Beiträge von Conni

    Ja, die Kinder werden bei uns durchgezogen oder "mitgeschleift".
    Lesen / Rechtschreiben: Note aussetzen oder entsprechender Nachteilsausgleich (längere Bearbeitungszeit, Nachschlagewerke zur Kontrolle, größere Schrift, einfacherer Satzbau, teilweises Ersetzen schriftlicher durch mündliche Leistungen). Das wird auch in allen anderen Fächern, in denen gelesen und geschrieben wird, umgesetzt: Sachunterrichtstests, Musiktests, Englisch...
    Mathematik: Note aussetzen (bei uns möglich) oder Nachteilsausgleich (mehr Zeit, Übersichten über Umrechnungen oder Einmaleinstabellen, Addition und Subtraktion nur ohne Übergänge, in schweren Fällen rechnen die Kinder in einem sehr viel kleineren Zahlenraum, 100 statt 1 Million z.B.)

    Wir hatten bisher wenige dieser Schüler mit dieser Diagnose. 1 bis 2 pro Jahrgang. In meiner jetzigen Klassenstufe sind es nun weitaus mehr, davon 2/3 in meiner Klasse. Das hat etwas mit der Klassenzusammensetzung zu tun und wurde notgedrungen in Kauf genommen. Ich empfinde es als ein "Durchschleifen" und ich sehe immer nur diesen finanziellen, personellen, materiellen Mangel und die Kurzsichtigkeit der Eltern vor mir. Ganz schlimm empfand ich VERA, denn da müssen diese Kinder mitmachen und werden normal gewertet. Meine Klasse zieht dadurch die gesamte Schule noch mal nach unten. Spannenderweise sind meine Schüler im Bereich "Muster und Strukturen" - also dem Bereich, der logisches Denken und damit einen Bereich der Intelligenz mittestet - viel schwächer als die Parallelklassen.

    Die Diagnose von Teilleistungsschwächen ist bei insgesamt schwachen Schülern meiner Meinung nach Augenwischerei.
    Wenn ein Kind in KEINEM Fach dem Regelunterricht folgen kann, dann ist schon der Begriff "Teil"leistungsschwäche falsch.
    Ich habe Schüler, deren Eltern mir sowohl eine Diagnose über LRS als auch über Dyskalkulie vorlegen. Das widerspricht sich doch.

    Eine Teilleistungsschwäche liegt dann vor, wenn das Kind überall durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Leistungen bingt, nur nicht in einem Teilbereich, meist der Rechtschreibung. Und auch so liegt die Teilleistungsschwäche in meinen Augen nur dann vor, wenn das Kind auch mit intensiver Förderung kaum Fortschritte macht.

    Wenn ein Kind in allen Fächern auch mit Unterstützung nicht zurecht kommt, und die Problematik nicht nur in mangelnder Motivation oder unzuträglichen Lebensumständen zu finden ist, dann liegt eine Form der Lernbehinderung vor. Woher die rührt, müssen Fachleute herausfinden, damit ich weiß, wie ich das Kind angemessen fördern kann.

    [ironie]
    Ich weiß nicht, was du hast: In Kunst können sie doch sicher etwas Malen und dafür dann mindestens die 4 bekommen? Und in Musik mal was singen?
    Bei uns gibt es noch den Sachunterricht, da können sie dann mündlich auch noch was ausgleichen. Oder sie sind sportlich? Man muss die Stärken eben suchen!
    [/ironie]
    Ja, das widerspricht sich. Leider wandelt sich die Ansicht zu LRS + Rechenschwäche derzeit auf Basis finanzieller Möglichkeiten. Das ist sehr ätzend. Das ganze wird dann als "kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten" (ICD-10-Diagnose F81.3) umschrieben.
    Mir wurde in Bezug auf meinen einen Schüler gesagt, dass die Schule (speziell ich) schuld sei, wenn er innerhalb von 3 Jahren nicht vom Niveau Klasse 1 auf das Niveau Klasse 5 kommt. Ganz toll.


