Grundschullehrerausbildung ohne Studium ?

    • Offizieller Beitrag

    Das bisschen Abitur sollte man schon haben für das Grundschullehramt (und meines Erachtens auch ein Studium) - man muss sich heute schon anstrengen, kein Abitur zu bekommen...


    Naja, ich finde die Aussage arg daneben und ziemlich klassistisch.
    1) es gibt sehr viele Gründe, warum nicht an einem Gymnasium eingeschult wird und es liegt nicht nur an den kognitiven Fähigkeiten bzw. eigenem Wille. Klar gibt es "immer Wege", aber doch nicht immer. Bzw. andere Wege (eben "Studieren ohne Abitur") sind genauso viel wert!
    2) womöglich ist es eine Kunst, wenn man in der Oberstufe ist, beim Abi durchzufallen: es lebt aber auch nicht jeder in Deutschland in NRW (ich hab den Vergleich von 3 Bundesländern und wundere mich auch immer, dass einige meiner SuS die Zulassung nicht bekommen)

  • Problem wie bei den ganzen Quereinsteigern mit MINT-Fächern an Gymnasien und Berufsschulen. Dort besteht ja dauerhaft Bedarf an Lehrern, der durch die Quereinsteiger irgendwie zu decken versucht wird. Ich las letztens hier im Forum, dass in einem Berufsschulkollegium schon gar keine studierten Physiklehrer vertreten seien. Implizit wird dadurch ja auch ausgedrückt: Warum noch einmal Lehramt studieren, wenn ich auch einfacher in den Job komme? Damit boykottiert man sich selbst ein anspruchsvolles Studiensystem, dass es so in den meisten anderen Ländern nicht gibt

    Wieso ist das ein "Problem"? Hier in der Schweiz gibt es für die Sek II kein Lehramtsstudium, es gibt nur eine pädagogische Ausbildung an der PH, die sich an das Fachstudium an der Uni anschliesst (oder parallel dazu gemacht wird). So gesehen sind wir hier alle das, was Du als "Quereinsteiger" bezeichnest. An meiner Schule sind sogar 5 von 6 Chemielehrern promoviert. Damit sind wir nicht die Ausnahme, sondern schon fast eher die Regel. Ich habe noch viel Kontakt zu Lehrerkollegen in Deutschland und hab natürlich auch meine eigene Schulzeit irgendwie als Vergleich. Ich behaupte, die gymnasiale Ausbildung ist in der Schweiz besser, als in Deutschland. Das hat natürlich viele Gründe aber sicher kann keiner behaupten, dass wir schlechtere Lehrer sind als ein deutscher Gymnasiallehrer, weil wir im erziehungswissenschaftlichen Bereich sparsamer ausgebildet sind. Wie schon mehrfach erwähnt wurde verschieben sich die Anforderungen an einen Lehrer von der Primar über die Sek I bis zur Sek II immer mehr in den fachwissenschaftlichen Bereich.


    Es gab schon mal einen ähnlichen Thread in dem ich erklärt habe, dass unsere Primarlehrer "nur" an der PH ausgebildet werden und typischerweise keine gymnasiale Matur haben, sondern "nur" die Fachmatur. Das funktioniert eigentlich ganz wunderbar so. Irgendwie war es dann so, dass gleich mehrere Personen in diesem Thread mir erklären wollten, dass das so nicht stimmt und dass das vor allem auch überhaupt nicht gut sein kann weil ja die Primar die wichtigste Schulstufe überhaupt ist und deshalb auch die unterrichteten Kollegen fachlich (!) am besten ausgebildet sein müssten. Also noch mal ... doch, ich kenne mich im schweizerischen Schulsystem wirklich aus, ich unterrichte auch Fachmaturanden und ja, ich bin mir ganz, ganz sicher, dass die mit der abgeschlossenen Fachmatur im Berufsfeld Pädagogik an der PH das Lehramt für die Primarstufe studieren können.


    Spannend, dass auch hier im Thread derjenige, der den Gedanken aufwirft, es könnte im Lehramt Primarschule vllt. auch etwas weniger akademischer zugehen, direkt als Troll beschimpft wird. Wieso kann man über dieses Thema nicht einfach mal mit Argumenten diskutieren und nicht mit Polemik:

    in manchen Gegenden besteht Ärztemangel.
    Man sollte das Medizinstudium für Allgemeinmediziner abschaffen,
    denn sicher können auch Nichtakademiker gute Ärzte sein.


    Und überhaupt, vor einigen Jahren hatten Ärzte nie studiert.

