Beiträge von Maylin85

    Ich fand Brexit zuletzt auch eher zäh und finde, es gibt im UK-Kontext "gefälligere" Themen.

    Mein letzter Kurs hat z.B. - ausgehend vom Sturz der Colston-Statue als Aufhänger - lebhaft in Simulation eines Town Council Meetings den Umgang mit Statuen von historischen Persönlichkeiten, die aus heutiger Sicht eher kontrovers zu bewerten sind, in London diskutiert. Ich hab keine Positionen vorgegeben, von "zerschlagen" über "ins Museum umlagern" und "mit Kontext-Schildern versehen" bis "unverändert stehen lassen" waren trotzdem alle möglichen Meinungen vertreten und die Haltungen zu verschiedenen Persönlichkeiten fielen teilweise auch durchaus unterschiedlich aus. Fand ich ergiebig und lief besser als jede vergangene Brexit-Diskussion.


    Nochmal zum Ausgangsposting: was wäre denn- rein hypothetisch, ich würde hier vermutlich auch mein Handy nutzen -, wenn ich als Lehrkraft zu der Einschätzung komme, dass die Kinder nicht sterbenskrank sind, sondern vermutlich auch eine weitere Schulstunde noch überleben... dürfte ich sie dann anweisen, in der aktuellen Stunde noch zu bleiben, und dann in der Pause vom Lehrerzimmer aus anrufen und das Okay der Eltern einholen?

    Erschiene mir als die pragmatischste Variante, wenn ich mein Handy nicht verwenden möchte, der Schulleiter die Sache an mich zurückdelegiert und ich meine Aufsichtspflicht gegenüber der restlichen Klasse nicht verletzen möchte.

    Es ist ein Grundübel dieses Berufsstandes, dass viele Kollegen eine absurde Ehrfurcht vor Hierarchien zeigen und Rechte nicht einfordern oder Misstände nicht benennen. Dabei wird einem faktisch selten ein Strick daraus gedreht, wenn man das sachlich, freundlich und konstruktiv tut.

    In den Protokollen steht in der Regel eine kurze Zusammenfassung des Vorfalls bzw. Grundes für die Teilkonferenz, die Vorgeschichte des Schülers (inkl. ggf. bereits in der Vergangenheit verhangener Maßnahmen), seine Stellungnahme und die beschlossenen Maßnahmen zum aktuellen Vergehen. Dass man dich als unmittelbar Betroffene nicht zumindest um eine schriftliche Stellungnahme gebeten hat, finde ich bei einem Vorfall solchen Ausmaßes ziemlich merkwürdig.

    Natürlich ist man grundsätzlich angehalten, Konsequenzen "hochzueskalieren" und nicht direkt beim ersten Vergehen einen Verweis auszusprechen oder dergleichen, aber dabei muss natürlich auch die Art des Vergehens berücksichtigt werden. Androhung von Parallelisierung erscheint mir hier auch unangemessen lasch. Wäre sicher spannend, wie der Vorfall im Protokoll beschrieben wurde.

    Maylin85

    Es schockiert mich ebenfalls. Noch mehr schockiert mich das das kein Einzelfall ist, sondern mir immer wieder von Kollegen in der täglichen Beratungspraxis berichtet wird. In unserer Bezirksregierung haben eir jedoch die Vereinbarung mit der Dienststelke, dass die Kollegen den Vorgang dann samt Aktenzeichen der Bezreg melden. Die hängt sich dann an die Anzeige dran. SL haben häufig gewisse Ängste, dass der Ruf der Schule leiden könnte. Leider leidet auf diese Art das ganze Kollegium.

    Passieren solche Fälle denn oft?

    Dass sich die Bezirkstegierung dranhängt, ist ja jedenfalls schonmal gut!

    Ich hätte als Schulleitung eher Angst um den Ruf, wenn sich rumspricht, dass da nix passiert, aber okay.

    Vielleicht liegt es daran, dass es einen solchen Plan nicht gibt? Das Problem ist uralt und viele Ländern versuchen sich an den verschiedenen Lösungen. Richtig gelöst bekommt man es aber nicht. Das fängt damit, dass andere Länder sie nicht zurücknehmen wollen. Dann kann man solche Lösungen wie England machen, dass man ein anderes Land bezahlt, damit es die Leute aufnimmt. Das scheitert dann aber wieder an unserer Verfassung. Wenn man keinen radikalen Plan haben will, hilft es nur langfristig die Fluchtursachen zu bekämpfen. Natürlich kann und muss man die aktuelle Situation verbessern. Aber man wird das Problem nicht komplett lösen.

