Noteninflation beim Abitur, Reform notwendig

  • Moin,


    heute mußte ich in der Presse mit Freude vernehmen, daß so langsam wohl auch einer der Lehrerverbände kapiert hat, daß es mit dem "wir nehmen alle mit" nicht weitergehen kann. Konkret hieß es "Rettet das Abitur", denn wenn eh alle irgendwie das Abitur bekommen, ist das auch nichts mehr wert und die Universitäten sind dann gezwungen in wirklich allen Studiengängen Aufnahmeprüfungen durchzuführen. Was von dem Verband wohl auch niemand will.


    --> https://www.hasepost.de/lehrer…nde-abitur-reform-141560/
    --> https://www.nw.de/nachrichten/…ll-das-Abitur-retten.html


    Wie denkt Ihr darüber?


    Mir geht jedenfalls die Noteninflation bei allen Abschlüssen, die dazu geführt hat, daß heute der Hauptschulabschluß wirklich gar nichts mehr wert ist und manche Ausbildungsberufe als Zugangsvoraussetzung das Abitur haben, gewaltig auf den Keks.

  • Ein guter Weg die Noteninflation, zumindest in NRW, zu mäßigen, wäre eine Herabstufung (gerne auch Abschaffung) der Somi, die sowieso nur zum Noten schönen verwendet wird und Schwätzer bevorzugt. Darüber diskutiere ich ständig mit meinen Kollegen, die meiner Meinung nach viel zu sehr nach Quantität bewerden.


    Außerdem gehört die Unsitte der Abwahl der Schriftlichkeit abgeschafft. Wieder so eine Schönungsmaßnahme, wer absitzt und sich bisschen meldet wird zumindest mal kein Defizit bekommen.


    Mit den beiden Maßnahmen, würden die Noten in NRW schon etwas realistischer, ganz ohne jede Änderung am den Prüfungen.

  • Auch wenn du das jetzt nicht hören möchtest, bitte hört doch mal auf (auch noch als Lehrer) ständig zu behaupten, dass der Hauptschulabschluss nichts mehr wert ist. Das geht mir auf den Keks. Ich führe mit Schülern und Eltern ständig diese Beratungsgespräche als StuBo und möchte nicht noch Kollegen mit diesen Vorurteilen erleben.
    Sowohl die ZAP fand ich dieses Jahr angemessen für den HS10, als auch die Quote der vermittelten Ausbildungsplätze mit HS10. Die haben nämlich alle einen Platz in ihrem gewünschten Bereich erhalten.

  • Auch wenn du das jetzt nicht hören möchtest, bitte hört doch mal auf (auch noch als Lehrer) ständig zu behaupten, dass der Hauptschulabschluss nichts mehr wert ist.

    Extra für dich formuliere ich es mal um. Ja, er ist mehr wert als kein Abschluss. Er ist aber nicht mehr wert, was er früher mal wert war. Das gilt für alle Abschlüsse.


    Typisches Beispiel sind die Bürojobs. Vor einigen Jahren war der Realschulabschluss dafür der Regelabschluss. Wenn ich höre, dass in einer Klasse für Speditionskaufleute 95% Abitur haben, die allgemeine Hochschulreife, die eigentlich auf ein Studium vorbereitet, dann ist an der Inflation der Abschlüsse schon was dran.

  • Ein guter Weg die Noteninflation, zumindest in NRW, zu mäßigen, wäre eine Herabstufung (gerne auch Abschaffung) der Somi, die sowieso nur zum Noten schönen verwendet wird und Schwätzer bevorzugt.

    Also bei uns an der Berufsschule läuft das genau umgekehrt. Ich ermahne die Schüler einmal das Handy wegzupacken. Erfolgt dies nicht, lasse ich den Schüler weiter daddeln und schreibe als Sonstige-Mitarbeits-Note für die Stunde eine 6 auf, eben weil er sich gar nicht beteiligt hat.


    Gibt bei uns aber auch Schüler, die es zu einer 6 auf dem Zeugnis im Fach Religion bringen.


    Ich denke das Problem sind da eher die Kollegen, die Angst vor einer etwaigen Nachprüfung am Ende der Sommerferien haben, weil das für sie ja zusätzliche Arbeit bedeutet und deswegen bessere Noten geben. Einer meiner Schüler kam ja auch damit an, daß er wegen meiner 5 in die Nachprüfung müsse, um doch noch versetzt zu werden, und er die Nachprüfung bei mir machen würde, weswegen ich dann ja eine Woche eher aus den Sommerferien zurückkehren müsse...
    Ich habe ihm dann nur noch viel Erfolg beim Pauken für die Nachprüfung gewünscht.

