Vertieftes Fachwissen bei Gym.Lehrern

  • Also gut, ich versuch's.



    Mit andern Worten ist deine Antwort: Nein, um Naturwissenschaften zu unterrichten brauche ich kein vertieftes Verständnis für die Systematik des Fachs.

    Ich weiss nicht, ob man das so sagen kann bzw. wie genau "Systematik" an der Stelle nun definiert ist. Wie erkläre ich das jetzt ... Ich bleibe mal bei der Chemie, denn da kenne ich mich ja aus. Ich meine, ich habe folgendes hier schon mal irgendwo geschrieben: Chemie ist zwar aus ökonomischer Sicht wahrscheinlich die "wichtigste" Naturwissenschaft, es kann ja jeder mal versuchen sich vorzustellen, wie das Leben ohne Pharmazeutika, Kosmetika und Kunststoffe aussehen würde (unter anderem). Gleichzeitig ist das Fachwissen der Chemie für jemanden, der beruflich nichts damit zu tun hat, komplett nutzlos. Physikalisches Fachwissen z. B. wendet jeder von uns jeden Tag unbewusst an. Jeder weiss, dass es einen auf die Schnauze haut, wenn der Bus bremst und man sich stehenderweise nicht festhält. Ob man jetzt weiss, dass die Oberfläche einer Regenjacke hydrophob ist und was auf molekularer Ebene dahinter steckt, das ist vollkommen egal. Hauptsache die Regenjacke hält dicht und sie hält nicht mehr und nicht weniger dicht wenn man jetzt vertieftes Wissen darüber hat, warum sie das tut.


    Was wäre denn jetzt eigentlich für einen Schüler wirklich interessant über Chemie zu wissen wenn er hinterher im Studium was ganz anders macht? Er wird in seinem ganzen grossen Leben eben nie wieder damit konfrontiert sein entscheiden zu müssen, ob ein Molekül nun wasserstoffbrückenfähig ist, oder nicht. Genau darum geht es aber im fachwissenschaftlichen Teil eines Chemiestudiums. Es geht darum Reaktionsmechanismen zu verstehen, Synthesen zu planen, diese durchzuführen, das Produkt aufzureinigen und zu untersuchen. Das tangiert zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise das Leben eines Nicht-Chemikers. Ein Lehrer, der das Fach unterrichtet, sollte also zumindest mal grundsätzlich Ahnung von solchen Dingen haben, denn er muss ja seinen Unterricht mit fachlichen Inhalten füllen. Sehr viel wichtiger ist es aber - meiner Ansicht nach - den Jugendlichen die grundsätzliche Denkweise eines Naturwissenschaftlers zu vermitteln. Es geht um Hypothesen, die einer Falsifizierung standhalten müssen, um Experimente, die Hypothesen stützen und reproduzierbar sein müssen, es geht ums Modelldenken und das Verständnis dafür, dass Modelle Grenzen haben und Naturwissenschaftler grundsätzlich niemals auf alles eine Antwort geben können. Es geht darum, sich als amoralische Instanz zu begreifen (ich erwähnte es erst kürzlich schon mal im Thread über die Kirche), die fürs rationale Argumentieren und Diskutieren von Fakten zuständig ist. All das würde ich in einem Lehramtsstudium jetzt mal ganz stark in der fachdidaktischen Ausbildung wähnen, aber dazu müsste sich jetzt eben mal jemand äussern, der in Deutschland ein NaWi-Lehramtsstudium absolviert hat. In jedem Fall ist es dafür absolut nicht notwendig, die reinen Fachinhalte des Hauptstudiums gelernt zu haben. Wichtig wäre es meiner Ansicht nach, mal überhaupt irgendeine Art von wissenschaftlicher Arbeit selbständig geplant und durchgeführt zu haben. Ob es da aus rein fachlicher Perspektive jetzt um eine simple Kondensationsreaktion geht oder um irgendeine depperte Metathese-Reaktion über die man eben erst im Hauptstudium erst was lernt, ist meiner Einschätzung nach wurscht. Ein Chemiestudium beinhaltet eben enorm viel Praxis, die man aber nicht notwendigerweise beherrschen muss um die grundsätzliche Systematik zu verstehen.


