Entwicklung des Lehrerberufs

  • Lieber Lehrerinnen und Lehrer,


    mich treibt derzeit die Frage um, wie sich der Lehrerberuf zukünftig wohl entwickeln wird. Wie sieht in dieser Hinsicht eure Prognose aus?


    Wärt ihr, mit dem Wissen über die Zustände von heute, weiterhin Lehrer geworden?


    Viele Grüße!

  • Ob du es glaubst oder nicht, hab ich mir letztens auch schon überlegt dazu einen thread hier zu eröffnen.


    Mich treibt das wirklich um.


    Meinen langen Text werd ich noch mal überarbeiten.

  • Es gibt drei Möglichkeiten:


    - Es bleibt, wie es ist.


    - Wir fallen der Digitalisierung zum Opfer. Wenn auch als einer der letzten Bereiche, nach uns kommen nur noch die Erzieher. Das würde bedeuten, dass die Schüler sich von zu Hause aus zuschalten, um am Unterricht per skype (oder wie das dann heißt) teilzunehmen. Aufgaben gibt es per Plattform (moodle, weiterentwickelt halt) Bis dahin ist beides selbstverständlich gekoppelt. Für die Primarstufe wird das wohl nicht gelten, ich kann mir das aber ab Klasse 7 gut vorstellen, auf jeden Fall für den beruflichen Bereich. Dies ist insbesondere dann denkbar, wenn ein Großteil der Menschen ihre Jobs in der Produktion oder im Büro verlieren. Schon heute hat eine große Firma in Shanghai alle Büromitarbeiter durch ki ersetzt. Natürlich braucht man auch in der Produktion keine Menschen mehr außer Ingenieure, Informatiker und Wachpersonal. Das gilt auch für den Bereich Verkauf, man braucht nicht einmal mehr Kassen (Bargeld gibt es dann ja auch nicht mehr), alles wird abgebucht. Die Eltern sind also fast alle zu Hause und können und wollen ihre Kinder selbst betreuen.


    - Das Gegenteil ist der Fall - gerade in der Erziehung setzt man auf Kleingruppen und intensive Betreuung, um Talente zu finden und zu entwickeln (die wir heute schon dringend brauchen). Ich kann mir hier auch gut eine Zweiklassenbildung vorstellen - die Kinder mit hohem IQ und bei guter Gesundheit in Forderkursen, der Rest im verstärkten Unterhaltungsmodus, bei dem ein paar Grundlagen gelehrt werden. Was man braucht, um Brot und Spiele genießen zu können. Die begabten Kinder (genetisch produziert/ausgewählt?) kann ich mir auch gut in Internaten vorstellen, ähnlich, wie Hochbegabteninternate heute schon funktionieren. Natürlich kostenfrei, man bildet ja die Produktiven der Zukunft heran.


    Ich denke, dass sich in den kommenden 20 Jahren die Weichen dafür stellen. Gottseidank bin ich bis dahin auf dem Weg in den Ruhestand. So es den noch gibt.

  • Die "Digitalisierung" wird nicht zur Schließung der Schulen führen. Neben der "Bildung" ist ja die "Erziehung" (= Sozialisation) eine der Hauptaufgaben von Schule und die funktioniert nicht alleine vor dem PC. Außerdem: Wer soll denn die "lieben Kleinen" beaufsichtigen und beschäftigen, wenn die Eltern beide arbeiten sollen, so wie es die Wirtschaft will?


    Was aber passieren wird:


    - Der Lehrerberuf wird immer mehr zum Frauenberuf mit allen Folgeerscheinungen (gesellschaftliche Wertschätzung, Bezahlung usw., sieht man alles sehr schön im Pflegebereich)


    - Die Bezahlung der Lehrkräfte wird vom restlichen öffentlichen Dienst abgekoppelt werden, d.h. relativ gesenkt werden. Die Lehrkräfte sind jetzt schon die größte und teuerste Gruppe im Dienst der Länder und das lässt sich mit dem steigenden Bedarf (Ganztagsschule, Inklusion, schwierigere Klientel) nicht vereinbaren. Da die Länder in Zeiten des demographischen Fachkräftemangels in den Nicht-Lehramtsberufen (z.B. IT, Ingenieure, Juristen usw.=) konkurrenzfähig sein müssen, können sie deren Gehaltssteigerung nicht auch noch zusätzlich an die Lehrkräfte weiterreichen. In Zeiten der "Schuldenbremse" schon gar nicht.


    - Die Pensionen werden gekürzt werden und genau wie die Renten langfristig durch ein "Grundeinkommen" (ca. 1000€ pro Monat und Person) ersetzt werden.


