Willkommen im Meer

  • Ich muss gestehen, dass der Klappentext von "Willkommen im Meer" von Kai Eric Fitzner mir zunächst Bauchschmerzen bereitet hat. Von einem Lehrer gegen den Strich ist dort die Rede, von einem Provinzstädtchen, einem beschaulichen Gymnasium und der zugehörigen elterlichen Lokalelite, von Schülerfreundschaft und drohendem Berufsverbot; von einer reichen Schwiegermutter, die mit eisernem Willen und viel Geld alles regelt. Wie leicht könnte so eine Erzählung scheitern und ihr verfilmtes Ende im öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm zwischen den Capricen eines Schimpansen als Hauptfigur einer Soap-Opera und der neuesten courts-mahlerschen Schmonzette finden. Da ich jedoch weiß, dass der Verfasser nicht zu derartigem literarischen Vandalentum fähig ist, habe ich den Roman mutig bestellt und gelesen.


    Das zu Recht. Der Handlungsstrang des Klappentextes ist nur ein Teil der Erzählung und meiner Meinung auch nicht der Wesentliche. Eigentlich könnte man sagen, dass die Handlung nicht einmal im Mittelpunkt des Romans steht; es geht vielmehr um das Leben im Allgemeinen, um die Frage wie man ein gutes Leben führen kann zwischen all den üblen aber auch schönen Dingen, die um einen herum passieren. Und dazu tun die Hauptfiguren das, was Menschen eigentlich viel öfter tun sollten, sie führen keinen Smalltalk, sondern sie sprechen miteinander. Dialoge sind schwierig zu erzählen, sollen sie nicht langatmig werden, doch Fitzner gelingt dies weitgehend auf eine elegante Weise, wobei die Erzählung ab und an doch zu mäandern beginnt und Tim Schäfer, Lehrer und Hauptfigur, ins monologische Dozieren gerät. Allerdings ist der Roman in der Ich-Perspektive geschrieben und es lässt sich nicht verhehlen, dass dieser Charakterzug recht gut zu seiner Persönlichkeit als "Besserwisser" und zu seinem Beruf als Lehrer passt; in der Erzählung wird Schäfer sich dieses Charakterzuges zudem des öfteren bewusst.


    Die Figuren, Schäfer, seine Frau Antje, die Schüler, die ihm näher kommen und andere Verwandte, Freunde und Bekannte sind auf der Suche nach einer Utopie, sie wollen sich aus den Fesseln einer gnadenlosen ökonomieorientierten Gesellschaft befreien und zurück zum eigentlich Menschlichen in Leben und Tod finden. Dabei kreisen sie um die zwei Pole des portugiesischen Landlebens und der norddeutschen Kleinstadt, um schließlich auch an einem Ziel anzukommen, worüber hier aber nichts weiter verraten werden soll. Die Warmherzigkeit, die der Verfasser seiner Hauptfigur mitgegeben hat und die tiefe Menschlichkeit, mit der Lebensschwierigkeiten betrachtet und gelöst werden, auch in der Auseinandersetzung mit Feinden, ist beeindruckend und macht den Text für sich schon lesenswert; es ist zu spüren, dass der utopische Gedanke mit tiefer Ernsthaftigkeit verfolgt wird.


    Ein Wermutstropfen ist, wie zweidimensional die Antagonisten der Hauptfiguren gezeichnet sind; sie sind dumm, nicht im Sinne einer kurzsichtigen Ethik, wie es der utopischen Sehnsucht der Erzählung angemessen wäre, sondern wirklich und wahrhaftig klein, intelligenzfrei, phantasielos und unbegabt. Sie sind Langweiler. Es findet sich unter den missgünstigen Kollegen, den intriganten Managern, den prügelnden Vätern, den absurden Bürokraten nicht eine Figur von diabolischer Größe, die den Belehrungen der Protagonisten geistreich Paroli bieten und ihnen zur Abwechslung mal das Maul stopfen könnte. Keine Figur, die zeigt, warum eigentlich die wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft bei all ihren üblen Nebenwirkungen im Gegensatz zu den favorisierten Utopien seit Jahrhunderten eine so ungeheure Attraktivität entfaltet; die begreiflich macht, wie man in der Konkurrenzgesellschaft an die Spitze kommt und sich dort hält - glaubt man der Erzählung, schafft das jeder Trottel, so lange er nur böse genug ist. Diese Figuren scheinen nur als Projektionsfläche und als Objekt der Belehrung zu dienen. Hier hat Fitzner leider eine Chance verpasst.


