Taschenrechner im Unterricht in Mathe, aber auch in anderen Fächern

  • Guten Abend zusammen,


    ich bin kein Lehrer, spiele jedoch mit dem Gedanken damit einer zu werden.


    Darf man als Lehrer die Benutzung eines Taschenrechners verbieten und Aufgaben zum Beispiel so stellen, dass immer mit 'runden' Zahlen gerechnet wird? Zum Beispiel stelle ich mir das so vor, dass ich, je nach Leistungsstand des Kurses sogar das Ergebnis vorgeben würde und die Schüler müssten 'nur' auf einen richtigen Weg kommen.


    Ich finde es erschreckend wie wenig teils Kommilitonen an der Uni im Kopf rechnen können und das sogar bei uns Informatikern.


    Wie steht ihr zur Benutzung von Taschenrechnern im Unterricht?

  • Bei uns werden die Taschenrechner je nach Schulzweig in der 7. oder 8. Klasse eingeführt.
    Vorher darf kein eigener verwendet werden und es muss alles im Kopf oder schriftlich gerechnet werden. Danach muss man ihn im Unterricht verwenden lassen.


    In den Abschlussprüfung nach Klasse 10 in Mathe gibt es immer einen Teil, der ohne Taschenrechner absolviert werden muss. Daher übe ich diese Rechenverfahren (einfache Prozentrechnung oder halbschriftliches Teilen) immer wieder "per Hand" auch wenn es unfassbar mühsam ist.


    In Physik lasse ich immer den Taschenrechner verwenden. Wer die Formeln kennt und korrekt umstellen und die Werte einsetzen kann, der darf für den letzten halben Punkt gerne die Werte in den Rechner tippen. Darum geht es mir im Fachunterricht nicht.

  • Pi ist gleich 4, oder wie stellst du dir das vor? :stumm:


    In der Oberstufe geht es nicht ohne Taschenrechner. Außerdem geht es da um Mathematik und nicht um Rechnen... :pfeifen:

    Muss man denn, um bei deinem Beispiel zu bleiben, Pi oder andere Konstante immer ausrechnen? Das Ergebnis kann auch meinetwegen 3Pi sein.


    Und schließt die Förderung von Rechenkompetenzen das Erlernen der Mathematik aus?

  • Muss man denn, um bei deinem Beispiel zu bleiben, Pi oder andere Konstante immer ausrechnen? Das Ergebnis kann auch meinetwegen 3Pi sein.


    Und schließt die Förderung von Rechenkompetenzen das Erlernen der Mathematik aus?

    Klar kann das Ergebnis auch 3Pi sein. Hilft dir aber nix, wenn du‘s in ein herkömmliches Koordinatensystem eintragen sollst.


    Rechnen ist eine stupide Aufgabe, die in vielen Fällen von einem Taschenrechner besser und schneller erledigt werden kann. Warum sollte ich da auf den Taschenrechner verzichten? Es geht nicht ums Rechnen sondern darum, mathematische Zusammenhänge zu verstehen... Technische Rechnerei muss zwar manchmal sein, aber hat mit Mathematik meiner Meinung nach wenig zu tun.


    Mein WTR rechnet mir eine kumulierte Wahrscheinlichkeit auf Knopfdruck... Wieso in aller Welt sollte ich das von Hand machen wollen?

  • Ich finde den Umgang mit TR wichtig, ebenso aber auch das Kopfrechnen und Nachdenken über Ergebnisse.
    In der Chemie versuche ich daher immer Verständnisfragen mit einzubauen (was passiert, wenn Zähler oder Nenner größer wird, wie ändert sich der Wert).
    Wenn man aber nah am Beruf bleiben will, also an der Praxis für die Schüler kommt man um echte Werte nicht drumherum und dann braucht es einen Taschenrechner.
    Da ich eher geschockt bin, wie viele Schüler in der 11. und 12. nicht damit umgehen können, ist die Arbeit damit umso wichtiger.


  • Darf man als Lehrer die Benutzung eines Taschenrechners verbieten und Aufgaben zum Beispiel so stellen, dass immer mit 'runden' Zahlen gerechnet wird? Zum Beispiel stelle ich mir das so vor, dass ich, je nach Leistungsstand des Kurses sogar das Ergebnis vorgeben würde und die Schüler müssten 'nur' auf einen richtigen Weg kommen.

    Das führt zu massiven Fehlvorstellung. Die meisten Zahlen sind nicht "rund".


