(...) Aber damit umschiffst du elegant das Thema, um das es hier geht: Sinnhaftigkeit von Religionsunterricht, im Sinne des konfessionell gebundenen. Ich sehe einfach, dass viele Geburtschristen sich nicht vorstellen können, dass Religion Privatsache ist, weil sie es nicht anders kennen. Gerade Baden-Württemberg: Ein Dorf katholisch, eins evangelisch, so wie's haöt schon immer war...
Ja, diese Trennung nach Dörfern gibt es in BaWü durchaus. Relevanter ist allerdings die Frage, ob das Dorf ursprünglich zu Baden oder zu Württemberg gehört hat. Diese Art Trennung kann sich auch mit in der Religion zeigen, wobei man dabei bedenken muss, dass häufig galt, dass man offiziell die Religion seines Landesfürsten innehatte, so dass in den meisten Landesteilen -ganz gleich, ob Baden oder Württemberg- die Leute römisch-katholisch waren, in Einzelteilen wie z.B.der Markgrafschaft Baden-Durlach oder auch der ehemaligen Freien Reichsstadt Heilbronn evangelisch. Das Religion Privatsache sein könnte ist doch eher ein moderner Ansatz, den man möglicherweise in Sachsen historisch bedingt- angesichts der Rolle von Kirchen in der ehemaligen DDR- anders interpretiert, als in Baden-Württemberg mit seiner eigenen Geschichte.
Was den konfessionell gebundenen Religionsunterricht anbelangt, so könnte ich ganz persönlich problemlos damit leben, wenn es nur noch einen überkonfessionellen Ethikunterricht für alle SuS geben würde. Ich gehöre zwar zu den von dir so benannten "Geburtschristen", war aber sehr bewusst selbst ab der Mittelstufe in Ethik und habe das als ausgesprochen bereichernd empfunden. Ich bin aber auch in vielem ein sehr kognitiver Typ und brauche nicht unbedingt den emotionalen Bezug konkreter religiöser Rituale in meinem Leben, der anderen Menschen dagegen sehr viel gibt und imstande ist diese besser zu erreichen auch als Lernweg.
Bei einer so grundsätzlichen Entscheidung, wie der Frage nach einer Abschaffung konfessionell gebundenen Religionsunterrichts darf finde ich auch nicht nur von deinen oder meinen privaten Haltungen ausgegangen werden zur Frage. Ich habe weiter oben bereits geschrieben, dass ich davon ausgehe, dass Religionsunterricht unter anderem eine sehr wichtige Rolle dabei spielt radikale religiöse Tendenzen frühzeitig zu erkennen und einzuhegen. Ich möchte dabei von der Religion ausgehen, über die ich - nach dem Christentum- am meisten weiß, dem Islam. Aktuell gibt es in BaWü wie geschrieben lediglich Islamunterricht im Rahmen von Modellversuchen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit denen ich gearbeitet habe besucht deshalb die Koranschule in der Moschee, angeleitet von einem Imam oder Koranlehrer der nicht aufs GG und seine Landesverfassung vereidigt ist, der keinen entsprechend geprüften Bildungsplan seines Bundeslandes einhalten muss und der in vielen Fällen in ganz Deutschland auf der Gehaltsliste der Diyanet, also der türksichen Religionsbehörde und damit unter der Fuchtel eines Recep Tayyip Erdogan steht mit all den hochproblematischen, demokratiefeindlichen Tendenzen die das faktisch bedeutet. Wenn ich also die Wahl habe zwischen Jugendlichen die von den autokratischen religiösen Interpretationen des Erdogan-Regimes indoktriniert werden und SuS die -so kritisch man Teile des Bildungsplans vielleicht persönlich auch finden mag- von Lehrern unterrichtet werden, die völlig unmissverständlich die Werte des Grundgesetzes auch im Rahmen des konfessionell gebundenen Religionsunterrichts respektieren und vermitteln müssen, ist die Entscheidung mir eine sehr einfache, wie ich zur Frage des konfessionell gebundenen Religionsunterrichts stehe.
Nochmal: Ees geht bei solch einer Frage nicht einfach nur um private Überzeugungen, sondern auch darum, welche gesamtgesellschaftliche Funktion dieser Religionsunterricht erfüllen kann und soll und weshalb wir wie ich meine gerade heutzutage weniger denn je darauf verzichten können als Schule (Gesellschaft) auch religiöse Werthaltungen zu achten, und je nach Bedarf zu vermitteln oder kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen und bei diesem sensiblen Thema nicht anderen Gruppen die Deutungshoheit überlassen dürfen.