    Ja nun, ein Primarschullehrer ist halt kein Arzt. Also bei uns geht es weniger akademisch und es geht sehr gut. Ein Problem ist bei uns allerdings die Sek I, denn auch hier studieren die Kollegen "nur" an der PH und dann in der Regel gleich sowas wie 4 - 5 Fächer. Früher war für die Sek I wenigstens im Hauptfach ein universitärer Bachelor (bzw. Vordiplom) Voraussetzung und nach allem, was die älteren Kollegen hier am Gym so berichten hat die Entakademisierung des Lehramtes Sek I keinen guten Einfluss auf das Fachwissen unserer SuS, wenn sie dann hier ans Gym kommen. Ich kenne ja nur den Zustand wie er jetzt ist und wundere mich jedes Jahr wieder wie schlecht unsere Erstis vor allem in Mathe sind. Ich stelle einfach fest, dass alles, was an der Primar gelaufen ist, ganz gut sitzt und sich in der Mittelstufe dann irgendwie ein grosses, schwarzes Loch auftut. Mathe und Physik läuft in der Mittelstufe ungefähr so, dass man irgendwelche Formeln und dazu passende Eselsbrücken um diese umzuformen auswendig lernt und dann da wüst irgendwelche sinnlosen Zahlen einsetzt. Ergebnis doppelt unterstrichen gibt nen Fleissstempel oder so. Ich hab mich mal mit dem zuständigen Fachdidaktiker über dieses Phänomen unterhalten und der meinte, nun ja, die Kollegen Sek I können es in der Regel einfach selbst nicht besser, weil die Fachausbildung zu schlecht ist.


    Ich ziehe für mich daraus den Rückschluss, dass es an der Primar (und die geht bei uns von 1 - 6) noch OK zu sein scheint, dass in der Ausbildung der Kollegen mehr Wert auf Pädagogik, Didaktik und Methodik gelegt wird und der Wechsel in Richtung mehr Fachausbildung auf jeden Fall bei den Sek I Kollegen stattfinden sollte. Ich stelle weiterhin fest, dass für uns an der Sek II die "kastrierte" pädagogische Ausbildung voll OK ist und man auf der Stufe das meiste in dem Bereich eigentlich mit gesundem Menschenverstand erledigen kann. Dank der hervorragenden pädagogischen Arbeit meiner Primar-Kollegen kommen unsere Jugendlichen in der Regel nämlich sehr anständig und selbständig zu uns ans Gym.

  • @ Wollsocken80: Wie sieht es bei euch in der Schweiz mit Inklusion und Integration aus? Soll keine Provokation sein. Ich weiß das wirklich nicht.

  • Wieso sollte ich mich provoziert fühlen? Ich finde, man muss das Thema vollkommen emotionslos diskutieren können. Naja "vollkommen" geht vllt. nicht, aber wenigstens ohne gegenseitige Anfeindungen und Polemik.


    Inklusion ist bei uns an der Sek II überhaupt kein Thema. Wer in die 10. Klasse ans Gym kommt, der "funktioniert". Das Maximum, was ich hier an Verhaltensauffälligkeit zu Gesicht bekommen, sind Asperger Autisten und damit hatte ich noch nie Schwierigkeiten. Ich finde das zum Teil wirklich schwierig. Vor allem stört es mich, dass auch körperbehinderte SuS kaum eine Chance haben, an ein "normales" Gym zu gehen. Unser Schulhaus z. B. ist überhaupt nicht behindertengerecht ausgestattet. Das finde ich katastrophal. Bzgl. geistig beeinträchtigter SuS habe ich eine recht konservative Meinung, das ist für mich nun wirklich kein Thema für die gymnasiale Oberstufe.


    Inklusion betrifft also praktisch ausschliesslich die Primar- und Mittelstufe und dort wird meines Wissens nach vor allem bei den Primar-Kollegen mittlerweile fast schon obligatorisch eine heilpädagogische Zusatzausbildung erwartet, die werden auf das Thema also irgendwie vorbereitet. Die Sek-I-Kollegen, die ich selbst z. B. an der PH während der Ausbildung kennengelernt habe (gab einige, die auf Sek II umschwenken wollten), schienen mir überwiegend ziemlich überfordert mit der inklusiven Beschulung verhaltensauffälliger SuS. Wie gesagt, die Sek I ist hier die ganz grosse Baustelle ...


    Was meinst Du mit Integration? Bezieht sich das auf Integration von z. B. Flüchtlingskindern bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund?

  • Erstaunlich, dass hier einige der Meinung sind, dass Grundschuldidaktik und -pädagogik kein vertiefendes Studium benötigen.


    Wenigstens haben die Grundschullehrer die Größe, zu einem so abstrusen Vorschlag nichts erwidern zu müssen.

  • Nicht falsch verstehen, ich stelle Grundschullehrer nicht auf eine Stufe mit Erziehern.