    Ich mache hier jetzt mal erst einen Punkt, hätte aber noch sehr viel mehr dazu zu schreiben. Vor allem wir Chemiker (auch an der Schule) erleben nämlich gerade jetzt einen ziemlich krassen Generationenwechsel und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr häufig noch mit Chemikern der "alten Garde" diskutiert und daher einiges an Missverständnissen und Vorurteilen kommt. Ich warte jetzt erst mal auf Antworten der GeWi-Seite. :)

  • du diskutierst da vor allem nutzen, zweck-mittel-zusammenhänge. ich würde eher die bildung an der schule als selbstzweck sehen, allgemeinbildung als bildung des individuums vor allem zweck, nur um der bildung willen, für den einzelnen, für die volle entfgaltung seiner persönlichkeit. vor hundert jahren wäre das noch selbstverständlich gewesen, so über bildung zu reden, vgl. humanistische bildungstradition, deutsche klassik und so. das ist leider mit dem pragmatismus des 19. jahrhunderts und v.a. dem kapitalismus und der industrialisierung und allsowas komplett hintenruntergefallen im öffentlichen diskurs. das ist fatal für das leben des einzelnen, der sich da teilweise nur noch als humane ressource konzipiert.


    aus geisteswissenschaftlicher sicht ist chemie sehr sinnvoll. ganz egal, ob ich später mal irgendwelche bindungstypen unterscheiden oder redoxgleichungen lösen kann (jaja, lk chemie!), die art und weise des chemischen denkens hilft einem ganz viel. man versteht, wie eine verbindung funzt. damit kann ich verstehen, wie ganz grob dna funktioniert und was die leute da mit epigenetik irgendwie meinen. damit kann ich ein bisschen kompetenter evolutionspsychologische und bioethische debatten führen, um nur mal zwei teilgebiete zu benennen, die ich im unterricht unmittelbar brauche.


    und ich kann verstehen, warum du sofort empirische zusammenhänge betrachtest. weil du chemikern bist und wie eine zu denken und zu argumentieren gelernt hast. das wäre mir ohne schulischen chemieunterricht ein sehr viel größeres rätsel.

  • Und jetzt frage ich mich, ob das in den MINT-Fächern wirklich so viel anders ist. Brauche ich da denn kein vertieftes Verständnis für die Systematik des Fachs - auf einer abstrakten Ebene, die ich niemals im Unterricht verbalisieren werde - um meinen Unterricht angemessen planen und durchführen zu können? Irgendwie will ich das nicht glauben.


    Ich denke weiterhin das Problem liegt an der Tiefe und Breite der Fächer.


    Elektrotechnik umfasst so viele Vertiefungsrichtungen, die kann ich mir nicht alle im Detail aneignen. Und damit kämpfe ich nun gerade auch, weil es eben stark vom Bildungsgang abhängt. Hatte vorher Automatisierer und nun unterrichte ich Telekommunikation im Handwerk. ISDN und Co habe ich im Studium nicht kennengelernt. Daraus bezog sich meine angesproche Diskrepanz zwischen Studium und Schule.
    Signale und Systeme in absoluter Tiefe sehe ich gerade nicht, dass mir das was bringt. Kann aber natürlich auch an mir liegen. Ich zweifel definitiv immer häufiger an meiner Fächerwahl, werde nun auch Schritt für Schritt versuchen meine Situation zu verbessern.


    Studium war halt sehr mathematisch und wenig praxisnah. Und Schule ist da doch deutlich praxisnäher.
    Ich darf keine Installationen vornehmen, aber das ganze Thema unterrichten.

  • du diskutierst da nur nutzen.

    Ah nein, eigentlich nicht. Ich habe versucht über den Nutzen bzw. Nicht-Nutzen des reinen Fachwissens zu schreiben.



    aus geisteswissenschaftlicher sicht ist chemie sehr sinnvoll. ganz egal, ob ich später mal irgendwelche bindungstypen unterscheiden oder redoxgleichungen lösen kann (jaja, lk chemie!), die art und weise des chemischen denkens hilft einem ganz viel. man versteht, wie eine verbindung funzt. damit kann ich verstehen, wie ganz grob dna funktioniert und was die leute da mit epigenetik irgendwie meinen. damit kann ich ein bisschen kompetenter evolutionspsychologische und bioethische debatten führen, um nur mal zwei teilgebiete zu benennen, die ich im unterricht unmittelbar brauche.