    Die Wahrheit ist: Großer Anteil der Einstufung basiert auf Fragebögen an die Eltern. Und wer gibt schon freiwillig an, dass das Kind 10 Stunden am PC/ Fernseher sitzt und zu Hause nicht ein Buch existiert. Dazu kommt, dass nur abgegebene Fragebögen bewertet werden. Und wer gibt solche Fragebögen brav ab???

    Dazu kommt, dass der KESS-Faktor nur alle 5-10 Jahre mal überprüft und aktualisiert wird.

    WAHNSINN! Die spinnen, ehrlich!

    Wenn der IQ hoch genug ist (also nicht nur 1-5 Punkte über der Grenze zur Lernbehinderung)sollte es eigentlich kein Problem sein Teilleistungsschwächen nach ICD-10 F81.x zu diagnostizieren (weil die sich ja gerade über den Abstand zum IQ definieren). Damit bekommt man zwar nicht unbedingt viel Unterstützung in der Schule, aber das Kind kann spezielle außerschulische Fördermaßnahmen erhalten...

    Ja, das machen wir.
    Außerschulische Fördermaßnahmen: Eine Integrative Lerntherapie gibt es auf Kosten des Jugendamtes nur, wenn das Kind aufgrund seiner LRS / Rechenschwäche bereits schwere psychische Probleme hat, es muss der §35a aus dem KJHG ("von seelischer Behinderung betroffen oder bedroht") vorliegen. Z.B. muss das Kind wieder einnässen (F98.0) oder deutliche Zeichen sozialer Ängste (F93.1) zeigen. Ich habe in meiner Klasse immerhin etwa die Hälfte der Kinder mit Teilleistungsstörungen eine entsprechende Diagnose. Von diesen bekommen 40% inzwischen eine Lerntherapie. (Monatelanger Antrags- und Entscheidungsmarathon, wenn die Eltern WOLLEN, ZUSTIMMEN und SICH KÜMMERN - und daran hapert es eben auch.)
    In einem anderen Bezirk Berlins gibt es Lerntherapien per se erst ab der 4. Klasse.
    Andere außerschulische Maßnahmen: Für Kinder, die einen Berlinpass haben (staatliche Ersatzleistungen erhalten) gibt es die Möglichkeit, über die Schule an einem Nachhilfeinstitut angemeldet zu werden, wenn die Lernziele nicht erreicht werden können. Das nutzen wir so weit wie möglich.

    Die Quote gibt aktuell unser/e Vorgesetzte vor (also ChefIn aller Förderschulen "Lernen" im Bezirk). Das bedeutet, ich kann nicht ein Kind angucken, mit ihm arbeiten etc. und dann eine Entscheidung treffen, sondern meine Vorgesetzten reden rein, à la "ist dieses Kind WIRKLICH behindert genug, so dass es unmöglich am Regelunterricht teilnehmen kann? Lassen Sie uns doch noch mal danach suchen, wo es vielleicht noch hin könnte, um die Anzahl der Lernförderschüler so gering wie möglich zu halten."
    Bist du sicher, dass eure FörderschullehrerInnen IQ-Tests durchführen? Bei uns derzeit umstritten und ohne Schulung nicht erlaubt.

    Läuft bei euch auch nicht super.
    Ja, ich bin sicher, bei JEDEM Kind, denn NUR mit entsprechendem IQ gibt es überhaupt den Förderbedarf "Lernen". Die Leute sind entsprechend geschult. Es ist immerhin ein Kriterium. Wobei die Kinder, die Lernprobleme haben und den entsprechenden IQ nicht aufweisen, dann ein Problem haben: Die müssen Material der entsprechenden Klassenstufe verwenden und können dem gar nicht folgen. Ich habe aktuell einen, der deutlich hinter dem Lehrplan der Förderschule "Lernen" zurückbleibt, aber keine Lernbehinderung hat.