    - Es wird immer mehr Privatschulen ohne Inklsion, Integration usw. geben, auf welche die "Leistungsträger" ihre Kinder schicken werden, spätestens wenn das Gymnasium zur neuen Gesamtschule wird. In Folge davon wird die Finanzierung der öffentlichen Schulen unter Legitimationsdruck kommen, was ein weiterer Faktor für die genannten finanziellen Kürzungen sein wird.


    - Zudem wird das Lehramtsstudium immer mehr zum "Restestudium", da die intelligenten Studenten diese Entwicklungen antizpieren werden und lieber Arzt, Informatiker, Ingenieur, Naturwissenschaftler werden, auch weil sie dann sehr leicht das Land verlassen und im Ausland arbeiten können (Stichwort: "Globalisierung"). Um überhaupt noch Lehrer zu bekommen, wird man einen Bachelor-Anbschluss als ausreichend betrachten, was wiederum eine zusätzliche Legitimation für die Gehaltskürzungen sein wird.


    Gruß !

  • Hallo Mikael,


    in vielen Punkten bin ich bei dir, aber beim Thema Arbeit bin ich mir ziemlich sicher, dass die Zahl der Arbeitslosen durch die Digitalisierung erheblich steigen wird.
    siehe oben.

  • Was die Zukunft bringen wird, kann man soooo genau nicht sagen.


    Aber für mich steht fest, dass ich heute als junger Mensch diesen Beruf, so wie er jetzt im Moment grad ist, nicht ergreifen würde. Ich wäre sicher auch eine Andere, weil ich ja auch durch ein anderes Schulsystem gegangen wäre.


    Das heißt nicht, dass ich meine Berufswahl bereue. Ich bin auch froh, dass ich analog und digital unterrichten kann. Wenn der Strom ausfällt, kann ich auch 45 Minuten füllen. Mach ich eh am liebsten.


    Das fällt der jüngeren Generation zunehmend schwerer.


    Ich frage mich auch, ob es überhaupt noch um Wissensvermittlung gehen wird. Kann man sich das nicht bei Bedarf kaufen. Brainhacking oder so...???


    Ein bisschen in eine Art Schule werden junge Menschen sicher kommen müssen. Schon um die ganzen Erziehungsfehlleistungen ausgleichen zu können. Da gebe ich Mikael recht, das as auch Auswirkungen auf die Bezahlung haben wird. Negative Auswirkungen.

  • Aber für mich steht fest, dass ich heute als junger Mensch diesen Beruf, so wie er jetzt im Moment grad ist, nicht ergreifen würde.

    ...Ich auch nicht :(
    Obwohl ich gern Lehrerin bin, würde ich mich heute anders entscheiden, wenn ich nochmal am Anfang wäre.

  • ... aber beim Thema Arbeit bin ich mir ziemlich sicher, dass die Zahl der Arbeitslosen durch die Digitalisierung erheblich steigen wird.

    Die Anzahl derjenigen, die den steigenden Anforderungen in Ausbildung / Studium / Beruf nicht gewachsen sind, wird zunehmen, ganz klar. Aber es wird kein "Massenphänomen" im Sinne von 50% Arbeitslosen werden. Bei den wirklichen "Fachkräften" (anspruchsvolle Ausbildung, anspruchsvolles Studium) wird sich die Mangelsituation aber aus demographischen Gründen verschärfen. Es hat eben nicht jeder die kognitiven Fähigkeiten und / oder die Disziplin für bestimmte Berufe.


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Hallo Mikael,


    wie viele sind es, die "wichtige Berufe" haben, die KI steuern und nicht durch sie ersetzt werden?
    5% der berufstätigen Bevölkerung? Vielleicht 10%?


    Wen braucht man denn noch?
    Geisteswissenschaftler? Ein paar versprengte.
    Juristen? Vielleicht noch als Richter, den Job eines Anwalts kann KI übernehmen.
    In wenigen Jahren können Rechner auch selbst programmieren, dann braucht man auch viel weniger Informatiker.


    Und bei den Angestellten im kaufmännischen Bereich? Über 50% aller Berufstätigen sind Angestellte, darunter 17 % im kaufmännischen Sektor. Und davon braucht man nur noch eine geringe Zahl zur Überwachung.
    Alle einfachen Jobs und Jobs in der Produktion können komplett ersetzt werden.


    Nach meiner Rechnung sind wir da ganz schnell bei über 50% Arbeitslosen.

