Ich habe länger überlegt, ob ich antworte, weil ich ehrlich zwiegespalten bin. Auf der einen Seite stelle ich von Jahr zu Jahr mehr fest, dass die Vorläuferfertigkeiten zunehmend mangelhaft sind bei einem großen Teil der Kinder, die in die Schule kommen, und dann würde ich mir schon wünschen, dass sie zu Hause üben: Stifthaltung, schneiden, Kneten, viel malen etc. Auf der anderen Seite gibt es auch Kinder - meinen Sohn eingeschlossen - die schon mit 4 das Bedürfnis hatten, sich schriftlich mitzuteilen. Es gibt Kinder, die aktuell in die Schule kommen, die noch nie einen Stift in der Hand hatten, und es gibt die, die schon viele Buchstaben geschrieben haben - entweder formgerecht oder eben einfach irgendwie. Gewöhnlich sind die Kinder, die Interesse an Buchstaben haben, diejenigen, die es auch irgendwie nebenbei noch richtig lernen, so dass die Handschrift vernünftig wird. Problematisch sind ja eher die, die bis zur Schule noch nie mit Buchstaben und Stiften in Kontakt gekommen sind. Viele Kinder, die vor der Schule schon geschrieben haben, behalten ihre persönliche Schreibweise der Buchstaben bei, verfügen aber über über genügend Schreibkompetenz und feinmotorische Fähigkeiten, um das zu kompensieren.
Also kurz zusammen gefasst: Ein Kind, das mit 4 Jahren hochmotiviert beginnt zu schreiben dann noch mit formgetreuer Schreibweise zu belästigen - ist das vielleicht kontraproduktiv? Oder lieber gleich eingreifen, bevor sich falsche Schreibungen einschleifen? Ich hab das übrigens bei meinem Sohn nicht gemacht, wobei bei ihm auch der Fokus auf dem Lesen lag. Heute hat er eine vernünftige Handschrift und hatte nie Probleme beim (Um-)lernen der richtigen Schreibung. Ich erlebe es aber bei aktuellen Erstklässlern auch anders, wenn Eltern die Buchstaben „Irgendwie“ zeigen und die Kinder dann irritiert sind und keinen guten Weg für sich finden, weil sie eigentlich keinen Bezug zum Buchstaben haben und keine Phonem-Graphem-Korrespondenz besteht. Also was ist da besser?