    Ich weiß nicht, wie das in anderen Bulä geregelt ist, bei uns wird der Schulpsychologe nicht mehr verpflichtend hinzugezogen. Da darf man froh sein, wenns die Eltern mal gemacht haben und einem die Ergebnisse zukommen lassen.

    IQ-Testergebnisse sind also nicht zwingender Bestandteil von förderpädagogischen Gutachten. Und ja, wenn die Rate der Förderschulkinder zu hoch ist (dieses Jahr wollen wir mal unter x% kommen liebe KollegInnen), dann werden wir auch angehalten, "anders" zu urteilen. "Gucken se mal, da gibts einen Logopädenbericht. Wir schaun mal, ob der nicht doch eher sprachbehindert ist und integrativ beschult werden kann."

    Bei Erziehungshilfe noch viel extremer. Da ruft man seinen Chef an, wie viele Plätze es in Klasse 3 noch gibt und dann wird geguckt, wer von den 150 gemeldeten Kindern am allerwenigsten beschult werden kann, die gewinnen dann die beiden Plätze.

    Bei uns läuft es so: Ich melde den Fall an die Sonderpädagogin der Schule. Die meldet das Kind an die sonderpädagogische Beratungslehrkraft, die von Schule zu Schule pilgert und schaut, ob die Fälle schwer genug sind. Wenn die ihr ok gibt, darf ich einen xx-seitigen Bericht schreiben. Der wird an die Beratungslehrkaft weitergereicht und die muss schauen, ob wirklich alle Förderpläne und pipapo ausgefüllt und vorhanden ist und hospitieren, um zu schauen, ob der Fall nun immer noch schwer genug ist. Falls ja, wird der Antrag in der Koordinierungsstelle eingereicht. Das geht auch gegen den Willen der Eltern, aber dann gibt es wohl kaum eine Chance, dass der Antrag positiv entschieden wird. In der Koordinierungsstelle stapeln sich auf den Tischen der dort arbeitenden Sonderpädagogen die Akten. Diese kommen dann nach mehreren Monaten und schauen sich das Kind an. Bei "Sprache" wird das Kind für einen Test rausgenommen, bei "Lernen" ebenfalls, da werden IQ-Tests gemacht, bei ESE kommen sie eine Stunde hospitieren. Dazu gibt es wohl noch ein Elterngespräch. Danach entscheiden sie. Wenn man Glück hat, ist der Antrag bis zum Ende des Schujahres durch. In manchen Schuljahren waren sie so überlastet, dass es dann bis ins Folgeschuljahr hinein dauerte.
    Der Schulpsychologe hat da meist gar nichts mit zu tun. Die werden bei uns theoretisch einbezogen, wenn Lerntherapien beantragt werden sollen. Praktisch haben die so viel Arbeit, dass es wohl auch dazu kaum noch kommt.

    Das bedeutet: Bei uns sagt keiner "Wir wollen auf xx% kommen." Wir melden die Kinder mit richtig großen Problemen und 2 Externe entscheiden darüber, um Geklüngel auszuschließen und alles objektiv (und streng) zu beurteilen, damit die Zahl der Förderschüler gesenkt werde. (Mit diesen Entscheidungen der Externen haben wir eine zweistellige Prozentzahl - und das, obwohl LE und ESE in Kl. 1/2 nicht existieren in Berlin.) Integrativ beschult werden dann eh fast alle, denn:

    Plätze für Kinder mit Sprache und ESE gibt es bei uns an Förderschulen genau Null. Keine. Nix. Nada.
    Für "Lernen" gibt es ab Klassenstufe 3 eine Klasse im Bezirk, da landen meist Kinder mit schwerer Lernbehinderung und gleichzeitigen em-soz Problemen.
    Für "GE" gibt es eine Klasse ab Klasse 1. Dort bekommen ebenfalls nur die schwersten Fälle einen Platz.

