ADHS ohne Ritalin in den Griff bekommen

  • Hallo an alle!


    Ich habe es an unserer Schule und auch im Bekanntenkreis mehrfach mitbekommen, dass die Ärzte fleißig testen und am Ende die Diagnose ADHS oder auch ADS steht.
    Allerdings lässt dann die Beratung, was man dann tun könnte, sehr zu wünschen übrig.


    Daher wollte ich mal euer Schwarmwissen befragen: Gibt es Alternativen zu Ritalin o.ä., die bei einem eurer Kinder sichtlich Erfolge gebracht haben?
    (Ich würde gerne einer Mama weiterhelfen, bei deren Kind die Diagnose noch offen ist, die alles tun würde, aber eben keine Medikamente geben möchte.)


    Liebe Grüße!

  • langweilige Strukturen und extreme Konsequenz und ganz viel Bewegung an frischer Luft, Ernährung soll auch Einfluss haben


    Ritalin hat auch Nebenwirkungen, muss man schon abwägen

  • ...erst mal ggf noch nen anderen Arzt diagnostizieren lassen. habe schon oft erlebt, dass ADS/ADHS fehldiagnostiziert waren.


    Und - wenn es denn stimmt - ja, Sport, und Zeit fürs Kind.

    Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung ihn Dinge sehen lässt wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)
    Die Grundlage des Glücks ist die Freiheit, die Grundlage der Freiheit aber ist der Mut. (Perikles)
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  • Mir hat ein Vater von sehr positiven Erfahrungen mit Neurofeedback berichtet. Wie da die Studienlage aussieht, wer die Kosten trägt und wie weit man fahren muss: Keine Ahnung.


    Ritalin hat Nebenwirkungen. Es ist auch rein symptomatisch, sobald es abgesetzt wird, ist alles beim alten. Gut, wenn sich jemand Gedanken macht und nach weiteren, alternativen oder ergänzenden Möglichkeiten, umhört!

    • Offizieller Beitrag

    AD(H)S sollte nie nur durch den Kinderarzt diagnostiziert werden, sofern er kein wirklicher Experte ist. Das Ganze sollte im Idealfall von wirklichen Experten mit nachhaltigeren Tests als den üblichen Fragebögen überprüft werden. Einmal abgesehen davon hilft Ritalin nur bei ADHS - brutal formuliert ist die Gabe von Ritalin ein zentraler Beleg für das Vorliegen von AD(H)S.
    Was betroffenen Kindern (und Eltern) sicherlich hilft, sind Verständnis und nicht mitunter durch von Halbwissen oder Besserwisserei geprägte Pauschalantworten. (Dazu gehören z.B. auch "Sport" und "konsequente Erziehung".)


    Das Grundproblem bei dieser Störung ist die Frage nach der schulischen Integration von ADHS Kinder. Die "Träumerle" (ohne "H") sind da sicherlich weniger problematisch als die "Rappeltiere".
    Letztere fallen durch häufige Unterrichtsstörungen, starken Bewegungsdrang und weitere Undiszipliniertheiten auf, die sich mitunter auch nachteilig auf das Leistungsverhalten und die Leistung an sich auswirken. Ich hatte in der Vergangenheit mehrere ADHS-Kinder am Gymnasium - alle sehr intelligent und im Kern nette Kinder - wäre da nicht ihre Störung gewesen.
    Als Lehrkraft mag man da Strategien entwickeln, um diesen Kindern zu begegnen. ADHS-Kinder haben jedoch ein sehr sehr hohes "Nerv"-Potenzial gegenüber ihren Mitschülern, was schnell zu sozialer Ausgrenzung führt. Auf Verständnis seitens der Mitschüler kann man da nur bedingt bauen. Darüber hinaus ist die Reizüberflutung ein nicht unerhebliches Problem für ADHS-Kinder. Das kann ich als Lehrkraft jedoch nur bedingt beeinflussen.
    Das eine oder andere Kind in meinen Klassen war ohne Ritalin schlichtweg unbeschulbar und sozial nicht integrierbar. Ich würde niemals hingehenn und Ritalin in jedem Fall empfehlen, jedoch sollte man sich über sowohl über die Konsequenzen der Gabe als auch über die Konsequenzen der Nichtgabe im Klaren sein.


