Sinnlose Rechtschreibregeln und Rechtschreibübungen (?)

  • Hallo,


    nicht nur die Rechtschreibleistungen unserer Schüler stehen in der Kritik, die Beherrschung der Rechtschreibung allgemein steht in der Kritik. Manche wittern Verfall, andere sagen, es sei alles wie immer: Einige beherrschen die Regeln; viele beherrschen nicht alle Regeln; manche schreiben, wie sie wollen. :) Im Internet habe ich dazu zwei sehr interessante Seiten gefunden - über unsinnige Rechtschreibregeln und über unsinnige Rechtschreibübungen (Nein, ich bin nicht der Verfasser und will deshalb diese Seiten nicht verteidigen, eher interessieren mich eure Meinungen dazu!).


    (1) Sinnlose Rechtschreibregeln


    http://www.leserechtschreibfoe…n/Rechtschreibregeln.html


    (2) Sinnlose Rechtschreibübungen


    http://www.leserechtschreibfoe…chtschreibfoerderung.html


    Als ich das las, dachte ich, ja, machen wir nicht genau das? Üben wir nicht genau auch diese sinnlosen Regeln und üben wir nicht auch mit genau solchen sinnlosen Übungen? Oder stimmt das alles alles gar nicht und ist auch nur eine Meinung von verschiedenen?


    Was sagt ihr?

    Es gibt für alles ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

  • Ich verstehe die Frage nicht? Auf der Seite sind Übungen gezeigt, die sinnvoller sind und welche, die sinnlos oder gar kontraproduktiv. Wer Grundschullehramt studiert hat, weiß aber i.a.R., wie Rechtschreibdidaktik funktioniert ;)


    Problematisch sind da häufig eher die Lehrbücher... aber das Problem haben auch Mathebücher :(

  • Mir war gar nicht klar, dass man sich auch praktisch so vieler Regeln bedient, tut man das im Grundschulbereich wirklich? Das kommt mir nicht praktikabel vor. Aber was weiß ich schon.
    Folgende Regel, die als sinnlos beschrieben wird, gibt es so aber nicht:


    "Das gilt auch für die Regel zur Konsonantenverdopplung. Sie lautet: Nach einem kurzen Vokal wird der folgende Konsonant oft verdoppelt, z.B. dünn, bellen. Zu dieser Regel gibt es zudem mehr Ausnahmen als regelkonforme Wörter, z.B. Saft, rund, Wald, selber, hübsch, Hunger."


    Jetzt passt auf, die echte Regel lautet: Nach einem kurzen Vokal folgt IMMER ein doppelter Konsonant ODER mindestens zwei unterschiedliche Konsonanten (bezogen auf die Grundform). Daher "Ball" aber "bald", "die Küste" aber er "küsste" (küssen). Die Regel finde ich (IK- und Hauptschulbereich) sehr sinnvoll und wirklich einfach. Sie hat nur sehr wenige Ausnahmen, hauptsächlich Fremd- und Lehnwörter, z.B. Bus oder Chef. Ihr könnt z.B. sejen, dass alle Ausnahmen aus dem Zitat damit perfekt erfasst sind.
    Gern geschehen 8)


    Der Regel zu das/dass muss ich mich leider anschließen, die bringe ich auch so bei. Ich habe aufgegeben, eine Unterscheidung von Artikel, Konjunktion und Pronomen zu erwarten :(

  • Im Rahmen meines Studiums habe ich eine Veranstaltung zum Thema "Schriftspracherwerb" besucht und da haben wir uns teilweise auch damit beschäftigt, was sinnvolle und was eher weniger sinnvolle Rechtschreibregeln sind. Im Kern lief vieles auf die Phonem-Graphem-Korrespondenz hinaus, was im Idealfall bereits von Anfang an an der Einsicht, dass Schriftsprache nicht die Verschrifung von mündlicher Sprache ist, ansetzt. Entsprechend sind auch Übungen a la "Was hörst du...?" problematisch - es sei denn, ein Kind hat wirklich Probleme damit, Phoneme diskriminieren zu können (an der Stelle kann Minimalpaarbildung helfen). Hängen geblieben ist bei mir vor allem das Igelbeispiel: Viele Kinder lernen in der 1. Klasse "I wie Igel", was jedoch eher schadet als nützt, da der Laut /i:/ deutlich häufiger als <ie> umgesetzt wird und <i> lediglich ein Orthographem in diesem Fall ist.