  • Universitäten sind dann gezwungen in wirklich allen Studiengängen Aufnahmeprüfungen durchzuführen. Was von dem Verband wohl auch niemand will.

    Warum nicht? Aufnahmeprüfungen in allen Bereichen lösten viele Probleme. Die Universitäten können prüfen, ob der Kandidat die Voraussetzung für eben jenen Studiengang hat. Sie müssten sich nicht darauf verlassen, dass eien Schule das richtig eingeschätzt hat. Genau könnten wir an den Schulen Aufnahmeprüfungen machen, anstatt uns auf das Urteil der Zubringerschulen zu verlassen.

    „Fakten haben keine Lobby.“


    (Sarah Bosetti)

  • Einer meiner Schüler kam ja auch damit an, daß er wegen meiner 5 in die Nachprüfung müsse, um doch noch versetzt zu werden, und er die Nachprüfung bei mir machen würde, weswegen ich dann ja eine Woche eher aus den Sommerferien zurückkehren müsse...

    Schon niedlich, wenn sie versuchen sich unseren Kopf zu zerbrechen. Ähnlich amüsant finde ich immer, wenn sie mir erklären wollen, dass doch schon "Notenschluss" gewsen sei. Ich erkläre ihnen dann, dass die Note feststeht, wenn sie das Zeugnis in Händen halten, nicht vorher.

  • Warum nicht? Aufnahmeprüfungen in allen Bereichen lösten viele Probleme. Die Universitäten können prüfen, ob der Kandidat die Voraussetzung für eben jenen Studiengang hat. Sie müssten sich nicht darauf verlassen, dass eien Schule das richtig eingeschätzt hat. Genau könnten wir an den Schulen Aufnahmeprüfungen machen, anstatt uns auf das Urteil der Zubringerschulen zu verlassen.

    Dann könnte man sich das Abitur aber gleich ganz sparen, wenn es für alle Studiengänge Aufnahmeprüfungen gäbe? Würde die Sek-II-Kollegen sicher entlasten.

  • Ich weiß auch nicht, ob es dann noch ein Abitur bräuchte, wenn man durch zusätzliche Aufnahmeprüfungen implizit den Schulen unterstellen würde, dass sie nicht mehr in der Lage wären, einer ihrer Hauptfunktionen nachzugehen, nämlich Bewertung und Diagnostik. Die Folge wäre wohl, dass viele Schüler den Schulbetrieb noch weniger erst nehmen und einfach auf Viergewinnt setzen würden, da ihre Noten keine weitreichenden Folgen für sie hätten (und sie häufig altersbedingt noch nicht verstehen können, dass es einen langfristig im Leben doch weiterbringt, in der Schule aufzupassen) - und dann kommt noch der NRW-Zusatz dazu, dass man in der Sek I kaum sitzen bleiben kann.


    @Wollsocken80s Position würde mich dazu interessieren, da sie ja schon häufiger meinte, dass die Studierendenquote in der Schweiz niedrig sei und das gesellschaftlich gut funktioniere.

  • Ich bin (leider) komplett bei euch. Ich bin noch keine 10 Jahre dabei und in Hessen hat sich schon viel getan, was das Niveau weiter absenkt. Zu Beginn konnte ich in Deutsch noch bis zu 4 Punkte abziehen wegen des FI, heute sind es max 2 Punkte. In der FOS tummeln sich viele, die eine Studienbefähigung bei weitem nicht erreichen, dennoch reicht bei vielen Unis in Hessen mittlerweile die FOS, um dort zu studieren. Der Anspruch beim allg. Abitur ist schon gesunken, die FOS ist weit davon entfernt (allein die Stundentafel und der Umfang des Unterrichts), dennoch ginge es für beide Absolventen an die Unis.
    In Hessen haben wir ein festgelegtes Bewertungsraster, auch das soll bald noch schülerfreundlicher werden.
    Pro Jahrgang schaffen es doch immer wieder um die 10 Kids, das Abitur mit den gebrachten Leistungen nicht zu bestehen. Dann wird nachgeprüft, nachgeprüft, nachgeprüft, bis es am Ende meist doch noch klappt