    "Es gibt keinen Plan, weil geht nicht" ist einer zunehmenden Anzahl an Wählern aber offensichtlich zu wenig.

    Dass Länder nicht zurücknehmen wollen, ist schön und gut, dann darf aber umgekehrt halt auch kein Cent an Entwicklungshilfe mehr fließen. Weder direkt, noch an staatlich unterstützte Hilfsorganisationen in den betroffenen Ländern. Gleiches würde ich auf EU Ebene erwarten - so lange Mitgliedsstaaten sich nicht an einer gerechten Verteilung beteiligen wollen oder unkorrekterweise gen Deutschland durchleiten, müssten sämtliche Zahlungen in EU Töpfe vorerst zurückgehalten werden, bis das Thema gelöst ist. Deutschland agiert beim Durchsetzen seiner Interessen sehr zaghaft, schleudert aber gleichzeitig Milliarden in die Welt raus. Empfinde ich als Wähler als wenig überzeugende Politik.


    Kapa

    Solange Gesetze nicht umgesetzt werden oder umgesetzt werden können, kann ich bei den regierenden Parteien leider keine Bewältigungskompetenzen erkennen. Das ist es doch, was Wähler letztlich zu Populisten treibt (von denen man natürlich auch nicht weiß, ob sie es besser hinkriegen, aber sie haben zumindest nicht schon jahrelang das Gegenteil demonstriert).

    Es fehlt im politischen Spektrum aber genau das: eine Partei, die nicht pauschal und populistisch nach Remigration schreit, gleichzeitig aber einen umsetzbaren Plan präsentiert, wie es gelingt konsequent mit ausländischen Straftätern zu verfahren und diese tatsächlich außer Landes zu bekommen. Da kommt leider nach wie vor nix.

    Weiß nicht, ob ich die Analogie so passend finde 🤔 Schule ist ein anderes Setting als ein privates Umfeld und es gibt dort klare Verhaltenserwartungen. Wer dagegen verstößt, macht schon objektiv etwas "falsch" und das kann eine Gruppe meines Erachtens ruhig auch rückmelden dürfen. Diese Rückmeldung muss derjenige dann halt ggf. genauso aushalten, wie die Gruppe zuvor das Stören aushalten musste. Empfinde ich wie gesagt als nicht so unverhältnismäßig.

    Ob ich die Methode bei älteren Schülern angemessen fände -> keine Ahnung. Ich hatte ab ca. Klasse 8 selten Probleme mit Verhalten, sondern das war eher so ein Unterstufen-Ding. Da wiederum hätte ich es mir grundsätzlich vorstellen können.

    ....aaaaber: da sich alle anderen hier einig sind, bin ich möglicherweise auch auf dem Holzweg 🤷‍♀️

    Ich bin kein Grundschulpädagoge, mag also sein, dass es tatsächlich gar nicht zielführend ist.

    Ich erinnere mich, dass ich einmal in der Ecke stehen musste und das schlimm fand, also hab ich zugesehen, dass das nicht nochmal passiert. Würde sagen, das funktionierte, wäre heute aber ebenso verpöhnt. Aber ist natürlich anekdotisch.

    Eigentlich ist mir das Thema auch gar nicht wichtig genug, es breit zu diskutieren, mich hat nur die sofortige Verurteilung einer Methode verwundert, die mein Bauchgefühl gar nicht so verkehrt findet 😊

    Es tut mir leid, dass ich so insistiere, aber anscheinend ist es mir wirklich wichtig. Ich verspreche, es nach diesem Beitrag auf sich beruhen zu lassen, sollte sich aus der Diskussion nichts Neues ergeben. In Deinem letzten Beitrag kann es so wirken, als hätte die Lehrkraft die Wahl zwischen "effektiv und zielorientiert" und "diffusen Klassengesprächen". Nun können "effektiv und zielorientiert" nicht die einzigen Gütekriterien in einem pädagogischen Kontext sein. Viele Gewalttaten sind aus Sicht der Gewaltanwendenden vermutlich effektiv und zielorientiert. Ein überspitztes Beispiel zur Illustration: Die CIA verwendete beide Begriffe bei der Verteidigung des Waterboarding. Im pädagogischen (oder generell im menschlichen?) Kontext, muss man meiner Meinung nach jedoch immer wieder neue Gleichgewichte finden, u. a. zwischen Effizienz und Zielorientierung und weiteren Gütekriterien, wie z. B. gegenseitigem Respekt, Förderung des Verständnisses von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz etc. Konfliktgespräche im Klassenraum, die ein solches Gleichgewicht anstreben, müssen keineswegs "diffus" sein. Anekdotisch: In meiner Grundschulzeit wurde sehr häufig Tacheles geredet, und die Klassenlehrerin hat das sowohl effektiv als auch respektvoll moderiert. Ich hatte und habe große Hochachtung vor ihr. Ich vermute, das wäre anders, hätte sie mich oder andere an den Pranger gestellt.

