Die Anstalt: "Behinderte Weihnachten"

  • Habt ihr "die Anstalt" vom 20.12. gesehen?


    https://www.zdf.de/comedy/die-…20-dezember-2022-100.html


    Ich fand es krass, echt. Es geht um die Bezahlung der Arbeit in Behindertenwerkstätten und wer davon profitiert, um die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, um Inklusion und Förderschulen und was D alles so macht, was es eigentlich nicht darf.


    Sehr wohltuend fand ich, dass diese schrecklichen Gala-Spendensendungen auf die Schippe genommen wurden. Die finde ich genauso schrecklich wie diese Jahresrückblicke, in denen Krieg und Katastrophen feierlich untermalt von Musik dargeboten werden. Da muss ich sofort wegzappen.


    Eure Meinung würde mich sehr interessieren.

  • Danke für den Tipp!

    Die schlechte Bezahlung war mir bekannt, aber nicht, für welche Firmen die produzieren.

    Es kommt noch (Einzelberichte) hinzu, dass den Menschen in den Werkstätten kosten für das Mittagessen abgezogen werden, von dem sie nicht unbedingt satt werden, sodass von den 1,35€ Durchschnittsverdienst kaum etwas übrig bleibt.

    Teilweise blieb mir das Lachen im Halse stecken.

    Heute hatte ich eine Werbung im Briefkasten mit einem geschenkten Holzlineal - wahrscheinlich auch in einer der Werkstätten produziert.

    Ich lese und schreibe nach dem Paretoprinzip.

  • Ich habe die Sendung gesehen und fand sie sehr ambivalent. Dass auf die Missstände in Behindertenwerkstätten hingewiesen wurde und darauf, wer alles davon profitiert, finde ich wichtig. Aber es war auch extrem plakativ. Die Zusammenhänge, die dargestellt wurden, hatte teilweise schon leicht was von "Verschwörungstheorie." Böser Werkstättenleiter beutet Behinderte aus, sein Vater ist Leiter einer (ebenfalls bösen) Förderschule, die die Behinderten bewusst dumm hält und dann zu seinem Sohn weiterschickt, der wieder davon profitiert. So wurde es in der Satiresendung dargestellt. Und die Kultusminister verhindern Inklusion, weil sie das System stützen, und die Förderschulen verhindern gewissermaßen, dass Behinderte vernünftige Schulabschlüsse bekommen. Da sträubt sich mir schon einiges. Mich stört auch massiv, dass beim Thema Inklusion wieder ausschließlich Körperbehinderte vorkamen. Die Darstellerin, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist, ist bestimmt nicht das Musterbeispiel für jemanden, der in einer Behindertenwerkstätte arbeitet und keinerlei Chancen auf einen normalen Schulabschluss hatte (sie hat nebenbei selbst ein Studium absolviert). Es wurde aber so präsentiert. Und es wurde wieder der Eindruck erweckt, dass alles für behinderte Menschen viel besser wäre, wenn alle im Regelschulsystem untergebracht wären. Auf damit verbundene komplexe Probleme wurde nicht verwiesen (ich hätte mir da zumindest einen Nebensatz gewünscht). Kurz: Auf das Problem hinwiesen, gern auch provokativ, ja. Aber "Die Anstalt" war mir da doch zu undifferenziert und platt.

  • Naja, diejenigen, die in Werkstätten arbeiten, haben keine Lobby und sind nicht in der Lage, für ihre Arbeitnehmerrechte zu kämpfen.


    Diesen Zusammenhang kann ich daher nur bedingt nachvollziehen:

    Mich stört auch massiv, dass beim Thema Inklusion wieder ausschließlich Körperbehinderte vorkamen. Die Darstellerin, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist, ist bestimmt nicht das Musterbeispiel für jemanden, der in einer Behindertenwerkstätte arbeitet und keinerlei Chancen auf einen normalen Schulabschluss hatte (sie hat nebenbei selbst ein Studium absolviert). Es wurde aber so präsentiert.

    Erwartest du Dankbarkeit von ihr oder wie genau meinst du das? Welche Hürden für die Person zu meistern waren, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt ist, die jeder ohne Behinderung nicht hatte, wissen wir nicht. Ich denke, es waren viele, die weit über die Stufe auf der Bühne hinausgehen.


