Nach dem Ref an die Grundschule

  • Die Inhalte in Schule und Studium passen in NRW überhaupt nicht zusammen. Auf Grund des Zentralabiturs können wir aber nicht einfach die Inhalte ändern. Ich schrieb hier schon mal, dass ich nicht der Meinung bin, dass der Schulunterricht in Mathe auf ein Studium vorbereitet. Das ist nicht nur ein Problem für Mathe, sondern für alle MINT Fächer.

    Da nenne ich mal eine Ausnahme von der Regel: Mein Mathe-LK hatte mich super aufs MINT-Studium vorbereitet. Wir hatten aber auch den strengsten Lehrer der Schule und in jeder LK-Klausur war mindestens ein Beweis zu erbringen. Da haben wir die Denkweisen, die wir für's Studium brauchten, kennengelernt. Wenn ich "unseren" Mathe-U Richtung FH-Reife sehe, dann ist das eher mehr oder weniger erfolgreiches Nachahmen von Lösungswegen. Das liegt aber weniger an den LuL sondern daran, wie die entsprechende Schulform strukturiert ist. Die Kompetenzen, die ich erwerben durfte, um studierfähig zu sein, sehe ich da nur eingeschränkt (aber ich kenne natürlich den Unterschied in der Zusammensetzung eines Mathe-LKs am Gymi und der Schülerschaft einer FH-Reife- Schulform).


    Mathe-LK in NRW sollte aber doch auch anspruchsvoll sein, oder? Trotz Zentral-Abi.

  • Mein Freundeskreis Lehramt Realschule musste fürs Ref. von Bayreuth nach München. Ich weiß nicht mehr, warum. Vllt. ist das ja jetzt anders.


    Meine Freundin hat einen Mordsaufriss gemacht wegen der Umschulung von Tochter und Schwiegersohn von Gymnasiallehramt auf Mittelschule. Ich habe es geglaubt, denn Latein hat man ja da nicht. Französisch auch weniger. Vllt. kommt es ja auch auf die Fächer an. Wenn das wirklich nur 2 Tage sind insgesamt sind, dann ist ja gut. Sie hat was von Umzug erzählt. Ist man dann auf A12 oder A13?

    Die Zweitqualifikanten vom Gymnasium sind für den Job an der MS sowas von überqualifiziert, die haben keine Umschulung, Seminar oder Beratung nötig - zumindest erzählen sie das uns erfahrenen Lehrkräften regelmäßig. Entsprechend gering ist inzwischen auch die Bereitschaft des Stammpersonals, sich dieser Leute anzunehmen.


    Die Maßnahme ist tatsächlich ein Klacks. Die Zweitqualifikanten werden einer MS in der Umgebung zugewiesen, haben im ersten Jahr oft nur Fachunterricht, im 2. dann Klassleitung. Maximal 2x im Jahr müssen unsere einen Nachmittag auf Fortbildung. Kurz vor Ende findet eine sog. Feststellungsprüfung statt, bei der 2 oder 3 Unterrichtsstunden vorgeführt werden. Noten gibt es keine, nur "geeignet" oder "nicht geeignet". Eine Nichteignung habe ich persönlich aber noch nie erlebt, denn die Not an den MS ist so groß, dass man sich das kaum erlauben kann.


    Bezahlung ist A12, 27 Stunden Deputat.

  • Mir wird übrigens auch schlecht, wenn ich höre, dass Lehramt auf Gym/Ges studiert wird, obwohl man an die Grundschule will, weil man so um Mathe herumkommt. Da passt irgendwas nicht.

    Jeder, der einen Mathe GK durchlaufen hat und nicht gerade ein Defizitkandidat war, sollte doch in der Lage sein, das Grundlagenstudium Mathematik für die Grundschule zu meistern. Dann läuft entweder in der Schule etwas falsch (ich sage ja, siehe oben) oder an der Uni (ich glaube auch das, kann es aber nicht genau sagen). OHNE sich jemals richtig mit Mathematik und vor allem deren Didaktik auseinander gesetzt zu haben, sollte man eigentlich nicht Mathematik an der Grunschule unterrichten dürfen (oder überhaupt irgendwo).

