Beiträge von Mr_Happy

    Dazu gehört auch, dass wir selbst bei den Kleinen nicht lange Fackeln, sondern notieren und wenn nötig Konferenzen ansetzen und Ordnungsmaßnahmen verhängen.

    Bei den Älteren sollte man bedenken, was strafrechtlich verfolgt werden kann.

    Ich glaube, ein weiteres Problem in dieser Hinsicht ist, dass man irgendwie "abstumpft". Vieles, was LehrerInnen aus dem Bekanntenkreis den Atem raubt, entlockt mir nur noch ein Schnauben. Wir (Kollegium und Schulleitung) lassen, denke ich, leider vieles durchgehen (Mützen/Hoodies im Unterricht, Handy für die Uhrzeit, knappes Zu-spät-kommen; nicht jede/r KuK und auch nicht immer...) was im Gegensatz zu den zahlreichen großen Problemen (Gewalt, Vandalismus, Bedrohungen, Respektlosigkeiten, ...) einfach zu trivial erscheint, als dass man sich darüber auch noch den Kopf zerbrechen müsste. Das ist wahrscheinlich falsch, aber sonst könnte man den Schulbetrieb wahrscheinlich gar nicht aufrecht erhalten. Es hat was von erlernter Hilflosigkeit...


    Im ersten Post habe ich ja auch leider schon die Reaktionen auf Ordnungsmaßnahmen beschrieben. Die SuS können damit nichts anfangen und lernen auch nichts daraus. Die Eltern sind meist leider auch zu desinteressiert...


    Unsere Schulleitung hält sich mit rechtlichen Konsequenzen sehr zurück und empfiehlt private Anzeigen. Davor schrecken aber viel zurück, aus Angst vor Racheakten in und außerhalb der Schule.

    Wenn es keine Konsequenzen gibt, ist es für einige SuS ein Freifahrtschein und es spricht sich rum, dass an der Schule viel passiert und alle (scheinbar) weggucken.

    Genau diesen Ruf hat die Schule momentan, wie auch die Jugendgerichtshilfe zurückmeldet. Unsere Schulleitung schlägt sich oft auf die Seite der SuS. Irgendwie kann ich es ja schon fast verstehen, denn wir sind wirklich "untere Fahnenstange" und wer es nicht mal bei uns schafft (leider auch nicht zu wenige), hat nun wahrscheinlich wirklich keine rosigen Zukunftsaussichten. Immer nach dem Motto "Jeder muss einen Abschluss bekommen!" und darunter leidet die Konsequenz sehr.


    (Eventuell wäre es möglich, SternTV einzuladen...)

    Wie oben schon beschrieben, den Schritt an die "echte" Öffentlichkeit wage ich (noch) nicht...

    Hey liebe Antwortenden,


    ich freue mich, dass ihr mir eure Eindrücke schildert und dass es ja scheinbar zum Glück nicht überall, vielleicht sogar eher selten, so schlimm ist.

    Dir als Einzelperson kann ich nur empfehlen: Stell Versetzungsanträge und lauf so schnell und so weit du kannst.

    Das ist eigentlich auch mein Plan. Natürlich habe ich Angst, dass die Versetzung nicht klappt bzw. ewig dauern könnte oder (noch schlimmer) ich von einer schrecklichen Schule in die nächste kommen könnte. Leider bin ich auch noch ein Mensch, der häufig meint, er müsste was "durchziehen":

    Wie viele Schüler hast du denn? Bist du Klassenlehrer? Wie viele Stunden hast du? Bist du allein mit den Schülern? Warum ziehst du den U durch, wo doch eh keiner möglich ist? Was wäre denn möglich? Hast du eine Beziehung zu den Schülern?

    Ich habe zum Beispiel eine eigene Klasse, die ich von der 5ten bis jetzt zur 9ten, mit viel Kraft und Einsatz betreue. Ich habe viel Zeit und noch mehr Nerven geopfert und auch einige SuS "erreicht". Eine Co-Klassenlehrkraft ist im Laufe der Jahre verzweifelt abgesprungen, daher fühle ich mich diesen SuS irgendwie verpflichtet und würde gerne so vielen wie möglich helfen, wenigstens irgendeinen Abschluss zu bekommen und die 10 zu schaffen. Ich arbeite Vollzeit (25,5 St.).


