Du könntest die Geschichte vom jungen Hirten erzählen (sehr kurze Fassung siehe hier, ich würde sie natürlich etwas ausschmücken und als echte Geschichte erzählen, damit sie auch spannend ist). Über die Moral der Geschichte kommt man dazu, dass mit dem Lügen ein Vertrauensverlust einhergeht, der dann künftige Kommunikation schwer beeinträchtigen kann (und in der Geschichte schlimme Folgen hat). So wird der "Wert" der Wahrhaftigkeit deutlich. Schlaue Schüler könnten anmerken, dass die Situation in der Geschichte ja anders ist - dort lügt er quasi grundlos, in der Notsituation hingegen bezwecke ich etwas wirklich gutes. Aber das wäre ja nicht "schlimm" sondern (je nachdem wo du hin möchtest) ein spannendes Unterrichtgespräch, das zu einem Stundenergebnis führt.
Achtung: Wenn das eine UB-Stunde oder so sein soll, musst du nochmal genau überlegen, wie du das rechtfertigen kannst, denn die Geschichte führt natürlich zu einer konsequentialistischen Argumentation (Kommunikation wird unmöglich, schlimme Folgen); das ist natürlich nicht wirklich in Kants Sinne, sondern eine extrem starke Vereinfachung. Ich halte das für eine Klasse 6 für in Ordnung (didaktische Reduktion, führt oft zu Verfälschungen), denn Kants vernunftbasiertes ethisches System, das du um sauber zu arbeiten im Hintergrund brauchst, kannst du denen nicht vermitteln. Das ist ja selbst in der Oberstufe schwierig. Aber man könnte dir hier einen fachlichen Fehler (zumindest eine Verfälschung von Kant) unterstellen.
Andere Idee: Wenn die meisten SuS, wie von dir antizipiert, für den Freund aus der Geschichte lügen würden, erzählst du die Geschichte weiter: Wie sich herausstellt, hat die Lüge für den Freund leider eine ganz doofe Konsequenz (die Lüge fliegt auf und es passiert X [er darf Y nicht mehr, weil die Eltern ihm nicht mehr glauben oder so, denk dir was aus). Hätten sie die Wahrheit gesagt, wäre das vermieden worden. Die SuS merken: Ups, das Lügen selbst hat Folgen, die ich nicht bedacht habe, die Wahrheit wäre doch besser gewesen. Wieder bist du beim Vertrauensverlust angekommen. Selbes fachliches Problem wie oben.
Noch eine Idee: Schon im Stundeneinstieg irgendwie sammeln, was die SuS mehr schätzen - jemanden, der die Wahrheit sagt oder einen Lügner (visuell festhalten, per Klebepunkten oder Abstimmungsergebnis auf Plakat festhalten; das Plakat dann erstmal "verschwinden" lassen). Dann deine Geschichte, die SuS entscheiden sich für die Lüge. Kant reingeben, sie buhen ihn aus, du verweist auf ihre eingangs geäußerte Ansicht, dass Wahrhaftigkeit besser ist als Lügen (Plakat wieder hervorholen). Du stellst 1-2 Fragen, die Kants Position (und die der SuS vom Anfang) stärken. Jetzt bist du beim Punkt "EIGENTLICH ist Wahrhaftigkeit besser, aber..." -> Dann sollen sie selbst überlegen, wann/weshalb Lügen in Ordnung sind (-> Unterschied Lüge - Notlüge).