1./2. Klasse leiten oder 3./4.?

  • Hallo zusammen,


    Ich bin nun 10 Jahre im Dienst in 3/4 und überlege mir, freiwillig eine erste Klasse nächstes Schuljahr zu übernehmen.
    Einfach mal Zeit für was Neues, denke ich.


    Bevor ich meinen Wunsch kundgebe, würde ich gerne wissen, wem es aktuell ähnlich geht oder wer schon einmal auch in dieser Situation war und es gemacht hat / oder sein gelassen hat.


    Ob mein Wunsch von der Schulleitung erfüllt wird, weiß ich nicht, mir geht es einfach darum vorab pro / contra Vorschläge / Meinungen von alten „Häschen“ zu bekommen... ☺️


    Danke und vG


    Lola 12

  • Der Unterricht ist anstrengender. Spätestens um 12 weißt du, wie viel du gerannt bist, weil deine Füße weh tun. Dafür musst du weniger korrigieren, aber die Vorbereitung ist mindestens genauso. Das heißt, du musst schon alles korrigieren, was sie irgendwie aufschreiben, aber es geht schneller, als Aufsätze und Mathearbeiten in Klasse 4.


    Von 4 (wenn die fast Fünftklässler sind) auf eins sind fast 4 Jahre Altersunterschied, was eine Menge ausmacht. Von mehreren Jahren als Lehrerin in 3/4 habe ich auf 2017 wieder auf 1/2 gewechselt. Der Sprung ist schon enorm und ich genieße im Moment, dass sie Zweitklässler und doch einiges selbstständiger geworden sind. Ich mag beides, war früher auch schon jahrelang in 1/2, hatte auch schon Jahrgangsmischung in 1/2.


    Man muss für jede kleinste Information einen Elternbrief schreiben, sonst funktioniert die Kommunikation nicht. Anfangs begleite ich die Schüler immer in den Pausen, sonst fühlen sie sich etwas verloren, das gibt sich aber schnell. Am besten hast du selber genau den Überblick, wer nach Schulschluss in die Betreuung geht, wer nach Hause läuft, wer mit welchem Bus fährt. Das wissen sie anfangs auch nicht.

    Einmal editiert, zuletzt von lamaison ()

  • Ich war einige Jahre in 3/4, bevor ich nun inzwischen seit 8 Jahren in 1/2 unterrichte.
    Alles hat seine Vor- und Nachteile, aber ich genieße schon den relativ geringen Korrekturaufwand, wenn ich meinen mit dem meiner Kollegin in der 4. vergleiche.
    Man muss viel Geduld haben und alles immer und immer und noch einmal erklären: welches Heft brauchen wir, auf welche Seite im Heft schreiben wir, wo ist gleich nochmal die erste Zeile??? In der 1. Klasse müssen sie ja wirklich ALLES erst lernen und man muss äußerst kleinschrittig erklären. "Du brauchst Schere, Kleber und einen grünen Stift" ist da schon oft zu viel.
    Dafür ist es toll, die Fortschritte zu beobachten vom Kindergartenkind zum Schulkind und wie relativ selbständig sie nach der 1. Klasse dann doch schon sind. Die 2. Klasse genieße ich dann auch immer, denn da geht alles schon viel selbstverständlicher.
    Die 3. Klasse fand ich auch immer schön zu unterrichten, die 4. fand ich fast noch anstrengender als die 1., v.a. dieses vorpubertäre Rumgezicke kann ich gar nicht leiden. Dann lieber ein bisschen Ersatzmami für die Ersties.

    • Offizieller Beitrag

    Ich kann mich dem, was lamaison schreibt, nur anschließen. Genau so ist das. Ferner sind einige Eltern auch sehr aufgeregt, da es das erste Kind in der Schule ist und da gibt es manchmal komische Vorstellungen. ("Die Lehrerin dupliziert sich und ruft uns alle an, dass das Kind in der Schule angekommen ist." - "Mein Kind isst kein Mittagessen in der Schule, weil es sich nachmittags nicht erinnert, was es gegessen hat." Alternativ: Da wird nicht gelernt, weil das Kind sich nicht erinnert.) Du musst Kinder zum Trinken und Essen animieren, Kindern die Hefte in die Tasche packen etc. 3.- und 4.-Klässler sind da überwiegend selbstständiger. Du musst Kinder und Eltern aus dem Vollumsorgungs- und -behütungssystem abholen und dich um jede Kleinigkeit kümmern. Du musst Eltern eventuell sagen, dass Kinder im schulischen Sinne nicht normal entwickelt sind und Förderung / ein Feststellungsverfahren / Logopädie etc. benötigen. Das ist manchmal ein harter Brocken.