    Das Verständnis aller Zahlenräume jenseits der natürlichen Zahlen wäre nicht möglich.
    Du müsstes ganze Klassen von Aufgaben weglassen, z.B. wenn du Brüche in Dezimalbrüche umwandeln läßt.
    Dir gehen mathematisch tiefgreifende Phänomene verloren, z.B. die Betrachtung der Stabilität von Lösungen.
    Deine Schüler würden nie lernen bei Problemlösungen Zahlen auf ihre signifikanten Stellen zu untersuchen.


    Letztendlich gießt du mit dem Ansatz das Kind mit dem Bad aus, wie man so schön sagt.


    Natürlich macht es Sinn, auch das Kopfrechnen zu üben, aber die Einführung des Taschenrechners markiert in der Regel den Übergang vom Fokus "Rechnen" zum Fokus "Strukturen".
    Ich mache durchaus auch in höheren Klassen regelmäßige kurze Kopfrechentest, aber nutze dann im "Hauptunterricht" den Taschenrechner. Es geht da schlicht um andere mathematische Kompetenzen.

  • Wieso sollte es in der Oberstufe nicht ohne Taschenrechner gehen? Was ist das denn für eine völlig hirnrissige Aussage. Mit Ausnahme von großen Teilen der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik waren bisher selbst die meisten CAS-Abituraufgaben ohne Taschenrechner lösbar. Es hat schon einen Grund, dass die meisten Universitäten keinen CAS, keinen GTR und teilweise auch keinen fx-991 (kein Plan wie das Konkurrenzmodell von TI heißt) in Prüfungen zulassen. Eben weil man es auch ohne kann und können sollte (außer im Mathematikstudium...da ist jede Art von Taschenrechner völlig nutzlos, weil es keine Aufgaben gibt, in denen man ihn brauchen könnte).

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Bei unseren Mathe Abiklausuren gibt es immer einen Teil, der ohne CAS gelöst werden muss. Es muss aber auch einer mit gelöst werden. Verbieten geht also teilweise.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Ganz ohne Taschenrechner geht es in der gymnasialen Oberstufe nicht, aber, wie schon beschrieben, es ist natürlich möglich, mit 3Pi zu rechnen oder eben mit Brüchen statt mit Dezimalzahlen. Sinnvoll ist das Rechnen ohne Taschenrechner z.B. dann, wenn es darum geht, zu überschlagen, um herauszufinden, ob das Ergebnis realistisch ist. Außerdem gehört für mich als mathematische Kompetenz am Übergang Sek I/Sek II auch der bewusste Gebrauch vom Taschenrechner dazu. Bedeutet: Schüler sollten überlegen, ob bei einer Aufgabenstellung der Taschenrechner eine sinnvolle Hilfe ist oder nicht. Es gibt durchaus Aufgabenstellungen im Bereich der Linearen Algebra oder der Analysis, bei denen routiniertes Kopf- bzw. schriftliches Rechnen voll und ganz ausreichen.


    Mit freundlichen Grüßen

  • Danke für die vielen Meinungen! :)


    Jedenfalls fühle ich mich darin bestätigt, dass es durchaus Sinn macht auch ab Einführung des TR weiterhin das Kopfrechnen zu fördern, auch wenn die Benutzung des TR natürlich durchaus Sinn macht.

  • Bei uns an der Schule wird ein Teil der Mathe-Matura komplett ohne TR gelöst. In der Chemie überlege ich mir sehr genau, wann ich den TR zulasse und wann nicht. Wenn ich möchte, dass die SuS sich gedanklich wirklich mit dem stöchiometrischen Problem und nicht mit den blossen Zahlen auseinandersetzen, dann wähle ich "runde" Zahlen und wir packen den TR weg. Andererseits lasse ich im Schwerpunktfach aber ebenso bewusst auch mal Gleichungssysteme in den GTR einhacken und dann gibt es eben fürs x mehrere Lösungen, aus denen man eine sinnvolle (mol kann z. B. nicht negativ sein ...) auswählen muss, auch das hat durchaus einen didaktischen Mehrwert.