    Meine Tochter kam irgendwann mal damit um die Ecke, dass man ja zu jeder Zahl eins dazu zählen kann und hat dann Fragen über die Unendlichkeit gestellt (sie mag Mathe, ist aber sicher kein Genie). Ich bin mir sicher, sehr viele Kinder kommen früher oder später damit an. Da kommen dann auch Fragen wie "was ist Unendlich minus eins", "wie viele Ecken hat ein Kreis" etc.. Da sollte man als Grundschullehrer:in schon mal drüber nachgedacht haben. Ich sage nicht, dass das schwer ist, ich sage nur, dass man, wenn man noch nie drüber nachgedacht hat, vielleicht mit dem Konzept der Unendlichkeit hardert. Das könnte dann zu einem Problem werden, wenn sich potentielle Grunschullehrer:innen eben im Studium komplett um Mathe drücken und die schulischen Inhalte in Mathe (insbes. aber nicht nur in der Sek II) eben einfach nicht passen sind. Das ist jetzt natürlich nur ein Beispiel, da gibt es sicher noch viel mehr Beispiele, die ich nur einfach nicht kenne.

  • Gerade vor ein paar Tage wurde mir auf Twitter ein Thread angezeigt, in dem eine Mutter (sich selbst lobend) erzählte, wie toll sie und ihr Mann damit umgegangen sind, dass die Tochter in Mathe eine 5 auf dem Zeugnis hat. Sie haben ihrer Tochter erzählt, dass das nicht so schlimm sei, denn in Mathe hätten sie selbst auch schlechte Noten gehabt. Es gab ich weiß nicht wie viele Antworten, die alle ungefähr so waren "Toll! Ihr seid super Eltern. In Mathe darf man ruhig schlecht sein, das braucht eh niemand..."

    Sprechen wir von diesem Thread: Thread: Die schlechte Mathe-Note - Twitterperlen ?

    Falls ja, dann nehme ich das deutlich anders wahr.

  • Mathe-LK in NRW sollte aber doch auch anspruchsvoll sein, oder? Trotz Zentral-Abi.

    Anspruchsvoll vielleicht, Vorbereitung auf's Studium nein. Ich habe in meinen ersten beiden LKs noch Beweise führen lassen (nur ein oder zwei), habe das aber aufgegeben, weil ich 1) Bruchrechnung, Prozenterchnung und Auflösen von Gleichungen wiederholen musste, 2) den Umgang mit den Abituraufgaben üben musste und 3) die Bedienung des GTR üben musste. Mit den Schüler:innen üben, nicht ich selbst im stillen Kämmerlein.


    Ich hatte schon Schüler im LK (und nicht in geringer Zahl), die regelmäßig versucht haben, lineare Gleichungen mit der pq-Formel zu lösen. Diese Schüler:innen waren aber nicht von Grund auf alle für einen LK ungeeignet.


    Im LK in NRW thematisiert man nicht mal mehr gebrochenrationale Funktionen (in meinem erstem LK war das noch so). Dafür macht man Stochastik (aber eigentlich nur noch Binomialverteilung, das war mal anders) wo man wieder einen Großteil der Zeit daruf verwendet, den Schüler:innen das Lesen der Aufgabenstellung und Erkennen von Schlagwörtern beizubringen. Und GTR-Eingaben zu üben.
    In Englisch geht es übrigens einen ähnlichen Weg. Ich tippe maximal noch 10 Jahre und das Abitur in Englisch ist eine reine Sprachprüfung.

  • und übrigens...
    Mathe ist zwar ein grundsätzliches Problem, weil jede*r stolz darauf ist, das nicht zu können und sich also drückt...

