Thomas Hobbes schreibt im Leviathan: „Die Verpflichtung der Bürger gegen den Oberherrn kann nur so lange dauern, als derselbe imstande ist, die Bürger zu schützen; denn das natürliche Recht der Menschen, sich selbst zu schützen, im Fall dies kein anderer tun kann, wird durch keinen Vertrag vernichtet.“
Krabappel, das ist, denke ich, der Kernpunkt der Reaktionen in Chemnitz. Der Staat hält sichtbar und nachweisbar ein Versprechen nicht ein. Die Menschen fühlen sich ungeschützt, zumal die wenigsten von uns ja Waffen besitzen. Mussten wir ja nicht haben, das haben andere für uns getan. Insofern passt sogar der Spruch "Die Straßen gehören uns" gut, was ich in dem Zusammenhang gar nicht so schlimm fand: Die (friedliche) Mehrheit will es mit friedlichen Menschen zu tun haben.
Ich beziehe mich dabei aber wirklich nicht auf die Ausschreitungen und Hitlergrüße, die indiskutabel sind und schmerzhaft korrigiert gehören.
Der große wunde Punkt ist aus meiner Sicht die reformierte Rente: man hat vielen Menschen mit den Rentenreduzierungen und mit dem Heraufsetzen des Rentenalters ein Versprechen auf ein Auskommen im Alter genommen (wenigen hier im Forum). Die Riesterverträge lohnen sich nur für die Versicherungswirtschaft, bei einer Nullzinspolitik muss man ein gutes Aktiennäschen haben, um sein Geld gewinnbringend anzulegen. Das war alles handwerklich sehr schlecht gemacht und hat die Rentenversicherung als gesellschaftlichen Kitt nachhaltig beschädigt.
In Schweden und Norwegen gibt es jeweils einen staatlich aufgelegten Fond, in den die Bürger freiwillig einzahlen können und der mit minimalem Aufwand (und Kosten) gemanagt wird und sehr ertragreich ist. Viele legen ihr Geld dort an, es gibt auch Garantien des jeweiligen Staates dazu. Das baut Vertrauen auf.
Ein Staat, der wie der unsere fast alles privatisiert hat, auch Themen wie die Gesundheit, übersieht, dass Märkte und Gewinnorientierung eben nicht sozial sind. Damit hat unser Land ganz viel Vertrauen verspielt. Unterfinanzierte Bildung und eine unterfinanzierte Polizei tun ein Übriges - die Kernthemen, die eben noch nicht privatisiert wurden und auf denen der Staat punkten könnte. Tut er aber nicht.
Hohe Mieten und hohe Energiepreise sowie die höchsten Steuern europaweit tragen nicht dazu bei, dass die Menschen mit ihrem Staat zufriedener sind.