    In meiner Klasse fühle ich mich am wohlsten, was nicht heißt, dass ich mich dort wohl fühle. Klingt jetzt vielleicht etwas narzisstisch, aber ich glaube, ohne mich würden es noch weniger schaffen, auch wenn ich jetzt wieder eine ganz tolle Co an meiner Seite habe. Viele SuS mögen mich und haben eine gute Beziehung zu mir, aber ein kleines Missverständnis, kann dafür sorgen, dass ich auf's Übelste beleidigt werde. Meist kommt dann irgendwann eine Entschuldigung und das Versprechen sich zu bessern, aber die Grundstimmung ist leider immer noch so, wie in meinem ersten Post.


    Ich bin meist alleine mit meinen Lerngruppen, habe damit aber kein Problem. Unsere Sozialarbeiter (momentan drei) und Sonderpädagogen (momentan zwei) leisten viel und machen gute Arbeit, aber die Masse an Problemen, sorgt dafür, dass nie wirklich was langfristiges passiert, da es immer wieder neue "Baustellen" gibt. Leid tun mir unsere Lehramtsanwärter, die hier ihren ersten Einblick in das Schulwesen bekommen.


    Ich habe natürlich auch einen gewissen Anspruch an mich und meinen Unterricht, daher versuche ich, meinen Unterricht immer ordentlich durchzuziehen. Ich glaube, dass die SuS diese "Hartnäckigkeit" auch irgendwie zu schätzen wissen. Trotzdem endet es oft im fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch im Plenum, damit sich doch jeder irgendwie angesprochen fühlt und meint, er könnte "jederzeit drankommen", da wie gesagt, freies Arbeiten nicht möglich ist und jede offenere Form des Unterrichts im Chaos endet. Es hat ein bisschen was von "whack-a-mole", falls ihr versteht. Auch dieses ständige "Aufpassen", "Steuern" und "Präsenz zeigen" ist sehr anstrengend.


    Wie schon geschrieben, die meisten SuS mögen mich, aber sie können nicht aus ihrer Haut. Gerade wenn es darum geht sich vor anderen zu beweisen, wird versucht mich böse zu treffen. In der Schule versuche ich meist zu irgendwie zu kontern und mache den "Teflon"-Lehrer, aber zu Hause war ich schon manches mal sehr verzweifelt.


    Als "Tipp" für Kollegium/Schule fällt mir nur ein: Missstände öffentlich machen. Geht an die Presse, schreibt einen Brandbrief, wendet euch immer wieder, immer wieder ans Bildungsministerium, an die Schulbehörde, ...

    Lasst euch das nicht weiter gefallen!

    Daran habe ich auch schon gedacht und habe auch (leider) schon einiges (zumindest an Vandalismus und Zustand des Schulinventars) dokumentieren können. Aber ich traue mich nicht, habe Angst vor eventuellen Konsequenzen, möchte nicht als "Verräter" da stehen. Ich kann es gerade nicht anders beschreiben...


    Ist das an anderen Schulen ähnlich in der Region?

    Was haben andere probiert?

    Es soll sogar Schulen geben, an denen es noch schlimmer sein soll, aber vielleicht ist das auch nur eine Durchhalteparole an unserer Schule. Unsere Schule hat leider einen sehr schlechten Ruf, freiwillig melden sich dort die wenigsten an. Daher sind wir leider auch eine Art "Auffangbecken" für jeden, der sonst nirgends beschult werden kann, was natürlich schlecht für den Ruf der Schule ist. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung...


    Wir versuchen durch Außenwirkung Werbung zu machen und stellen unsere Schule viel besser da, als sie wirklich ist. Vielleicht ist das ein Grund, warum unser Schulträger meint, es sei doch alles in Ordnung.


    Schulinterne Fortbildungen werden meist aus dem Kollegium organisiert, auch wenn schon oft der Wunsch nach externem Input geäußert wurde. Ich weiß nicht, aber vielleicht schämt sich die Schulleitung und möchte daher niemanden "von außen" in die Schule lassen. Oder es hat wieder was mit Außenwirkung zu tun.


