Es ist zwar gut, dass du, Timo, den Schülern nicht hinterher rennst (du würdest dich nur wahnsinnig machen, während deine Schülerschaft sich einen Lockeren macht), aber ich befürchte, dass eine "nach mir die Sintflut"-Einstellung zur nächsten Generation Langzeit-Hartz-IV-Empfänger führen würde. Zunächst einmal würde ich jedes Fehlen ohne trifftigen Grund (Zuckerfest ist Privatvergnügen und hindert einen nicht am Schulbesuch, anders sieht es bei einer ernsthaften Krankheit aus - mit Attest!) mit einer mündlichen 6 für die jeweilige Stunde bonieren. Ein paar kleinere unangekündigte Tests könnten auch Früchte tragen. Wenn das nichts bringt, die Eltern zu von dir vorgeschlagenen Sprechstunden antanzen lassen. Wenn diese sich nicht für die Bildung ihrer Kinder interessieren (und wenn es sich um eine problematische Schülerschaft handelt, sind die Probleme bereits im Elternhaus zu verorten), wird das Jugendamt informiert. Die einzelnen Stationen müssen jedoch recht schnell abgeklappert werden, sodass man die Jugendlichen noch in irgendeiner Form erreicht, bevor sie 18 sind und man dann keinen Einfluss mehr auf sie ausüben kann.
Ich weiß nicht, welche Baustellen es noch mit der Schülerschaft gibt, aber wenn sie so ist wie ich sie mir vorstelle, könnte ein Großteil einen ernsthaften Weckruf gut vertragen, z.B. Bootcamp, Probeknast oder Besuch bei irgendwelchen Assozialen (Obdachlose, Schwerdrogenabhängige, vlt. auch Prostituierte vom Straßenstrich), um denen mal aufzuzeigen, wo sie landen könnten, wenn sie die Schule nicht ernst nehmen (und vlt. als Gegenprogramm zuletzt der Besuch bei einem Paradebeispiel - einem ehemaligen Problemjugendlichen, der sich nach oben gekämpft hat und jetzt ein gutes Leben führt. Das wirkt für die Schüler zumeist sehr motivierend.).
1. 6en motivieren viele Schüler im Berliner Brennpunkt nicht wirklich.
2. Unangekündigte Tests führen in derartigen Schulen zu schlechten Noten, zu Frust, zu der Empfindung, dass der Lehrer "unfair" sei und stören damit die Beziehung Lehrer - Klasse erheblich. Die einzige Schiene, an der man aber eine Chance hat, an die Schüler heranzukommen, ist über die Beziehung. Mit schlechten Noten und unangekündigten Tests macht man sich das, was man aufgebaut hat, wieder kaputt.
3. Eltern antanzen lassen bringt da auch nicht wesentlich. Nicht bei denen, die an einer ISS ohne gymnasiale Oberschule landen. Entweder die Eltern leben in ihren religiösen Kontexten und können sich mit dem von dir empfohlenen Wertesystem nicht identifizieren oder sie haben keinen Einfluss mehr auf die Jugendlichen (teilweise Kinder, habe ich ja schon an der Grundschule das Problem).
4. Die Jugendämter Berlins sind überlastet. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber es werden nur noch die absolut nötigsten Fälle aufgegriffen.
5. Es gibt keine Bootcamps, Probeknäste und ähnliches für 24 von 25 Schülern, die die Schule schwänzen. Das sind Einzelaktivitäten fürs Fernsehen.
6. Obdachlose, Drogenabhängige und Prostituierte sind nicht unbedingt für alle schockierend.
Ich wünsche dir, dass du schon bald eine Stelle an einer großstädtischen Brennpunktschule der Kategorie II bekommst. Du wirst übrigens mit deinen Vorhaben dringend in Berlin gebraucht, Berlin sucht Lehrer! Bitte bewerbe dich sofort.