    Sie setzt sich offenbar für Menschen mit diversen Behinderungen ein und nutzt ihren Verstand dafür. Man kann ja schlecht verlangen, dass sie sich nur über fehlende Rollstuhlrampen zu beschweren hat.


    Das Schulthema fand ich auch verkürzt. Zum Beispiel der Hinweis darauf, wie viele Förderschüler keinen Schulabschluss hätten. Gemeint war aber der Hauptschulabschluss und zwar unter allen FöS-Absolventen. Den erlangt ein Absolvent der GB-Schule natürlich nicht und ein LB-Schüler seltener als ein inklusiv beschulter LB-Schüler, auch weil diese tendenziell "fitter" sind. Wie viele ohne Abschluss von der Hauptschule gehen, wurde aber nicht genannt und das ist einigen Bundesländern eine erschreckend hohe Zahl.


    Allerdings muss man fairerweise sagen, dass nicht mal in einem Forenkollegium fachliches Interesse am Thema Inklusion besteht. Da sind die meisten einfach froh, an ihrer Schulart zu unterrichten und möglichst nichts mit der Thematik zu tun zu haben. Und zwar über alle Schularten hinweg. Mich nicht ausgenommen, ich drücke mich auch vor den lächerlichen 'Inklusionsstunden', die einmal im Monat stattfinden, während die Kolleginnen an den Grund- und Oberschulen den ganzen Tag mit ihren Klassen klarkommen sollen, in denen natürlich nicht nur das eine Inklusionskind mit besonderen Bedürfnissen sitzt.


    Der Hinweis auf die Politik, Wahlthemen der FDP und dass es am Ende doch wieder mangelndes Interesse der Mehrheit ist oder gar Angst, das eigene Kind könnte ausgebremst werden, das war jedoch ein harter und leider nicht ganz von der Hand zu weisender Schlusspunkt.


    Also insgesamt überspitzt, zu wenig detailliert. Aber so ist halt Satire und doch wichtig, immer wieder mit der Nase darauf gestoßen zu werden, finde ich. Desinteresse und Berührungsängste sind einfach immer noch in weiten Teilen der Bevölkerung enorm.

  • Allerdings muss man fairerweise sagen, dass nicht mal in einem Forenkollegium fachliches Interesse am Thema Inklusion besteht. Da sind die meisten einfach froh, an ihrer Schulart zu unterrichten und möglichst nichts mit der Thematik zu tun zu haben.

    Wir haben ständig mit dem Thema Inklusion zu tun. Seit meiner eigenen Schulzeit habe ich keine Schule von innen gesehen, an der es keine Schüler im Rollstuhl, Kleinwüchsige, (fast) Blinde, Schwerhörige, Taube, Asperger Autisten und/oder Schüler mit anderen körperlichen Behinderungen gibt.

    Aber klar, das ist keine Inklusion. Inklusion findet nur dann statt, wenn geistig Behinderte Schüler landesweit in Gymnasialklassen sitzen, dort trotzdem keinen Schulabschluss erreichen können und dabei außer vollkommen unnötigem Stress für alle Beteiligten nichts rumkommt.

  • Wir haben ständig mit dem Thema Inklusion zu tun. Seit meiner eigenen Schulzeit habe ich keine Schule von innen gesehen, an der es keine Schüler im Rollstuhl, Kleinwüchsige, (fast) Blinde, Schwerhörige, Taube, Asperger Autisten und/oder Schüler mit anderen körperlichen Behinderungen gibt.

    Aha. Und was genau hat das mit Inklusion zu tun bzw. wie führt zu einer ständigen Beschäftigung mit dem Thema?

    Inklusion heißt doch nicht: "Wir lassen (einzelne, möglichst wenig störende) Menschen mit Behinderung gnädigerweise mitmachen."

  • Wir haben ständig mit dem Thema Inklusion zu tun.

    Ich schrieb "fachliches Interesse". Und das besteht offenbar flächendeckend nicht, zumindest habe ich dich und die meisten anderen noch keinen Kommentar zum Thema schreiben lesen (sagt man so, statt sagen hören?). Es geht seitenweise darum, was Leute so finden und meinen. Ich habe mich selbst nicht ausgenommen, Empörung also unnötig.