    Also bitte - ich unterrichte jetzt seit über fünf Jahren auch Grundschulkinder aus allen Klassenstufen, aus allen Bundesländern und jeden Intelligenzniveaus. Nicht mal beim unterbelichtetsten Förderschüler habe ich es jemals erlebt, dass einer zu mir oder den KollegInnen "Mama" oder "Papa" gesagt hätte. Nicht mal bei denen, die sich keinen einzigen Namen von Lehrern oder Erziehern merken können (gibts erschreckend oft) und beharrlich "der Mann" und "die Frau" oder "der da" und "die da" sagen.

    Bei uns warst du noch nicht. "Mama" höre ich öfter mal, "Papa" seltener. :staun:

    conni, würdest du sagen, das berliner system hat vor allem das problem der radikalen unterfinanzierung (also unterfinanziert ist bildung wohl überall, aber das scheint ja schon eine neue liga zu sein - seine private iq-definition zu finden, um weniger kindern förderung zukommen lassen zu müssen, finde ich unglaublich), da berlin halt bekanntlich pleite ist? für mich klingt das wie die verwaltung des mangels extrem. (und wie die garantie dafür, dass die bildungsnahen eltern ihre kinder irgendwann alle privat, kirchlich oder sonstwo unterbringen, wo mehr gefordert werden kann, weil die ressourcen besser sind.)
    und edit: danke für die einblicke. das ist sehr, sehr spannend.

    Ich weiß nicht, woher es kommt, vermute aber deine Version. Es ist so, dass die Anzahl der Kinder mit sonderpäd. Förderbedarf deutlich unterschiedlich verteilt ist in den einzelnen Bezirken.
    Statt darüber nachzudenken, dass das an den Mietpreisen und einigen anderen Kriterien liegt (z.B. Zugehörigkeitsgefühl zur türkischen Community) und damit an bildungsnahen oder bildungsfernen Elternhäusern und einer in bestimmten Bezirken nicht mehr stattfindenden Durchmischung, wird die Ursache in den Lehrern gesehen: In meinem Bezirk würden eben Kinder mit sonderpäd. Förderbedarf abgestempelt, die in anderen Bezirken als "normal" gelten würden. Daher werden den entsprechenden Bezirken die Möglichkeiten zum Teil genommen. Dort wo die bildungsnahen Elternhäuser sind, ist das Problem nicht so extrem wie bei uns. Bei uns gibt es kaum Eltern, die fertig studiert haben - im Moment weiß ich von einem, der in seiner Heimat studiert hat, aber in D keine Arbeitserlaubnis hat.

    Wenn es bei den Kindern hauptsächlich ein Problem von Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis ist, gibt es da bei euch irgendwelche Möglichkeiten (meinetwegen in Zusammenarbeit mit Kinderärzten oder Kinder- und Jugendpsychiatern) den Kindern entsprechende Trainings zu verordnen und durchführen zu lassen (ich weiß, das ist fast immer schulextern und die Eltern müssen mitspielen)? Falls es an den Schulen ganz gehäuft auftritt wäre es evtl. sinnvoll eine Kollegin fortzubilden und das selbst an der Schule durchzuführen (ich weiß, dass ist eigentlich eher was für Sonderpädagogen)...

