Frage an alle Sek-II-Lehrer und -Lehrerinnen

  • Hallo ihr da draußen,


    ich habe mal wieder ein viertes Schuljahr und damit verbunden Bauchschmerzen, welche Empfehlung ich einigen Kindern bzgl. der weiterführenden Schule geben soll. Viele Kinder kann man sich ja sehr gut an einer bestimmten Schulform vorstellen, bei einigen wenigen bin ich mir aber leider nicht ganz sicher. Daher nun meine Frage an euch: Wie schwer ist es für ein Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, an einem Gymnasium zu bestehen? Wie wirkt sich diese Schwäche auf die Noten aus? Muss ich davon ausgehen, dass dieses Kind sehr viele frustrierende Erlebnisse vor sich hat und daher vielleicht besser auf einer Gesamtschule aufgehoben ist? Bin gespannt auf eure Erfahrungen...
    Wie sieht es außerdem aus, wenn ein Kind zusätzlich (noch) nicht die passende Arbeitseinstellung für ein Gymnasium hat? Oder wenn ein Kind durch sein Sozialverhalten auffällt?
    Bin gespannt auf eure Antworten,


    eine Grundschullehrerin
    ;)

  • Hallo Grundschullehrerin!


    Kann zwar nur begrenzt mit Erfahrung dienen (Ref), aber vielleicht kann ich ein paar Überlegungen anstellen:
    1. Grundsätzlich wird an den Gymnasien immer viel gejammert, weil Kinder geschickt werden, die für die Schulform einfach nicht geeignet sind, und die werden auch in den ersten Jahren ausgesiebt - hab mir sagen lassen, als "abgebrochener Gymnasiast" sei der Stand an Realschulen schwer.
    2. Die Anforderungen und das Arbeitsklima sind von Gymi zu Gymi sehr unterschiedlich - es könnte also sinnvoll sein, sich umzuhören, welches Gymnasium überhaupt in Betracht gezogen wird, und dann dort entsprechend der besonderen Probleme nachzufragen.
    3. Die "Textlast" am Gymnasium ist allgemein sehr hoch - eine Schwäche gerade in dem Bereich stell ich mir problematisch vor. Wenn auch noch die Arbeitshaltung nicht stimmt - welche Gründe sprechen denn besonders dafür, das Kind auf's Gymnasium zu schicken?
    Noch informationsbedürftig,
    w.

    Frölich zärtlich lieplich und klärlich lustlich stille leysejn senffter süsser keuscher sainer weysewach du minnikliches schönes weib

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Grundschullehrerin,
    ich unterrichte grad eine fünfte, bin also recht nah am Geschehen.
    Das gymnasiale Schulleben ist meiner Ansicht nach schwierig für Kinder, die schon in der Grundschule gerne "träumen", denn das Tempo am Gymnasium ist auch höher und wenn sich die Lehrerin doch noch um das Träumerle kümmern will, dann kommt von den anderen Schülern oft "Gegenwehr´" ("Der soll doch auch mal aufpassen..." - und Recht haben sie!)
    Bei der Rechtschreib-Lesesschwäche ist die Frage, ob die ärztlich bestätigt werden kann (gibt es auch bei R-L-S, nicht nur bei Legasthenie und dann wirkt sich die Schwäche nur sehr gering auf die Noten aus)
    Ich persönlich habe aber auch Kinder in der Klasse mit deren Grundschullehrerinnen ich gern ein paar Takte reden würde X( Da geb ich die ersten Übungsaufsätze raus, bei denen einige inhaltlich recht nett sind, aber vor Rechtschreibfehlern strotzen und dann hör ich von den Schülern, sie hätten in der Grundschule aber immer Einser bekommen 8o
    Wie geht das denn?
    Hier tun mir dann vor allem in erster Linie die Kids Leid, denn es ist einfach nicht die Aufgabe einer Gymnasiallehrerin, den Schüler die gesamte Rechtschreibung beizubringen, höchstens noch gewisse Problemfälle (noch dazu, da andere Schüler aus der Klasse sich dabei sichtlich langweilen...) - dementsprechend ist ein solches Kind recht schnell frustriert...und die Arbeitsmoral sinkt dann auch. Ich denke, solchen Schülern tut man mit dem Gymnasium nichts Gutes...
    Liebe Grüße, H.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Grundschullehrerin,
    ich kann meinen Vorrednern zur zustimmen: ich habe auch grad ne 5te. 2 Kinder haben LRS und jetzt schon die ersten 5 5en und 6en kassiert: sie sind todunglücklich. Dabei geht es nicht nur darum, dass sie zwar die Rechtschreibfehler nicht angerechnet bekommen, sondern auch darum, dass sie die Textaufgaben nicht verstehen, Texte inhaltlich falsch verstehen, ewig lange Arbeitszeiten in Anspruch nehmen müssen, etc.
    Ich weiß, dass es hochproblematisch ist, weil LRS Kinder nicht immer unbegabte Kinder sind.
    Trotzdem packen es die meisten nicht, einfach weil das Tempo im Gymn. zu hoch ist, bei den großen Gruppen keine Rücksicht auf ganz langsame genommen werden kann (egal wie engagiert und willig man ist - es geht einfach nicht mit 30 Kids , von denen viele sehr begabt sind und ständig weiter kommen müssen), wegen der Stoffmenge, die zu bewältigen ist und wegen der textlastigkeit aller Fächer, sei es Erdkunde, Deutsch, Geschichte oder sogar Mathe.