    Wobei, die Grundschulkolleginnen sind da ausgenommen, die äußern sich inzwischen selten zum Thema, die machen einfach. Sie werden nämlich nicht gefragt, was sie gerne hätten.

  • "Wir lassen (einzelne, möglichst wenig störende) Menschen mit Behinderung gnädigerweise mitmachen."

    Was meinst du denn, was es am Gymnasium heisst? Wie muss ich mir dieses "gnädigerweise mitmachen lassen" vorstellen? Unsere Rollstuhlfahrerinnen "stören" übrigens ziemlich wenn nach Starkregen mal wieder der Aufzug nicht funktioniert. Unsere Hütte ist marode. Was glaubst du, wie die in den 4. Stock hochkommen? Die Spastiken einer Schülerin "stören" auch ziemlich beim Sezieren im Biopraktikum. Guess what, sie seziert trotzdem. Weil wir so gnädig sind. Autismus "stört" auch ziemlich, wenn man im Klassenlager im Dauerregen auf der Alm steht und eigentlich zur Weidepflege dort ist. Ob ich die Schülerin mit ihrem Meltdown dann einfach dort stehen lasse wo sie gerade festgefroren ist? Weil das im Modus "gnädigerweise Mitmachen" so nicht vorgesehen war? Dann haben wir noch so "störende" Panikattacken, die an manchen Tagen im 10-min-Takt aus dem Zimmer laufen und Schüler*innen die nur halbtags beschult werden weil sie die andere Hälfte des Tages in der ambulanten Psychiatrie verbringen. Die bekommen aber trotzdem ein reguläres Zeugnis weil wir uns ganz gnädig was ausdenken wie die zu den Zeiten, die sie eben da sind auch Prüfungen schreiben können. Was aber natürlich schon sehr "stört". Soll ich weiter schreiben? Vielleicht halte ich das normalerweise nicht für erwähnenswert weil es halt der Querschnitt der Gesellschaft ist, den wir da an unseren Dünkel-Schulen bespassen.


    Ich würde dringend empfehlen, diesbezüglich jetzt einfach mal die Finger ruhig zu halten, du hast offensichtlich keine Vorstellung davon, womit wir wirklich konfrontiert sind. Alles ohne heilpädagogische Unterstützung übrigens, der Gesetzgeber findet nämlich auch, dass "die" alle einfach nur "gnädigerweise mitmachen" und nicht "stören".

  • Aha. Und was genau hat das mit Inklusion zu tun bzw. wie führt zu einer ständigen Beschäftigung mit dem Thema?

    Inklusion heißt doch nicht: "Wir lassen (einzelne, möglichst wenig störende) Menschen mit Behinderung gnädigerweise mitmachen."

    Köperlich behinderte Kinder, die von ihren Eltern an unserer Schule angemeldet werden, werden aufgenommen. Da wird keine Auswahl anhand der Behinderung getroffen. Je nachdem, welche Behinderungen die Schüler haben, muss ich mich damit beschäftigen, ob/wie ich diese im Unterricht berücksichtigen muss.

    Ich frage mich ernsthaft, was genau du erwartest. Am Gymnasium werden nur Menschen beschult, die das wollen und ein gewisses Mindestmaß an Leistung zeigen. Ob diese Menschen behindert sind oder nicht, spielt dabei grundsätzlich keine Rolle.

    Warum sollten Menschen mit geistiger Behinderung, die sie daran hindert, diese Mindestleistung zu erbringen, in Gymnasialklassen sitzen, während andere, die nicht behindert sind, an eine andere Schulform wechseln (müssen)? Die Antwort kann nicht "Inklusion" lauten. Denn auch bei der Inklusion geht es nicht darum, dass Behinderte aufgrund ihrer Behinderung überall dabeisitzen.

  • Plattenspieler erwartet, daß wir alle Schüler nehmen und das Niveau auf das Förderschulniveau absenken, damit auch bloß jeder ein Abitur bekommt.


    Gerne würde ich mal andersrum fragen: Welche der Förderschul-Kollegen sieht sich aus dem Stehgreif in der Lage in der Fachschule angehende "staatlich geprügte Techniker" oder entsprechende Betriebswirte auszubilden? Wer könnte mir heute mit 15 Minuten Vorlauf einen Chi-Quadrat-Test auf Bachelor-Niveau vermitteln?