  • Kopfrechen fördern wäre eine super Sache, aber auf meiner Stufe ist die Schlacht schon verloren. Ausserdem habe ich die Zeit schlicht und einfach nicht, der Lehrplan ist randvoll. Gleichungen lösen, CAS und Grafik dürfen Taschenrechner bei uns nicht haben. Was wir allerdings verwenden, sind die Funktionen der beschreibenden Statistik: Standardabweichungen, Korrelationskoeffizient und Regressionsgerade ohne die Statistikfunktionen wäre ein Alptraum. In der Stochastik verwenden wir aktuell noch kumulierte Binomialtabellen, aber ab nächstem SJ steigen wir auch hier auf die Taschenrechnerfunktion um :)

  • Ich halte es nicht für sinnvoll auf so ein wichtiges Hilfsmittel zu verzichten. Heutzutage hat jedes Handy einen Taschenrechner... Wieso muss ich mir da noch einen abbrechen und etwas im Kopf rechnen? Man kann sogar Siri oder Alexa fragen, was rauskommt...


    Wenn‘s im Kopf schneller geht (1+1) meinetwegen. Aber komplizierte Rechnungen unbedingt im Kopf zu verlangen, sehe ich nicht ein.


    Ich hänge aber auch nicht an der Handschrift oder der Tafel und bin generell einfach nicht nostalgisch veranlagt.

  • Lösungswege lassen sich auch abstrakt, ohne Zahlen, darstellen.
    Dies ist sogar eine gute Übung, um bewusst zu machen, was man da eigentlich rechnet.
    Besonders schön geht dies im EDV-Unterricht, wenn SuS mittels Tabellen-Kalkulation Vorlagen für bestimmte Aufgabentypen erstellen (quasi "Programmieren des kleinen Mannes").

  • Gleichungen lösen, CAS und Grafik dürfen Taschenrechner bei uns nicht haben. Was wir allerdings verwenden, sind die Funktionen der beschreibenden Statistik: Standardabweichungen, Korrelationskoeffizient und Regressionsgerade ohne die Statistikfunktionen wäre ein Alptraum. In der Stochastik verwenden wir aktuell noch kumulierte Binomialtabellen, aber ab nächstem SJ steigen wir auch hier auf die Taschenrechnerfunktion um :)

    So habe ich es als Schüler selbst noch erlebt. :)

  • Ich glaube, dass ich weiter von @MrsPace wegklinge als ich bin. Gegen einen normalen wissenschaftlichen Taschenrechner habe ich nichts, der darf an Unis auch genutzt werden, dann ist es sinnvoll den auch in der Oberstufe zu nehmen, obwohl man auch da 1/4 - 1 nicht notwendigerweise mit dem Taschenrechner lösen muss. Der GTR/CAS Zwang in NRW ist aber völlig blödsinnig und eine reine Werbemaßnahme für Casio und TI. Wieso müssen die Schüler um die 100€ ausgeben für ein Gerät, dass es in App-Form für 3€ gibt und das nach dem Abitur völlig unbrauchbar für sie ist?

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Das führt zu massiven Fehlvorstellung. Die meisten Zahlen sind nicht "rund".

    Ich hatte mal einen Schüler in der Oberstufe, der hat mir bei ersten Klassenarbeit nur ein zerknülltes, durchgestrichenes Blatt abgegeben. Seine Erklärung: "Meine Ergebnisse können nicht stimmen, da kamen nie gerade Zahlen raus." Da hat wohl ein Mittelstufenkollege eine Klasse in Watte gepackt und bei Klassenarbeiten nur mit geraden Zahlen gearbeitet.

    »...Aus Mettwurst machste kein Marzipan! «
    Bernd Stromberg

  • Im Grunde wird es selbst in der Grundschule schwierig, wenn man Aufgaben so auswählt, dass nur gerade Zahlen als mögliche Ergebnisse herauskommen können.

  • Ich glaube, dass ich weiter von @MrsPace wegklinge als ich bin. Gegen einen normalen wissenschaftlichen Taschenrechner habe ich nichts, der darf an Unis auch genutzt werden, dann ist es sinnvoll den auch in der Oberstufe zu nehmen, obwohl man auch da 1/4 - 1 nicht notwendigerweise mit dem Taschenrechner lösen muss. Der GTR/CAS Zwang in NRW ist aber völlig blödsinnig und eine reine Werbemaßnahme für Casio und TI. Wieso müssen die Schüler um die 100€ ausgeben für ein Gerät, dass es in App-Form für 3€ gibt und das nach dem Abitur völlig unbrauchbar für sie ist?

    Ich sprach von einem normalen WTR... CAS/GTR gibt es in BaWü schon ne ganze Weile nicht mehr...

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