    Damit hast Du den Kern der Sache verstanden und wir sind uns im Kern der Sache auch absolut einig. Was ich offenbar schlecht erklär habe: Im fachwissenschaftlichen Hauptstudium geht es sehr, sehr stark um's Handwerk und das braucht jemand der Lehrer werden will wirklich nicht. Die meisten Chemielehrer in Deutschland werden wohl als zweites Fach Biologie unterrichten, oder vielleicht Physik. Es ist aus rein zeitlichen Gründen nicht möglich, zwei solcher Fächer voll bis zum MSc zu studieren, wenn man irgendwann im Leben mal noch arbeiten will. All das, was Du da im Zitat beschreibst, lernt der deutsche Chemielehrer hoffentlich in der Fachdidaktik. Wenn das mal jemand bestätigen könnte, wäre ich doch einigermassen beruhigt. ;)

  • ja, eben. wenn ich über nutzen rede, dann auch über nicht-nutzen, aber eben nicht über selbstzweck, weil die leitunterscheidung (nutzen/nicht-nutzen) deines posts das nicht vorsieht. es ging mir um diese unterscheidung, die du als prämisse nutzt, was in der ganzen kompetenzdiskussion so ist, was in unserer welt allgemein so ist (weil so die logiken des kapitalismus funktionieren), was auch seit dem 19. jahrhundert schon mainstream ist.


    das war aber nicht immer so in der moderne, siehe humboldt, allgemeinbildung, humanismus, menschenbild der deutschen klassik oder des humanismus allgemein, und das finde ich schade. chemie hat quasi imo auch nutzen, wenn sie gar keinen "nutzen" jenseist der persönlichkeitsbildung des einzelnen hat.


    meine beispiele mit bioethik und co waren schlecht gewählt, die gehen eher in die "nutzen als mittel zum zweck"-semantik statt zu "nutzen als selbstzweck". my bad.

  • Ich glaube, was der gemeine Geisteswissenschaftler sich nicht vorstellen kann ist, wie unwahrscheinlich viel Zeit ein Chemiestudent damit verbringt, z. B. einem Rührfisch dabei zuzusehen, wie er sich im Kreis dreht. Währenddessen findet absolut überhaupt kein Wissenszuwachs im Sinne der Humboldtschen Allgemeinbildung statt. Bestenfalls verschiebt sich die Frustrationstoleranz eine Latte höher und das war's auch schon. Um diese absolut stupiden Teile des Fachstudiums scheint mir das deutsche Lehramtsstudium gekürzt zu sein. Ein Chemiker, der hinterher bei der BASF für die Entwicklung neuer Kunststoffe zuständig ist, muss da aber einfach mal durch.

  • Vielen Dank für die ausführliche - und interessante - Antwort!

    Sehr viel wichtiger ist es aber - meiner Ansicht nach - den Jugendlichen die grundsätzliche Denkweise eines Naturwissenschaftlers zu vermitteln. Es geht um Hypothesen, die einer Falsifizierung standhalten müssen, um Experimente, die Hypothesen stützen und reproduzierbar sein müssen, es geht ums Modelldenken und das Verständnis dafür, dass Modelle Grenzen haben und Naturwissenschaftler grundsätzlich niemals auf alles eine Antwort geben können. Es geht darum, sich als amoralische Instanz zu begreifen (ich erwähnte es erst kürzlich schon mal im Thread über die Kirche), die fürs rationale Argumentieren und Diskutieren von Fakten zuständig ist. All das würde ich in einem Lehramtsstudium jetzt mal ganz stark in der fachdidaktischen Ausbildung wähnen, [...]."