    Das kann keiner?


    Tja, vielleicht sehen jetzt die Förderschul-Kollegen mal das Problem, das wir mit den Systemsprengern im Regelunterricht haben und warum wir diese Schüler kategorisch ablehnen.


    Ich habe an der Berufsschule mit körperlich Behinderten kein Problem. Auch habe ich aktuell einen ehemaligen Förderschüler im Unterricht, dem ich im Sommer wohl die Fachhochschulreife attestieren kann. Aber zieldifferenziert ES-Förderschüler im Unterricht zu haben, die sich ggf. bei den Unterrichtsinhalten an den Maschinen noch selber umbringen, lehne ich ab.

  • Da hier gerade emotional-soziale und körperlich-motorische Aspekte angesprochen werden: Hier hängt es größtenteils vom Grad der Behinderung/Erkrankung ab. Sprechen wir von leichten Ausprägungen, ist ein Regelschulbesuch durchaus gut möglich. Bei schweren Ausprägungen kommt es vermutlich auf den Einzelfall an. Beim Sezierbeispiel mit der spastischen Schülerin hatte ich für einen Moment einen Kloß im Hals und hatte erst einmal ein Sicherheitsbedenken - auch für die Schülerin selbst. Aus der Ferne kann ich den Fall natürlich gar nicht beurteilen. Im Fall von zielgleicher Beschulung gibt es ja zum Glück (noch) die zwei Optionen Regelschule oder Förderschule und in manch einem Fall macht die Regelschule mehr Sinn, in einem anderen Fall eben die Förderschule.

  • Beim Sezierbeispiel mit der spastischen Schülerin hatte ich für einen Moment einen Klos im Hals und hatte erst einmal ein Sicherheitsbedenken - auch für die Schülerin selbst.

    Den Sicherheitsaspekt muss ich im Praktikum in den Naturwissenschaften immer bedenken, dabei spielt es keine Rolle ob die Schülerin Spastiken hat oder nicht. Das scheint hier (ich meine gar nicht dich) aber auch nicht bei allen auf dem Schirm zu sein, dass ich an einer Regelschule eben kein geschütztes Setting anbieten kann. Die gleiche Schülerin hat auch bei uns in der Chemie irgendwie "überlebt", eine weitere Schülerin im Rollstuhl hatte zuletzt sogar Schwerpunktfach Biologie und Chemie mit entsprechend mehr und anspruchsvolleren Praktikumslektionen. Ich will diejenigen, die hier ständig polemisieren, einfach mal sehen, wie sie das umsetzen - ohne entsprechend angepasste Ausstattung, ohne heilpädagogische Unterstützung. Im besten Fall kann ich unsere Assistenz anfragen ob sie hilft, die ist ausgebildete Chemielaborantin, ansonsten kann sie auch nur mit gesundem Menschenverstand dienen. Also wir machen und schaffen das schon irgendwie. Läuft.

  • Das scheint hier (ich meine gar nicht dich) aber auch nicht bei allen auf dem Schirm zu sein, dass ich an einer Regelschule eben kein geschütztes Setting anbieten kann.

    Wobei sich natürlich auch die Frage stellt was ein geschütztes Setting überhaupt ist. Bei mir nutzen die Schüler im Alter von 16-20 Jahren mitunter Werkzeuge und vor einigen Jahren meinte ein Schüler im Unterricht einen Versuch starten zu wollen. Seine Fragestellung: "Wenn ich jetzt hier am Overhead-Projektor mit dem Seitenschneider das Kabel abtrenne, wie lange habe ich dann Zeit die Zange wegzuziehen bevor ich einen Stromschlag bekomme, wenn das Kabel von der Steckdose bis zum Seitenschneider 5m lang ist?"


    Also so "sicher" kann man es in der Regelschule gar nicht machen, daß es für den größten Querschläger auch noch sicher genug ist.

  • Kommt mir bekannt vor. Wir hatten auch schon eine Schülerin die meinte den Finger in die Gasbrennerflamme stecken zu müssen. Achtung Zynismus: Das nennt man Inklusion. Wer sich unbedingt umbringen will, hat auch ein Recht darauf.


