Nähe und Distanz: wie geht ihr damit um?

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    • Nähe und Distanz: wie geht ihr damit um?

      Hallo alle,

      ich beschäftige mich mit der Frage wie viel Nähe bzw. Distanz als Lehrkraft professionell ist. Daher wüsste ich gerne von euch, wie ihr folgendes handhabt:
      1) körperliche Nähe und Distanz zu Schülern
      2) emotionale Nähe und Distanz zu Schülern
      3) Nähe und Distanz zu Eltern
      4) Nähe und Distanz zu anderen Lehrkräften

      Ich erwähne an dieser Stelle, dass ich Grundschullehrerin bin, da die Situation an weiterführenden Schulen sicher anders ist.
      Vielleicht könnt ihr auch von bestimmten Situationen und euren Reaktionen berichten.


      Ich freue mich sehr auf eure Antworten!
      Michelle :gruss:
    • Hatte ich das nicht in meiner Fragestellung? Ich wüsste gerne, inwiefern euch das Thema Nähe und Distanz in eurem Beruf betrifft, ob ihr euch damit auseinandersetzt - sei es präventiv, um im Falle souverän reagieren zu können oder aber situativ, wenn ihr also Situationen erlebt habt (mit SuS, aber auch mit Kollegen und Eltern), in denen ihr euch zu nahe gekommen gefühlt habt oder aber ihr euch nicht sicher seid, wie nah oder distanziert ihr nun sein solltet: sei es emotional oder auch körperlich.
    • Wo ihr also eure Grenzen zieht. Ich z.B. habe eine Schülerin, die von Zuhause aus sehr ungepflegt ist (1. Klasse, riecht sehr sehr unangenehm nach ungewaschen, Urin, auch schmutzige Haare) und sie sucht bei jeder Gelegenheit meine Nähe. Ich möchte nicht wieder so auf das Elternhaus und die Erziehung und Liebe zu Hause eingehen wie in dem anderen Thread; das ist lediglich meine mögliche Erklärung für diese Suche nach Nähe. Jedenfalls weiß ich da beispielsweise nicht, wie viel Nähe ich zulassen sollte oder darf. Ich hätte einfach gerne zu diesem komplexen Thema ein paar Meinungen und Einstellungen, wie ihr so etwas handhabt. (Dieses Beispiel ist nur exemplarisch)
    • Michelle03 schrieb:

      ...ob ihr euch damit auseinandersetzt - sei es präventiv, um im Falle souverän reagieren zu können oder aber situativ, wenn ihr also Situationen erlebt habt (mit SuS, aber auch mit Kollegen und Eltern), in denen ihr euch zu nahe gekommen gefühlt habt oder aber ihr euch nicht sicher seid, wie nah oder distanziert ihr nun sein solltet: sei es emotional oder auch körperlich.

      Auch in diesem Thread gilt für mich: auf sein Gefühl hören (lernen). Manchmal ist man ja so perplex (Elternverhalten), dass man gar nicht weiß, was man machen soll. Auch nach Jahren gibt es solche Situationen, dass ich denke: Oha, geht also noch doller. Und dann rede ich mit meinem Mann oder erfahrenen Kollegen und kriege für mich klar, was das jetzt wieder war und wie ich das nächste Mal die Distanz wahren könnte. (Eltern rausschmeißen oder ihnen den Mund verbieten oder so). Ich hab auch schon ein Elternteil spontan umarmt, als der/die PartnerIn gestorben ist. Passte eben gerade und ich mag die Person.