  • Ersten ist die Digitalisierung in Form der "künstlichen Intelligenz" noch lange nicht so weit, das "Allround-Talent Mensch" zu ersetzten. KI kann aktuell nur ganz spezialisierte Aufgaben lösen. Alles, was Kreativität und Empathie erfordert, ist noch weit außerhalb der Reichweite der KI. Programme können sich noch lange nicht selbst schreiben, Roboter und Maschinen können sich nicht selbst entwickeln oder warten. Auch die ganzen Berufe, in denen handwerkliche Fähigkeiten, die nicht immer den gleichen Abläufen folgen, gebraucht werden, werden uns noch lange erhalten bleiben (Klempner und Elektroinstallateur haben sicherlich Zukunft!). Zudem explodiert die Nachfrage nach Fachkräften im sozialen Bereich aus vielen Gründen (aber es hat natürlich nicht jeder Lust darauf, da die Arbeit oft anstrengend und speziell in Deutschland schlecht angesehen und bezahlt ist).


    Nein, die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Das wurde schon übrigens oft prognostiziert: z.B. von Rifkin in den 90er-Jahren ("Das Ende der Arbeit") oder von der IG Metall in den 80er-Jahren (woraufhin diese massiv die 35-Stunden-Woche gefordert hat). Der Pool derjenigen, die zur qualifizierten Ausbildung und Arbeit, die international konkurrenzfähig ist, in der Lage ist, wird aber speziell in Deutschland abnehmen. DAS ist das Problem für uns.


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Ich kann (leider) viel von euch unterschreiben, leider auch die Entwicklung, dass viele junge Kollegen verzweifeln, wenn sie mal eine Stunde komplett analog unterrichten müssen. In den vergangenen Jahren habe ich einige Refis betreut und zumindest in meinem Fall sehe ich eine Verschiebung des Fokus weg von Inhalten und Fachkompetenzen hin zum "smarten Speicher".
    Mein aktueller Ref sitzt mir bei Besprechungen mit dem Smartphone gegenüber, tackert irgendwas ein, fotografiert wie wild meine Tafelbilder, Skizzen etc. Zwei Tage später fragt er genau den Kram nach, den ich mit ihm besprochen habe.
    Auch beim Schulrecht habe ich schon mehrfach mit ihm bestimmte Passagen besprochen, die Inhalte landen aber nicht in seinem Hirn, sondern lediglich als pdf auf seinem Smartphone.
    Und dieses Phänomen zeigt sich eben auch bei den Schülern. Wissen ist heute nur einen Klick entfernt, aber wirkliches Lernen und Verstehen scheint für viele unnötig zu sein.


    Als wirkliches Problem sehe ich auch die Haltung, dass man ständig erreichbar sein sollte [sic!] Nicht nur mein Ref schickt mir sonntags Nachrichten, sondern auch Schüler glauben wirklich, dass ich ihre Email von vor 5 Minuten gelesen habe. Soooo alt bin ich nun auch nicht, aber ich hätte mich nicht gewagt meinen Mentor sonntags anzuschreiben oder von meinem Lehrer zu erwarten, dass er ständig verfügbar ist.


    Ich möchte auch nicht alles verteufeln. Ich freue mich, wenn ich in einem Raum mit Internetanschluss, Beamer und Dokumentencam bin und nutze sie auch regelmäßig.
    Mittlerweile bin ich aber davon abgekommen, z.B. mein Buch darunter zu legen, nur damit die Schüler ihre eigenen nicht mehr mitbringen müssen. Nennt es spießig, oldschool oder wasweißich, ich versuche meine Schüler damit zu einer gewissen Arbeitshaltung zu erziehen. Die Anzahl der Schüler und Schülerinnen, die nur noch mit einer kleinen Handtasche oder ohne alles außer Smartphone in die Schule kommen, war bei uns in den letzten Jahren so stark angestiegen, dass ich auf solche Methoden zurückgreife. Auch das Fotografieren meiner Tafelbilder akzeptiere ich nicht (außer in Ausnahmefällen).


    Im aktuellen Schuljahr unterrichte ich eine Klasse, in der viele Schüler eher dörflichen Usprungs sind. Die Eltern sind interessiert, kamen fast vollständig zu den Elternabenden (trotz Sek II !). Alle haben ein Handy, aber ich musste ungelogen erst 2 mal in diesem Schuljahr jm wegen der Nutzung im Unterricht ermahnen. Auch lange Tafelbilder werden ohne Murren abgeschrieben und die Heftführung der meisten ist ein wahrer Lehrertraum.
    In der Parallelklasse sieht es ganz anders aus: Ständiges Ermahnen wegen Handynutzung, widerwilliges Benutzen der Hände zum analogen Schreiben etc.
    Bei ähnlichen Klausuren hat die erste Klasse einen besseren Schnitt von mehr als einer ganzen Note. Ein Zusammenhang mit dem Arbeitsverhalten ist für mich ganz deutlich erkennbar, zumal gerade in Deutsch in der Sek II Routine im Schreiben eine große Rolle spielt. Wird dies im Verlauf des Schuljahres verweigert bzw. als nicht wichtig empfunden, kann es eben auch bei den Klausuren kaum was werden.



