Umgang mit Notfallmedikamenten

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  • Umgang mit Notfallmedikamenten

    Hallo zusammen,

    ich habe ab nächstem Schuljahr einen Schüler in meiner Klasse, der im Bedarfsfall ein Notfall-Medikament bekommen muss. Bei dem Medikament handelt es sich um ein rektal zu verabreichendes Zäpfchen. Nach Aussage der Eltern ist dieses spezielle Medikament das für dieses Kind einzig sicher wirksame und eine lebensrettende Maßnahme.
    Sicher würde ich das Medikament im Fall der Fälle verabreichen, diese Frage stellt sich nicht.
    Trotzdem fühle ich mich äußerst unwohl bei dem Gedanken und natürlich betrifft das auch die Kollegen, die in der Klasse unterrichten. SL gibt sich bisher etwas ratlos... Da müssen wir nochmal drüber sprechen... Da wird nicht viel Support kommen.

    Ich möchte gar keine Diskussion über rechtliche Fragen und ob ich das nun tun muss oder nicht lostreten. Ich persönlich finde es grenzwertig, möchte dem Kind aber sehr gerne ermöglichen bei uns zur Schule zu gehen. Bisher war der Schüler an einer Sonderschule, da gehört er von der schulischen Leistung her aber absolut nicht hin.

    Hat jemand Erfahrung, wie man so etwas in einem großen Kollegium bestmöglich stemmen kann? Vielleicht auch wenn sich einzelne Kollegen weigern (was ich durchaus verstehen könnte...)

    Nachdenkliche Grüße!
  • Das Unbehagen kann ich sehr gut verstehen. Ich habe auch einen Schüler, der eine zeitlang Zäpfchen dabei hatte, da gabe es dann aber doch Alternativen (Tabletten/Tropfen) und wir haben klar kommuniziert, dass wir keine Zäpfchen geben werden, wenn es auch anders geht. Daraufhin haben die Eltern dann doch nochmal Druck beim Arzt gemacht. Diese Alternative scheint es ja nun bei euch nicht zugeben. Schwierig. Schulbegleiter ist wahrscheinlich utopisch, zumal wenn der Schüler das Medikament nur im Notfall braucht und ansonsten alleine klar kommt. Wie oft ist denn mit dem Notfall zu rechnen? (bei meinem Schüler war das zum Beispiel in seinem ganzen Leben noch nie der Fall! Im zweifelsfall säße ein Schulbegleiter dann die gesamte Schulzeit tatenlos in einer Ecke...)
    Ansonsten: wenn es Kollegen gibt, die sich weigern, wäre es sinnvoll ganz klar zu benennen, wen man im Notfall schnell dazuholen kann, der dann auch verlässlich dazu bereit wäre. Vielleicht habt ihr ja auch Leute die sagen, ihnen macht das nichts aus???? (die Hemmschwelle ist ja bei Menschen durchaus unterschiedlich). Problem wird ann vor allem sein, so jemanden dann schnell zu finden...
    (ich persönlich plädiere ja auch aus anderen Gründen für fest installierte Schulkrankenschwestern an allen Schulen..)
  • Tatsächlich kommt es wohl schon 1 bis 3 Mal im Jahr zu Anfällen, in denen auch schnell gehandelt werden muss. Bisher wohl nie in der Schulzeit, aber das ist reiner Zufall. Eine Schulbegleitung sehe ich da auch nicht am richtigen Einsatzort (zumal ich auch die nicht zwingen kann das Medikament zu geben). Schulkrankenschwester wäre natürlich super und würde hier sehr entlasten, aber die haben wir leider auch nicht.
    Wir müssen auf jeden Fall irgendeinen Notfallplan entwickeln, damit sichergestellt ist das jemand da ist, der helfen kann und bereit dazu ist. Mir macht da auch sehr die Weitläufigkeit der Schule und die Größe des Kollegiums Sorgen. Ich bin ja auch nicht immer auffindbar...
  • EducatedGuess schrieb:

    SL gibt sich bisher etwas ratlos...
    Der soll sich nicht ratlos geben, der soll die Sachlage klären, eine Entscheidung treffen und eine Anweisung erteilen, damit alle betroffenen Kollegen Handlungssicherheit haben. Dafür wird der Mensch bezahlt.