      Zu Kollegen- also da hat sich noch keiner auf meinen Schoß setzen wollen. Und noch niemand mit seinem Schlägerkollegen gedroht ;)
    • Krabappel schrieb:


      Zu Kollegen- also da hat sich noch keiner auf meinen Schoß setzen wollen.
      "Ich will auf'n Arm!" Völlig normale Ansage beim Betreten unseres Lehrerzimmers nach 'ner sehr fordernden Stunde / Elterngespräch / whatever. Irgendwer erbarmt sich dann auch immer :D :verliebt:
    • @Michelle03 Du schreibst ja selbst schon, dass das Thema je nach Schulstufe ein völlig unterschiedliches ist. Von daher weiss ich nicht recht, was es Dir als Grundschullehrerin nützt, wenn nun jemand darüber schreibt, der nur in der Oberstufe unterrichtet? Als noch nicht allzu alter (bzw. nicht alt aussehender) Oberstufenlehrer, der hin und wieder einen flotten Spruch loslässt hat man gelegentlich das Problem von schwärmenden Schülern. Ich pflege damit sehr offensiv umzugehen, das ist meiner Meinung nach die beste Variante das Entstehen von Gerüchten im Keim zu ersticken. Interessanterweise waren es bei mir bisher nur junge Männer, die plötzlich verdächtig häufig das Gespräch mit mir suchten. Zuletzt hatte ich mal Pralinchen im Fach, die habe ich dann demonstrativ zusammen mit den Schülern aufgegessen. Nach dem Motto ... wer weiss, ob mich nicht jemand vergiften wollte, also essen Sie mal lieber zuerst eine von diesen Pralinen. Danach waren gleich zwei junge Männer gleich deutlich weniger kommunikativ. Ein Schelm wer sich was dabei denkt. Ich sage meinen Schülern nicht, dass ich lesbisch bin, das geht sie nichts an. Mittlerweile habe ich aber genügend Schüler, die ältere Geschwister haben, die es wiederum wissen, weil sie mich mit Partnerin schon gesehen haben, insofern finde ich es fast lustig, dass es wenn dann immer die Männer sind.

      Mit den Eltern haben wir in der Oberstufe sowieso kaum was zu tun. Ein paar "meiner" Eltern sind recht kommunikativ, die schreiben hin und wieder eMails mit eigentlich überflüssigen Fragen, nur um mal ein eMail geschrieben zu haben. Die freuen sich auf die Standortgespräche einmal pro Schuljahr, weil es die einzige Gelegenheit ist, zu der man sich mal sieht. Distanz zu den Eltern ist bei uns sozusagen Programm, wir kommunizieren soweit es möglich ist ausschliesslich mit den Jugendlichen. Kollegen sind für mich Kollegen und nur in seltenen Ausnahmefällen auch Freunde. Von daher ist meine Distanz an der Stelle auch ziemlich gross.
    • Krabappel hat Recht, wenn sie sagt, dass man da auch auf sein (Bauch-)Gefühl hören muss. Wie viel Distanz ich brauche oder wie viel Nähe ich zulasse ist ganz allein meine Sache, und auch kleinere Kinder verstehen das oder können lernen, das zu verstehen.

      Und das Problem der "müffelnden" Kinder: Ist schnell gelöst, wenn man den Eltern, zur Not auch schriftlich, mitteilt, z.B.:
      dass der Fußgeruch des Sohnemanns alle in der Umkleide der Turnhalle belästigt, dass das Töchterchen sehr unangenehm aus dem Mund riecht wenn sie mit anderen redet, dass das liebe Kleine öfter als einmal die Woche einen frischen Pulli/eine saubere Hose anziehen sollte... u.s.w.
      ...habe ich alles schon gemacht, meistens mit Erfolg. Unprofessionell finde ich, solche Dinge nicht anzusprechen.

      Distanz zu den Eltern lässt sich lernen und ist notwendig. Bei "ehemaligen Eltern" können allerdings auch Freundschaften entstehen. Während das entsprechende Kind in der eignen Klasse ist, würde ich es vermeiden.