    Ich will meine Schulzeiten nicht beschönigen. Ich war mit Sicherheit auch kein Musterschüler und für damalige Verhältnisse bestimmt auch mal frech. Ich habe mit Freunden über Lehrer gelästert und zu Hause geschimpft. Lehrer waren aber definitiv Respektpersonen. ICH habe Ärger bekommen, wenn ich schlechte Noten geschrieben habe, nicht der Lehrer wurde für meine Leistungen verantwortlich gemacht. Meiner Auffassung nach hat sich dieser Aspekt enorm gewandelt.


    Würde ich nochmal Lehrer werden? Nein

  • Denke der Lehrerberuf wird in Zukunft eher aufgewertet. Man sieht es an den immer wiederkehrenden Bildungsrankings bei denen sich DE keine Blöße geben möchte.
    Ebenso kann DE es sich nicht leisten den Bildungssektor weiter zu vernachlässigen und damit den Dienstleistungssektor.
    Wir haben nun mal keine Bodenschätze und die Chinesen können mittlerweile auch gute Autos bauen, mit der Elektromobilität verschärft sich das Ganze noch.


    Ob ich nochmal Lehrer werden möchte? Naja ich bin ja noch dabei und habe keinen Vergleich mit der Schule vor 20 Jahren aus Lehrersicht.
    Allerdings mit der Industrie und da geht es immer nur um das liebe :cash: . Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zauns immer grüner.

  • Hallo kubi, willst du Lehrer werden, bist du schon einer oder suchst du nur nach billigem O-Ton für irgendeinen billigen online-Artikel?

  • Ich bin nun erst seit 2010 dabei aber ich mache meinen Job gerne. Was ich besonders toll finde, ist dass unser Job so vielfältig und flexibel ist. Man kann sich seine Arbeitszeit doch recht frei einteilen und hat mannigfaltige Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Also ja, ich würde diesen Beruf immer wieder wählen.


    Wie es mit der Zukunft ausschaut, wird keiner voraussehen können. Ich sehe da nicht ganz so schwarz. Außerdem könnte man auch mal überlegen, welche Entwicklungen denn unbedingt nötig wären in der Zukunft.


    Meiner Meinung nach müsste zu allererst sichergestellt werden, dass schulischer Erfolg nicht mehr damit zusammenhängt aus welchem Elternhaus man kommt. Flächendeckender, sinnvoller Ganztagesbetrieb. Die Abschaffung der dreigliedrigen Schulsystems wäre auch was. Kein Sitzenbleiben mehr. Klassenteiler auf 21 runter. Individuelle Förderung als Leitprinzip im Unterricht. Stärkung und Aufwertung der dualen Ausbildung; Abitur nur noch für die, die wirklich an die Hochschule MÜSSEN (Ärzte, Juristen, Lehrer, etc.), d.h. auch Abschaffung dieser ganzen Pseudo-Studiengänge, die aus dem Boden gestampft werden, weil alle studieren wollen.


    Die Digitalisierung sehe ich nicht als "Feind". Man nimmt sich das raus, was man für sinnvoll hält, den Rest lässt man halt. In ein paar Jahren wird es einen neuen Trend geben. Gerade sind es Tablets. In ein paar Jahren vielleicht wieder was Anderes. Wer weiß das schon.


    Automatisierung und AI, naja, sehe ich jetzt auch nicht so als Gefahr. Automatisierung gibt es seit der Industriellen Revolution. Trotzdem entstanden immer wieder neue Jobs und die Menschen sind in Arbeit. Wüsste nicht, wieso sich das ändern sollte. Was natürlich definitiv der Fall sein wird, ist dass man einen episodischen Karriereweg (sagt man das so? episodic career) haben wird und nicht mehr sein ganzes Leben lang einen Job macht. Was ich persönlich aber sowieso nicht für erstrebenswert halte.


    Dass wir Lehrer durch AI ersetzt werden... Never. Empathie, emotionale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit, flexibles Denken, das kann keine AI leisten, zumindest nicht zufriedenstellend.

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