    Naja, auf jeden Fall vielen Dank für euer Mitgefühl. Es tut irgendwie schon gut, das hier mal im kleinen Rahmen zu veröffentlichen.

    Hallo Leute,


    ich weiß mir gerade nicht anders zu helfen und muss hier mal was los werden.


    Ich möchte von meiner Schule erzählen, da ich gerne wüsste, ob das woanders auch so ist, ob dort Lösungen gefunden wurden oder jemand eine Idee hat, wie man hier vorgehen könnte.


    Ich bin seit einigen Jahren LehrerIn an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet (6-zügig in den meisten Jahrgängen, etwas über tausend SchülerInnen). Unsere Schule hat den Standorttyp 5 (Schulleitung sagt auch gerne mal 5+, ich wünschte, ich könnte das noch witzig finden...), einen sehr hohen Anteil an sozioökonomisch schlecht gestellten SchülerInnen aus eher bildungsfernen Haushalten. Seit ich hier bin eine Riesenbaustelle. Schlechte Ausstattung was Lehrmaterial angeht, digitale Lehrmaterialien und Geräte sehr spärlich, häufig defekt. Organisatorisch und kommunikativ ist es "von oben nach unten" auch nicht optimal und häufig sehr chaotisch. Das sind keine tollen Voraussetzungen, aber das ist ok, habe gute Erfahrungen an einer anderen Schule mit ähnlichem Standorttyp und Voraussetzungen gemacht. Aber hier bin ich in einer anderen Welt...


    Ich denke, dass einige Sachen nicht mehr "normal" bzw. an anderen Schulen nicht in dieser Art vorkommen (vielleicht dazu mal eure Meinung):


    • Die SchülerInnen haben keine Motivation, keine Ambition; der Lehrer ist der "Feind" und Unterricht wird bewusst sabotiert;
    • jeder Versuch den Unterricht besonders, motivierend, methodisch abwechslungsreich zu gestalten, wird mit absolutem Desinteresse bis hin zur Boykottierung quittiert.
    • Selbstständiges Arbeiten ist nicht möglich. Jede Freiheit wird ausgenutzt, um destruktiv zu handeln.
    • Respektlosigkeit ggü. MitschülerInnen und LehrerInnen, dem Inventar und auch sich selbst. Mobbing, Schlägereien und andere Auseinandersetzungen (auch mit Waffen, wie z.B. Messer oder Schlagring) sind an der Tagesordnung. Inventar der Schule (Schränke, Tische, Stühle, Tafeln, ...) wird zerstört, gestohlen, versteckt, verschmutzt. TäterInnen lassen sich meist nicht feststellen bzw. werden gedeckt. Keine Aussichten und Pläne für das eigene Leben, hygienische Vernachlässigung, Drogen, Leben "nur für den Moment".
    • Kein Pflichtbewusstsein, ständiges Zu-spät-kommen ohne Begründung, für welches LehrerInnen Verständnis und Nachsicht aufbringen sollen. Termine (Sprechtage, Abgaben,...) werden selten eingehalten, sollte es dadurch zu Problemen kommen, ist natürlich die Lehrkraft schuld. SchülerInnen kommen in und verlassen den Unterricht, wie es Ihnen gefällt.
    • Nationalismus und religiöser Extremismus, der offen und mit Stolz zur Schau gestellt wird. Diskriminierung Andersdenkender.
    • Pädagogische Gespräche sind aufgrund der Anti-Haltung der SchülerInnen meist nicht möglich oder fruchtlos, auch wenn Profis (Soz.Päd.; Schulsozialarbeiter) im multiprofessionellem Team zu vermitteln versuchen.
    • Gespräche mit Eltern scheitern an Sprachbarrieren oder stoßen auf taube Ohren und ziehen ggf. eine Beschwerde bei der Schulleitung nach sich. Sollten die Eltern doch versuchen erzieherischen Einfluss zu nehmen, resultiert das in sehr temporären minimalen Verhaltensänderungen (keine Woche). Machtlose, kraftlose Eltern, die ihr Kind aufgegeben haben... (mein Eindruck)
    • Noten, Tadel, Ordnungsmaßnahmen spielen keine Rolle und sind für die SchülerInnen bedeutungslos und ohne Konsequenzen (Zitat bzgl. einer Wiedergutmachung, also entweder ersetzen oder Ordnungsmaßnahme "Nimm' Ordnungsmaßnahme, dann kriegst du schulfrei!"). Gespräche betreffs Ordnungsmaßnahmen, zu denen SchülerInnen und Eltern eingeladen werden, scheitern am Fehlen der Gäste.

