schlauby
Und was du noch bedenken musst:
A1. Die Schule (und Schulleitung) muss komplett hinter den Eingangsstufenkolleg/innen stehen. Denn wenn eure lieben Kolleg/innen dann sagen: "Ähhh, der xyz, der rechnet in der 3. Klasse zwar bis 1Million, aber kann nicht gut genug lesen, was macht ihr da eigentlich?"dann kannst du dir das knicken. Die übernehmenden Kolleginnen müssen genauso offen weiter arbeiten wie ihr.
A2. Die Eltern müssen komplett dahinter stehen. Schulen mit offenen Konzepten ziehen meist Eltern an, die ihre Kinder genau dort hinbringen (= aufgeschlossen gegenüber Bildung sind). Die anderen schulen ihre Kinder einfach dort ein, wo die nächste Schule ist, egal wie dort unterrichtet wird, meckern dann aber oft rum. Wenn du wirklich eine geballte Ladung Eltern gegen dich hast, kann das sehr sehr unangenehm werden, auszuhalten ist das dann nur mit Nerven wie Drahtseilen und natürlich 1.
Ich persönlich würde in meinem Einzugsbereich, unter den Bedingungen, unter denen wir arbeiten, nicht die Verantwortung für die totale Öffnung des Unterrichts übernehmen. Vor 3 Jahren habe ich einmal sehr offen und differenziert begonnen.
Dabei habe ich gelernt:
- 1. Ich hätte mich mindestens 5mal clonen müssen, um alle Kinder optimal zu unterstützen. Insbesondere das leise und gewaltfreie Arbeiten (oder meinethalben nur "Dasein") war für viele Kinder anfangs nicht möglich.
- 2. Ich hätte ein zusätzliches Gehalt gebraucht, um nötige Materialien zu kaufen.
- 3. Mein Tag hätte mindestens 40 Stunden haben müssen, um neben der absolut notwendigen auch noch die von mir gewünschte Arbeit zu schaffen - und mindestens 50, um noch genug zu schlafen und ein paar Sozialkontakte zu haben.
- 4. Einige Eltern haben nur noch Kontakte über den Schulleiter mit mir gepflegt, weil sie alles, was ihr Kind nicht konnte, auf mich geschoben haben.
- 5. Während zwar einige Kinder durchaus weit waren, sind andere trotz häufigen Übens, Verstärkerpläne etc. gar nicht mit dem selbstständigen Arbeiten klar gekommen und hatten klare Defizite. (Das trifft besonders Kinder aus bildungsfernen Familien, die oft mit deutlichen Problemen beim Sprechen, systematischen Denken, Konzentrieren und in der Motorik zu uns kommen, die sind m.E.n. mit offenen Arbeitsformen hoffnungslos überfordert, sofern sie nicht eine dauerhafte Betreuung durch eine erwachsene Begleitperson haben.)
- 6. Anerkennung durch Kolleginnen oder Eltern? Nahe null!
Dafür lohnt sich kein gesundheitsgefährdendes Arbeitsverhalten. In einem anderen Gebiet, mit einem anderen Curriculum, in einem anderen Kollegium, unter anderen Voraussetzungen sähe es vielleicht anders aus, aber hier? Nein!
Also machen wir aus den Voraussetzungen das beste, das uns möglich ist:
- Einführungen von neuen Lerninhalten frontal - Kinder, die weiter sind, die zuverlässig sind und selbstständig arbeiten können, dürfen selbstständig weiter machen (oder etwas anderes aussuchen), heute ging das so weit, dass von meinen 15 Zweitklässlern 12 alleine weiter machten und ich mich um 3 besonders kümmerte, die ohne Unterstützung gescheitert oder zu in späteren Schulmonaten unbrauchbaren Vorstellungen gekommen wären
- Arbeit an Wochenplänen mit Differenzierungsmöglichkeiten
- mäßig lange Phasen freier Arbeit
- Hilfe immer dort, wo es dringend nötig und so weit, wie es personell möglich ist
Und selbst damit haben die übernehmenden Kolleginnen Probleme: Selbst wenn wir ihnen sagen, welche Arbeitsweisen die Kinder gewöhnt sind, hören wir oft genug: "Ja, die können doch gar nicht offen arbeiten, die müssen erstmal frontal arbeiten lernen..."
Und deshalb: Siehe A1. Gerade bei kroko hört es sich nicht nach großer kollegialer Unterstützung an, ich glaube nicht, dass ein "Reinpoltern" in eine völlige Öffnung des Unterrichts da das Richtige für den Berufsstart (?) wäre...