, die man aushalten muss in einer offenen gesellschaft? das ist nicht beleidigend, sondern eine völlig akzeptable glaubensaussage eines (kindlichen) atheisten. ansonsten ist "gott gibt es" auch eine beleidigung; das mit der "lüge" ist ja nur eine logische schlussfolgerung aus der metaphysischen grundaussage. die kann man vielleicht stecken lassen, aber schlimm finde ich das nicht mal ansatzweise. ich meine, bei mir sitzen tiefreligiöse zeugen jehovas neben ultraorthodoxen muslimen neben atheisten neben leuten, die einfach nur keine lust mehr auf reli hatten. wenn da eine wegen sowas weint (kommt bei den kleinen schon vor, wenn sie die neue gruppe austesten und schauen, ob man provozieren kann oder mit was man provozieren kann), dann sagt man zu dem einen "sie weint, das ist kein spaß. ich will sowas hier nicht hören, sie findet das verletzend, und wir beleidigen uns nicht. drück dich angemessen aus." und zu der anderen "mimimi" (mit freundlichem lächeln und bei bestehender guter beziehung zum kind). dann hat sich das auch, zumindest im ethik-unterricht.

  • Ist ja wunderbar, dass du da mit einem “mimimi“ rausgehst, ich tu es nicht. Ich finde, das ist überhaupt keine passende Reaktion darauf, wenn jemand wirklich davon getroffen ist.


    Ich persönlich finde solche Aussagen vollkommen akzeptabel; 9-jährige strenggläubige Kinder, die in einem konfessionsgebundenen Religionsunterricht sitzen, tun das nicht. Sie können ja auch gar nicht so tolerant und offen sein, schließlich sind sie ja erst 9. Vor allem bei Kindern mit hoher Identifikation mit dem Glauben sind solche Aussagen sehr verstörend.


    Es ging auch um allgemeine Verhaltensweisen, die eben im Religionsunterricht besondere Ausmaße annehmen, da hier eben ein hohes Maß an Empathie und Respekt gefordert sind, die in dieser Klasse fehlen.

  • ja gut, aber dann doch bitte empathie für alle, für atheisten wie für religiöse? ja, ich bin da eher tough love und get over it. meine sind aber schon bisschen älter als deine (ein bis zwei jahre), und die sind wirklich nicht arg verstört, wenn man ihnen nicht vorlebt, dass man in der schule wegen sowas verstört sein müsste. ablenken, einbinden, wertschätzen, geht schon. zur toleranz gehört auch, nicht geschockt umzufallen, weil andere nicht an gott/weihnachtsmann/osterhase/whatever glauben.


    (ich bin selber katholisch. aber das ist privatsache und hat im öffentlichen raum - und das ist schule - nichts zu suchen. falls reli-unterricht ein geschützter raum für gläubige sein soll, wo man 'sowas' nicht sagen darf, weil es die religiösen gefühle anwesender zu sehr verletzt, dann darf man keine nicht-religiösen zur anwesenheit zwingen.)


    in jedem fall beneide ich dich wenig um diese wirklich doofe situation.

  • Ne, ist auch nicht gerade toll 8| Danke für das Mitleid :D


    Naja, wenn du mir jetzt unterstellen willst, ich hätte kein Verständnis für Atheisten oder nicht religiöse, dann kann ich dich nur enttäuschen:
    Ich bin ja auch nicht evangelisch, persönlich ist es mir auch total wichtig, dass alle Ansichten gehört werden. Ich war früher auf einer katholischen Schule und habe Religion, als ich konnte, abgewählt und hatte dann bis zum Abi “Werte und Normen“. Von daher stelle ich mich auf gar keine Seite, nur immer wieder sticheln lasse ich niemanden, auch wenn er in einem Unterricht sitzen muss, auf den er keine Lust hat.
    Ich kann hier gar nicht genau beschreiben, wie es bei mir im Unterricht gerade abläuft und wo die Auslöser liegen. toll ist es in keinem Fall.

  • Ich bin ja auch nicht evangelisch, persönlich ist es mir auch total wichtig, dass alle Ansichten gehört werden. Ich war früher auf einer katholischen Schule und habe Religion, als ich konnte, abgewählt und hatte dann bis zum Abi “Werte und Normen“.

    Bist du denn überhaupt Religionslehrerin?

    • Offizieller Beitrag

    natürlich müssen Kinder aushalten können, dass andere Menschen etwas anderes glauben als sie selbst.
    Jedoch "Wer an Gott glaubt, glaubt an eine Lüge" ist in der Tat unsachlich und diskriminierend, und genau das kann man allen Kindern auch klarmachen.


    "Christen glauben an Gott. Andere glauben nicht, dass es Gott gibt. Jeder darf glauben, was er will/ gelernt hat. Mit Lügen hat das aber gar nichts zu tun. Keiner, der an etwas glaubt, ist deshalb ein Lügner. Das Wort Lüge hat nichts mit Glauben zu tun, sondern ist in diesem Fall eine Kränkung. Wir an dieser Schule lassen Kränkungen nicht zu."


    so etwa in der Art.


    Und dann könnte man vll darüber sprechen, dass man sich nicht lustig macht über Dinge, die anderen wichtig sind.

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