    Jede Unterrichtsstunde ist ein gefühlter "Kampf" und strengt ungemein an. Dazu ist die Respektlosigkeit sehr belastend, vor allem, wenn man seine Autorität und sein Gesicht wahren möchte. Die Anti-Haltung der Schüler geht langsam auch auf mich über ("Warum soll ich eine schöne, interessante Stunde vorbereiten? Wird doch sowieso nichts."; was sich leider dann auch bewahrheitet). Unsere Schulleitung macht den Eindruck, dass sie der Masse an Problemen nicht mehr gewachsen ist und auch langsam resigniert.


    Besonders traurig macht, dass man den SchülerInnen (scheinbar?) nicht bewusst machen kann, dass Schule auch schön, interessant und "lehrreich" sein kann. Natürlich gibt es auch motivierte und nette SchülerInnen, diese haben dann aber unter der Antipathie der MitschülerInnen zu leiden. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes zu "Opfern".


    Ich halte mich für eine pflichtbewusste, starke Person mit gutem Durchhaltevermögen und erledige alle Aufgaben und Sondertätigkeiten nach bestem Wissen und Gewissen. Ich habe mir den Respekt der meisten SchülerInnen hart erarbeitet und versuche täglich den Level an Respekt zu erhalten (verteidigen?). Ich gebe mir Mühe optimistisch zu bleiben, aber die tägliche Enttäuschung zehrt einen langsam auf. Ich merke, dass ich immer weniger Kraft habe und weiß (noch) nicht, wie das weitergehen (enden?) soll.


    Zum Ende noch ein paar Anekdoten, die das oben Geschriebene unterstreichen. Was jetzt folgt sind Tatsachen... LehrerInnen aus dem Bekanntenkreis können diese Begebenheiten nicht glauben und reagieren mit Schrecken, Mitgefühl, aber auch mit Zweifel. Das kann ich verstehen, nur dass ich diese Umstände jeden Schultag vor Augen habe.


    • Aufgrund erheblicher Verschmutzung der Schultoiletten (Fäkalien an den Wänden, mit Klopapier verstopfte Toiletten) sind die Toiletten nur noch mit ausleihbarem Schlüssel zu betreten. Konsequenz: Die SchülerInnen erleichtern sich im Treppenhaus.
    • Schüler unter offensichtlichem Drogeneinfluss geht auf eine Lehrkraft los, welche sich in einen Klassenraum flüchtet und sich einschließt. Vater des Schülers wird dazu geholt und muss sein Kind mit nach Hause nehmen. Konsequenz: Vater beschwert sich, dass er angerufen wird und zur Schule kommen muss. Schüler, kehrt nach drei Tagen Ausschluss zurück und lässt sich von MitschülerInnen feiern.
    • Wasserpistolen werden mit Urin gefüllt und auf MitschülerInnen gespritzt.
    • Lehrkraft wird unterstellt, "ungläubig" zu sein. Letzter Satz: "Sie kommen sowieso in die Hölle!"
    • Im Werkunterricht wird versucht, anstatt Klingelschildern Schlagringe und Stichwaffen zu basteln.


    Ich könnte noch mehr berichten, aber ich möchte hier natürlich anonym bleiben.


    Nur das Kollegium hält zusammen und versucht, sich gegenseitig Kraft zugeben. Aber wir alle gehen auf dem Zahnfleisch und merken, dass die ganze Sache hier eine gefährliche Dynamik entwickelt. Einige Kollegen wurden schon krank und mussten uns verlassen. Andere sind "geflüchtet", haben dabei sogar vertragliche Verpflichtungen missachtet, weil es "einfach nicht auszuhalten ist".


    Gibt es hier Leute, die ähnliche Erfahrungen machen mussten? Hat jemand einen Vorschlag, was man hier machen könnte?

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