    Ich möchte mich mal auf diesen Teil beziehen, denn - völlig frei von chemikalischem Wissen - kommt das der Sache, die ich in meinem Post pauschal als "Systematik" des Faches bezeichne, schon recht nahe.
    In meiner Argumentation, basierend auf meinen Erfahrungen in geisteswissenschaftlichen Studiengängen, entwickelt man ein solches Verständnis von seinem Fach in der Auseinandersetzung mit den fachlichen Inhalten sozusagen "im Hintergrund". Es macht ja auch wenig Sinn, für solche grundlegenden Verständniszusammenhänge ein Didaktikseminar anzubieten, in der dann jemand stotternd ein Referat zum Thema "Grenzen von Modellen" hält. Ich polemisiere hier ein wenig. Vielmehr stelle ich mir - möglicherweise naiv - vor, dass man dieses Verständnis selbst entwickelt, wenn man eben mit Modellen arbeitet und dann im Labor oder sonstwo sieht, wo diese Modelle an ihre Grenzen stoßen. Und daraus entwickelt man dann Schritt für Schritt ein umfassendes naturwissenschaftliches Verständnis (- die "Systematik"), das man eben braucht, um Unterricht vorzubereiten, auch wenn dann im Unterricht doch nur über Osmose und das Gesetz der Erhaltung der Masse gesprochen wird (- wenn keckks mit Chemiewissen posen kann, kann ich das auch!).


    Jetzt war meine Annahme aber, dass man sich dafür vielleicht auch mit den abstrakteren Inhalten beschäftigt haben muss, damit so ein Grundverständnis eben auch entsprechend Substanz hat. Das wiederum scheinst du im folgenden Zitat zu verneinen, wenn ich dich richtig verstanden habe:


    Wichtig wäre es meiner Ansicht nach, mal überhaupt irgendeine Art von wissenschaftlicher Arbeit selbständig geplant und durchgeführt zu haben. Ob es da aus rein fachlicher Perspektive jetzt um eine simple Kondensationsreaktion geht oder um irgendeine depperte Metathese-Reaktion über die man eben erst im Hauptstudium erst was lernt, ist meiner Einschätzung nach wurscht.

    Wenn also die Kondensaktionsreaktion reicht, damit man sein Fach so weit verstanden hat, dass man den Schülern ein solides Grundverständnis dafür vermitteln kann, was Chemie eigentlich ist, wie das Fach "funktioniert" und dabei auch noch eine naturwissenschaftliche Denk- und Sichtweise erfolgreich vermitteln kann, dann ist es womöglich wirklich so, dass die vertieften Fachinhalte in einem Lehramtsstudium unnötig sind.
    Wenn aber ein Verständnis der Metathese-Reaktion möglicherweise doch notwendig ist, damit mein Verständnis von der Fachwissenschaft nicht nur oberflächlich ist, dann wäre es evtl. doch nötig. Das war ja meine These, die du - zumindest für mich - anschaulich widerlegt hast.
    Nicht dass ich wüsste, was eine Kondensaktionsreaktion oder eine Metathese-Reaktion sein sollen...

  • Hmm, aber "Tiefe und Breite" der Fächer kann man den Geisteswissenschaften weiß Gott auch nicht absprechen. Ich habe im Studium in sehr viele geisteswissenschaftliche Fachrichtungen mehr als nur oberflächlich "reingeschaut" das hilft mir enorm bei der Aufbereitung von Schulthemen, an denen andere Anwärter/Junglehrer rein fachlich schier verzweifeln wie beispielsweise den diversen Rechtsthemen: Ohne meine kleinen Scheine aus den Rechtswissenschaften, der Rechtsphilosophie etc. würde mir eine saubere didaktische Reduktion schwer fallen der es bedarf um sehr komplexe Aspekte 8.Klässlern näher zu bringen. Ich weiß von einigen Mitanwärtern, die Stunden investieren müssen an rein fachwissenschaftlicher Vorbereitung, ehe sie die erste Stunde in diesem Themenfeld zu planen beginnen können, andere ignorieren einfach ihre Lücken und unterrichten rein nach Schulbuch, Allgemeinwissen und Lösungshilfen der Verlage (um komplexere Fallbeispiele sauber einordnen zu können).