    Seit 7 Jahren "leiden" meine Kinder aber unter Erziehern, die nicht mal fehlerfrei schreiben oder sprechen können. Ich erzählte z.B. schonmal hier im Forum, dass eine Erzieherin meine Tochter im Vorschul"unterricht" fragte, wo denn "die Baum" ist. Solche Erzieher mehren sich in Hamburg .Grund enormer Erziehermangel.


    Wirklich professionell vorbereitet, werden die Kinder hier nicht.


    Daher würde ich ein Abitur (und anschließendes Pädagogigstudium) nicht schlecht finden, kriegt man ja heute eh schon leichter als früher.

  • Anja: Vlt. müsste man mal wieder in Hamburg kräftig die Werbetrommel für die Erzieherausbildung rühren. Ich vermute mal, dass zu wenige Leute über den Mangel wissen, ein falsches Bild vom Beruf haben ("Ich kann ja eh nicht mit kleinen Kindern." - Hast du es denn mal probiert?) oder über die äußeren Arbeitsbedingungen (zu wenig Gehalt, zu wenig Aufstiegschancen, Ruf des Berufsstands könnte besser sein) klagen. Auf der anderen Seite: Erzieher werden von Lehrern unterrichtet und ausgebildet. Es gibt solche, die das volle Notenspektrum ausnutzen, und welche, bei denen es von Note 1 bis 3 geht. Kennst du einen Erzieher, der durch seine Ausbildung gefallen ist? Mir zumindest ist bislang keiner bekannt. Auch bei den Erziehern, wie in anderen schulischen Kontexten, wird wohl gelegentlich jemand mit zugekniffenem Auge durchgewunken, der die Erwartungen nicht ausreichend erfüllt hat - der Erziehermangel führt nur dazu, dass man bereit ist, das Auge noch fester zuzukneifen :autsch: .
    Ich denke mal, dass "der Erzieher als Sprachvorbild" noch nicht ausreichend bekannt ist und man entsprechend darauf noch nicht allzu viel Wert legt. In der einen DaZ-Seminarsitzung hieß es seitens der Dozentin mal, dass es bei Kindern mit Migrationshintergrund nicht nötig sei, bereits von Anfang an (also als L1) im Elternhaus Deutsch zu sprechen, dafür hätten die Kinder im Kindergarten noch genug Zeit. Ja nee, ist klar :tot: ! Insbesondere in Hamburg, wo in manchen Stadtteilen mehr als die Hälfte der Kindergartenkinder einen Migrationshintergrund hat (und die Pflege der deutschen Sprache im Elternhaus leider nicht immer selbstverständlich ist), ist es wichtig, dass wenigstens die Erzieherin die deutsche Sprache perfekt beherrscht, um mithilfe von Sprache bei den Kindern passive und aktive Lernprozesse anzuregen und einschätzen zu können, an welchen Stellen ein Kind noch sprachliche Unterstützung benötigt. Denn wenn die Erzieherin schon sprachliche Unsicherheiten aufweist, werden die Kinder im Zweifel noch größere Probleme haben. Es wäre eine denkbar schlechte Grundlage für den Grammatikunterricht der Grundschule, der implizites sprachliches Wissen seitens der Schüler voraussetzt, wenn man zunächst einmal damit beschäftigt ist, die durch die Erzieherin etablierten sprachlichen Flausen bei den Schülern auszutreiben.
    Aber ob ein Studium das Problem löst? In der Fachschule hat man ja immerhin mündliche Noten, während mündliche Prüfungen an der Uni kaum vorkommen und die sprachlichen Fähigkeiten der Studenten an der Uni kaum eine Rolle spielen. Eine Kommilitonin (anderes Lehramt) meinte selbst, dass sie sich aufgrund ihrer Deutschsprachkenntnisse (in ihrem Fall ist Deutsch spät einsetzende L2; man hört einen gewissen Akzent heraus und hin und wieder kommt es vor, dass ein Wort nicht korrekt flektiert oder grammatikalisch unpassend formuliert ist) nicht für den Grundschullehrerberuf eigne. Deutsch ist meine L1 und dennoch erzielt die Kommilitonin in bildungswissenschaftlichen Hausarbeiten bessere Noten als ich.

  • Hamburg hat vor ein paar Jahren flächendeckend kostenlose Ganztagsschulen und kostenlose Kitas eingeführt. Daher ist es kein Wunder, dass Erziehermangel herrscht.

  • Wenn man ehrlich ist, kann jeder Schüler der einigermaßen vernünftige Abiturnoten hat, jüngeren Schülern unterrichten ohne studiert zu haben. Denn ein Lehrer bringt nicht mehr bei, als ein Abiturient auch können muss. Mathematik, Physik oder Englisch sind ja simpler Schulstoff. Schließlich gibt es ja Onlineplattformen mit Schulstoffen einfach und didaktisch gut erklärt. Das sind ja keine Lehrer die solche Zb Lernvideos hochladen.

