Singen verpönt ?

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    • Singen verpönt ?

      Hallo,

      anderswo entstand dieser Tage über das Singen im Musikunterricht eine Diskussion. Frau Kretschmann, Frau des grünen Ministerpräsidenten aus BaWü, bedauert, dass nicht mehr so viel gesungen wird in der Schule. Ich habe festgestellt, dass sich viele Lehrer (seltener natürlich die Musiklehrer) damit schwertun zu singen. Es ist ihnen peinlich und sie meinen oft, sie könnten es nicht. Dann las ich, dass in Westdeutschland das gemeinsame Singen eine Zeit lang verpönt war, d.h., diese Kinder sind ja nun die erwachsenen Lehrer, die sich davor scheuen. Oder? Wie habt ihr es erlebt?

      Zitat schrieb:

      “Während das Singen in der ehemaligen DDR eine ungebrochenen Tradition im Musikunterricht innehatte, die nie in Frage gestellt worden ist, kann man sagen, dass das Singen in der Bundesrepublik Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre weitgehend tabuisiert war. […]
      Die Lehrpläne Musik in der ehemaligen DDR legten für alle Klassen – besonders aber für die unteren und mittleren Jahrgangsstufen – das Singen als festen Bestandteil des Musikunterrichts fest.

      bildungsserver.berlin-brandenb…ik/lied_liedhistorie1.pdf

      Ich kann mich erinnern, dass wir viel gesungen haben - und ich auch gerne.
      Für alles gibt es ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von sofawolf ()

    • Ich singe unglaublich schlecht, jedoch auch unglaublich gerne - wenn ich alleine bin.

      Im Untericht (Musik, Englisch) haben wir sehr oft gesungen (bis in die 9. Klasse etwa).


      In meinen Praktika habe ich auch schon öfter im Musikunterricht hospitiert und „durfte“ dann den Kanon anleiten - man war das peinlich! :rotwerd: :victory:
      Teacher - a person who helps you solve problems you'd never have without them.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von xwaldemarx ()

    • Keine Ahnung, wo sich Frau Kretschmann so umsieht. Bei uns jedenfalls wurde, wird und wird viel gesungen werden und nicht nur im Musikunterricht, der sich natürlich nicht aufs Singen beschränkt.

      Jeder, der Musik in irgendeiner Weise in seiner Fächerkombi hat, hat im Studium Gesangsunterricht und Stimmbildung. Grundschullehrer können eh alles und wenn nicht, tauschen sie z.B. Musik gegen Kunst mit Kollegen oder greifen auf moderne Medien zurück.
      Be happy for this moment. This moment is your life.
    • Kann ich für meinen Musikunterricht am Gym ab '84 nicht bestätigen. Herrn Müllers Lieblingsbuch war das Liederbuch (weiß nicht mehr, welches. Hatte einen grün-orangen Kunststoffeinband und bot alles von "Hoch auf dem gelben Wagen" bis "Hey Joe"), und in fast jeder Stunde saß er am Flügel und donnerte, rechtes Pedal voll durchgetreten, die schmissigsten Lieder herunter. Besonders beliebt: "Fing mir eine Mücke heut" und "Sascha geizte stets mit Worten".

      In der 5 waren wir auch komplett für den Unterstufenchor verpflichtet. Vorsingen (benotet) mussten wir allerdings nicht, könnte mich jedenfalls nicht erinnern.
      Ironie im Netz ist wie eine Heugabel im vollen Fahrstuhl: Egal wie vorsichtig man ist, irgendein Idiot sticht sich daran immer ein Auge aus.
    • Ich habe leider erst spät im Erwachsenenalter (in meinen 30ern) angefangen, zu singen. Grund dafür waren tatsächlich extrem schlechte Erfahrungen, die ich im damaligen Musikunterricht gemacht hatte (gibt es Einzelvorsingen vor der Klasse heute noch?).
      Das ist jetzt natürlich sehr subjektiv, aber ähnlich schlechte Erfahrungen habe ich auch im Kunst- und Sportunterricht gemacht. Alle meine damaligen Lehrer dieser Fächer waren wohl der Auffassung, man müsse eine bestimmte Art von "Talent" für diese Fächer haben – Techniken, mit denen auch "untalentierte" Schüler besser werden können, habe zumindest ich in der Schule nie kennen gelernt. Musik: "Ja, das mit dem Singen … hast eben kein Talent, da kann man nichts machen.", Kunst: "Du musst nicht gut Zeichnen können, es kommt auf den künstlerischen Ausdruck an". Sport: "Geh in einen Fussballverein wie deine Klassenkameraden, da lernst du's." Vielleicht habe ich da auch eine Zeit mit einer seltsamen didaktischen Mode erwischt (die 80er).
      In meinem Unterricht würde ich schon singen, allerdings bin ich kein Musiklehrer und bei erwachsenen Schülern ergibt sich da nicht so oft eine Gelegenheit. ;)
    • Ich singe super gerne und kann es auch ganz passabel (für einen Laien halt). Ich mache es auch in der Schule super gerne mit meinen (insb.: jüngeren) Schülern, aber längst nicht so oft wie sie und ich es gern hätten, da ich auch immer einen inhaltlichen Mehrwert haben möchte; das macht's dann schwerer passende Stücke zu finden. Was mir außerdem häufig fehlt: Die passende Begleitung. Damit macht es mMn einfach gleich nochmal viel mehr Freude weil es oft schöner klingt als reine Gesangsbeiträge und es gibt den Schülern mehr Halt wenn sie ein Lied noch nicht kennen.
      Warum Trübsal blasen, wenn man auch Seifenblasen kann?
    • Philio schrieb:

      Ich habe leider erst spät im Erwachsenenalter (in meinen 30ern) angefangen, zu singen. Grund dafür waren tatsächlich extrem schlechte Erfahrungen, die ich im damaligen Musikunterricht gemacht hatte (gibt es Einzelvorsingen vor der Klasse heute noch?).
      genau so ging es mir auch :)

      Singen gelernt habe ich für das Studium an der pädagogischen Hochschule bzw. im Studium. Da war/ist es Voraussetzung, dass man genau so singen kann in der Tonhöhe wie das geforderte Lied nun mal da steht. Mein "NichtSingen" können hat mich ein zusätzliches Studienjahr gekostet....wobei ich sagen muss, gottseidank hat mich meine damaliage Musikdozentin darauf hingewiesen, dass ich die Zwischenprüfung nicht schaffen werde. Dieses Jahr zustäzlich hat mir auch persönlich viel gebracht. Singen lernt man nicht einfach auswendig, Singen braucht Zeit.

      Naja gut singe ich immer noch nicht :) wobei ich im Diplomzeugnis sogar ein "gut" stehen habe in Musik. Wir singen täglich mehrmals im Unterricht (Guten-Morgen-Lied, Znünilied, Abschiedslied...). Jetzt habe ich mir damit geholfen, dass wir mit CDs singen. Die Kinder lieben es. Und am Abschlussfest haben sie sogar alleine zu einer PlaybackCD gesungen.
    • Sowohl meine eigene Schule als auch meine Abordnungsschule, wo ich 2,5 Jahre war, würden von sich behaupten, dass sie Musik und singen großschreiben, was deutlich werde an Musik-AGs, Auftritten etc.

      Ich selbst singe im Reliunterricht gern mit den Schülern, und die meisten Schüler tun das auch gern. Man kann dann auch gut über die Lieder sprechen und diskutieren.
      Bei nicht wenigen der anderen Fächer und Kollegen habe ich aber tatsächlich den Eindruck, dass das Singen bei ihnen verpönt ist oder zumindest als Zeitverschwendung gesehen wird.

      Man muss dabei zugeben, dass sich das Singen sicher nicht in jedem Fach anbietet. Aber einige Kollegen, mit denen ich darüber ins Gespräch komme, sagen, dass sie das Singen für „unintellektuell“ und Indoktrination halten - wohl auch ein bisschen adressiert an mich mit meinem Fach Religion.


      (Falls ich mir die Bitte erlauben darf: Bleibt bei Euren Antworten bei der Leitfrage; es muss nicht zum 1000. Mal diskutiert werden, ob Kirche und Religionsunterricht nicht längst abgeschafft gehören.)
    • @Philio Bei uns am Gym wird sowohl im Grundlagen- als auch im Schwerpunktfach einzeln und benotet vorgesungen. Ich finde das... naja. Ich habe letztens gehört, dass der Kanton Aargau neuerdings in der Mittelstufe wählen lässt, ob Kunst, Musik oder Sport promotionsrelevant sein soll. Wenn das stimmt, fände ich das eine sehr gute Sache. Es stinkt mir nämlich ziemlich, dass eben auch vollkommen talentfreie Schüler genötigt werden, als promotionsrelevantes Wahlpflichtfach Kunst oder Musik zu belegen, Sport aber bei uns grundsätzlich nicht promotionsrelevant ist.
    • Also ich wüßte keinen sinnvollen Grund, warum man in einem anderen Fach als Musik in der Sekundarstufe singen sollte. Wenn wir jetzt auch damit anfangen, dann wundert es mich immer weniger, dass außerhalb der Schule die Lehrer keiner mehr ernst nimmt...

      Und was die Frau eines grünen MP, der trotz seines Berufs nicht gerade durch zweckdienliche Führungskompetenz im Bildungsbereich auffällt, als Privatmeinung äußert, interessiert mich erst recht nicht. Soll sie doch ihrem Mann vorschlagen, im baden-württembergischen Landtag mehr zu singen, wenn sie meint, dass dadurch irgendetwas Positives bewirkt wird. Die Menschen in B-W hätten es verdient...

      Gruß !
      Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

      "In theory there is no difference between theory and practice. In practice there is." (Yogi Berra)
    • Ich singe nicht gut, aber gern. Und meine Schüler müssen in Deutsch und Geschichte immer wieder mit mir singen. Manchmal bekomme ich einen Schüler als Begleitung mit der Klampfe oder Flöte, oft singen wir aber zu utube (instrumentals gibt es zu vielen Liedern.)