    Nein. Leider nicht. Bei uns lehnen Kinderärzte sogar Logopädie für Kinder ab, die in der 2. Klasse (mit 8 Jahren) noch nicht "dr" und "tr" sprechen. "Krei kleine Kretroller krachn ßusamm." Egal, altersgerecht.
    Auch für schulinterne Fördermaßnahmen gibt es wenig Stunden. Die Förderstunden werden gedeckelt. Beispiel: Eine Schule hat 50 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Theoretisch sind das bei vielen Behinderungsarten 2,5 Stunden pro Woche, bei uns im Bezirk aber nur 2, bei anderen (GE, Autismus) 8. Für diese 50 Kinder kommen dann 48 x 2 + 2 x 8 = 112 Stunden zusammen Dazu kommen 4 Stunden pro 1. und 2. Klasse, weil es dort offiziell keine Schüler mit LE oder ESE gibt + 2 Beratungsstunden. Nehmen wir an, das sind 7 Lerngruppen. Macht zusammen 142 Stunden. Der Schule wird dann gesagt: "Das ist zu viel. Ihr bekommt nur 90." Dazu kommen Stunden für LRS- und Rechenschwäche-Förderung. Die sind in den letzten Jahren auf ein absolutes Minimum zusammengeschrumpft worden. ( So weit ich weiß bei uns je 4 Stunden für insgesamt 14 Klassen.)
    Ansonsten gibt es den regulären Förderunterricht, je 1 Stunde D und Ma pro Klasse. Wenn die Schule das insgesamt zu ihrem Konzept ernennt, könnte man da vielleicht Gruppen zusammenfassen und fördern. Gleichzeitig ist es ein Problem, das viele Kinder haben und vermutlich müsste man für wirklich gute Förderung Kleingruppen bilden und damit auf den Förderunterricht in D oder Ma komplett verzichten. Das ist ein harter Schritt.

    ..krass. warum haben die alle kein langzeitgedächtnis? das klingt total pathologisch. ich meine, ist das dann nicht lb?

    Nein, ist es nicht. Im Gegenteil in unserem Bezirk wird sogar darüber diskutiert, ob das Gedächtnis nicht einfach herausgerechnet werden kann aus dem IQ. Bei uns geht auch LB erst unter 80 los, obwohl jede normale Definition unter 85 sagt. Liegt daran, dass die bösen Lehrer in meinem Bezirk zu viele Feststellungsverfahren eingeleitet haben bzw. es halt einfach ein Bezirk mit niedrigem Bildungsstandard ist, da muss man dann mal "runtergehen" mit den Erwartungen. Hatte heute eine entsprechende Diskussion mit der Sonderpädagogin.

    Das ist etwas, das wir schon lange bemängeln. Neulich ist meiner Kollegin der Kragen geplatzt, als die Schüler unserer neuen 5. Klasse zwar das kleine 1x1 nicht beherrschten und nicht schriftlich dividieren konnten, aber im NW-Unterricht stolz berichteten, Magnetismus habe man schon in der Grundschule gehabt. (Und das als herzensüberzeugte Physiklehrerin ...)


    Wir merken sehr stark, dass die Kernkompetenzen (Leseverständnis, Rechtschreibung, Grundrechenarten, von der Tafel Abschreiben u.a.) nicht mehr vorhanden sind, dafür konnten unsere Fünftklässler präsentieren wie die Weltmeister! Da hätten sie sogar gestandenen Managern im Meeting etwas vorgemacht.

    ...
    Ich finde das Grundschullehramt sehr anspruchsvoll. Aber die Kernlehrpläne sollten dringend überdacht werden, und auch das Maß an Offenem Unterricht, der ja doch meist nur den Starken nützt.