    So, jetzt bin ich aber wirklich raus. :gruss:

  • Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich schade, dass der Thread hier in Richtung "Welche Behinderung kann ich in welcher Form mit welchen Ressourcen wo unterrichten?" driftet und sich wieder Lehrkräfte in die Ecke gedrängt fühlen und sich rechtfertigen, denn: "ehrlich" gedachte Inklusion ist in Deutschland im Schulsystem aktuell (in den meisten Bundesländern) schlicht nicht vorgesehen. Echte Inklusion würde bedeuten, nicht zuerst zu schauen, wer eigentlich was hat und wie das irgendwie in der Schule berücksichtigt werden kann, sondern dass alle Schüler*innen ankommen und dann individuell auf die Bedürfnisse eingegangen wird und nicht die Kinder/ Jugendlichen sich der Schule anpassen, sondern die Bildungsangebote passend auf alle Schüler*innen ausgerichtet werden, unabhängig davon, ob das Kind einen Status einer Behinderung hat oder nicht. Deshalb sind international alle gut funktionierenden inklusiven Schulsysteme ausschließlich solche, deren Schulsystem keine Dreigliedrigkeit aufweist und die Selektionsfunktion anders gestaltet, die andere finanzielle und vor allem strukturelle Ressourcen aufweisen und die insgesamt Schulbildung anders organisieren bzw. politisch anders denken; sprich der politische Wille, tatsächliche Inklusion zu betreiben. Das ist im DACH-Raum anders und Einzelpersonen/ Kollegien können das System nur bis zu einem gewissen Maße auffangen, insofern sehe ich auch keinen Grund, warum sich Menschen hier dafür rechtfertigen sollen, dass sie in einem System, dass die Inklusion nicht fördert, nicht inklusiv arbeiten (können). Insgesamt sind wir hier eher dabei, Schüler*innen mit Behinderung integrieren zu wollen und stoßen hier genau auf die Probleme, die schon mehrfach im Verlauf dieses Threads aber auch in anderen thematisiert wurden.


    Mit den Werkstätten hat die schulische Situation zwar auch etwas zu tun, allerdings gibt es dort auch eigene, strukturelle Probleme, die der Beitrag aufgegriffen hat (natürlich satirisch überspitzt, das ist ja das Konzept der Sendung), aber die wirklich relevant sind und ehrlicherweise politisch - meiner Einschätzung nach - wesentlich leichter zu . Kurze Vorbemerkung noch: ich selbst arbeite im Übergangsbereich Schule - Beruf für Jugendliche mit Behinderung und bin insofern in der Thematik etwas drin, muss aber leider gleich los und werde daher einige Details/ Quellenangaben erst in einem weiteren Beitrag ergänzen können, wenn ich wieder zuhause bin. Aber als erster Impuls zu den Problemen der Werkstätten:


    1. Integration von schwerbehinderten Menschen (= Grad der Behinderung 50 und höher, egal in welchem "Behinderungs-Bereich") bzw. ihnen gleichgestellten (GdB mindestens 30 und erfolgreicher Gleichstellungsantrag) "lohnt" sich in Deutschland nicht.


    Zwar müssen Unternehmen mit mehr als 20 Arbeitsplätzen mindestens fünf Prozent davon mit schwerbehinderten oder ihnen gleichgestellten Arbeitnehmer*innen besetzen (§ 154 SGB IX), allerdings kann dies umgangen werden, indem eine Ausgleichsabgabe bezahlt wird. Wie hoch diese ist, richtet sich danach, wie hoch der Anteil an schwerbehinderten bzw. diesen gleichgestellten Menschen in einem Unternehmen ist, beträgt aber maximal 360€ pro Monat und nicht entsprechend besetztem Arbeitsplatz. Diese Abgabe ist insgesamt so niedrig, dass es für Firmen immer noch attraktiver ist, die Abgabe zu zahlen, als die Anpassungen für schwerbehinderte Menschen (u.a. z.B. Arbeitsplatzanpassungen für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen, Mobilitätseinschränkungen, etc.) zu organisieren (i.d.R. müssten diese nicht mal vom Betrieb gezahlt werden, sondern werden zumindest bezuschusst oder vollständig übernommen). Für "komplexere" Anpassungen, die nicht rein baulich/ technisch sind, greift dieses Argument natürlich noch stärker. Folgende Statistik (2020) zeigt, dass sich dies in der Praxis tatsächlich stark auswirkt:


    2020 gab es in Deutschland 173.326 beschäftigungspflichtige Betriebe: davon hatten 128.533 Unternehmen schwerbehinderte Menschen beschäftigt, 44.793 hatten keine beschäftigt.