    Doch halt! Das muss gleich wieder relativiert werden, und zwar deshalb, weil ich an dieser Stelle auf eine wirkliche Qualität des Textes hinweisen kann: der Leser tut tunlichst gut daran, dem Rat Schäfers zu folgen und sich seine Meinung selbst zu bilden. Tim Schäfer gesteht freimütig ein, zu viel zu reden und des öfteren die Geschehnisse um ihn herum nicht zu verstehen. Auch weist Schäfer als Lehrer bei allem Dozieren seine Schüler immer wieder an, nicht seiner Autorität zu folgen, sondern sich ihr eigenes Bild zu formen. Nimmt sich der Leser diesen Rat zu Herzen und glaubt nicht unbenommen, was der Ich-Erzähler von sich gibt, lässt sich die Handlung gegen den Strich lesen und das Gutmenschentum der Protagonisten erhält eine sinistere Seite: nur um ein oder zwei Beispiele zu nennen, bei aller Verachtung formaler Hierarchien durch Schäfer ist doch auch bei den "Guten" ständig von Hierarchien die Rede; natürlich ist Schäfer promoviert, während seine sehr viel durchsetzungsstärkere Frau Antje selbstverständlich zwei Doktortitel trägt (sie ist schließlich zertifizert genial, er nur hochbegabt), was nur durch das akademische und adelige Full House der allmächtigen Mutter Prof. Dr. Gerlinde von Thaler getoppt werden kann. Diese Titel werden bei Bedarf als Prestigezeichen verwendet, auch nicht anders, als es die "Bösen" in kleinbürgerlicher Borniertheit tun. Schäfer kann übrigens nur von Glück reden, dass Mutter auf seiner Seite steht, denn sie ist ein sehr gefährlicher und rücksichtsloser Feind. Sie bildet konspirative Seilschaften im Untergrund, manipuliert und nötigt andere, auch ihren Schwiegersohn, hemmungslos, lässt in fremde Computersysteme einbrechen, tritt Recht und Gesetz mit Füßen und zeigt mehrfach, dass sie durchaus nicht nur gewillt ist, ihre Interessen mit angemessener Aggressivität durchzusetzen, sondern dabei auch einen lustvollen Vernichtungswillen an den Tag legt. Rhetorisch gegenüber der hilflosen "Mama", der Mutter Schäfers, existenziell gegenüber ihren Feinden. Macht es einen Unterschied, dass sie eine Frau ist? Was wäre, wenn Mutter stattdessen ein Vater wäre, oder gar ein Großer Bruder? Interessant ist auch, woher ihr immenser Reichtum stammt. Die globalisierungskritischen Protagonisten wollen lieber nicht allzu viel darüber nachdenken, aber sie bauen ihre Utopie auf der Basis des kolonialen Raubgutes der Urgroßväter, was ihnen die nötige Handlungsfreiheit verleiht, kapitalistisches Ertrags- und Wirtschaftsdenken voller Verachtung beiseite zu schieben. In dieser Lesart fragt man sich schon, woher sie eigentlich ihre ethische Überlegenheit nehmen...


    Diese Bemerkungen sind allerdings keine Kritik an der erzählerischen Qualität des Romans - im Gegenteil. Durch diese Unterströmungen gewinnt die Erzählung an Mehrdimensionalität und regt zum Weiterdenken an. Obwohl in diesem Roman also sehr viel nachgedacht und erklärt wird, was mich als Leser in der Regel missgemut stimmt, ist es Fitzner so gelungen, zwei Klippen zu umschiffen; zum einen hat er keinen dieser fürchterlichen Romane geschrieben, "aus denen man etwas lernen kann" und deren literarische Belanglosigkeit sich an den Zertifikaten misst, mit denen öffentliche Prüfstellen ihre Eignung für die Jugend belegen. Dazu ist die Erzählung zu doppelbödig. Zweitens wird der Roman nicht langweilig. Auch, wenn mancher Exkurs vielleicht doch hätte vermieden werden können, bleibt die Balance zwischen interessanter Handlung und der Darstellung von Innenleben gewahrt. Da die Geschichte bis in die einzelne Wortwahl hinein mit größter Sorgfalt geschrieben worden ist und eine außerordentlich große Liebe des Verfassers zur Sprache verrät, ist sie auch noch ästhetisch ein reizvoller Lesegenuss.


    "Willkommen im Meer" ist ein Roman, der mich als Leser gefesselt hat (meine Lektüre habe ich am zweiten Tag beendet) und der mich trotz der genannten kleineren Schwächen angerührt und nachdenklich zurückgelassen hat. Mehr kann ich von einem guten Buch nicht erwarten.

  • Ja, der Books on Demand-Verlag ist eine Art Halbeigenverlag, bei dem Autoren einen guten Teil des Risikos tragen, das fertige Produkt allerdings mit ISBN versehen ist und der Vertrieb auch über die Buchhandlungen und den Online-Handel, wie z.B. Amazon läuft.


    Wie das Geschäftsmodell en detail läuft, weiß ich nicht - was ich weiß, ist, dass der Autor zu Books on Demand gegriffen hat, weil der Kleinverlag, der sein Buch schon angenommen hatte, offenbar in der Finanzkrise gefoldet hat.


    Das Exemplar, das ich gekauft habe, ist jedenfalls ein ganz normales, vernünftig gesetztes, gedrucktes und gebundenes Taschenbuch, wie man es in dieser Preisklasse bekommt.


    Nele

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