    Das Problem sind hier wie du schon schreibst nicht unfähigen Grundschullehrer, sondern die Lehrpläne und die Didaktiker:
    Es wird viel Wert auf "denkendes Rechnen" gelegt. Die Kinder sollen keine Rechenschritte auswendig lernen, sondern jeder soll genau verstehen, was er tut, genau den Zahlenraum überblicken und sich am besten Rechenstrategien selber erarbeiten. Wir haben ein Lehrwerk, in dem werden auf 2 Seiten oft 2 bis 3 verschiedene Rechenwege präsentiert. Danach kommt das "geschickte Rechnen". Das ist für alle Kinder, denen Mathe auch nur einen Hauch schwer fällt, eine Totalkatastrophe. Die sind ja froh, wenn sie einen Rechenweg (mechanisch) auswendig können. Und es ist schon eins der "leichteren" Werke.
    "Denkendes Rechnen" betrifft auch das kleine Einmaleins: Man lernt die "Blitzaufgaben" auswendig: mal 1, 2, 5, 10 und die Quadrataufgabe. Also 1x4, 2x4, 4x4, 5x4, 10x4 aus der 4er-Reihe. Den Rest kann man halbschriftlich ausrechnen: 9x4 = 10x4-1x4 = 40 - 4 = 36. 8x4 = 5x4 + 3x4 oder 10x4 - 2x4. Das Problem daran ist, dass das Abrufen der Blitzaufgaben am Anfang lange dauert. Danach kommen die anderen Schritte: Die Herleitungsaufgabe finden (könnten bei mir einige ohne Hilfe gar nicht), die Blitzaufgaben sicher ausrechnen, die Additions- bzw. Subtraktionsaufgabe lösen. Das dauert ewig und da es bei uns extrem viele Kinder mit Rechenproblemen gibt, müssen meine das auswenig lernen, den Kokolores mache ich nicht mit. Leider hilft das nicht flächendeckend. Einigen Eltern und Kindern ist es piepegal. Die Möglichkeiten im Unterricht sind ausgeschöft. Ich bin schon langsamer vorgegangen und habe mehr Möglichkeiten gelassen, um gezielt das 1x1 zu erlernen - um den Preis, dass wir einen Teil des Lehrplans dann nicht schaffen können, denn die Klasse ist leistungsschwach und langsam. Ferner wurde im Nachmittagsbereich von schulischer Seite mit den Kindern in den letzten 13 Monaten regelmäßig geübt. Es können nicht alle das 1x1.

    Dann kommt aber hinzu, dass bei vielen das Gedächtnis sehr schwach ist. Ich habe Kinder, bei denen liegt das Gedächtnis im Bereich, den normalerweise lernbehinderte Kinder haben (teilweise an der unteren Grenze), der Rest der Intelligenzleistungen im Normbereich. Die sind nicht lernbehindert, können sich aber kaum etwas merken. Ich habe einen Schüler, der bis heute die Namen der beiden Fachlehrerinnen nicht weiß. Es gibt Kinder, die nicht wissen, was das Sekretariat ist und wie man hinkommt, obwohl sie täglich vorbeilaufen und wir mehrmals gemeinsam dort waren, weil ich lange Zeit ja noch Hoffnung hatte, dass das nur vorübergehende Desorientierung ist.

    Es gibt natürlich auch Probleme in Deutsch, es werden regelmäßig Buchstabenverbindungen und die Wortarten vergessen. Da die meisten noch Schwierigkeiten haben, ganze Sätze zu sprechen, insbesondere Verben einzufügen (Einführung des "Prädikats" ist da sehr lustig), habe ich sogar die Einmaleinsreihen und die Definitionen für Wortarten mit der Klasse im Chor in ganzen Sätzen gesprochen, daneben Buchstaben beim Schreiben mitsprechen lassen. (Wir reden übrigens von einer 3. Klasse. Und ja, es werden welche ans Gymnasium gehen.) Das habe ich so nicht gelernt und es ist komisch, das so umzusetzen. Aber ich weiß nicht weiter. Unsere Sonderpädagogin und die LRS- und Sprachbildungs-Multiplikatorin können mir nicht weiterhelfen. Alle Fortbildungen bauen darauf auf, dass man normal aufnahmefähige Schüler hat, helfen mir konkret also auch nicht.

    Etwa einmal wöchentlich müssen wir wiederholen, woran man ein Schreibheft erkennt. Täglich fragt ein Kind, welches Datum sie in D schreiben sollen (das lange mit Tag und Monat, seit 2 Jahren). Danach fragt dann meist einer, ob hinter der Tageszahl ein Punkt kommt und ob der Wochentag tatsächlich mit g am Ende des Wortes geschrieben wird, der Tafeldienst habe so undeutlich geschrieben.