    In allen Fällen, die ich mit betreut habe, war die Gabe von Ritalin bei allen Nebenwirkungen, die es zweifelsfrei gibt, die "Erlösung" - für alle Beteiligten. Die Kinder waren viel fokussierter, leistungsstärker und nach kurzer Zeit wieder in die Klassengemeinschaft integriert. Es waren glückliche Kinder, denen man ihre Störung nur dann noch angemerkt hat, wenn sie denn einmal vergessen hatten, die Tablette zu nehmen.

  • In allen Fällen, die ich mit betreut habe, war die Gabe von Ritalin bei allen Nebenwirkungen, die es zweifelsfrei gibt, die "Erlösung" - für alle Beteiligten. Die Kinder waren viel fokussierter, leistungsstärker und nach kurzer Zeit wieder in die Klassengemeinschaft integriert. Es waren glückliche Kinder, denen man ihre Störung nur dann noch angemerkt hat, wenn sie denn einmal vergessen hatten, die Tablette zu nehmen.

    In allen Fällen, die ich mit betreut habe, bestanden die Nebenwirkungen der Einstellung auf Ritalin darin, andere Kinder zu bekommen, die in Charakter und Persönlichkeit mit den ursprünglichen Menschen nichts mehr zu tun hatten.


    Ob sie glücklich darüber waren, konnte ich nicht mehr erfahren. Sie waren nicht mehr da.

    "A lack of planing on your side does not constitute an emergency on my side."

    • Offizieller Beitrag

    Je nachdem wie alt das Kind ist, kann man es auch fragen. und ich würde einschätzen, dass die meisten Kinder wissen, was ihnen gut tut, worunter sie leiden und was nicht.
    Es ist ein Unterschied zwischen "ich stelle ein Kind ruhig, weil es MICH (Lehrer, Elternteil, ..) nervt" und "ich brauche etwas, was mein Hirn dabei unterstützt, den Alltag zu durchstehen"

  • Solche gravierenden Wesensveränderungen wie die, von denen Thamiel schreibt, habe ich noch nicht erlebt, habe aber auch keine sehr umfangreichen oder repräsentativen Erfahrungen. Ich habe aber erlebt, dass es für manche Kinder bzw. Jugendliche unter Ritalin sehr gut ging und sie dies auch als Erlösung empfanden.
    Ein Medikament gegen solche Probleme aus Prinzip nicht zu geben, finde ich fahrlässig.
    Ein Freund von mir, der Psychiater ist, ist oft mit solcher Skepsis gegenüber Psychopharmaka konfrontiert z.B. bei Depressionen und sagt bisweilen: man verweigert auch einem Diabetiker nicht das Insulin!
    Wenn es also eine gut gesicherte Diagnose gibt, kann Ritalin ein Segen sein.

    Die Weisheit des Alters kann uns nicht ersetzen, was wir an Jugendtorheiten versäumt haben. (Bertrand Russell)

    • Offizieller Beitrag

    In allen Fällen, die ich mit betreut habe, bestanden die Nebenwirkungen der Einstellung auf Ritalin darin, andere Kinder zu bekommen, die in Charakter und Persönlichkeit mit den ursprünglichen Menschen nichts mehr zu tun hatten.
    Ob sie glücklich darüber waren, konnte ich nicht mehr erfahren. Sie waren nicht mehr da.

    Nartürlich waren diese Kinder durch die Gabe von Ritalin "verändert" - wie sollte es auch anders sein, wenn die Störungsbilder zumindest temporär verschwinden?


