Ich empfehle dir folgendes:
Mach ein "Soziales Jahr" an einer Einrichtung für Erziehungshilfe und schau, dass du mehrere Praktika an Hauptschulen absolvieren kannst. Und schau bitte nicht mehr so viel RTL.
Hauptschüler sind besser als ihr Ruf. Der wird durch Grüchte und Medien leider systematisch "unterirdisiert".
Dadurch ergibt sich bei einigen leider eine negative Motivationsspirale und sie folgen dann dem Motto: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert..."
Als Hauptschullehrer muss man/frau stark am "Ego-Aufbau" der Kinder arbeiten - was als "Gewaltgehabe" daherkommt, ist oft nur der Schutzpanzer eines unsicheren Kindes. Wie auch an anderen Schularten muss es klare "No-Go"-Grenzen geben und etwas verwaschenere Grenzziehungen, die je nach Individuum geregelt werden.
Pubertierende Reibereien musst du klären und professionell wegstecken. Dies beinhaltet, dass derartige Klärungen nicht in einem "Schauprozess" vor der Klasse stattfinden - sondern im individuellen Gespräch. Hauptschüler müssen sich im Freizeitbereich oft genug herablassende Bemerkungen anhören und bestehen dann untereinander sehr auf Wahrung des Gesichtes und ihrer Rolle im Sozialgefüge der Klasse. Viele Reibereien mit der Lehrkraft sind auch "Schauvorstellungen" für die anderen nach dem Motto: "Seht her - ich trau mich was!" Wenn du derartige Schauvorstellungen persönlich nimmst, hast du ein Problem. Die sind nämlich eigentlich nicht gegen dich, sondern an das Publikum gerichtet.
Wenn es um Gewalt oder Erpressung geht, muss an der Schule eine gemeinsame Linie mit harten, schulrechtlichen Konsequenzen gefahren werden. Schulausschluss auf Zeit, Zusammenarbeit mit der Prävention der Polizei, Zusammenarbeit mit Jugendamt und Sozialarbeit sind da sehr wirksam. Eine Anzeige bei der Polizei wegen Körperverletzung oder ein endgültiger Schulausschluss bleibt über Jahre im kollektiven Gedächtnis der Schule und wirkt lange nach.
Zur Distanz: Als Hauptschullehrer arbeitest du pädagogisch und bist in vielen Fächern eingesetzt, damit DU der Häuptling bist und die Spur zeigst. Ob du Mann oder Frau bist, ist unerheblich. Die persönliche Beziehung zum Schüler ist - ganz im Gegensatz zu deiner Einschätzung - sehr wichtig. Gleichzeitig darf diese nie kumpelhaft sein. Wenn du als (Hauptschul-) Lehrer nur in deinem Fach denkst und die Schüler vor dir Köpfe sind, die zu füllen sind, hast du verloren und nicht kapiert, was [lexicon='Pädagogik',''][/lexicon] bedeutet. Eine professionelle Distanz bedeutet NICHT, dass diese emotionslos zu sein hat. Im Gegenteil. Professionelle Distanz bedeutet, dass du DEINE Emotionen ständig hinterfragst und relativierst. Wenn ein Kind (und das sind auch noch die 16-jährigen, testosterongeschwängerten Rüpel) eine rotzige Bemerkung äußert, kannst du dich in die Schmollecke zurückziehen und sagen: "Na warte, du wirst schon sehen..." (UNPROFESSIONELL!!) oder mit ihm nach dem Unterricht - in dringenden Fällen sofort vor der Tür - ein Gespräch führen. Ich empfehle für ein derartiges Gespräch eine gewisse zeitliche Distanz - damit du deine eigenen Emotionen sortieren kannst. Und dann sind sachliche, klare, nicht verletzende Ansagen wirksamer als Wutausbrüche.
Wenn ich mit Hauptschülern unterwegs bin - im Schullandheim oder auf Ausflügen, höre ich oft den Satz: "Was? Ihr kommt von der Hauptschule? Das hätte ich nicht gedacht. Da haben sich Gymnasiasten viel übler benommen... "
Hauptschüler sind durchaus "handlebar"