    Zwei meiner Lieben sind aus der GS mit nur Einsen und Zweien gekommen, kein LRS, kein nix - plötzlich schreiben sie eine 5 nach der anderen. Die Rechtschreibung ist katastrophal, das Textverständnis gleich null, die Aufmerksamkeitsspanne 5 Sekunden, die Arbeitsmoral nahe null. Und ich beschule NICHT nur frontal und mit Stillarbeit.


    Zwar habe ich großen Respekt vor der Arbeit der Grunschullehrer, habe ja selbst mehrere zum Hospitieren besucht - aber die Notengebung dort ist mir oft unverständlich. Was nützt man denn einem Kind, wenn man ihm hübsche einsen gibt, weil er so willig / niedlich / fleißig ist - und dann kriegt er den Einbruch des Lebens im Gymnasium?
    Ich finde das grausam, ehrlich.


    Sei also bitte vorsichtig mit deiner Empfehlung. Du tust dem Kind KEINEN Gefallen, wenn es jahrelang nur noch negativ-Meldungen bekommt!


    Lieber Gruß


    Heike

  • Zuerst einmal vielen Dank für eure Antworten!
    Offensichtlich habe ich mich noch nicht klar genug ausgedrückt, so dass ihr noch einige Informationen benötigt.
    Ich hatte versucht, möglichst knapp zu formulieren...


    @ wolkenstein:
    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Kinder, die vom Gymnasium an die Realschule wechseln, es dort nicht leicht haben. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mir bei einigen (wenigen) Kindern nicht so sicher bin, welche Empfehlung ich geben soll. Ich hatte erwähnt, dass bei einem Kind die Arbeitseinstellung zur Zeit noch nicht stimmt. Dieses Kind ist absolut pfiffig, macht aber nicht mehr als nötig und spielt lieber zwischendurch den Klassenclown... Ich kann mir dieses Kind sehr gut an einer Gesamtschule vorstellen und werde auch dementsprechend beraten. Da die Empfehlung aber Gymnasium/Gesamtschule oder Realschule/Gesamtschule heißen wird, mache ich mir noch ein paar Gedanken...