      Und unter Kolleg*innen: Wie es uns gefällt. Wie sonst?
    • Michelle03 schrieb:

      Wo ihr also eure Grenzen zieht. Ich z.B. habe eine Schülerin, die von Zuhause aus sehr ungepflegt ist (1. Klasse, riecht sehr sehr unangenehm nach ungewaschen, Urin, auch schmutzige Haare) und sie sucht bei jeder Gelegenheit meine Nähe. [...] Jedenfalls weiß ich da beispielsweise nicht, wie viel Nähe ich zulassen sollte oder darf. Ich hätte einfach gerne zu diesem komplexen Thema ein paar Meinungen und Einstellungen, wie ihr so etwas handhabt. (Dieses Beispiel ist nur exemplarisch)
      Na ja: Eine Grenze wird spätestens da verlaufen, wo es dir zu unangenehm wird. Es kann niemand von dir verlangen, die Luft anzuhalten oder gegen Übelkeit anzukämpfen, damit das Mädchen mal Körperkontakt bekommt. Das ist ja auch nicht deine eigentliche Aufgabe als Lehrerin. Andersrum wüsste ich gar nicht, wie ich ganz ohne Berührungen arbeiten sollte. Manche Kinder sind nur mit Worten gar nicht zu erreichen, dann berühre ich sie kurz an Arm oder Schulter. Manchmal wirkt das auf Kinder auch beruhigend.

      Es ist ja wirklich ein komplexes Thema, ich kann deshalb nur zu solchen konkreten Situationen was schreiben. Es muss doch irgendeinen konkreten Anlass zu deiner Frage geben.
    • Krabappel schrieb:

      Michelle03 schrieb:

      ...ob ihr euch damit auseinandersetzt - sei es präventiv, um im Falle souverän reagieren zu können oder aber situativ, wenn ihr also Situationen erlebt habt (mit SuS, aber auch mit Kollegen und Eltern), in denen ihr euch zu nahe gekommen gefühlt habt oder aber ihr euch nicht sicher seid, wie nah oder distanziert ihr nun sein solltet: sei es emotional oder auch körperlich.
      Auch in diesem Thread gilt für mich: auf sein Gefühl hören (lernen). Manchmal ist man ja so perplex (Elternverhalten), dass man gar nicht weiß, was man machen soll. Auch nach Jahren gibt es solche Situationen, dass ich denke: Oha, geht also noch doller. Und dann rede ich mit meinem Mann oder erfahrenen Kollegen und kriege für mich klar, was das jetzt wieder war und wie ich das nächste Mal die Distanz wahren könnte. (Eltern rausschmeißen oder ihnen den Mund verbieten oder so). Ich hab auch schon ein Elternteil spontan umarmt, als der/die PartnerIn gestorben ist. Passte eben gerade und ich mag die Person.

      Zu Kollegen- also da hat sich noch keiner auf meinen Schoß setzen wollen. Und noch niemand mit seinem Schlägerkollegen gedroht ;)
      Vielen Dank erst einmal für diese Antwort. Auf sein eigenes Gefühl zu hören ist sicher der beste Weg - das sehe ich eigentlich genauso.
      Was genau waren das denn für Situationen mit Eltern, wenn ich fragen darf und du Lust und Zeit hast, das zu erzählen!
    • Wollsocken80 schrieb:

      @Michelle03 Du schreibst ja selbst schon, dass das Thema je nach Schulstufe ein völlig unterschiedliches ist. Von daher weiss ich nicht recht, was es Dir als Grundschullehrerin nützt, wenn nun jemand darüber schreibt, der nur in der Oberstufe unterrichtet? Als noch nicht allzu alter (bzw. nicht alt aussehender) Oberstufenlehrer, der hin und wieder einen flotten Spruch loslässt hat man gelegentlich das Problem von schwärmenden Schülern. Ich pflege damit sehr offensiv umzugehen, das ist meiner Meinung nach die beste Variante das Entstehen von Gerüchten im Keim zu ersticken. Interessanterweise waren es bei mir bisher nur junge Männer, die plötzlich verdächtig häufig das Gespräch mit mir suchten. Zuletzt hatte ich mal Pralinchen im Fach, die habe ich dann demonstrativ zusammen mit den Schülern aufgegessen. Nach dem Motto ... wer weiss, ob mich nicht jemand vergiften wollte, also essen Sie mal lieber zuerst eine von diesen Pralinen. Danach waren gleich zwei junge Männer gleich deutlich weniger kommunikativ. Ein Schelm wer sich was dabei denkt. Ich sage meinen Schülern nicht, dass ich lesbisch bin, das geht sie nichts an. Mittlerweile habe ich aber genügend Schüler, die ältere Geschwister haben, die es wiederum wissen, weil sie mich mit Partnerin schon gesehen haben, insofern finde ich es fast lustig, dass es wenn dann immer die Männer sind.