  • Och, ich hätte auch mal so ein paar Vorschläge...
    1. Abschaffung der Gesamtschulen. Denn das Konzept funktioniert einfach nicht so, wie es gedacht war.
    2. Einführung eines "Auffangbeckens" unter der HS, in Form einer verpflichtenden geschlossenen Anstalt, wo entsprechende SuS, die nicht mal HS-Niveau haben, auf Kosten derer unfähigen Erzeuger erst mal sozialisiert werden.
    3. Durchlässigkeit in beide Richtungen, aber eben nur bei entsprechender Leistung. Heißt, reicht diese nicht aus, wird durchgereicht, und wenn in der 10 der Notenschnitt zu schlecht ist, dann gibts eben keine Oberstufe. Dann haben diese SuS eben eine Mittlere Reife und gehen gefälligst in Ausbildung. Ja, das ist im Prinzip eine Art "NC" für Oberstufe generell.
    Wenn das wirklich durchgezogen würde, wären auch die MR und der Hauptschulabschluss wieder "was wert". So, wie es im Moment ist, stellen die meisten Betriebe zumindest hier keine Hauptschüler ein (da diese als hübsch umbenannte Hirnamputierte gelten, mal drastisch ausgedrückt).


    Ach ja... dass das sicher eine Stange Geld kosten wird, sollte klar sein.

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  • Dann könnte man sich das Abitur aber gleich ganz sparen, wenn es für alle Studiengänge Aufnahmeprüfungen gäbe?

    Ja.

    Würde die Sek-II-Kollegen sicher entlasten.

    Nein, die müssten dann ja die Aufnahmeprüfunhen für die gymnasiale Oberstufe abnehmen.



    Ich weiß auch nicht, ob es dann noch ein Abitur bräuchte,

    Eben nicht.

    wenn man durch zusätzliche Aufnahmeprüfungen implizit den Schulen unterstellen würde, dass sie nicht mehr in der Lage wären, einer ihrer Hauptfunktionen nachzugehen, nämlich Bewertung und Diagnostik.

    Das ist die These, die sich hinter "Noteninflation" verbirgt.

    Die Folge wäre wohl, dass viele Schüler den Schulbetrieb noch weniger erst nehmen und einfach auf Viergewinnt setzen würden, da ihre Noten keine weitreichenden Folgen für sie hätten (und sie häufig altersbedingt noch nicht verstehen können, dass es einen langfristig im Leben doch weiterbringt, in der Schule aufzupassen)

    Oder auch nicht, wenn sie doch verstehen, dass sie dann drei Jahre Zeit haben, möglichst viel von dem zu lernen, das sie durch die Aufnahmeprüfung bringt.


    und dann kommt noch der NRW-Zusatz dazu, dass man in der Sek I kaum sitzen bleiben kann.

    Was egal wäre, wenn für die Sek II auch eine Aufnahmeprüfung erforderlich wäre (und konsequenterwiese auch für den gewünschten Zweig der Sek I).

    „Fakten haben keine Lobby.“


    (Sarah Bosetti)

  • ... auch die Quote der vermittelten Ausbildungsplätze mit HS10. Die haben nämlich alle einen Platz in ihrem gewünschten Bereich erhalten.

    ...". So, wie es im Moment ist, stellen die meisten Betriebe zumindest hier keine Hauptschüler ein

    Wer hat denn da die belastbareren Zahlen?


    Ich sehe hier viele Handwerks-Betriebe, die keine Azubis finden. Das liegt aber m.E. nicht daran, dass sie sich weigerten, Hauptschüler zu nehmen, sondern dass zu wenige Jugendliche Lust auf anstrengende Arbeit für solch niedrigen Lohn haben. Geht schon bei der Ausbildungsvergütung los, die nicht mal für ein WG-Zimmer reicht.


    Inwieweit von den Bewerbern welche abgelehnt werden oder abbrechen, weil sie keine social skills beherrschen, weiß ich nicht. Mit dem Abschluss hat's aber m.E. nichts zu tun


    Unsere Lernbehinderten würden jedenfalls übernommen werden, wenn sie die Berufsschule schafften. Ihnen fehlt es tatsächlich an Intellekt und seltener an Willen. Wenn auch einige psychische Probleme haben, im Praktikum blühen sie auf aber bekommen zu hören: wir würden dich nehmen, aber die Berufsschule ist zu schwer.


    Sachsen ist ja bei der Selektion bisher recht strikt vorgegangen, was nicht dazu geführt hat, dass Oberschule hier beliebter oder anerkannter wäre oder mehr Normalsozialisierte beherbergen würde als anderswo. Im Gegenteil, da wird umso schneller nach unten gereicht, wer verhaltenskreativ ist, unabhängig vom Potenzial!