    Insofern sind sich diesbezüglich Geistes- und Naturwissenschaften wirklich ähnlich und nehmen sich sicherlich nichts.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Hmm, wenn ich hier so mitlese, scheint das in den T (ohne MIN)-Fächern doch ein bisschen anders zu sein. Zumindest vor Rund 10-15 Jahren, also vor der Bachelor-Master-Reform, sah das bei mir so aus:


    Im Grundstudium (!) hatte ich tatsächlich deutlich weniger als die Diplomkandidaten. Vor allem um Mathe war ich heilfroh, für mich war nach HM2 Schluss. Ich gebe ehrlich zu, bei HM3+4 hätte ich vermutlich die Segel streichen müssen. 'Bei anderen Vorlesungen/Seminaren war's eher schade, gerade "Automatentheorie" (das hieß anders, ich weiß aber nicht mehr wie) hätte ich tatsächlich im Schuldienst brauchen können, als ich im Ref auf ziemlich anspruchsvolle Fachinformatiker losgelassen wurde.


    Im Hauptstudium musste ich dann zwei Richtungen vertiefen, während die Diplomer jeweils nur eine hatten. In jeder Richtung fiel die allerletzte Fachvorlesung weg (bei mir Regelungstechnik 2 und das nachrichtentechnische Pendant, von dem ich den Namen vergessen habe). Ansonsten war's deckungsgleich. Ich habe also in den einzelnen Richtungen wohl weniger vertieftes wissen, dafür ein deutlich breiteres insgesamt.
    Die Praktika waren soweit ich mich erinnere gleich, allerdings wurde mir die Ausbildung als Elektroniker komplett anerkannt. Dazu kam dann noch das - bei uns sehr kurze - Schulpraktikum.


    In der Schule brauche ich morgens davon nichts. Klar, um Handwerkern beizubringen, wie man Leuchten aufhängt und ein paar Kondensatoren einbaut, die man nicht mal selbst berechnet, hätte es vermutlich gar kein Studium gebracht (ich übertreibe etwas). Wäre ich bei den Fachinformatikern eingesetzt, würd's wohl anders aussehen.


    In der Abendschule unterrichten wir dann aber angehende Techniker, die seit Bologna dem Bachelor gleichgestellt sind. Und da tauchen tatsächlich eine Menge Inhalte aus meinem damaligen Haupstudium auf ( @Kiggie, Dir wird's was sagen. Komplexe Übertragungsfunktionen, Bodediagramme, Ortskurven, Wurzelortskurven usw.) Mit einem Studium auf Vordiplomniveau wäre ich schlicht und einfach verloren. Und wenn dann mal ein besondes wissbegieriger kommt, ist's schon auch nett, wenn man nicht "gerade so knapp über dem Schülerniveau" rumdüpelt. Selbst wenn die Reduktion sehr wichtig ist, was ich gar nicht bestreite, muss wenigstens ICH doch wissen, wie es in der Tiefe aussieht. Sonst weiß ich ja gar nicht, was ich reduzieren soll.


    Alles in allem: Doch, Fachlichkeit ist wichtig, und zwar sehr. Und ehrlich: Zumindest in meinen Schulformen sogar deutlich wichtiger als die Pädagogik, die man auch mit "sei kein Arsch" und ein bisschen gesundem Menschenverstand hinbekommt. Die Didaktik ausgenommen, die steht auf einem anderen Blatt. Da kam allerdings der wesentliche Teil nach der Uni.


    Achso, und bevor jemand fragt: Nein, ich bin kein Gymnasiallehrer, wir sind aber zumindest in RLP gleichgestellt. Heißt, Gymnasiallehrer können an die BBS und andersrum.