    Wofür hat der denn ggf. seine Dezernenten in der oberen Schulfaufsicht? X(
  • Yummi schrieb:

    Unsinn. Auch in Kitas erhalten diese Diazepam um bei einem epileptischen Anfall dieses rektal zu verabreichen.
    Inwiefern ist hier relevant, wie in Kitas mit solchen Situationen umgegangen wird?
    Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz.
  • Bevor du irgendwelche Medikamente verabreichst benötigst du 3 Papiere:
    1.) Eine schriftliche Bescheinigung des Arztes, dass die Verabreichung des Medikaments geboten ist - mit genauer Anleitung, wann und wie und wie nach der Gabe zu verfahren ist.
    2.) Eine schriftliche Erklärung der Eltern, dass sie dir gestatten, dem Kind das Medikament zu verabreichen und dich von jeder Verantwortung für eventuelle Folgeschäden freistellen.
    3.) Eine schriftliche Bescheinigung der Schulleitung, dass du in den Fällen von Papier 1) das Medikament verabreichen sollst und du dazu dienstlich verpflichtet bist.
    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll
  • Naja, man muss aber auch trennen zwischen der "normalen" Medikamentenvergabe (zu der man in der Tat nicht verpflichtet ist) und der Medikamentengabe im Notfall. Dazu habe ich folgendes gefunden:

    "Tritt ein Notfall ein, zum Beispiel bei einer schweren allergischen Reaktion, sind alle Personen gesetzlich verpflichtet, Hilfe zu leisten. Personen, die im konkreten Unglücksfall Hilfe leisten und nicht bereits nach ihrem Beschäftigungsverhältnis zur Hilfeleistung verpflichtet sind (z.B. Schulsanitäter oder Schulsanitäterin), stehen gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 13a SGB VII unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung." (Broschüre zur "Medikamentvergabe in Schulen" der DGUV)

    Dazu dann das hier:

    "Verpflichtung zur Hilfeleistung: § 323c StGB(Unterlassene Hilfeleistung)
    Generell ist jeder zur Hilfeleistung bei einem Notfall verpflichtet. Dabei hat jeder die seinen Fähigkeiten entsprechende Hilfe zu leisten. Die unterlassene Hilfeleistung kann strafrechtlich mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bzw. Geldstrafe geahndet werden. Die Verpflichtung zur Hilfeleistung entfällt, wenn:
    • die Hilfeleistung nicht zumutbar ist (z.B. bei Gefahr für das Leben und die Gesundheit des Helfers: Unfall unter Freisetzung von gefährlichen Stoffen; Unfall auf nächtlicher, einsamer Strasse, wenn eine begründete Angst vor einem Überfall besteht; etc.)
    • die Hilfeleistung mit der "Verletzung anderer wichtiger Pflichten" verbunden ist (z.B. Aufsichtspflicht über kleine Kinder geht der Hilfeleistung vor, bzw. man ist gerade mit einem anderen Notfall auf dem Weg zu einem Arzt oder Krankenhaus)
    • die Hilfeleistung nicht erforderlich ist (z.B. fachliche Hilfe durch einen Arzt bereits vor Ort anwesend ist und keine weitere Hilfe notwendig ist)"



    Ich würde daraus schon ableiten, dass ich im Notfall (noch dazu in einer lebensbedrohenden Situation!) verpflichtet wäre, ein Medikament zu geben, wenn dieses vorhanden ist und ich davon Kenntnis habe.

    Das beutet dann aber auch, dass die Kollegen sich nicht wirklich weigern können. Hängt halt auch von der konkreten Krankheit ab und davon wie schnell die Hilfe erfolgen muss und ob es vertretbar ist erst jemand anderen zu Hilfe zu holen...

    (Und mal ganz abgesehen davon, ob ich muss oder nicht: wenn der Schüler da liegt und ich habe ein Medikament, von dem ich weiß, dass es ihm das Leben rettet , sage ich doch nicht ernsthaft: Nö, ist nicht meine Aufgabe... und lass ihn sterben???? (oder riskiere das zumindest).)

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von icke ()

  • alias schrieb:

    Bevor du irgendwelche Medikamente verabreichst benötigst du 3 Papiere:
    1.) Eine schriftliche Bescheinigung des Arztes, dass die Verabreichung des Medikaments geboten ist - mit genauer Anleitung, wann und wie und wie nach der Gabe zu verfahren ist.
    2.) Eine schriftliche Erklärung der Eltern, dass sie dir gestatten, dem Kind das Medikament zu verabreichen und dich von jeder Verantwortung für eventuelle Folgeschäden freistellen.
    3.) Eine schriftliche Bescheinigung der Schulleitung, dass du in den Fällen von Papier 1) das Medikament verabreichen sollst und du dazu dienstlich verpflichtet bist.
    Anmerkung: Papier 2 scheint auf den ersten Blick das Wichtigste, ist juristisch aber wertlos.
    Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz.
  • Danke für die vielen Hinweise. Ich werde auf jeden Fall noch einmal unsere SL in die Verantwortung nehmen und um konkrete Anweisungen bitten, wie wir damit umzugehen haben.