    Edit: OT: Da hier die Wortsuche vom Handy gerade ein völlig unpassendes Wort eingefügt hat weiß ich glaube ich, wie dieser eine Troll seine komischen Texte verfasst: einfach alles stehen lassen, was das Handy vorgibt :D

    • Offizieller Beitrag

    Ich weiß auch nicht, ob es dann noch ein Abitur bräuchte, wenn man durch zusätzliche Aufnahmeprüfungen implizit den Schulen unterstellen würde, dass sie nicht mehr in der Lage wären, einer ihrer Hauptfunktionen nachzugehen, nämlich Bewertung und Diagnostik. Die Folge wäre wohl, dass viele Schüler den Schulbetrieb noch weniger erst nehmen und einfach auf Viergewinnt setzen würden, da ihre Noten keine weitreichenden Folgen für sie hätten (und sie häufig altersbedingt noch nicht verstehen können, dass es einen langfristig im Leben doch weiterbringt, in der Schule aufzupassen) -





    Naja, die Studiengänge, die schon solche Aufnahmeprüfungen haben, lassen oft nur eine begrnzte Zahl an KandidatInnen überhaupt zu, und die Vorauswahl wird schon durch die Abiturnote gemacht. (Mag sein, dass es daran liegt, dass der Großteil der Zulassungen grundsätzlich nach dem Kriterium der Bestenauslese nach Abischnitt gemacht werden muss, aber der Aufwand wird dadurch minimiert). Oder die Note und ein weiterer Test werden punktemäßig kombiniert.
    Also müsste man schon was für seine Abinote machen.



    Zitat

    und dann kommt noch der NRW-Zusatz dazu, dass man in der Sek I kaum sitzen bleiben kann.

    Könntest du bitte deine Quellen überprüfen, bevor du so einen Quatsch sagst?
    Wenn ich mich nicht täusche, habe ich hier im Forum gelesen (aber nicht nachgeprüft), dass man in Hamburg (das ist ein anderes Bundesland als NRW) über der 6. Klasse nicht mehr wiederholt, egal welche Noten man hat (wobei ich nicht mehr weiß, ob es nur fürs Gymnasium galt), aber ich kann dir sagen: in NRW kann man sitzen bleiben.
    Meine Statistik dieses Schuljahr:
    1 Schüler der 6. Klasse muss die Schule verlassen, weil man eben nicht sitzen bleiben kann.
    2 Schüler der 7. Klasse bleiben sitzen, 1 verlässt die Schule (weil schon Wiederholer), 2 machen eine Nachprüfung
    2 Schüler der 8. Klasse bleiben sitzen.
    (je eine Schulklasse)

  • Einführung eines "Auffangbeckens" unter der HS, in Form einer verpflichtenden geschlossenen Anstalt, wo entsprechende SuS, die nicht mal HS-Niveau haben, auf Kosten derer unfähigen Erzeuger erst mal sozialisiert werden.

    Gibt doch schon längst:


    - Förderschule Lernen
    - Förderschule emotional-soziale Entwicklung
    - Förderschule für Schüler in längerer Krankenhausbehandlung (Psychiatrie)


    Außer evtl. in der Psychiatrie natürlich nicht "geschlossen".


    Und auch nicht auf Kosten der Erzeuger, sondern der Steuerzahler.

    Oder auch nicht, wenn sie doch verstehen, dass sie dann drei Jahre Zeit haben, möglichst viel von dem zu lernen, das sie durch die Aufnahmeprüfung bringt.

    Na ja, wenn die Aufnahmeprüfungen nur die für das Studienfach relevanten Inhalte überprüften, würde der naturwissenschaftlich interessierte Schüler in der Regel wohl keinen gesonderten Wert auf Deutsch und Latein legen und der geisteswissenschaftlich interessierte auf Mathematik und Physik (als prototypische Beispiele).

  • Die "Quellen" waren hier im Forum Lehrer aus NRW, die über den Umstand geklagt haben, dass Schüler mit mehrheitlich mangelhaften Leistungen in der Sek I nicht sitzen bleiben dürfen. Interessant, dass du dann an der Stelle, auch aus NRW, eine ganz andere Position vertrittst. Danke auf jeden Fall für diesen Input und vlt. müsste im jeweiligen Thread noch einmal untersucht werden, welche Position denn jetzt davon stimmt, da es sich ja um ein recht kontroverses Thema innerhalb der Bildungspolitik zu handeln scheint.

  • Aber nicht an allen Schulformen in NRW gilt das. In einem anderen Thread wurde dies zur Sekundarschule diskutiert. An anderen Schulformen, wie z.B. Realschule- wo ich arbeite- ist das Sitzenbleiben nicht abgeschafft.

    Freundlichkeit ist kostenlos, aber niemals umsonst.

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