    Du zeigst aber einen interessanten Punkt auf in Bezug auf die Wahrnehmung der Medikation:
    ADHS-Kinder zeigen unter Medikation natürlich nicht mehr die oben genannten Auffälligkeiten. Es stellt sich für mich die Frage, ob die Kinder durch die Gabe von Ritalin nicht ggf. viel eher ihre eigentliche Persönlichkeit zeigen, die eben durch die Störung überlagert wird.
    Die Störung sich wirkt sich ja in der Regel negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung der betroffenen Kinder aus und die Gabe von Ritalin kompensiert dies zumindest temporär.
    Nun könnte man anhand der Verhaltensänderung auch auf ein verändertes Persönlichkeitsbild schließen oder gar - wie es einige tun - von "ruhigstellen" sprechen. Faktisch kommt die Gabe von Ritalin tatsächlich einem Ruhigstellen gleich, wenngleich die Intention aus meiner Wahrnehmung meistens eine ganz andere ist. Es geht darum, ADHS-Kinder schulfähig(er) zu machen und ihren Leidensdruck zu lindern.


    Ich glaube, dass die meisten von uns an diesem Punkt der Diskussion die faktenbasierte Ebene zwangsläufig verlassen, weil wir keine Mediziner oder Psychologen sind, die das Störungsbild vollständig überblicken.

  • Verhaltenstherapie (Wirksamkeit gut belegt) oder Neurofeedback (da gibt es ein paar Pilotstudien, aber in denen hilft es gut) bei darauf spezialisierten Psychologen sind eigentlich immer eine gute Idee bevor man mit der medikamentösen Keule kommt. Der Vorteil den Psychologen haben ist außerdem: Sie dürfen gar keine Medikamente verschreiben, kennen aber immer spezialisierte Kinderpsychiater, falls es ohne halt doch nicht geht.


    Thamiels Eindruck ist leider in vielen Fällen zutreffend, die Wesensveränderungen unter Ritalin sind massiv und wer sich einmal den Nebenwirkungszettel durchgelesen hat überlegt sich dreimal, ob er so etwas einem Kind geben möchte...mein Highlight auf dem Zettel war "depressive Verstimmungen mit Suizidrisiko" und das stand nicht unter "sehr selten"...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Ich bin sicher, ein Psychiater kennt den Unterschied zwischen Ritalin und Insulin insbesondere bzgl. der Herkunft.


    Bei der ganzen Kontroverse um ADHS und Ritalin, die schon vor Jahrzehnten gewälzt wurden als ich noch in Landau im Audimax saß, haben sich die Positionen seitdem wenig verändert, wie ich finde. Ich war auch mal Befürworter dieser Therapie, aber das war eine Entscheidung auf Aktenlage ohne praktisches Fundament oder Anschauung.


    Was meine Meinung geändert, mich letztlich erschreckt hat war dann die Erleichterung (auch bei mir als Lehrer), mit der das Umfeld der Betroffenen auf die Verhaltens- und Wesensänderung reagiert hat, die so intensiv war, dass man kaum noch zwischen Eigen- und Fremdmotivation unterscheiden konnte, was die Fortsetzung der Medikation anging. Es war Zwang. Von allen Seiten.


    Versteht mich nicht falsch, das waren alles mehrmonatige stationäre Krankenhausaufenthalte, mit mehrfachen Besprechungen davor und danach mit den Eltern, Ärzten, usw. und Therapeuten zum detaillierten Sozialverhalten in der Schule, zuhause etc. Die Entscheidung einzustellen und wie einzustellen ist nicht leicht getroffen worden.


    Aber das Ergebnis war (und meiner jetzigen Meinung nach war dies auch letztlich immer das erklärte Ziel): ein anderer Mensch. Bösartig ausgedrückt ging es um das Gefügigmachen des schwächsten Gliedes in der Kette zur Erleichterung des Betroffenen und seines Umfeldes. Je nachdem wen man fragt, wird mehr das eine oder das andere gesehen. Meiner Meinung nach geht man den Betroffenen auch deswegen an, weil es die einfache Lösung ist.

    "A lack of planing on your side does not constitute an emergency on my side."

  • Nartürlich waren diese Kinder durch die Gabe von Ritalin "verändert" - wie sollte es auch anders sein, wenn die Störungsbilder zumindest temporär verschwinden?

    Ein anderer Humor, andere Interessen, andere Freunde als früher. Anderes Ordnungsverhalten. Anderes Lachen und Weinen (sic!). Es war ein bekannter Körper mit einer anderen ... Psyche (?), Seele (?). Es war teilweise gespenstisch.