    @ hermine:
    Ich möchte meinen Schülern solche Erfahrungen ersparen. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich an euch wende. Ärztlich bestätigt wurde die Rechtschreibschwäche bislang nicht, die Eltern der betroffenen Kinder sind aber mit Sicherheit einverstanden, diese Schwäche von einem Arzt überprüfen zu lassen, wenn sie ihren Kindern damit einigen Frust ersparen können. Es ist mit Sicherheit nicht die Aufgabe einer Gymnasiallehrerin, den Schülern die komplette Rechtschreibung "beizubringen", wobei ich trotzdem der Meinung bin, dass das "Rechtschreibenlernen in der Grundschule [...] als Annäherung an normgerechtes Schreiben" zu sehen ist (Landesinstitut für Schule und Weiterbildung: So lernen Kinder Rechtschreiben). Der Prozess des Rechtschreiberwerbs ist auch für schnellere Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht abgeschlossen.
    Außerdem fände ich es falsch, einem Kind aufgrund seiner Rechtschreibleistung die Möglichkeit der "freien" Berufswahl zu verwehren, äußerst bedenklich. Hierzu noch einmal das Landesinstitut für Schule und Weiterbildung: "Da bestehende Schwierigkeiten eines Kindes mit dem Rechtschreiben allein kein Grund sind, Übergangsempfehlungen für die Realschule oder das Gymnasium nicht auszusprechen (vgl. LRS-Erlass Punkt 4.4), finden sich in allen weiterführenden Schulen Kinder aus dem gesamten Leistungsspektrum, wenn auch sicherlich mit unterschiedlichen quantitativen Anteilen in den verschiedenen Schulformen."
    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich mache mir trotz dieser Grundeinstellung (s.o.) Gedanken, wie es Kindern mit einer Rechtschreibschwäche an einem Gymnasium ergehen würde/wird. Würde ich mir diese Gedanken nicht machen, bräuchte ich euch nicht zu bemühen... Versteht mich also bitte nicht falsch, es ist mir sehr wichtig, eure Meinungen und Gedanken zu dem Thema zu lesen!!!
    Zum Thema Textproduktion: Auch meine rechtschreibschwachen Schüler und Schülerinnen können für ihre Texte gute oder sehr gute Noten bekommen, da die Rechtschreibung gesondert benotet wird. Die Rechtschreibnote ergibt sich aus den Noten, die die Kinder in ungeübten Lernwörterdiktaten, ungeübten Diktaten sowie Übungsblättern bekommen haben. Bei der Textproduktion benote ich, wie gut ein Kind die zuvor erarbeiteten Schreibtipps umgesetzt und wie gut es den Text anschließend überarbeitet hat. Es ist also möglich, trotz mangelhafter Rechtschreibung eine gute Note für einen Text zu bekommen.


    @ heike:

    Zitat

    Zwei meiner Lieben sind aus der GS mit nur Einsen und Zweien gekommen, kein LRS, kein nix - plötzlich schreiben sie eine 5 nach der anderen. Die Rechtschreibung ist katastrophal, das Textverständnis gleich null, die Aufmerksamkeitsspanne 5 Sekunden, die Arbeitsmoral nahe null. Und ich beschule NICHT nur frontal und mit Stillarbeit.


    Hätten die Schüler, um die es mir geht, mehrere der von dir genannten Probleme, so würde ich mir wohl nicht so viele Gedanken machen müssen...
    Ich kann mir denken, dass es unheimlich schwierig ist, solche Kinder angemessen zu fördern (auch wenn man nicht nur frontal und still arbeitet...).
    Meine Kinder haben übrigens noch nie eine gute Note bekommen, weil sie so niedlich sind...


    So, werde mich jetzt aber an die Vorbereitung für morgen machen...
    Euch allen einen schönen Abend und bis bald!

  • Hallo,
    ich habe eine Hauptschul - 5te und konnte in der letzten Woche feststellen, wie stigmatisiert die Sch schon in diese Schulform kommen. Bei einer Wochenreflektion konnte kein Kind positives an seiner Wochenarbeit finden und dass find ich echt nen Hammer denn sie hatten alle gut gearbeitet.


    In der Wahl der Schulform find ich es nicht unwichtig, welcher familiere Hindergrund existiert, wieviel die Familie zu "geben" bereit ist( ich meine Energie) und wieviel das Kind geben kann.


    Es bleibt eine schwierige Entscheidung, die mir persönlich als Mutter Gott sei Dank erst in 4 Jahren bevor steht!!!