    Zum Thema "sinnlose Rechtschreibregeln": Wenn es zu einem orthographischen Phänomen keine eindeutige Regel gibt, sollte man es lieber als Lernwort laufen lassen, bevor am Ende noch Fehlvorstellungen entstehen.


    Trapito: Ich stelle immer wieder fest, dass es viele Erwachsene (!) gibt, die die "das/dass-Regel" nicht ausreichend beherrschen, was vor allem in Schriftkontexten und schreibintensiven Berufen äußerst schade ist. Da das Thema erst in der Sek I behandelt wird, ist es für mich jetzt nicht unbedingt relevant, aber ich finde die Regel nicht unbekannt schwer - man muss sie nur verstanden haben.
    Da habe ich mir immer gemerkt "Wenn sich das "da[...]" durch Pluralisierung des vorangegangenen Nomens in ein "die" verwandelt, wird es mit "s" geschrieben, sonst mit "ss"".

    2 Mal editiert, zuletzt von Lindbergh ()

  • Nach einem kurzen Vokal folgt IMMER ein doppelter Konsonant ODER mindestens zwei unterschiedliche Konsonanten (bezogen auf die Grundform)

    Genauso erkläre ich es den Schülern auch.



    Wenngleich ich den Autor Gero Tacke sehr in der Leseförderung schätze und dessen Arbeitshefte Eltern leseschwacher Schüler empfehle (die bringen tatsächlich Erfolge), decken sich seine Rechtschreibvorschläge mit dem Üblichen, was ich/wir mache/n, nur ca. zu 2/3.


    Im einzelnen wären folgende Rechtschreibeinschätzungen anders:


    Das silbentrennende h finde ich nicht sinnlos, man spricht nicht blü-en, sondern blüjen oder blühen. Den SuS ist es klar, dass da dann ein h kommt, ein j ist unwahrscheinlich.


    Die meisten Wörter mit langem i werden tatsächlich mit ie geschrieben. Wenn man das Wort nicht kennt und nicht irgendwo herleiten kann, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass es stimmt, dass man es mit ie schreibt. (So vermittle ich es den Schülern.) Andere Wörter mit langem i (ih und i bei Maschine usw.) werden als zu merkende Wörter gelernt.


    Ich höre in Proben lang- kurz ab. Einige können es nicht unterscheiden, aber viele doch einigermaßen, wenn man es immer wieder übt. Lang- kurz trainiert man ebenso in Musik durch rhythmische Übungen. Selbst im Sport kann man das mit einbeziehen.


    Verlängerung bei Auslautverhärtung ist eine sinnvolle Strategie, die den Schülern nutzt und die sie auch anwenden. Man kann damit ebenso überprüfen, ob man Brot oder Brod schreibt, also das Umgekehrte.


    Da ich mich im süddeutschen Raum ziemlich gut auskenne - die sogenannte Konsonantenerweichung ist in meinen Augen nur für die Franken ein Problem.



    Die Rechtschreibregeln unter Nr. 3 kann ich uneingeschränkt unterschreiben, die mache ich genauso bzw. werden bei uns so gemacht.

  • die "das/dass-Regel"

    Da haben es die Süddeutschen etwas einfacher, das und dass wird unterschiedlich gesprochen. Dafür gibt es gar keinen gesprochenen Unterschied zwischen ß und s.


    Morphologisches Prinzip: Was in der Auflistung der sinnvollen Rechtschreibhilfen fehlt, ist das Wortstammprinzip, also die Herleitung der Rechtschreibung über bekannte Wortstämme. Außerdem hat man durch weitere typische Vor- und Nachsilben auch noch Ordnungskriterien.