    Ich hab mich gefragt, was passiert, wenn das alte Selbst eines Tages zurückfindet.

    "A lack of planing on your side does not constitute an emergency on my side."

  • Hallo,
    ganz wichtig ist eine sehr ausführliche Diagnostik. Eine unentdeckte Hochbegabung ruft manchmal ähnliche Verhaltensweisen wie bei ADHS hervor. Hier hilft Ritalin aber gar nicht. Deshalb sollte die Diagnose nicht nur vom Kinderarzt gemacht werden und in jedem Fall auch eine Intelligenz-Diagnostik gemacht werden.

  • Ansonsten finde ich hier die Einstellung gegenüber Ritalin bzw. dem Wirkstoff Methylphenidat hier etwas schräg.
    Das wird hier so dargestellt, als Kinder zu irgendeinem Wald-und-Wiesen-Kinderarzt geschleppt werden, der nach 2-Minütiger Diagnose ADHS diagnostiziert und ab da die Kinder bis an ihr Lebensende Pillen über einen Trichter in den Hals gepfropft bekommen und dann komatös im Unterricht sitzen.


    Das ist doch völliger Quatsch.

  • Im Bekanntenkreis setzen die Eltern eines ADHS-Kindes auf Mitochondrientherapie und meinen, dass die Ergebnisse besser seien als unter Ritalin. Ich kenne das Kind nur sehr oberflächlich und kann dazu nichts weiter sagen, aber evtl. ist das ja für das Ausgangsposting eine Alternative.



    Ich persönlich verstehe die Skepsis gegenüber Ritalin nicht. Das Mittel ist bewährt und funktioniert; die meisten Betroffenen empfinden Entlastung und Erleichterung unter Medikation (ich kenne jedenfalls kein einziges Negativbeispiel). Ich gebe Thamiel Recht, dass das Ansetzen am Betroffenen natürlich die „einfachste“ Variante ist, aber es ist eben auch die einzig gangbare. Andernfalls müssten die Kinder in gesonderten Einrichtungen mit speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Bedingungen beschult werden - für alle Beteiligten im Regelsystem unter Normalvoraussetzungen sind sie jedenfalls unbehandelt kaum tragbar.

    • Offizieller Beitrag

    Für gewöhnlich geht der Medikation eine lange Leidensphase in der frühen Kindheit des Betroffenen voraus, unter der nicht nur der Betroffene selbst sondern auch Eltern und Geschwister leiden. Bis die gesicherte Diagnose AD(H)S vorliegt, haben die Eltern oft sechs oder mehr Jahre Ungewissheit und gemeinsam mit ihrem Kind soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung erlebt, da das Kind verhaltensauffällig war - sei es in der Krabbelgruppe, im Kindergarten oder in der Grundschule. Die Außenstehenden sehen nur das "ungezogene Kind" und deren erziehungsinkompetente Eltern (rein vom Ergebnis her betrachtet) und rümpfen die Nase.


    Jeder verantwortungsvolle Arzt wird Ritalin nicht wie Hustenstiller verschreiben sondern die Eltern auf Vor- und Nachteile hinweisen und die langfristigen Auswirkungen sowie die Perspektiven aufzeiegn. Das "Ruhigstellen" ist aus meiner Wahrnehmung mehr ein Vorurteil alsdass es der primären Intention der Eltern entspräche.


    Der Umgang mit der Störung durch Nichtbetroffene ist heutzutage ein weiteres Problem. Es ist als Modekrankheit und somit als Generalentschuldigung für jedwede Form von unerwünschtem Verhalten verschrien. Das mag an der inflationären Diagnose liegen. Die wahren Gründe für AD(H)S sind ja immer noch nicht vollständig erforscht. AD(H)S ist hingegen das HIV der Störungen - man macht folglich einen weiten Bogen um betroffene Personen. Ich habe im schulischen Kontext den Eltern der betroffenen Kinder immer empfohlen, diskret mit der Diagnose umzugehen.

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