    Eure Isa

  • Zum Thema LRS-Bestätigung: In Hessen ist es ja mittlerweile so, dass keine ärztliche Bestätigung mehr dafür benötigt wird. Der Deutschlehrer ist berechtigt bei weniger als ausreichenden Leistungen in der REchtschreibung, aber besseren inhaltlichen Leistungen eine entsprechende LRS-Bestätigung selbst zu verfassen und damit die Rechtschreibnote auszusetzen. Obwohl zwar die Gründe für das Zustandekommen dieser Regelung sehr zweifelhaft sind, finde ich diese neue Verordnung dennoch sehr praktikabel. Der Lehrer kann in der Regel am Besten beurteilen, ob eine LRS oder eine allgemeine Lernschwäche vorliegt und hat von nun an die Freiheit selbst zu entscheiden, ob es sinnvoll ist die Rechtschreibung einzubeziehen oder nicht. Sicherlich hat auch dieses wiederum Nachteile, aber meiner Meinung überwiegen die Vorteile. Die Übergewichtung der Rechtschreibung kann damit ganz simpel umgangen werden.
    Insofern würde ich in Hessen ein Kind mit Rechtschreibschwäche durchaus auch auf ein Gymnasium schicken. Wie das in anderen Bundesländern mittlerweile geregelt ist, weiß ich allerdings nicht.
    SChwieriger sieht es dagegen mit Leseschwächen aus. Die können tatsächlich auf dem Gymi so ohne weiteres nicht ausgeglichen werden und den Kindern steht meistens eine schwierige Odysee durch die Schulformen bevor, weil diese Kinder meistens auch nicht auf der Realschule bestehen (trotz durchschnittlicher Intelligenz und vielseitiger Begabungen in anderen Bereichen). Lernen ist bei uns einfach sehr textlastig (selbst an Hauptschulen!). Ich weiß, dass es eine schwierige Entscheidung ist, solch einem Kind sein Leben zu verbauen, weil es nicht auf's Gymnasium kann, aber in unserem Schulsystem gibt es leider für diese Kinder keinen vernünftigen Platz. Problematisch ist heute auch, dass es nur noch wenige Berufe gibt, in denen die Lesefähigkeit eine untergeordnete Rolle spielt. Für ein Studium wird man so ein Kind wohl tatsächlich nicht qualifizieren können, aber selbst einfache Berufsausbildungen verlangen gute Lesefähigkeiten.
    Die vielleicht noch beste Möglichkeit wäre vielleicht eine alternative Schule (Waldorf o.ä.) in Betracht zu ziehen, wobei man auch hier genau schauen muss, ob die in Frage kommenden Schulen eine entsprechende Förderung anbieten. Da gibt es große Unterschiede. Zumindest ist das eine Schulform, die den Kindern ihr Leben nicht ganz so verbaut wie eine Sonderschule. Dort landen nämlich jene Kinder dann oftmals...


    Das sind wirklich wahnsinnig schwierige Entscheidungen und ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass ich so etwas nicht machen muss.


    Lieben Gruß,
    Mia

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

    Einmal editiert, zuletzt von Mia ()

  • LRS......... uups...


    schwieriges Thema.
    LRS ist eine "Schlagwortabkürzung" wie ADS oder Dyskalkulie. All das wird gerne diagnostiziert (und dafür kassiert), besonders gerne von Leuten, die dafür nicht ausgebildet sind. Ein Allgemeinmediziner darf vielleicht Bescheinigungen ausstellen - er richtet mit einer LRS-Bescheinigung vordergründig weniger Schaden an, als wenn er ADS diagnostiziert und Ritalin verschreibt.
    Trotzdem bleibt die Diagnose eine aufwendige Angelegenheit für Fachleute. Nur weil jemand die deutsche Rechtschreibung nicht beherrscht, hat er noch lange kein LRS-Syndrom, das als (schwer- bzw. unheilbare) Krankheit im Personalausweis (=Zeugnis) eingetragen wird.


    Ob man einem Kind, das Probleme mit dem Er- und Verfassen der deutschen Sprache hat, einen Gefallen tut, wenn man es aufs Gymnasium schickt, wage ich zu bezweifeln. Das wäre meines Erachtens nur gerechtfertigt, wenn das Kind in einem bestimmten Bereich überragende Fähigkeiten hat, die erwarten lassen, dass es in den entsprechenden Fächern zu so großen Erfolgserlebnissen kommt, dass die Misserfolge in Deutsch ausgeglichen werden können.
    Beispiel:
    Leider ist unser Schulsystem immer noch so ausgelegt, dass man - um an einer Musikhochschule studieren zu dürfen - das Abitur braucht.