    Zurück zur Didaktik: Theoretisch sollen die Kinder nun Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge selber erforschen. 24x4 ist das Doppelte von 12x4 oder 24x2. Das haben bei mir z.B. heute 3 geschafft. Eigentlich müsste ich nun mit allen diese Zusammenhänge gemeinsam besprechen und klären. Die Stunde fehlt dann aber wieder an anderen Stellen, denn es sind immer zu viele Themen für zu wenige Mathestunden.
    Dann werden in allen 4 Grundrechenarten die halbschriftlichen Varianten zuerst eingeführt und sollen so lange geübt werden, bis sie sitzen.
    Also: 435 + 283 = 435 + 200 + 80 + 3 = 635 + 80 + 3 = 715 + 3 = 718. Untereinander geschrieben. Sollte irgendwann im Kopf gehen. Wir haben es an unserer Schule abgeschafft, denn damit müssten wir den Mathestoff der 3. Klasse auf mindestens 2 Schuljahre strecken, damit es die meisten halbwegs können. Wir sind froh, wenn sie sich die schriftlichen Verfahren merken können - und benötigen dafür eine Reihe von Monaten Übungszeit.

    Weiter in der Didaktik: "Ideal" ist es ja, wenn jeder selbstständig dort arbeitet, wo er gerade ist und man ab und an zur Mathekonferenz zusammenkommt. Also Beispielsweise rechnen dann in einer typischen Mathestunde der 3. Klasse 2 Kinder bis 10, 2 bis 20, 8 bis 100, 4 üben das 1x1, 5 rechnen bis 1000 und 4 beschäftigen sich mit Knobelaufgaben, weil sie den Stoff schon beherrschen. Mit mir alleine. Ab und zu setzen sich alle zusammen und dann wird besprochen, wie man z.B. halbschriftlich multipliziert. Interessiert in der Gruppe ja quasi nur 13 Kinder, der Rest ist weit entfernt. Ich habe keinen Didaktiker gefunden, der das jemals in der Praxis gezeigt hätte. Das Problem, wenn man mit allen das gleiche macht ist aber, dass eine Reihe von Kindern Lücken ansammelt, weil sie eben die Aufgaben bis 20 oder das 1x1 wieder vergessen haben.

    Thema Magnetismus: Siehe Lehrplan. Bei uns drin. Verpflichtend. Da kann deine Kollegin viele neue Blusen kaufen oder geplatzte nähen, aber nützen tut es ihr nichts. In der Grundschule werden die Phänomene übrigens eher beobachtet und beschrieben. ("Magnete kleben aneinander". Bitte ein Dutzend Ersatzblusen in den Schrank legen) Die Krönung des Sachunterrichts ist ein Berliner Kinderforschungszentrum. Da werden Experimente zu einem Thema aufgebaut und die Kinder beschäftigen sich irgendwie. Ich war dort zur Fortbildung und es gab keine Informationen, was man an der Station genau tun soll. Auch auf Nachfrage nicht. Einfach mal ausprobieren und selber herausfinden, so lernen Kinder doch auch. Ich war dann mit einer 2. Klasse dort. Nach 30 Minuten haben sich die meisten mit ihrem Frühstück oder Toben beschäftigt, obwohl alle Erwachsenen versucht haben, sie wieder an die Experimente zu bekommen.
    Präsentieren: Pflicht im Lehrplan, bei uns ab Klasse 1/2.

    Ja, beim letzten Satz stimme ich dir zu. Leider bekommen wir gerade einen überarbeiteten Lehrplan. Der wird aus hier geäußerter Sekundarschullehrersicht aber eher noch schlechter als besser - allerdings gilt er bis Klasse 10, haben also alle was von.