    Da gebe ich dir im Grundsatz vollkommen Recht. Ich empfinde die Methode bloß nicht als herausragend menschenunwürdig oder dergleichen. Ja, sie ist ein bissi unangenehm für den Betroffenen, aber das ist ja vermutlich auch so beabsichtigt und im Idealfall der Motivator für eine Verhaltensänderung. Eine besondere "Härte" sehe ich darin aber nicht.

    Wir haben auch andere Wege verfolgt und Klassenratsverfahren durchexerziert, sonderlich gute Ergebnisse hat damit aber keine meiner Klassen erzielt. Jedenfalls nicht bei den notorischen Störern und jedenfalls nicht in den Bereichen, die mir primär wichtig waren. Kleine Konflikte innerhalb der Lerngruppe usw. kann man damit natürlich recht gut auflösen.


    Wie auch immer, wahrscheinlich würde ich eine solche Methode praktisch schon allein deswegen nicht anwenden, weil ich keine Lust auf die empörten Goldstück-Eltern hätte. Aber an sich finde ich sie wie gesagt nicht so schlecht - vielleicht dreht sich der pädagogische Wind ja auch irgendwann mal wieder 😊

    Maylin85 : Hier wird ein Grundschüler (zugegebenermaßen das Verhalten, ich hoffe wenigstens, dass die Lehrkraft das so signalisiert hat) vor allen an den Pranger gestellt. Alle hacken auf einem Kind rum. Das Fehlverhalten wird sogar noch durch ein optisches Zeichen als Verstärker sichtbar gemacht. Versuche dich einmal in die Lage des Kindes hineinzuversetzen und was diese Methode bei dem Kind auslöst.

    Der Schüler, der eigentlich in die Klassengemeinschaft gehören möchte, wird hier ganz massiv mit dem Zutun der Lehrkraft ausgegrenzt. Das würde ich so nie in der Grundschule machen. Dadurch verbaue ich mir garantiert den Zugang zum Schüler, denn man kann in der Grundschule noch einiges positiv bewirken, wenn das Verhältnis zum Kind stimmt und dieses Vertrauen gefasst hat.

    Von der Ferne her weiß man nicht, warum der Schüler sich so verhalten hat. Das kann unterschiedliche Ursachen haben, meistens steckt etwas dahinter (z.B. ADHS), das man anders angehen muss. Außerdem kann z.B. bei Streitigkeiten eine Provokation der anderen vorausgegangen sein, weil die ganz genau wissen, dass ihr Mitschüler eine geringe Frustrationstoleranz hat. Das habe ich schon oft erlebt in der Grundschule. Dann sieht das Bild nämlich ganz anders aus.

    Na, okay. Aber wenn der Schüler vorher "die Klasse" belästigt hat, muss er auch aushalten, wenn "die Klasse" ihm das als störend zurückmeldet. Ich finde das Vorgehen spontan und aus der Ferne gar nicht so schlecht. Dem Schüler wird vorher bekannt gewesen sein, dass die Lehrerin diese Methode anwendet. Und auch den Umgang mit Provokationen oder eine gewisse Selbstregulierung bei ADHS muss man irgendwie anerziehen, statt darin eine Generalentschuldigung zu sehen (mir hat mehr als ein Schüler "ich kann nicht still sein, ich hab ADHS" an den Kopf geschmissen - äh, nee, Freund).

    Ist diese Methode denn wirklich so schlimm? Wenn die erzeugte Situation dem Kind unangenehm genug ist, dass das unerwünschte Verhalten abgestellt oder verringert wird, sehe ich darn im Prinzip nichts Falsches. Was pädagogisch gerade in oder verpöhnt wird, ändert sich eh alle paar Jahrzehnte mal. Entscheidend ist doch, was am Ende für eine Lehrkraft und ihre Lerngruppe funktioniert.

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