O.K., ich versuch mal in Kurzform zu schildern, womit ich täglich 'kämpfe' (das Wort drückt schon aus, wie ich mich dabei fühle).
1. Zwei Kinder mit nicht gerade harmonischen Familienverhältnissen machen kaum Hausaufgaben, stören den Unterricht durch permanente Unruhe (Arme und Beine in ständiger Bewegung, Gespräche mit Sitznachbarn), haben Konzentrationsschwierigkeiten, entwickeln Arbeitsvermeidungsstrategien (Füller wird zum Auslaufen gebracht, plötzlicher WC-Gang, Heft nicht auffindbar etc.).
In den Pausen kommt es täglich zu Konflikten, teilweise mit hohem körperlichen Einsatz und größtenteils ohne Verschulden der anderen Beteiligten.
Regeln und Grenzen sind beiden unbekannt. Eines lügt ganz bewusst, versucht Mitleid zu erregen und hat kein Unrechtsbewusstsein.
Gespräche mit den Eltern laufen bei dem einen Kind positiv, im anderen Fall bin ich die 'Schuldige'!
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass freundliche Strenge am meisten Erfolge bringt. Jedoch erfordert das sehr viel Kraft, da diese beiden emotionale Reaktionen bei ihren Mitschülern und mir provozieren.
Eines der beiden geht in Stillarbeitsphasen nun selbständig an einen Einzeltisch ohne Blickkontakt zu den Mitschülern. Hier kann es normal arbeiten.
2. Ein weiteres Kind (angeblich mit ADHS, Untersuchungen laufen noch) schafft es nicht, Arbeitsanweisungen/Erklärungen zu folgen, lenkt sich ständig selbst ab und zeigt unnatürliche Körperbewegungen (ähnlich einem Tick).
Es sitzt nun an einem Zweiertisch mit geradem Blick auf meinen Platz. Obwohl ich mich selten dort aufhalte, scheint es zu wirken.
3. Daneben habe ich noch ein GU-Kind (Lernbehinderung) und zwei fachbezogen Hochbegabte, die aber verständig sind, d.h. sie haben ihr Freiarbeitsmaterial und warten geduldig, bis ich für sie Zeit habe.
4. Am meisten nerven mich die täglichen Kleinkonflikte, die nach jeder Pause, vor und nach dem Unterricht vor mir ausgebreitet werden. Mittlerweile höre ich mir nur noch Kurzfassungen an und entscheide dann, ob darüber gesprochen wird oder nicht. Die meisten Dinge sind fünf Minuten später wieder vergessen ... Bei Verletzungen oder Verstößen gegen die Sicherheit anderer lasse ich mir schriftlich berichten.
5. Die Eltern. Im Moment ist es Mode, die Kinder auf alle möglichen Krankheiten untersuchen zu lassen. Hysterische Mütter und hilflose Väter machen einen Großteil meiner Sorgen aus. Elternarbeit empfinde ich als sehr belastend.
Puh, doch nicht so kurz, aber hoffentlich verständlich. Ich sollte noch hinzufügen, dass ich als Vertretung arbeite, diese Klasse aber seit dem ersten Schuljahr leite (nun 3.), alle paar Monate gesteuert von der Ungewissheit, ob mein Vertrag verlängert wird. Das spielt sicher auch eine Rolle.
Unterstützung habe ich von der Schulleiterin und einigen Kollegen, wobei ich manchmal schon kämpfen (schon wieder!) muss, wenn ich mal nicht das geplante Thema der Parallelklasse, sondern eine Werkstatt machen möchte.
Die Gradwanderung zwischen Verwirklichung von Ideen und abhängigem Handeln ist schwer.
müde Grüße
strucki