      Was wäre der Vormärz ohne Lieder? Was die 50er ohne Schlager? Oder die Romantik?

      Manche Klassen finden es lustig, manche mögen es gar nicht. Aber sie machen mit. Und die Inhalte setzen sich - zur romantischen Lyrik hat dann doch jeder in der Interpretation das Volksliedhafte erwähnt - hurra!
    • Ich als "Grundschultante" singe wirklich schlecht und nicht gerne. Zum Glück muss ich keinen Musikunterricht erteilen und für Englisch gibt es CDs. Playback geht immer und Veranstaltungen, bei denen man mich zum Mitsingen animieren möchte sind mir suspekt.
      Vielleicht liegt das auch an meinen eigenen Horrorerfahrungen im eigenen Musikunterricht. Da mussten wir vorsingen. Ich hab lieber eine Note schlechter im Zeugnis genommen.
      Außen schwarz und innen dunkler.
    • Hamilkar schrieb:

      ...Bei nicht wenigen der anderen Fächer und Kollegen habe ich aber tatsächlich den Eindruck, dass das Singen bei ihnen verpönt ist oder zumindest als Zeitverschwendung gesehen wird.

      Man muss dabei zugeben, dass sich das Singen sicher nicht in jedem Fach anbietet. Aber einige Kollegen, mit denen ich darüber ins Gespräch komme, sagen, dass sie das Singen für „unintellektuell“ und Indoktrination halten - wohl auch ein bisschen adressiert an mich mit meinem Fach Religion ....

      Das liegt vielleicht an Aussagen wie dieser aus der (westdeutschen) Vergangenheit:

      Auszug: “...von dem Auslöschungsdrang waren nicht nur die ideologisch gefärbten Gesänge der Nazidiktatur betroffen – deren alten Töne sich im Übrigen bis in den 1960er Jahren in manchen Liederbüchern gehalten hatten (Segler u. Abraham 1966, S. 85ff.) –, es standen auch jene Lieder bereits unter Generalverdacht, denen allein durch das Vorkommen der Knäblein, Röslein und Mägdelein der Geruch des Völkischen anhaftete. Dieses Repertoire passe eher in die Spinnstube und der singende Musiklehrer wurde schnell zum belächelten Museumswächter unter seiner Dorflinde. Volkslieder galten als kleinbürgerlich und wurden in den Musikantenstadl verbannt: Singen ade, scheiden tut (nicht) weh. Noch deutlichere Worte über die „anachronische[n] Relikte“ findet Heinz Lemmermann in seiner Situationsbeschreibung: „Lieder sind für viele nur der Traditionsmüll der Schulmusik und gehören entsprechend auf die Schutthalde“ (Lemmermann 1977, S. 184).” [Hervorhebung von mir]

      bmu-musik.de/fileadmin/Medien/…aktuell_4_Oberschmidt.pdf
      Für alles gibt es ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von sofawolf ()

    • plattyplus schrieb:

      Für mich ist das Singen des Kollegiums bei Schüler-Verabschiedungen DER Grund so einer Veranstaltung komplett fernzubleiben.
      Habe da immer das Gefühl, daß wir uns damit absolut lächerlich machen.

      Nun, das liegt womöglich an der Prägung aus deiner Schulzeit (siehe meinen vorherigen Kommentar)!
      Für alles gibt es ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.
    • Ich singe quasi wo ich gehe und stehe und kann's auch recht gut (sagt man mir zumindest). Allerdings ist das erst so, seit ich mindestens 16 bin, und das lag tatsächlich am Musikunterricht.

      Ich war schon immer extrem musikalisch, allerdings früh im Stimmbruch und bekam deshalb in der sechsten Klasse massig Vieren, weil die ganze Klasse im schönsten Sopran "alle Vögel sind schon da" trällerte, während ich brummte wie... naja... ein LKW, der gerade einen der Vögel überfahren hat oder sowas.
      Das war WIRKLICH traumatisch im einzigen Fach, in dem ich damals eigentlich richtig super war, und das singen hab ich erst so etwa in der Oberstufe wieder für mich entdeckt.

      Bei den Jungs in der Schule habe ich aber den Eindruck, dass sehr viele gern singen. Halt ihre aktuelle Musik, aber ehrlich, wer hat schon je freiwillig als Jugendlicher das Zeug der alten gesungen?
      Mir hat auch schon eine ganze Klasse ein Ständchen gebracht... im Nachmittagsunterricht... "Bruder DpB, schläfst Du noch" :D
      Pleased to meet you, hope you guess my name.
    • Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man Lieder für "etwas Schlechtes" halten kann / konnte, aber ich lebe ja eben auch im Osten, wo das nie so gesehen wurde (siehe Zitate oben).

      Schade finde ich nur, dass viele heutzutage nur noch Englisch hören und singen wollen, wo man nichts oder wenig versteht, und (manche) Lehrer das auch noch mitmachen und im Musikunterricht und bei Schulveranstaltungen bevorzugt englisch singen.
      Für alles gibt es ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.