    Ob man jedoch - als noch so erfinderischer Geist - jemals ein Ingenieursstudium mit Erfolg absolvieren kann, wenn man wegen LRS ständig die Buchstaben in den Formeln vertauscht, möchte ich bezweifeln.


    Leider sind für die Schulart-Wünsche der Eltern meistens Gründe ausschlaggebend, die mit dem Wohl des Kindes nichts zu tun haben. Oft gehts nur um Angeberei in der Verwandschaft:
    "Aber mein Junge ist auf dem Gymnasium!"


    Egal ob er sich quält oder wie teuer die Nachhilfe ist.

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

  • Und noch einmal vielen Dank für eure Antworten...


    Nachdem ich gerade den letzten Beitrag gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich zu Beginn von einer "Lese-Rechtschreib-Schwäche" gesprochen habe. Im Prinzip sind es vier Kinder, die mir Bauchschmerzen bereiten - von diesen vieren haben jedoch nicht alle Probleme mit dem Lesen und dem Rechtschreiben, Lesen bzw. sinnentnehmendes Lesen gelingt fast allen wesentlich besser als das Rechtschreiben.


    Mathematik ist für die betroffenen Kinder kein Problem, auch Sachaufgaben bereiten ihnen keine Mühe. Die Probleme, die ich sehe, beschränken sich also wirklich auf das eigene Schreiben.


    Weiß jemand, ob es in NRW eine ähnliche Regelung gibt wie in Hessen? Mia hat mir ein wenig Mut gemacht mit ihrem Beitrag...


    Euch allen eine gute Nacht!

  • Liebe frau Lehrerin (Heike)!
    Es muß heißen: " braucht nicht ZU fördern ... nicht ZU protokollieren..." :D:D
    Gruß von Fossil (oder hat hier die neue Rechtschreibreform auch noch wieder zugeschlagenßß)

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Grundschullehrerin,


    habe hier auch schon mal zum Thema LRS gepostet, bin aber jetzt zu faul, den Thread zu suchen ... Dort tauchten allerdings wertvolle Infos auf, die ich nun, für NRW, ergänzen kann:


    In meine Klasse geht ein Kind, das beim Schulpsychologen des Kreises einen LRS-Test gemacht hat. Ich habe dann eine ausführliche Bescheinigung mit den Testwerten bekommen und berücksichtige seinen Lernstand in der RS-Note.
    Letztes WE habe ich dann eine Fortbildung vom Legasthenieverband NRW besucht und dort die Hamburger Schreibprobe kennen gelernt. Diese hatte unsere Sonderschullehrerin bereits mit meinem GU-Schüler durchgeführt und ich bin nun in der Lage, die Ergebnisse einzuordnen und ihn entsprechend zu fördern.


    Die o.g. Fortbildung wurde von einem Schulamtsdirektor geleitet, der uns darauf aufmerksam machte, dass wir Lehrer diese Schreibprobe offiziell durchführen und anhand der Ergebnisse auch LRS diagnostizieren dürfen (übrigens auch ohne Wissen der Eltern). In unserem Schulamtsbezirk hängt davon die Genehmigung von zusätzlichen Förderstunden ab, von denen ich eine für einen gesamten Jahrgang bekommen habe. Unter dem Murren der Kollegen nehme ich aber tatsächlich nur LRS-Kinder auf! Das sind im Moment zwei wirkliche Fälle und zwei, die ich nun testen werde, weil ich diese wertvolle Wochenstunde nicht für Rechtschreibfaule opfern werde ...