  • Beides, es braucht beides. Wer definiert denn "solide Grundlagen"? Ich muss so gut wie alles fachfremd vermitteln und das an Schüler, die nur Texte auf Zweitklässlerniveau verstehen. Hab also durchs Abitur im Vergleich zu ihnen solide Grundlagen in allem. Trotzdem würde ich nie behaupten, Geschichte gut zu unterrichten. Ich weiß, wie die Kids ticken und kann einfache Sätze bilden, gepaart mit anschaulichem Gedöns. Aber eben nur auf der Grundlage dessen, was ich selbst mal irgendwann gelesen habe. Ich kenne die geschichtlichen Zusammenhänge einfach selbst nicht gut genug, der Grundkurs vor 20 Jahren ist kein solides Wissen. Und auch wenn ich mir zutrauen würde, für einen Grundkurs am Gymi Unterricht vorzubereiten, in dem ich mir vorher was anlese (didaktisch könnte ich es), wäre der Unterricht nicht besonders toll (inhaltlich könnte ich es nur rudimentär).


    Hallo Krabappel,


    ich sagte ja, dass man beides braucht.
    Wenn die pure Fachkompetenz so ungemein wichtig wäre, könnte unser Berufsstand wohl direkt einpacken. Viele meiner Deutschkollegen beherrschen grundlegende Regeln der Rechtschreibung nicht. Trotzdem führen sie nach Seminarmaßstäben gemessen erfolgreichen ("guten") Unterricht durch und werden mit Sicherheit allesamt in Bälde einen hervorragenden Abschluss machen.


    Nicht erst zu denken an die ganzen Fächer, die tagtäglich fachfremd unterrichtet werden. Das ist vielleicht für die betroffenen Lehrer bisweilen unangenehm, wenn Schülerfragen nicht locker beantwortet werden können und man auf didaktische Hilfen verstärkt angewiesen ist, weil man die Materialien nicht selbst erstellen kann. Letztlich ist aber unser Kerngeschäft nicht die Allwissenheit und auch nicht die fachdidaktische Verlagsarbeit, sondern Unterricht zu organisieren und aktiv zu begleiten/unterstützen.


    Ich erlebe es doch jeden Tag, dass Leute in Fächern offensichtlich guten Unterricht machen, obwohl sie das Fach nie studiert haben. Da wird so viel Eitelkeit vor sich her getragen, was dieses Fach-Gedönse anbetrifft - als ob das Studium mehr leisten könnte, als einen groben Überblick übers Fachgebiet und vertiefenden Einblick in einige wenige Themen zu bieten. Sehr wichtig ist es, dass man das wissenschaftliche Arbeiten lernt und gerade auch eine Vorstellung von der Komplexität des Wissens und damit auch der Relativität bzw. Konstrukthaftigkeit/Fragwürdigkeit des Allwissenheitsdünkels (das Fach Geschichte ist hier ein gutes Beispiel!) bekommt.


    Wir sind ja keine Schüler mehr, die in der Regel tatsächlich meinen, dass der Lehrer alles weiß, da er es ja schließlich studiert hat. Wenn wir diese Illusion aufrecht halten, dann doch meist deshalb, weil wir uns mit dieser Ehrlichkeit allein auf weiter Flur vorkämen und unsere Autorität zerbröseln sehen. ;)


    der Buntflieger

  • Viele meiner Deutschkollegen beherrschen grundlegende Regeln der Rechtschreibung nicht. Trotzdem führen sie nach Seminarmaßstäben gemessen erfolgreichen ("guten") Unterricht durch und werden mit Sicherheit allesamt in Bälde einen hervorragenden Abschluss machen.

    Ist das nicht dem Seminar furchtbar peinlich?


    ...ach was frag ich, ich kenn die Antwort ;)

  • Ich möchte hier mal für Mathe sprechen (in Französisch ist jede Veranstaltung schon eine Sprachlernveranstaltung und somit eine Vorbereitung auf die Schule).


    Mathematik in der Schule und Mathematik im Studium sind zwei völlig unterschiedliche Fächer. Mathe in der Schule ist hauptsächlich Rechnen und ein bisschen Konstruieren und (Pseudo-)Modellieren. Mathe im Studium ist Abstraktion mit ganz systematisch aufbauender Herangehensweise (Bourbaki lässt grüßen). Das, was man davon in der Schule braucht, ist im Prinzip in den ersten zwei Semestern abgefrühstückt oder mit den Einsteigervorlesungen in Numerik, Stochastik und Geometrie abgedeckt. Ein bisschen Gruppentheorie ist ganz praktisch, um zu verstehen, warum in der Schule ständig die Zahlbereichserweiterungen thematisiert werden (und dass die Division mit Rest nicht nur in der 4. Klasse gebraucht wird, sondern auch bei Verschlüsselungen eine Rolle spielt) und Kommutativität nicht nur bei Multiplikationsaufgaben auftritt, sondern auch bei Drehungen (als Objekte)*.