    68.453 Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen mussten keine Ausgleichsabgabe zahlen. 104.873 Betriebe mussten Ausgleichsabgabe zahlen.

    Alle Betriebe, die eine Ausgleichsabgabe zahlen mussten, kommen ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Integration von Menschen mit Schwerbehinderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht nach, sondern (böse gesagt) kaufen sich davon frei. Das führt dazu, dass auch Menschen im Rollstuhl, die nebenher studieren, in solche Sondersysteme gedrückt werden und dort arbeiten müssen. Umso schwerer natürlich noch für Menschen mit geistigen Behinderungen, Lernbehinderungen oder emotional-sozialen Behinderungen, die nicht durch simple Anschaffungen/ Baumaßnahmen ausgeglichen werden können.

    Möglicher Lösungsansatz: Anpassungen der Arbeitsplätze und Kostenträger entbürokratisieren; es darf nicht attraktiver sein, die Ausgleichsabgabe zahlen zu müssen als sich durch Antragsformulare zu wühlen um Arbeitsplätze anzupassen.


    2. Die Werkstätten haben an sich das Ziel/ die gesetzliche Aufgabe der Rehabilitation und sollen eigentlich die dort Beschäftigten an den ersten Arbeitsmarkt hinführen bzw. die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen dort integriert werden können. Dieser Aufgabe kommen die meisten Werkstätten nicht nach und die Übertrittsquoten sind miserabel. (Zahlen liefere ich noch nach). Das liegt einerseits daran, dass auch die Ressourcen in den Werkstätten begrenzt sind und tendenziell eher nicht ins Übergangsmanagement gesteckt werden, andererseits finanzieren sich die Werkstätten auch durch Pro-Kopf-Zahlungen und schaden sich selbst finanziell, wenn sie Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. Lösungsansatz für letzteres wären Zuschüsse für Vermittlungen etc.


    3. "Lohn" ist in Werkstätten für Menschen mit Behinderung generell ein schwieriges Konzept; in vielen Einrichtungen wird es auch als "Aufwandsentschädigung" ausbezahlt. Das liegt daran, dass einige der Menschen, die in den Werkstätten tätig sind, auch in entsprechenden Einrichtungen leben und Sozialleistungen erhalten, die ergänzend zum "Lohn" für die Arbeit monatlich fließen und für Dach über dem Kopf/ Betreuung/ Ernährung sorgen. Mit einigen Beschäftigten in WfbMs habe ich gesprochen (nur anekdotisch, keine Statistik!) und sie berichteten, dass sie lieber einen anständigen Stundenlohn und dafür weniger Sozialleistungen bekämen; geht also (bei den Menschen, mit denen ich gesprochen habe) eher in Richtung "Wertschätzung der Arbeit" als darum, tatsächlich mehr Geld zur Verfügung zu haben, wobei es diese Wünsche auch gibt, aber die Menschen schlicht keine Lobby haben, diese Forderungen mit den Werkstattleitungen auf Augenhöhe zu diskutieren.


    Es gibt noch einiges mehr, aber ich muss jetzt los; falls ihr Interesse habt, kann ich gerne noch mehr zu der PRoblematik ausführen :)


    Viele Grüße und schönen Tag euch allen noch, JoyfulJay

  • Natürlich erwarte ich keine Dankbarkeit von der Darstellerin - wofür denn, das wäre doch lächerlich. Sie hat sich ihren Studienabschluss durch Leistung - und sicher unter deutlich erschwerten Bedingungen aufgrund ihrer Behinderung - erarbeitet. Und das bedeutet bei Glasknochenkrankheit selbstverständlich nicht nur das Problem einer fehlenden Rollstuhlrampe.