    Sehr interessant fand ich auch, dass die auf der Fortbildung anwesenden Sekundarstufenlehrer weder im Studium noch im Ref Informationen über den Schriftspracherwerb erhalten haben und u.a. tüchtig über die VA schimpften (Jetzt schon mal die Entschuldigung an die mitlesenden Sek-Kollegen. Es ist nicht böse gemeint, aber ich war ziemlich entsetzt und musste mich dafür auch noch anfeinden lassen). Die Hilflosigkeit mit einem fünften Schuljahr schlug sich natürlich auch in Wut auf die Grundschullehrer nieder, die angeblich ungeeignete Kinder für das Gymnasium empfehlen.
    Ich kann nur von den Erfahrungen mit meiner letzten Vier berichten, wo sich mehrere Eltern entgegen meiner Empfehlung fürs Gym entschieden und dort meine schriftliche Beurteilung einfach nicht vorlegten!
    Inzwischen ist die Schule dazu übergegangen, diesen Bericht auf die Rückseite des Zeugnisses zu drucken und bei besonderen Fällen Kontakt mit der Schule aufzunehmen. Trotzdem kennen einige Eltern viele Tricks um die Aufnahme am Gym zu erzwingen.


    Bzgl. LRS-Kinder auf dem Weg zum Abi:
    Ich kenne einige rechtschreibschwache Schüler, die zunächst eine andere Schulform besucht haben und dann erfolgreich die Oberstufe mit Abi absolvierten. Kriterium für die Auswahl der Schule (der engagierten und einsatzbereiten Eltern) waren spezielle Förderangebote bzw. die Unterstützung außerschulischer Aktivitäten, z.B. über den Legasthenieverband. Vielleicht hörst du dich mal bei allen in Frage kommenden Schulen um, wie dort mit LRS umgegangen wird?
    Ich stehe ja nächstes Jahr vor dem Beratungsproblem und sperre jetzt schon meine Ohren auf, ob die benachbarte Hauptschule oder die etwas weiter entfernte Gesamtschule entsprechende Angebote macht.


    Viel Ruhe und Sicherheit für diese schwierige Entscheidung
    strucki

    • Offizieller Beitrag

    tja, liebe Frau Lehrerin (Fossil),

    Zitat

    Liebe frau Lehrerin (Heike)!
    Es muß heißen: " braucht nicht ZU fördern ... nicht ZU protokollieren..."


    ...und es muss heißen "muss" ....



    oder wir gehen einfach davon aus, dass hier jeder schreiben kann, beim schnellen Tippen aber auch mal schlampiger sein darf....Inhalt vor Form, jedenfalls hier.


    Heike

  • Zitat

    wir gehen einfach davon aus, dass hier jeder schreiben kann, beim schnellen Tippen aber auch mal schlampiger sein darf....Inhalt vor Form, jedenfalls hier.


    Jou, dat seh ick ooch so ;)


    Petra

  • Hallo, Heike :):)
    mit der neuen Rechtschreibung (muss) X(X( habe ich mich noch nicht so recht angefreundet; hoffe, bei Fremdsprachen nicht allzuviel damit zu tun zu kriegen, bin bis jetzt hier halsstarrig gewesen und wollte keine neue verwenden. Vieles da kommt mir auch komplett schwachsinnig vor. Kann aber sein, daß ich mich in Zukunft doch umgewöhnen muß. Also vielen Dank für die Belehrung. :D Gruß, Fossil

  • @ strucki:


    Vielen Dank für deine Hinweise. Die Hamburger Schreibprobe kenne ich und führe sie auch regelmäßig durch. Habe die Ergebnisse der betroffenen Kinder also vorliegen. Ich weiß schon, wo die Schwächen liegen - die Zeit reicht aber vorne und hinten nicht, um aus den Schwächen Stärken zu machen...
    Ich werde wohl doch mal bei den Gmnasien vor Ort vorbei schauen. Zum Glück dauert es noch etwas über einen Monat, bis ich die Empfehlungen aussprechen muss.


    @ heike:
    Vielen Dank für deinen letzten Beitrag, hätte mich schon fast nicht mehr getraut vor lauter Angst einen Rechtschreibfehler (bzw. Tippfehler) zu machen...