  • Noch zur Frage ob sinnlos oder nicht.
    Der Autor ist da schon auf der generellen Linie (bis auf kleine Ausnahmen) der neueren Rechtschreibdidaktik. Wer sich mit dieser befasst, der wird nicht irgendeine Dehnungs - h Regel weiter verfolgen oder die SuS ständig Rechtschreibsprüche auswendig lernen lassen, wie man es vor über 15 Jahren noch gemacht hat. ;)

  • Zählt Hessen bereits zu den Nordlichtern? Bis auf einen ehemaligen Deutschlehrer kenne ich keinen, der "das" anders als "dass" ausspricht. Auf mich wirkte diese Aussprache eher befremdlich...

  • Keine Ahnung, vielleicht sind das auch persönliche Empfindungen. ;)
    Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass man den Unterschied hört, zumindest in weiten Teilen Baden- Württembergs und Bayerns.
    Da müssten sich noch andere aus Ba-Wü oder Bayern äußern.

    • Offizieller Beitrag

    Genauso erkläre ich es den Schülern auch.

    Ich habe die Regel in meiner jetzigen Klasse noch einmal umformuliert:
    Nach kurzem Selbstlaut folgen mindestens 2 Mitlaute. Wenn du nur einen hörst, verdopple ihn.


    Damit kommen Schüler, die lang-kurz unterscheiden können, nach einigem Üben gut klar. Die Unterscheidung ist allerdings ein massives Problem: Mal abgesehen vom hohen Anteil rechtschreibschwacher Schüler, die es nicht können / nicht hören oder massiv unsicher sind, haben auch Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache ein Problem damit, wir haben viele russischstämmige Kinder, die können das auch nicht. Auch zeitaufwändiges Üben bringt nur kleine Fortschritte.


    Leider sind auch andere Fähigkeiten so eingeschränkt, dass die beschriebenen Übungsmöglichkeiten kaum weiterhelfen, weil die Arbeit mit den Karteikarten eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeewig braucht und sich die Kinder mit Schwierigkeiten die Wörter trotzdem nicht merken. (Problem des Arbeitsgedächtnisses, das ist bei einigen meiner Schüler auf einem Level, welches üblicherweise beim Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung" auftaucht, wohlgemerkt bei normal intelligenten Kindern.)


    Die Regel mit dem h (j gesprochen) klappt auch nicht: Wir sprechen hier tatsächlich "blün" und "gen". Solange ich die Wörter vorspreche, mag es Kinder geben, die das "j" hören und daraus ein "h" machen können, sobald sie es selbstständig anwenden sollen, wird es schwierig.


    Ableiten funktioniert (bei halbwegs schreibfähigen Schülern) ziemlich gut.


    Was ich wirklich unangenehm finde ist, dass in den gängigen Lehrwerken immer wieder die sinnlosen Strategien trainiert werden und sogar unser LRS-Expertin nebst des von ihr favorisierten Verlages (mit Vögeln im Namen und sehr teuren Materialien) derartige Strategien ("bel-len") favorisiert.


    Eine interessante Fortbildung, die ich mal besuchte, ging nach linguistischen Prinzipien vor. Das wurde von einem Schweizer Professor entwickelt und soll laut Referentin effektiv sein. Mir fällt gerade nicht mehr ein, von wem das war oder wie es hieß. Man muss immer die betonten Silben finden ud nur diese werden bestimmten Rechtschreibstrategien unterzogen. Ich fand es relativ komplex, da würde man vermutlich eine Fortbildungsreihe benötigen.

  • Conni: Bezüglich der Karteikarten: Ich habe als Schüler selbst gerne mit der Lernwörterklinik gearbeitet. Geht das nicht in eine ähnliche Richtung?
    Bezüglich des Schweiter Professors: Meinst du die Fresch-Methode? Materialwiese arbeitet hiermit. Ich habe diese Methode bislang auch nicht ganz durchdrungen und frage mich, ob es wirklich eine derartig komplexe Methode im Rechtschreibunterricht braucht. Generell erscheint mir das ganze Gedöns mit Silbenschwingen und co. etwas befremdlich, aber gut - für jeden didaktischen Trend gibt es einen Abnehmer ;) .