    Mich stören folgende Dinge:


    1. Beim Thema Inklusion werden in den Medien sehr häufig primär Körperbehinderte gezeigt. Überspitzt gesagt: Der freundliche Rolli, der problemlos im Schulunterricht integriert ist. Dass Inklusion aber ganz andere Probleme mit sich bringt, z.B. bei Menschen mit emotional-sozialen Problemen oder Lernbehinderungen oder geistiger Behinderung oder starken Mehrfachbehinderungen, fällt meist in den Beiträgen hinten runter. Das störte mich auch im Satirebeitrag der Anstalt.


    2. Auch für das Thema "Arbeit in Behindertenwerkstätten" setzt "Die Anstalt" wieder eine Rollstuhlfahrerin in die "Werkstatt" auf der Bühne, die selbst gerade kein Beispiel für rundum "exkludierte" Ausgebeutete ist. Das war mir schlicht zu platt. Dass die Kabarettisten sich für die Rechte von Menschen mit verschiedenen Behinderungen stark machen, finde ich - wie ich schon sagte - sehr wichtig und gut. Die reale Situation ist aber deutlich differenzierter als hier dargestellt. Behinderte werden nicht grundsätzlich und aus niederen Beweggründen in Förderschulen und Werkstätten verfrachtet, Behindertenwerkstätten sind auch nicht pauschal "böse Ausbeutungsinstitutionen", genauso wenig wie Förderschulen "Verhinderungsanstalten" für den Schulabschluss sind und mit ihrer Abschaffung alles gut wäre - den Eindruck konnte man aber in der Sendung bekommen. Ja, das ist Satire und Satire überspitzt, aber das war mir in einigen Teilen doch etwas zu viel der Simplifizierung.

  • Ja, das ist Satire und Satire überspitzt, aber das war mir in einigen Teilen doch etwas zu viel der Simplifizierung.

    Genau deshalb fragte ich hier. Ich bin nicht so im Thema, und eigentlich wird im Fernsehen immer und überall simplifiziert. Leute dürfen was ins Mikrofon sprechen, aber nach einem halben Satz kommt der Schnitt, egal, wie viel Inhalt da sinnentstellend gelöscht wird. Die Anstalt halte ich für eine der besseren Satiresendungen, das ist nicht nur Klamauk, die greifen schon die heißen Themen auf, aber ja, da wird die Kamera halt auch nur auf die Hälfte der Wahrheit gerichtet. Hm. Ist halt die Frage, was so eine Sendung leisten kann.

  • Deshalb sind international alle gut funktionierenden inklusiven Schulsysteme ausschließlich solche, deren Schulsystem keine Dreigliedrigkeit aufweist und die Selektionsfunktion anders gestaltet, die andere finanzielle und vor allem strukturelle Ressourcen aufweisen und die insgesamt Schulbildung anders organisieren bzw. politisch anders denken;

    Wo soll das denn sein und was ist das Kriterium für "gut funktionierend"? Die UNESCO kann mir die Frage nicht beantworten, da habe ich gerade nachgeschaut. Es heisst in Italien gingen 99.9 % aller Kinder auf eine Regelschule. Italien schneidet aber bei internationalen Vergkeichstest in Sachen Bildung unter dem OECD-Durchschnitt ab und kommt bei der Erwerbsquote für Menschen mit Behinderung etwa zwischen Österreich und der Schweiz raus, das sind ja zwei der von dir genannten schlecht inkludierenden DACH-Länder. In anschaulich hier:


    Exklusionsraten (die gleiche Statistik, die ich gestern verlinkt habe in einer anderen Darstellung):



    Differenz der Erwerbsquoten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung:



    Zugehörige Quelle: https://publications.parliamen…lect/cmworpen/56/5604.htm


    Was da nun jeweils unter "Erwerbstätigkeit" verstanden wird, müsste wohl noch geklärt werden m


    Das hat mich jetzt übrigens erstaunlich viel Zeit an Recherche gekostet, so viel wie drüber diskutiert wird, so wenig Fakten findet man dazu nämlich. Die verfügbaren Daten sind zudem uralt und auch die UNESCO räumt ein, dass ein internationaler Vergleich aufgrund der schlechten Verfügbarkeit von Daten und der unterschiedlichen Erhebungsmethoden in den einzelnen Ländern abschliessend gar nicht möglich sei. Hier im Lehrerforum scheint die Sache aber vollkommen klar zu sein. Erstaunlich.

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