    Da es sich um Epilepsie handelt reden wir hier schon von lebensbedrohlichen Umständen und ich würde in der konkreten Situation einfach handeln (wenn ich weiß wie).
    Vielleicht gibt es ja doch auch noch die Möglichkeit eine andere Darreichungsform zu ermöglichen, das würde vieles vereinfachen. Ich muss in der Situation ja auch die anderen Kinder wegschicken. Will mir das gar nicht in der Pause ausmalen...
    In erster Linie geht es mir wirklich darum für das Kind und für uns einen guten Weg zu finden, damit es allen Beteiligten gut damit geht.
  • @gingergirl: Danke für den Link, hundertprozentig eindeutig ist es aber auch hier (mal wieder) nicht formuliert:

    • 9. Im Notfall ist jede Lehrkraft zur Hilfeleistung verpflichtet!
    • 10. Die zu erbringende und erforderliche Hilfe hängt von der Bedrohlichkeit der Situation ab.
    • 11. Im Rahmen von Hilfeleistungen in Notfällen sind nicht nur medizinische Hilfsmaßnahmen, sondern auch medizinische Maßnahmen (z.B. intramuskuläre Injektionen) zulässig, wenn sie erforderlich sind, um die Gefahr eines erheblichen Schadens für das Kind abzuwenden.


    "sind zulässig" heißt ja eben wieder nicht: müssen verpflichtend durchgeführt werden...

    Im Ernst: wieso ist es so schwierig, da mal eine wirklich eindeutige Richtlinie zu verfassen???? Und klare umsetzbare Handlungsanweisungen für so einen Fall wie eingangs beschrieben?
  • Meerschwein Nele schrieb:

    EducatedGuess schrieb:

    Ich muss in der Situation ja auch die anderen Kinder wegschicken. Will mir das gar nicht in der Pause ausmalen...
    Bei Lebensrettenden Maßnahmen ist Schamgefühl nun wirklich von untergeordneter Bedeutung.
    Sicher mache ich mir im konkret eingetreten Notfall darum keine Gedanken.
    Jetzt vom Schreibtisch aus kann man sich aber schon Mal fragen was wäre, wenn man auf einem vollen Schulhof einem Kind die Hose auszieht und was das für Wellen schlagen würde. Ohne mir jetzt unnötig Horrorszenarien ausdenken zu wollen...
  • Nach gesundem Menschenverstand schlage ich folgendes Vorgehen vor: Im Notfall musst du erste Hilfe leisten. 110 anrufen, Gegenstände um die Person entfernen, Bauchlage oder wenn möglich stabile Seitenlage herstellen, Person bei epileptischem Anfall nicht festhalten. Es kann dich niemand zwingen, ein Zäpfchen zu verabreichen, es kann dir auch niemand einen Strick draus drehen, wenn du es verabreichst. Ich würde mir vom Arzt einen Zettel ausstellen lassen, was im Notfall wie zu tun ist.

    Ansonsten soll sich bitte die Schulleitung belesen, ob es Erlasse für dein Bundesland gibt, die Näheres regeln und mit euch ein Vorgehen besprechen.

    Mir würde das Wissen auch Unbehagen bereiten. Ich denke aber, dass man im Zweifelsfall umsichtig genug ist und sich dann mit dem Zäpfchen nicht so schwer tun wird, wie sich das im ersten Moment anhört. Ihr kennt das Kind ja bis dahin auch und wenn man seinem Schüler helfen kann, macht man das denke ich auch spontan und ohne große Berührungsängste.
  • EducatedGuess schrieb:

    Wir müssen auf jeden Fall irgendeinen Notfallplan entwickeln, damit sichergestellt ist das jemand da ist, der helfen kann und bereit dazu ist.
    Warum müßt ihr das? Ich würde doch glatt mal den behandelnden Arzt fragen wie der sich das so im Alltag vorstellt, zumal unter der Prämisse, daß in den Pausen eh niemand da ist und wir als Pauker auch keine Mediakamente verabreichen dürfen. Zumindest habe ich es bei meinen Ersthelfer-Kursen so eingetrichtert bekommen, daß ich auch dann keine Medikamente verabreichen darf. Soll der Arzt sich mal etwas einfallen lassen.

    Um welches Medikament bzw. Wirkstoff geht es überhaupt?
    Und Zäpfchen ist ja schön und gut, aber wie soll sowas bei 40°C, die wir aktuell haben, gelagert werden? Ich habe keinen Kühlschrank für sowas.

    Sollte es sich um Diazepam handeln, das gibt es auch als Tropfen und als absolutes Notfallmedikament auch als Fertiginjektion, die man wie bei der Insulinspritze für Diabetiker notfalls sogar durch eine jeans injezieren kann.

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