    @ fossil:
    Ohne eine Diskussion über die neue Rechtschreibung initiieren zu wollen, möchte ich doch mal eben anmerken, dass viele der neuen Regeln absolut nicht schwachsinnig sind. Nur weil es für uns ungewohnt ist (war), muss es noch längst kein Schwachsinn sein. Ausgerechnet die ss/ß-Regelung finde ich sehr einleuchtend!!! :D


    Euch allen einen schönen Tag!

  • Bevor das Fossil wieder schreit:
    Es heißt natürlich "Gymnasien", ist mir wirklich schon vorher klar gewesen... :D
    Habe mich halt vertippt - schlimm?
    Grüße von der Grundschullehrerin

  • Liebe Grundschullehrerin, liebe Heike! :):)
    Hiermit entschuldige ich mich - will doch nicht den Ruf haben-
    "bevor das Fossil wieder schreit". Verschreibe mich außerdem auch selber oft.
    Trotzdem kommen mir solche Schreibweisen wie "aufwändig" ziemlich gewöhnungsbedürftig vor; eigentlich hätte ich es gern gehabt, wenn sich die Rechtschreibreform nicht durchgesetzt hätte.
    Aber nehmt mich nicht so ernst; es gibt wichtigeres als über so etwas zu diskutieren.


    Gruß, Fossil :D

    • Offizieller Beitrag
    Zitat


    Was ist denn an der Regelung zur ss/ß-Schreibung bitte einleuchtend?


    Das verstehe ich sogar als Mathematiker, dem gerade die Komma-Regeln eine Gräuel sind.


    Nach langem Vokal folgt ß, nach kurzem Vokal ss.


    Wenigstens eine Regel die sogar ich kenne ;)


    Stefan

  • Hallo Heike,


    ich kann deine Wut über den neuen Erlass gut verstehen und habe ja auch schon angedeutet, dass ich das Zustandekommen dieses Erlasses keineswegs befürworte. Das heißt eben, dass ich mir absolut darüber im Klaren bin, dass es sich einfach nur um eine Sparmaßnahme handelt und sonst gar nichts.
    Allerdings war die vormalige Regelung einfach noch schlechter, obwohl das Land sogar zur Finanzierung von Therapiemaßnahmen verpflichtet war. Hört sich wahrscheinlcih zunächst mal etwas unlogisch an, aber es war leider in der Realität eine Pseudoregelung.


    ERstens war es nämlich auch schon früher vom Deutschlehrer abhängig, ob eine Überprüfung stattfindet oder nicht und damit hätten grundlegende Kompetenzen im LRS_Bereich bei Lehrern bereits existieren müssen. Dem war naütrlich nicht so, stattdessen lag es meistens am Engagement der Eltern, ob solch eine Überprüfung veranlasst wurde oder nicht.
    In der Regel wurde dann irgendein Arzt aufgesucht - med. Gutachten sind in Akten ja komischerweise oftmals anerkannter als Gutachten von privaten Fachinstituten. Was allerdings unter den Tisch fiel, ist, dass Ärzte hinsichtlich LRS nicht viel besser ausgebildet sind als jeder normale Sek.- Deutschlehrer. Es wurde also ein Intelligenztest gemacht - IQ im Durchschnittsbereich, also liegt LRS vor. Das kannst du auch als Deutschlehrer machen und brauchst dafür noch nicht mal einen IQ-Test. Diese LRS-Bescheinigungen sind wirklich sehr häufig absolut nichtssagend gewesen.