    Darüberhinaus habe ich im Laufe der letzten Jahre nicht nur nach KC unterrichtet, sondern auch auf Wettbewerbe vorbereitet und das Seminarfach unterrichtet. Da ist etwas mehr Wissen als der Oberstufenstoff schon ganz nützlich, auch um einfach nur eine andere Herangehensweise auszuprobieren. Der Rest ist Spaß am Denken.


    Übrigens studieren auch Diplom-/Masterstudenten nicht nur Mathe, sondern ein Zweit-/Nebenfach als Anwendungsgebiet. Zwar ist die Menge an Mathematik immer noch höher als bei Lehramtsstudenten, aber nicht doppelt so hoch, wie hier gern mal behauptet wird**. Da brauchen wir uns auch nicht zu verstecken. Und auch nach dem Studium wird ein Mathematiker nicht unbedingt sämtliche Inhalte seines Studium im Beruf anwenden. Aber er hat gelernt, Probleme auf einer hohen Abstraktionsebene zu erfassen und nicht so leicht aufzugeben, inhaltlich ist dann das Nebenfach fast noch wichtiger.


    À+



    * In Niedersachsen wurde übrigens im KC für die 5./6. Klasse neu festgelegt, dass Abbildungen nicht mehr als Objekte betrachtet und untersucht werden sollen. :sauer:
    ** In Hamburg sieht die Studienordnung im Bachelor Mathe-Lehramt (als 1. Fach) vor, dass man 70 LP einbringen muss. Im Bachelor Mathe sollen es 99 LP in Mathe sein, dazu 24 LP im Ergänzungsfach (d.h. Nebenfach) und 25 LP im freien Wahlbereich (das kann Mathe sein, aber auch in einem weiteren Nebenfach oder im Ergänzungsfach vertiefend).

  • Ich schreib jetzt mal hier weiter, wo's auch eigentlich hingehört. Ich weiss schlussendlich nicht so genau, was ich von der Sache mit dem verkürzten fachwissenschaftlichen Teil im deutschen Lehramtsstudium halten soll, ich kenne niemanden, der in Deutschland Chemie unterrichtet. Ich habe bis hierhin erst mal nur versucht zu erklären, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, da Fachinhalte wegzustreichen und dass das möglicherweise auch funktionieren kann.


    Was ich in meinem Umfeld an der Schule beobachte ist folgendes:


