In einer so auf Leistung gebürsteten Gesellschaft "lernen" Kinder schon früh, mehr zu zählen, wenn sie "besser" sind, und sich nicht von "minderbemittelten" aufhalten zu lassen. Also empfinden die Hochbegabten die weniger talentierten als "Klotz am Bein", der das Tempo aus dem Unterricht nimmt, zu (langweiligen, weil für sie als überflüssig empfundenen) weiteren Wiederholungen führt, kurzum "im Weg ist" und doch besser nicht in der Klasse wäre.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Hochbegabten und erlebe das so nicht, im Gegenteil. Hochbegabte sind in aller Regel ausgesprochen empathische und geduldige Menschen, was leider dazu führt, dass für sie zu wenig getan wird. Trotzdem ist ihr Risiko, gemobbt zu werden, recht hoch, insbesondere das der mathematisch-naturwissenschaftlich begabten Mädchen. Und nein, das ist kein Klischee, sondern der Alltag. Gemobbt werden sie auch nicht von den wirklich Schwachen, die haben andere Sorgen.
Um heute am Gymnasium falsch zu sein, muss man auch nicht unbedingt hochbegabt sein. Bei uns (Innenstadtlage, Migrantenhotspot) flüchten Kinder, die früher am Gymnasium schwacher Durchschnitt gewesen wären, in die Begabtenklasse (natürlich mit lauter Einsen im Zeugnis), weil sie sich in ihren eigentlichen Klassen fühlen wie Aliens. Selbst wenn sie Lust hätten, sich die ganze Zeit als Tandempartner oder Erklärbär zur Verfügung zu stellen, ihre (wegen Rückstellungen oft zwei Jahre älteren) Klassenkameraden interessiert das kein Stück.
Dass es für gymnasiale Kinder mancherorts kein adäquates Schulangebot mehr gibt, von Hochbegabten ganz zu schweigen, kann nicht richtig sein. Gut möglich, dass sie mit gescheiten A-Kursen an einer Gesamtschule besser dran wären. Wege, ein passgenaues Profil anzubieten, gäbe es verschiedene. Nur ist das offensichtlich eben nicht gewollt.