    Deutsch ist aber umgekehrt ein ebenfalls grundsätzliches Problem, weil das "jede*r kann"...
    Dass es zwischen ein paar Büchern lesen mögen und Einführung in den Spracherwerb, Buchstabeneinführung, Schreib- und Rechtschreibtechniken, Leseförderung Welten sind... Nicht umsonst sind jetzt (zumindest in NRW, aber in vielen Ländern auch) Mathe UND Deutsch Pflichtbestandteile des Studiums...

  • Jeder, der einen Mathe GK durchlaufen hat und nicht gerade ein Defizitkandidat war, sollte doch in der Lage sein, das Grundlagenstudium Mathematik für die Grundschule zu meistern.

    Hoffentlich ist das jetzt so. Ich habe mein Lehramtsstudium in NRW bogonnen, als gerade die Pädagogischen Hochschulen abgeschafft wurden und auch das Primarstufenstudium in der "richtigen" Universität stattfinden musste. Ich habe selbst Professoren erlebt, die sich gar nicht auf die "neuen" Student*innen einstellen konnten wollten. Mir hat der Mathematik-LK in dieser Zeit sehr geholfen, keine Probleme zu bekommen. Ich hatte Kommiliton*innen ohne LK Mathe, die haben das Grundschulstudium nur deshalb abgebrochen.

    Das könnte dann zu einem Problem werden, wenn sich potentielle Grunschullehrer:innen eben im Studium komplett um Mathe drücken

    Da stimme ich dir voll zu.

  • Die Maßnahme ist tatsächlich ein Klacks. Die Zweitqualifikanten werden einer MS in der Umgebung zugewiesen, haben im ersten Jahr oft nur Fachunterricht, im 2. dann Klassleitung.

    In dem von mir beschriebenen Fall (Latein und Reli) dürfte dann aber das Meiste fachfremd sein. Ob das so ein Klacks ist?

    "Wenn sie wunderbar ist, wird`s nicht einfach sein. Wenn sie einfach ist, wird es niemals wunderbar sein. Wenn sie`s wert ist, wirst du niemals aufgeben. Wenn du aufgibst, war sie`s nicht wert..." (Bob Marley)

    Der Schluss fehlt, den mag ich nicht.

  • Die Zweitqualifikanten vom Gymnasium sind für den Job an der MS sowas von überqualifiziert, die haben keine Umschulung, Seminar oder Beratung nötig - zumindest erzählen sie das uns erfahrenen Lehrkräften regelmäßig. Entsprechend gering ist inzwischen auch die Bereitschaft des Stammpersonals, sich dieser Leute anzunehmen.

    Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen. Es gibt aber auch viele, die dort ihre Erfüllung finden und die Mittelschule vorher schlicht nicht auf dem Schirm hatten.

    Selbst ein Friseur schafft es nicht, montags vor 10 Uhr so viele Gerüchte in die Welt zu setzen, wie das Kollegium eines Lehrerzimmers. (c) calmac

  • Weißt du, wir Grundschulleute studieren überhaupt nicht. Wir haben einfach nur eine geile Zeit. Lesen und schreiben können wir doch. ;)

    Ich hatte im Studium Singen, Trommeln, Tanzen und bissl auf nem Klavier rumhämmern. Wie es sich für künftige Grundschullehrerinnen gehört!


  • Vielleicht finden ja manche auch an der Förderschule Geistige Entwicklung ihre Erfüllung, obwohl sie diese vorher nicht auf dem Schirm hatten?

    Ja, warum nicht? Ich habe das nie bestritten (in der Annahme, dass du das auf die hier diskutierten Abordnungen in NRW beziehst). Eine gewisse Freiwilligkeit bei der Entscheidung könnte allerdings nützlich sein.

    Selbst ein Friseur schafft es nicht, montags vor 10 Uhr so viele Gerüchte in die Welt zu setzen, wie das Kollegium eines Lehrerzimmers. (c) calmac

  • Ja, warum nicht? Ich habe das nie bestritten (in der Annahme, dass du das auf die hier diskutierten Abordnungen in NRW beziehst). Eine gewisse Freiwilligkeit bei der Entscheidung könnte allerdings nützlich sein.