    Studier schnell zu Ende und komme nach Berlin! Hier gibt es zentrale "Castings", bei denen sich SL die Bewerber aussuchen. Da Berlin arm an ausgebildeten Grundschulnachwuchslehrkräften, sexy und stellenweise ziemlich tolerant ist, wird sich da sicher jemand finden, der einen ausgebildeten Grundschullehrer auch mit großen Tattoos mit Kusshand nimmt. Kommt ja immer auf die Schule an. Bei uns wärst du für die Kinder total interessant, besonders in Kl. 4 bis 6. Die jüngeren Kollegen sind sehr tolerant (haben teilweise selber - wenige, aber sichtbare - Tattoos). Gerede durch Eltern gäbe es u.U. schon, aber wirklich nur von einigen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob meine SL dich auswählen würde.

    Bei mir haben ganz viele Leute die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Die hielten mich für zu intelligent, zu introvertiert oder zu schüchtern für "Lehrerin / Grundschullehrerin". Den größten Hau weg hatte aus heutiger Sicht ein Erziehungswissenschaften-Prof, der die Studenten anhand einer Hausaufgabe in das Riemannsche Persönlichkeitsmodell einteilte und ihnen dann die Eignung als Lehrer/in zu- oder absprach. Mir absprach, v.a. nicht an der Grundschule, da müsse man Entertainer und Clown und Showmaster in einem sein.

    Nun bin ich ein ziemlicher Dickkopf und trotzdem Grundschullehrerin geworden (über den Umweg des Gymnasiallehramtsstudiums). Und was soll ich sagen? Ich habe gar keine Probleme, vor Kindern zu sprechen. Elternversammlungen sind am Anfang aufregend und mir sagten auch Kolleginnen, dass sie nach 30 Berufsjahren immer noch aufgeregt sind - bei mir hält sich das wirklich sehr in Grenzen. Gesprächsführung kann man lernen, wenn man da unsicher ist (Kurse mit praktischen Übungen). In den ersten Jahren als Lehrerin habe ich auf Elterngesprächen viel geschwiegen. Es war unglaublich spannend, weil die Eltern dann ins Reden kam und ich viel über die häuslichen Verhältnisse, die Weltsicht und die Eltern-Kind-Beziehung erfuhr. Inzwischen bin ich da stringenter und rede mehr, weil das effizienter bzgl. Zeit und Fortschritte der Schüler ist.
    Großartig zum Entertainen und Showmasterspielen komme ich übrigens gar nicht, denn der Mitteilungsdrang der Kinder ist groß und der Lehrplan tut ein Übriges. Das passt schon.

    Letztlich ist der Mensch auch ein anpassungsfähiges Wesen: Man gewöhnt sich in einem gewissen Umfang daran, vor Menschen zu sprechen.

    Ich persönlich glaube nicht, dass du in 5 Jahren auf der Straße stehst, wenn du eine gewisse Flexibilität des Wohnortes mitbringst: Die Pensionierungswelle rollt noch einige Jahre.

    Naja, eigentlich ist ja nicht ganz mein anvisiertes Einsatzgebiet, da hoffe ich eher auf eine Schule im ländlichen Bereich am anderen Ende von Deutschland ;) ...
    Letztendlich weiß man das aber nie vorher und ich bin mir sicher, dass man aus jeder Lerngruppe viel Potential schöpfen kann - unabhängig ob Dorf- oder Brennpunktschule. Vor allem in der Grundschule hat man noch die Chance, auf ein Kind positiv einzuwirken, sodass es motiviert ist, es mal im Leben zu etwas zu bringen, auch wenn es aus eher bescheidenen Verhältnissen kommt. Da sind einem natürlich auch Grenzen gesetzt, aber letztendlich sind es diese "from zero to hero"-Beispiele, die einem am meisten im Gedächtnis bleiben....
    Etc. pp.

    Darum ging es nicht. Es ging darum, dass du dem Threadsteller eine Reihe von guten Ratschlägen gibst. Ich meinte: Komm, los, probier deine Ratschläge aus! Fang an!

Werbung