    Andererseits sind die Kinder in dem Alter einfach oft total niedlich. Du bist die erste Lehrerin und damit eine Art Göttin. Was du sagst, ist Gesetz, da können die Eltern etwas anderes wollen - "NEIN, Frau Lola hat gesagt, wir müssen das SOOOO machen!" (Natürlich auch, wenn du etwas ganz anderes wolltest und sie das falsch mitbekommen haben.) Du wirst verehrt und geliebt. Sie orientieren sich an dir. Und du formst die Lerngruppe sehr stark, weil sie ja in neuer Umgebung neu zusammengesetzt werden. Die Regeln und Werte, die du in der 1/2 aufstellst und betonst, nehmen sie bis zum Ende der 4. zumindest in Grundzügen weiter mit.
    Du kannst aus Wasser Wein (vorher standen hier Wörter mit Sch und G am Anfang) machen: Wir haben in einer spontanen Sport-Vertretungsstunde mal viele kleine Bälle in zwei Farben in der Turnhalle verteilt und "Aschenputtel" gespielt. Die Kinder waren unendlich begeistert und wollten immer bei uns Sport haben.
    Ich war heute zur Vertretung und habe den Erstklässlern gesagt, dass wir nach der Frühstückspause schreiben üben. Ein Jubel ging durch die Menge. (Gut, das muss nicht in jeder Klasse so sein...)
    In meinem Bundesland wird in 1/2 nicht zensiert, sondern verbal beurteilt. Das birgt zwar auch Konfliktpotenzial, aber weit weniger als nachher die Noten und du kannst differenzierter beurteilen (auch wenn das viel mehr Arbeit im Frühsommer ist).


    Ich finde, beides hat seine Vor- und Nachteile. Ich habe bisher 10 Jahre in 1/2 gearbeitet und bin seit zwei Jahren in 3/4. Für mich war es auch eine neue Herausforderung, bei der ich sehen kann, wie es den Kolleg/innen geht, die die Kinder dann übernehmen.

  • lamaison, Felis und Conni haben das alles schon sehr schön beschrieben! Ich schließe mich dem vollumfänglich an!
    Dir würde ich definitiv sagen: mach das ruhig! Wenn es dich nicht reizen würde, würdest du ja gar nich darüber nachdenken und mit 10 Jahren Berufserfahrung kriegst du das auf jeden Fall hin!
    Ich unterrichte hier Klasse 1-3 und bin gerade wieder in einer 1. Es ist echt anstrengend aber es macht mir gerade auch richtig dolle Spaß! So viel Enthusiasmus hast du später nie wieder! (Heute auch wieder: lautstarke Begeisterung, weil wir das D lernen...)
    Was man auf jeden Fall bracht: Geduld wie ein Schaukelpferd und Humor! Dann sind Erstklässler nicht nur "niedlich" sondern auch sehr unterhaltsam (lache selten so viel wie in Klasse 1).
    Also: nur Mut! Selbst wenn du merkst, dass es letztlich doch nicht so ganz deins ist und du wieder nach 3/4 wechselst hast du deinen Erfahrungsschatz enorm erweitert. Das wird dir dann auch bei jeder 3.Klasse helfen, die du womöglich wieder übernimmst, weil du dann besser verstehst, wie die Entwicklung bis dahin war!

    "Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!" Freitag O'Leary

    Einmal editiert, zuletzt von icke ()

  • Zur Zeit im Zweiten, kann ich mich nur anschließen - mach das:

    eine erste Klasse nächstes Schuljahr

    Ich bin sehr zufrieden damit, seit Jahren eine Klasse immer von der 1 bis zur 4 zu behalten. In Klasse 1 und jetzt aktuell habe ich es genossen, keine Halbjahreszeugnisse zu schreiben . Die gibt es in NRW erst ab Klasse 3. Das dritte Schuljahr finde ich vom Arbeitsaufwand am anstrengendsten. Und später: Wenn man die Kinder (und die Eltern) so lange kennt, ist in Klasse 4 Vieles einfacher, auch der Umgang mit dem unvermeidlichen

    vorpubertäre[n] Rumgezicke

    :D

  • Also: nur Mut! Selbst wenn du merkst, dass es letztlich doch nicht so ganz deins ist und du wieder nach 3/4 wechselst hast du deinen Erfahrungsschatz enorm erweitert. Das wird dir dann auch bei jeder 3.Klasse helfen, die du womöglich wieder übernimmst, weil du dann besser verstehst, wie die Entwicklung bis dahin war!

    Das kann ich nur unterstreichen. Manchmal wird von den Kollegen, die Drittklässler übernehmen ein bisschen herumgemäkelt, was in 1/2 wohl so alles versäumt wurde.... Wer selber die Kleinen mal unterrichtet hat, schätzt aber, was sie in den 2 Jahren davor alles gelernt haben und weiß, wie mühselig das manchmal sein kann.

  • pepe: Das vorpubertäre Rumgezicke hat auch was. Ich mag es total, wenn sie größer sind. Die Kleinen mag ich auch, wenn man ihnen mal die ewige Zankerei abgewöhnt hat.

  • Ich denke, es kommt auf die jeweilige Zusammensetzung an. Eine Häufung von etwas ist immer schwierig, wobei in einer "guten" Klasse ein paar schwierige ganz gut zu händeln sind.

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