    Schwierig, wenn man etwas nicht auf dem Schirm hat. Auf der anderen Seite kann es hilfreich sein, sich einer neuen Aufgabe ein wenig unvoreingenommen zu nähern, sich darauf einzulassen und dann mal zu schauen, wie gut es passt.

  • In dem von mir beschriebenen Fall (Latein und Reli) dürfte dann aber das Meiste fachfremd sein. Ob das so ein Klacks ist?

    In den beiden Jahren wird noch vermehrt darauf geachtet, dass sie nicht allzuviel fachfremd unterrichten müssen oder dass sie ein Fach in mehreren Parallelklassen gleichzeitig geben. Da jedoch fachfremder Unterricht Standard an der MS ist, trifft das auch die Zweitqualifikanten und der ist für die meisten einer der Hauptgründe, warum sie nicht an der MS bleiben wollen.

    Im Fächerkanon der MS gibt es genau 1 Fach, das ich noch nie unterrichten musste.



    Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen. Es gibt aber auch viele, die dort ihre Erfüllung finden und die Mittelschule vorher schlicht nicht auf dem Schirm hatten.

    Das hängt sicherlich auch davon ab, an welcher Schule man landet. Wer das Glück hat, an einer Schule mit "normalem" Einzugsgebiet eingesetzt zu werden, findet wahrscheinlich eher seine Erfüllung als diejenigen, die auf eine problematische Schülerschaft stoßen.


    Die Zweitqualifikanten, die von der RS kommen, bleiben häufiger an der MS als die, die vom Gy kommen.

  • In die Grundschule gehören die besten Lehrer:innen.

    Alles, was da versaut wird, bleibt später schwierig.

    Außerdem ist’s für die Kinder wichtig, dass sie „fachlich super gut draufe“ und sehr empathische Lehrkräfte habe, die schnell verstehen, wo ihre eventuellen Probleme liegen und die liebevoll, aber klar und bestimmt mit ihnen umgehen.

    Das wäre natürlich für alle Stufen wichtig, aber am Anfang ist’s am wichtigsten.

    Die Weisheit des Alters kann uns nicht ersetzen, was wir an Jugendtorheiten versäumt haben. (Bertrand Russell)

  • Eine Bekannt ist an die Grundschule teilabgeordnet worden. Wie ist eigentlich am Gymnasium und hat Englisch und Latein studiert.

    Sie unterrichtet dort Englisch und Kunst.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • In die Grundschule gehören die besten Lehrer:innen.

    Alles, was da versaut wird, bleibt später schwierig.

    Außerdem ist’s für die Kinder wichtig, dass sie „fachlich super gut draufe“ und sehr empathische Lehrkräfte habe, die schnell verstehen, wo ihre eventuellen Probleme liegen und die liebevoll, aber klar und bestimmt mit ihnen umgehen.

    Das wäre natürlich für alle Stufen wichtig, aber am Anfang ist’s am wichtigsten.

    In Kl. 1 und 2 gehören die allerbesten, sagte immer mein Schulrat.

    "Wenn sie wunderbar ist, wird`s nicht einfach sein. Wenn sie einfach ist, wird es niemals wunderbar sein. Wenn sie`s wert ist, wirst du niemals aufgeben. Wenn du aufgibst, war sie`s nicht wert..." (Bob Marley)

    Der Schluss fehlt, den mag ich nicht.

  • Außerdem ist’s für die Kinder wichtig, dass sie „fachlich super gut draufe“ und sehr empathische Lehrkräfte habe, die schnell verstehen, wo ihre eventuellen Probleme liegen und die liebevoll, aber klar und bestimmt mit ihnen umgehen

    Woher kennst du die Erstklasslehrerin meiner Tochter? Die war genau so.

    Selbst ein Friseur schafft es nicht, montags vor 10 Uhr so viele Gerüchte in die Welt zu setzen, wie das Kollegium eines Lehrerzimmers. (c) calmac

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