    • Offizieller Beitrag

    Conni: Bezüglich der Karteikarten: Ich habe als Schüler selbst gerne mit der Lernwörterklinik gearbeitet. Geht das nicht in eine ähnliche Richtung?
    Bezüglich des Schweiter Professors: Meinst du die Fresch-Methode? Materialwiese arbeitet hiermit. Ich habe diese Methode bislang auch nicht ganz durchdrungen und frage mich, ob es wirklich eine derartig komplexe Methode im Rechtschreibunterricht braucht. Generell erscheint mir das ganze Gedöns mit Silbenschwingen und co. etwas befremdlich, aber gut - für jeden didaktischen Trend gibt es einen Abnehmer ;) .

    Lernwörterklinik: vermutlich ja. Davon wird es aber nicht schneller.
    Nein, kein Fresch, Fresch = Freiburger Rechtschreibschule. Die Methode, die ich da gesehen habe, kommt aus der Schweiz und arbeitet u.a. mit Moren. Ein wirklich völlig anderes Konzept. Ich fand es noch komplexer als Fresch.
    Naja, was machst du außer Silbenschwingen? Wie bringst du Rechtschreibung bei, welche Methode ist praktikabel?

  • @ Conni
    Von dieser Schweizer Methode habe ich irgendwo auch einmal gelesen. Ich habe mal gegoogelt.
    Da bin ich auf ein linguistisches Prinzip gestoßen, das sich nach der Betonung der Silben richtet. Das Konzept heißt "Vom Sprachrhythmus zur Rechtschreibung" und wurde von Dr. Zvi Penner entwickelt. Vielleicht meinst du das. Auf jeden Fall ist es ein anderer Ansatz.

  • Naja, was machst du außer Silbenschwingen? Wie bringst du Rechtschreibung bei, welche Methode ist praktikabel?

    Ich würde zunächst mit der Phonem-Graphem-Korrespondenz beginnen, dann die Rechtschreibung nach und nach phänomenorientiert und zwischendurch die Lernwörter, die keinen Regelmäßigkeiten folgen, behandeln. Das ist wahrscheinlich die klassische und für mich logischste Herangehensweise. Das kann man natürlich mit Silbenschwingen ergänzen, aber ich erkenne dabei keinen sonderlichen Nährwert, außer dass die Kinder noch deutlicher wahrnehmen, dass "Ha-se" aus zwei Silben besteht.

    Einmal editiert, zuletzt von Lindbergh ()

  • Das Silbenschwingen hat gerade bei schwächeren Schülern einen deutlichen Mehrwert. Es unterstützt die Wortdurchgliederung und hilft den Kindern sich auf kleine Einheiten der Worte zu fokussieren. Sonst neigen die Kinder dazu Ganzwörter abzuspeichern, was schnell in die Hose geht.

  • Das Silbenschwingen ist die absolute Basis für alle Kids mit LRS oder groben Rechtschreibproblemen oder auch für Lernanfänger. Besonders die Vokale werden zu Beginn häufig vergessen. Also muss die Regel mit den Silbenkapitänen eingeführt werden und es wird fleißig geschwungen.

  • Bei uns wird aus den genannten Gründen das silbische Prinzip bei der Rechtschreibung wieder mehr beachtet. Es unterstützt das genaue Abhören der Buchstaben. Ich habe das Gefühl, dass Wortdurchgliederungsfehler dadurch weniger vorkommen.
    Ebenso kommt in jeder Silbe ein Vokal, Zwielaut oder Umlaut vor, was beim analytischem Verständnis der RS hilft. Außerdem kann man über offene und geschlossene Silben ebenfalls RS-Phänomene erklären z.B. im Zusammenhang mit kurzen und langen Vokalen.


    Doch bei allen Strategien sollte klar sein, dass diese helfen bei der Richtigschreibung. Man kommt um das Eintrainieren der Wörter im Sinne von Automatisieren mit dem Focus auf die Rechtschreibphänomene bei den meisten Schülern nicht drum herum. Wenn man das Schreiben anwenden will, muss man nicht bei jedem Wort nachdenken müssen.

  • Erklärt einem Westfalen bitte, wie das klingt!

    2 Beispielsätze:


    - Ich glaube, das ist Peter. -> bayrisch: I glab, DES is da Peter.
    - Ich glaube, dass Peteer dumm ist. I glab, das(s) da Peter dumm is.


    Im Bayrischen spricht man "das"(Artikel) als "des" aus, "dass" kann man jedoch nicht als "des" aussprechen.

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