    Im Prinzip finde ich Teile des neuen ERlasses (immer wieder unter Aussparung der zugrundeliegenden Sparmaßnahme natürlich!) allerdings gut: LRS-Förderung gehört meiner Meinung nach nicht in die HÄnde von unabhängigen Instituten mit zig verschiedenen Ausrichtungen und Philosophien, sondern diese Förderung sollte in der Tat in der Schule geleistet werden! Bislang war es doch schlichtweg eine Entlastung und Vereinfachung für die Schule, den Schüler irgendwohin weg zu schicken (wohin war meistens egal, man kannte sich ja eh nicht aus) und es wurde sich einfach nciht mehr drum gekümmert. Kinder aus unteren Schichten kamen übrigens so gut wie nie zu einer LRS-Förderung, sondern landeten auch schon früher fast ausschließlich auf Haupt- oder Sonderschulen. Über das Zustandekommen dieser Selektion kann ich nur Vermutungen anstellen, so richtig klar ist es mir alleridngs nie gewesen. Jedenfalls hat die vormalige LRS-Förderung nicht viel besser gegriffen als die jetztige.
    Den Vorteil des ERlasses sehe ich übrigens nun auch darin, dass Deutschlehrer endlich für LRS sensibilisiert werden und vielleicht die Ausbildung in diesem Bereich etwas verbessert wird. Das wird natürlich nicht der Fall sein, solange man glaubt, dass nur private Institute mit speziell ausgebildeten Legasthenietrainern in der Lage sind, KInder mit LRS zu fördern. Nein, da muss ich dir widersprechen, Heike. Es ist nicht so, dass Lehrer nur rumpfuschen würden! Zumindest, wenn sie sich einigermaßen in diesem Bereich auskennen. Das bedeutet aber meiner Meinung nach nicht, dass man aus jeder Theorie eine Philosophie machen muss, wie das viele selbstständige Legasthenietrainer tun. LRS-Förderung ist meiner Meinung eben kein eigenständiger Berufszweig, auch wenn er mittlerweile dazu gemacht wurde. Man muss bedenken, dass LRS ähnlich wie ADS in Teilen eine Modeerscheinung ist und Lehrer fachlich erst viel zu spät darauf reagiert haben. Das hatte zur Folge, dass darauf außerschulisch reagiert wurde und damit entstand dieser neue Berufszweig, der übrigens auch nicht einheitlich ausgebildet ist. Wenn du 20 Legasthenietrainer nach einer Definition von LRS fragst, wirst du 20 verschiedene Antworten bekommen, 20 verschiedene Diagnosen und 20 verschiedene Therapiepläne. Wie auch bei verschiedenen anderen Teilleistungsschwächen ist die Ursache nunmal in der Regel nicht eindeutig zu klären und damit auch keine 100% wirksame Therapie möglich. Wenn man aber weiß, dass es diese Teilleistungsschwäche gibt und auch Fördermöglichkeiten kennt, reicht das meiner Meinung für einen Lehrer aus, um angemessen darauf zu reagieren.
    Problematisch bei dem Sparerlass finde ich nicht, dass wir als Deutschlehrer diesen Bereich abdecken sollen – das wurde bislang in Haupt- und Sonderschulen ohnehin schon so gehandhabt - , sondern dass wir keine Stellen dafür bekommen. Natürlich ist es nicht möglich, mal schnell im Unterricht nebenbei LRS zu erkennen und gleich noch ‚ne Therapie zu machen! Das ist nicht leistbar und kann es auch nicht sein. Die Forderung von den Deutschlehrern müsste meiner Meinung aber eher in die Richtung gehen, Förderstunden einzufordern (auch an Gymnasien!) und entsprechende Lehrer dafür einstellen zu können.
    Sicherlich ist es für Gymnasiallehrer zunächst mal viel schwieriger, mit dem neuen Erlass klar zu kommen, zumal in dieser Schulform vordergründig erstmal wirklich die Nachteile überwiegen.
    Für Haupt – und Sonderschulen wurde jedoch mit diesem neuen Erlass eine Vereinfachung erreicht: Wir brauchen nicht mehr irgendwelche Bescheinigungen von irgendwelchen anderen Leuten, die sich teilweise schlechter auskennen als wir selber. Wir können selbst individuell entscheiden, wann es päd. sinnvoll ist, eine Rechtschreibnote auszusetzen und wann nicht. Förderstunden werden bei uns ohnehin angeboten und über jeden Schüler werden im Jahr mehrere Förderberichte verfasst. Davon kann ich auch ne Kopie ans Schulamt schicken.


    Na ja, wie auch immer, der Erlass ist gewiss nicht ausgereift und hat auch wie gesagt, eine sehr ungesunde Basis. Man kann sich über Einiges noch ordentlich aufregen – ich auch! ;)
    Aber die Richtung stimmt meiner Meinung nach dennoch...


    Lieben Gruß,
    Mia

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

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