Hallo Tine,
ich habe im 1. Schuljahr mit meinen Schülern sehr viel über das Sozialverhalten geredet (eingetragen ins Klassenbuch unter Deutsch oder Sachunterricht, zur Not Kunst oder Musik, weil die Zeit nicht reichte). Bei mir kam jedoch noch einiges an körperlicher Gewalt dazu.
Ich habe in diesen Gesprächen alle Streithähne zu Wort kommen lassen und darauf geachtet, dass sie ausreden konnten. (Das war sehr schwierig bei meiner Klasse und hat lange gedauert, bis es geklappt hat.) Dann sollten sie sich nur auf aktuelle Ereignisse beziehen. (Also nicht: "Der hat mich aber auch schonmal letzte Woche....") Allenfalls Ereignisse vom Tag, die auf den aktuellen Streit nachwirkten, habe ich noch zugelassen. Dann durften z.T. Kinder sprechen, die das Ganze beobachtet haben. Da musst du aufpassen, dass es nicht ausufert. Meist habe ich nur 2 oder 3 Kinder kurz beschreiben lassen, was sie gesehen haben, möglichst nicht die besten Freunde der Kontrahenten.
Je nach sich darstellender Situation bin ich unterschiedlich vorgegangen:
- Ich habe den Kindern klargemacht, dass ich Gewalt nicht dulde. Dazu zählt z.B. auch das Treten gegen den Ranzen des anderen Kindes. Mit Gewalt kann man andere verletzen oder deren Gegenstände beschädigen.
- Ich habe mit den Kindern ein Stopp-Zeichen eingeführt und auch geübt, damit umzugehen. Dies stieß auf große Resonanz, da es oft Streits waren, die aus einem Spiel hervorgingen, bei dem Grenzen eines Kindes überschritten wurden.
- bei nicht klärbarem Streit (Aussage gegen Aussage): Ich habe die beiden Positionen nochmal dargestellt und betont, dass ich das Ganze nicht beobachtet habe. Ich habe zu jedem Kind gesagt: "Stell dir vor, ich würde jetzt dem anderen Kind Recht geben, wie würdest du das finden?" Manche bekommen dann mit, dass es irgendwie ungerecht wäre, wenn ich für einen entscheiden würde, obwohl ich nichts gesehen habe. Manche verstehen das aber jetzt auch in der 2. Klasse noch nicht.
- Ich habe mit den Kindern generell über den Umgang miteinander gesprochen, immer wieder mit dem Satzanfang "Stell dir vor ...." (dir würde jemand etwas wegnehmen, jemand würde ein Schimpfwort sagen...). Das schult das Einfühlungsvermögen der Kinder mit der Zeit.
Da das mit der Zeit zu viel Unterrichtszeit kostete, bin ich dazu übergegangen, kleinere Streits in den Pausen zu klären und nur größere oder besondere Streits im Unterricht.
Irgendwann haben dann Kinder von selber angefangen, in Pausen Streit zu schlichten oder dies zu versuchen. Außerdem haben die Kinder angefangen, kleinere Streitereien untereinander ohne mich zu klären oder mit mir als "Zuhörer". Dies unterstütze ich natürlich.
Letztlich gibt es aber immer wieder kleine Streits.
So gab es im 1. Schuljahr vor allem Probleme mit aggressiven Handlungen der Jungen. Dies hat sich gelegt, aber zur Zeit ist es bei mir ähnlich wie in deiner Klasse, es herrscht "Zickenalarm": "Die hat meinen Radiergummi!" - "Gar nicht, das ist meiner!"; "Die hat vorgedrängelt." - "Gar nicht, die hat vorgedrängelt.", "Keiner spielt mit mir!"
Letztlich geht es dabei um sehr grundlegende Sachen: Ein Kind, das im Kindergarten immer im Mittelpunkt stand, ist seit Schulzeiten nicht mehr so beliebt, aber hatte immer Freundinnen. Jetzt hat sie durch ihre etwas spontante Art mehrere Freundinnen verschreckt und fühlt sich ganz alleine. Bei anderen Mädchen stecken ähnliche Dinge dahinter, das habe ich aber erst mit der Zeit und bei Elterngesprächen mitbekommen / erfahren. Ich bin mit der Situation nicht zufrieden, weiß aber auch nicht, ob sich daran jetzt grundlegend etwas ändern lässt, denn diese Probleme gibt es in jeder Gruppe mal.
Wenn es gar nicht geht: Wäre denn eine Aussprache der vielleicht 3 oder 4 am meisten beteiligten Kinder und deren Eltern denkbar (in deiner Anwesenheit und vielleicht noch eine Elternsprecherein dazu)?
Viele Grüße erstmal,
Conni