Ich bin mir jetzt bzgl. der Vorteile für die Kinder (und zwar generell gesprochen: für alle Kinder) nicht sicher. Ich bin mit dem, was aus mir geworden ist, eigentlich sehr zufrieden (soll heißen: ich denke nicht, dass in meiner Kindheit/Jugend groß etwas falsch gelaufen ist). Ich habe meine Kindheit und Jugend sehr genossen - Hausaufgaben erledigen, lernen und dann raus und mit Freunden spielen. Konflikte mussten wir selber lösen, selber Regeln für unser Zusammensein entwickeln ... wenn uns langweilig wurde, war das unser Problem. Wir habe gelernt, dass wir für bestimmte Dinge selbst verantwortlich sind, da war kein Lehrer, der sagt "Jetzt machen wir das ..." (und dann macht man das, ob man nun will oder nicht), kein Lehrer, der bei einem Streit dazwischen geht. Kein Lehrer, der ständig aufpasst ... Meine Eltern haben auch gearbeitet (gut, die ersten Jahre war meine Mutter daheim) ... die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war also irgendwie auch so gegeben.
Ich kann Eltern verstehen, die ihre Kinder gut aufgehoben wissen wollen. Ich kann es bei Kindern verstehen, die in einem Elternhaus / in einem Umfeld aufwachsen müssen, wo sie tatsächlich vielleicht an der Schule besser aufgehoben sind. Aber ich als Kind (und das höre ich auch von einigen meiner SuS), ich wäre mit dem System einer Ganztagsschule extrem unglücklich gewesen. Ich brauchte keine Nachhilfe, kam nicht aus einem benachteiligten Umfeld - welche Vorteile hätte die Ganztagsschule dann für mich? Ist ja gut, auch an Benachteiligte zu denken, an Schwächere ... aber die Stärkeren dann in das gleiche Bildungssystem zu zwingen? Halte ich für bedenklich.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich jeder Studie und jedem Forscher glauben soll - dafür habe ich schon zu viele neue Studien / Forschungsergebnisse erlebt, die uns präsentiert wurden als Weisheit letzter Schluss, als neue pädagogische Sau durch die Schulen getrieben wurden und dann nach einigen Jahren (schamvoll) wieder in der Versenkung verschwanden.
Ich finde es gut, wenn Schulen eine offene Ganztagsklasse anbieten (wir haben z.B. für leistungsschwächere Schüler auch eine individuelle Förderung). Aber eine Ganztagsschule verpflichtend für alle - da bin ich dagegen (wir haben bei uns an der Schule eine offene Ganztagsklasse ... vor einigen Jahren versuchten wir auch eine gebundene einzuführen, wurde nach einem Jahr wegen fehlender Nachfrage von Seiten der Eltern wieder eingestellt).
Und bevor jemand sagt: Klar, der DeadPoet ist ja am Gymnasium, wir reden ja von Grundschule: Vor Ort sollte die Grundschule zur Ganztagsschule werden ... Schulleitung war dafür, Lehrer (irgendwo fast klar) dagegen. Gescheitert ist es ... an den Eltern ... die wollten nämlich auch nicht. Heile Welt? Vielleicht.