      Mit den Eltern haben wir in der Oberstufe sowieso kaum was zu tun. Ein paar "meiner" Eltern sind recht kommunikativ, die schreiben hin und wieder eMails mit eigentlich überflüssigen Fragen, nur um mal ein eMail geschrieben zu haben. Die freuen sich auf die Standortgespräche einmal pro Schuljahr, weil es die einzige Gelegenheit ist, zu der man sich mal sieht. Distanz zu den Eltern ist bei uns sozusagen Programm, wir kommunizieren soweit es möglich ist ausschliesslich mit den Jugendlichen. Kollegen sind für mich Kollegen und nur in seltenen Ausnahmefällen auch Freunde. Von daher ist meine Distanz an der Stelle auch ziemlich gross.
      Sicher, am besten können mir wohl andere Grundschullehrer/innen darauf antworten. Aber einiges kann man sicher verallgemeinern, oder aber auch einfach aus Interesse!
      Dass die Kollegen sich an einer weiterführenden Schule aufgrund der deutlich höheren Anzahl weniger nah stehen als welche an einer Grundschule, kann man sich gut vorstellen. Deswegen ist insbesondere die Frage zum Umgang mit Kollegen besonders an Grundschullehrkräfte gerichtet. Allerdings trotzdem interessant, das explizit einmal von einer Lehrkraft erfahren zu haben. Also vielen Dank für diese ausführliche Antwort!
    • Nähe und Distanz zu anderen Lehrkräften....

      In der GS ist man ja meist nur unter Frauen. :) …. Soll ich was sagen????? Also, ist auch nicht immer einfach. (Duck unn wech). Ich bin mittlerweile etwas distanzierter geworden, treffe mich selten privat mit Kolleginnen und erzähle nicht mehr privates als hier.

      Trotzdem tauschen wir uns natürlich über schulische Dinge aus, besprechen Probleme mit Schülern und Eltern, holen uns Tipps oder geben welche, tauschen Material, erarbeiten gemeinsame Konzepte für alles Mögliche, z.B. wie man Lehrer-Eltern-Schülergespräche führt usw. Aber das ist ja mehr beruflich.
      Be happy for the moment. This moment is your life.
    • Michelle03 schrieb:

      ...Was genau waren das denn für Situationen mit Eltern, ...
      Einige unserer Eltern sind sehr direkt und häufig aggressiv. Das hat Vorteile (ich nenns mal "kurze Wege", ohne verlogenes Getue) und auch Nachteile (nur unbeherrscht und voller Vorwürfe lässt sich nichts klären).

      Manchmal stößt man auch an Grenzen der Dummheit, ist leider wirklich so. Wenn beim Elternabend z.B. ein elterlicher Rundumschlag erfolgt, ohne konkrete Beispiele, einfach so die Schule, die Lehrer, der Unterricht und der dann in allgemeinem Ausländerhass mündet und nur der Selbstdarstellung des Redners dient, anstatt irgendwas geklärt haben zu wollen, dann verschlägts auch mir die Sprache. Bzw. in diesem Falle kam ich einfach nicht zu Wort, da hab ich irgendwann nur noch abgewartet :sabber:
      Oder: Eltern stehen mitten im Unterricht vor der Klassenzimmertür, wollen "etwas klären" und winken irgendein Kind raus.
      Äh, mooooment mal bitte, Herr... wie war noch gleich Ihr Name? Und dann tritt dir jemand bedrohlich nahe.

      Auch unschön: Kind verhält sich wiederholt abnorm und im Gespräch ist plötzlich nicht mehr das Fehlverhalten des Kindes Thema, sondern das meine. Und ich überleg vor Schreck noch, ob das Elter vielleicht Recht hat und ich irgendwann irgendwie falsch reagiert hab :hammer:

      Manches Gespräch führen wir deswegen nur noch zu zweit.

      Edit: gib niemals deine Telefonnummer raus.

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