  • Abiturienten mit einem pädagogischen Crashkurs reichen solange aus bis sich ein Oberstufenkurs entscheidet den angelernten Lehrer fachlich zu zerlegen.


    Hamburg hat vor ein paar Jahren flächendeckend kostenlose Ganztagsschulen und kostenlose Kitas eingeführt. Daher ist es kein Wunder, dass Erziehermangel herrscht.

    Ist die Kindergartenangestellte Erzieherin? In unserer Nachmittagsbetreuung werden billige Kräfte ohne fachliche Qualifikation eingesetzt.

  • Wenn man ehrlich ist, kann jeder Schüler der einigermaßen vernünftige Abiturnoten hat, jüngeren Schülern unterrichten ohne studiert zu haben. Denn ein Lehrer bringt nicht mehr bei, als ein Abiturient auch können muss. Mathematik, Physik oder Englisch sind ja simpler Schulstoff. Schließlich gibt es ja Onlineplattformen mit Schulstoffen einfach und didaktisch gut erklärt. Das sind ja keine Lehrer die solche Zb Lernvideos hochladen.

    Die Aufgabe einer Lehrperson ist es aber nicht nur soviel zu können wie der Schulstoff hergibt, sondern interessierten Schülern auch einen Blick über den schulischen Wissenshorizont zu geben.

  • Wenn man ehrlich ist, kann jeder Schüler der einigermaßen vernünftige Abiturnoten hat, jüngeren Schülern unterrichten ohne studiert zu haben. Denn ein Lehrer bringt nicht mehr bei, als ein Abiturient auch können muss. Mathematik, Physik oder Englisch sind ja simpler Schulstoff. Schließlich gibt es ja Onlineplattformen mit Schulstoffen einfach und didaktisch gut erklärt. Das sind ja keine Lehrer die solche Zb Lernvideos hochladen.

    Wenn man ehrlich ist, kann jeder Student, der einigermaßen vernünftige Prüfungsnoten hat, jüngere Studenten unterrichten ohne promoviert zu haben. Denn ein Uni-Dozent bringt nicht mehr bei, als ein Student auch können muss. Mathematik, Physik oder Anglistik sind ja simpler Uni-Stoff. Schließlich gibt es ja Onlineplattformen mit Unistoffen, die einfach und didaktisch gut erklären. Das sind ja keine Professoren, die z.B. solche Lernvideos hochladen.


    So, und jetzt geh wieder die Schulbank drücken und lerne erst einmal Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und Satzbau bevor du von Dingen redest, von denen du keine Ahnung hast, oder bevor du auf die Idee kommst, jüngere Schüler in Deutsch zu unterrichten...

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

    2 Mal editiert, zuletzt von Mikael ()

  • Wenn man ehrlich ist, kann jeder Student, der einigermaßen vernünftige Prüfungsnoten hat, jüngere Studenten unterrichten ohne promoviert zu haben.

    Wenn man ehrlich ist, läuft das auch so. Ich habe während des Hauptstudiums Tutorien für Biologie- und Lehramtsstudenten betreut.

  • In Hamburg arbeiten nur gelernte Erzieher (ich weiß nicht genau ob auch pädagogische Assistenten) an den Ganztagsschulen. Nur die Hausaufgaben werden von sogenannten Helfern unterstützt.

    • Offizieller Beitrag

    Wenn man ehrlich ist, kann jeder Schüler der einigermaßen vernünftige Abiturnoten hat, jüngeren Schülern unterrichten ohne studiert zu haben. Denn ein Lehrer bringt nicht mehr bei, als ein Abiturient auch können muss. Mathematik, Physik oder Englisch sind ja simpler Schulstoff. Schließlich gibt es ja Onlineplattformen mit Schulstoffen einfach und didaktisch gut erklärt. Das sind ja keine Lehrer die solche Zb Lernvideos hochladen.

    also doc.
    Ein Troll :sauer:

  • Folgte man der Argumentation, Lehrer müssen eine universitäre Ausbildung haben, um gute Lehrer zu werden, hieße das ja auch, dass Lehrer mit ihrer universitären Ausbildung bessere Pädagogen sind als Erzieher, die keine universitäre Ausbildung haben. Ist das denn wirklich so?

    Ich frage mal andersrum: Wenn Grundschullehrer jetzt ein klassischer Lehrberuf wird (3,5 Jährige Lehre), wo es vorher eines Kurzstudiums von 6 Semestern bedurfte, können wir dann in Zukunft auch die Besoldung von Grundschulpädagogen auf Besoldungsgruppe a9 kürzen?


    Entschuldigung für die etwas ketzerische Frage, aber bisher wurde zumindest bei uns in NRW die Besoldungsgruppe immer an der Art und der Dauer der Ausbildung festgemacht.

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