    • Die "alten Hasen" sind unwahrscheinlich stark auf die reine Vermittlung von Fachwissen fixiert. Da geht es um abstraktes Modelldenken und sich-zu-Tode-Rechnen in der Stöchiometrie aber es geht kaum bis gar nicht um philosophisch und ethische Fragen. Damit widerspiegelt sich an der Schule aber auch nur die jahrzehntelang vorherrschende Attitüde des Chemikers an sich, er sei ausschliesslich fürs Basteln neuer Werk- und Arzneistoffe zuständig, über allfällige Kollateralschäden müssen sich aber bitte andere Gedanken machen. Das ändert sich in der Forschung und Industrie wirklich gerade erst seit ca. 10 Jahren. Wenn man mal schaut, für was es heutzutage Forschungsgelder gibt, da geht es ganz häufig um Umweltschutz (z. B. Wasseraufbereitung, biologisch abbaubare Materialien, etc.) und effizientere sowie ökologische Energieumwandlung. Als ich angefangen habe zu studieren, hat das in der Chemie noch keine Sau interessiert. Bei uns an der Schule bin ich wahrhaft die einzige Chemikerin, die sich auch mal Zeit nimmt für ein Thema wie Agent Orange (--> ethische Diskussion), die Ökobilanz verschiedener Verpackungsmaterialien oder für die Frage, woran man nun eigentlich pseudowissenschaftlichen Bullshit erkennt. Hab ich auch an allen anderen Schulen, an denen ich bis jetzt mal was zu tun hatte, so erlebt, dass immer nur vereinzelt Kollegen solche Themen aufgegriffen haben. Eigentlich sollten das alle tun, steht sogar im Lehrplan. Die Biologen sind da irgendwie fitter, unsere Physiker sind an der Stelle sogar noch bräsiger als wir Chemiker.
    • Bei uns an der Schule gibt es zwei Biologen mit Beifach Chemie, die auch beide Fächer regelmässig unterrichten. Beide mussten sich an der Uni im fachwissenschaftlichen Bereich nachqualifizieren, aber formal reicht hier eben auch der BSc im Beifach aus. Beide sind glühende Biologen, die ihr Hauptfach mit vollem Feuereifer unterrichten. Wenn's um Chemie geht ... nun ja, ich versuche es mal diplomatisch auszudrücken: Beide neigen ganz stark dazu, Chemie als Hilfswissenschaft für die Biologie zu unterrichten. Und nun frage ich mich halt ganz stark, woran das liegt. Braucht man wirklich das komplette Fachstudium um ein guter Chemielehrer zu sein? Oder sind die zu viel Biologen um gute Chemiker zu sein? Oder ist unsere fachdidaktische Ausbildung zu schlecht? Ist das anders, wenn man die beiden Fächer auf Lehramt studiert und nicht mit dem Ziel einer wissenschaftlichen Ausbildung?
  • Zwar ist die Menge an Mathematik immer noch höher als bei Lehramtsstudenten, aber nicht doppelt so hoch, wie hier gern mal behauptet wird

    Hat das überhaupt jemand behauptet? Wenn ich die Studienpläne richtig interpretiere ist ja ein Bachelor mehr als anno dazumals ein Vordiplom. Demnach hat man ja mit dem Bachelor schon mehr als die Hälfte in den Fachwissenschaften.

  • Ich stelle fest:
    Diejenigen Naturwissenschaftler, die offenbar recht gut verstanden haben, was ich meine, erklären, dass es in Naturwissenschaften anders ist.
    Und dann gibt es eine Reihe von Naturwissenschaftlern, die offenbar nicht so genau verstanden haben, was ich meine und mit dem "Stoff" argumentieren, den sie an der Uni lernen und in der Schule nicht brauchen.
    Auch diese zweite "Gruppe" zeigt eigentlich, dass hier riesige Unterschiede zwischen beiden Zweigen bestehen - zumal die Geisteswissenschaftler mich in der Regel ganz gut verstanden haben.


    Ich hätte eigentlich alles gewettet, dass dieses "grundlegende Verständnis des Systems" oder dessen, "wie das Fach funktioniert" oder was ich auch sonst so an Formulierungen verwendet habe, in den Naturwissenschaften nochmal deutlich wichtiger ist als in den Geisteswissenschaften. Offenbar eine "geisteswissenschaftliche Denkweise" - oder die puren Inhalte in den NaWis sind so komplex, dass das System sekundär ist. In jedem Fall sehr interessant!

  • (...)Ich hätte eigentlich alles gewettet, dass dieses "grundlegende Verständnis des Systems" oder dessen, "wie das Fach funktioniert" oder was ich auch sonst so an Formulierungen verwendet habe, in den Naturwissenschaften nochmal deutlich wichtiger ist als in den Geisteswissenschaften. Offenbar eine "geisteswissenschaftliche Denkweise" - oder die puren Inhalte in den NaWis sind so komplex, dass das System sekundär ist. In jedem Fall sehr interessant!

    Sehr spannende These WillG. Ich freue mich schon auf Antworten von Naturwissenschaftlern. :top:

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • ...Ich erlebe es doch jeden Tag, dass Leute in Fächern offensichtlich guten Unterricht machen, obwohl sie das Fach nie studiert haben...

    Das überrascht mich jetzt. Du hast jeden Tag bei verschiedenen Kollegen Einblick in den den fachfremd erteilten Unterricht und kannst die Qualität desselben auch noch beurteilen?

Werbung