Ich habe den persönlichen Eindruck, dass sich die Wahrnehmung z.B. der DDR, der Genderfrage, von Verarbeitung des zweiten Weltkrieges usw. verändert haben und sich das möglicherweise nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Schule widerspiegelt, was meint ihr? Bin ich schon altmodisch? Oder ist es egal, weil jede Generation Wichtiges weitergibt?
Bitte freundlich bleiben aber gerne ehrlich, ich bin gespannt 
Das ist zwansgläufig so - und das ist gut so.
Je weiter weg man von Ereignissen geboren wird, desto mehr wächst man in Distanz dazu auf. Einen Unterschied könnte lediglich das "Wachhalten" der Erinnerungen im Rahmen einer Familientradition sein. Meine Großeltern waren die Kriegsgeneration. Geboren während oder unmittelbar nach dem 1. WK. Ich habe diese Generation oft als die um ihr Lebensglück betrogene Generation erachtet. Natürlich hatten die einen anderen Blick auf das Dritte Reich, die BRD, die DDR etc.
Meine Grundschullehrerin der 3. und 4. Klasse war auch ein Kriegskind. Mein Klassenlehrer der 5. bis 7. Klasse ein Spätteilnehmer am 2. WK. Diese Generation stirbt nun nach und nach aus. Auch die 68er erreichen jetzt ihr Pensionsalter und neue Lehrergenerationen sind nachgewachsen. Die Fachwissenschaft und die -didaktik - gerade in Geschichte - haben in den letzten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse und Herangehensweisen geliefert.
Bis auf die ersten Jahrgänge meiner Schüler sind alle deutlich nach der Wende geboren, kennen die DDR und den Kalten Krieg im Wesentlichen aus Erzählungen und Geschichtsbüchern. Ich selbst habe den Kalten Krieg "aktiv" miterlebt, ebenso als 15/16jähriger die Wende. Wenn ich meinen Schülern in der Q2 die Doku "Deutschlandspiel" zeige, kann ich viele Szenen "live" kommentieren, weil ich mich daran erinnere.
Mittlerweile sind die jungen KollegInnen auch schon nach der Wende geboren und kennen diesen Teil der deutschen Geschichte als Geschichte. Alleine dieser banal anmutende Umstand, dass wir Zeitzeugen unterschiedlicher Phasen deutscher Geschichte sind (oder eben nicht sind) trägt zu einem erheblichen Teil zu unserem Umgang mit selbiger bei.
Ich kann beispielsweise noch das Spannungsfeld zwischen NS-Opfer und Kriegsverbrecher innerhalb eines Zweiges meiner Familie aufziehen und dabei die Erzählungen meiner Großmutter und die Recherchen meines Onkels zu den beiden Ehemännern meiner Großmutter sowie zu dem früh gefallenen Großonkel miteinfließen lassen. Die nachwachsenden JunglehrerInnen können das teilweise gar nicht mehr, weil sie ihre Großeltern gar nicht mehr so lange erlebt haben.
Die heutigen Jugendlichen in Deutschland leben in einer Blase von Frieden, Wohlstand und "Ordnung". Sie kennen keinen Krieg, keinen echten Mangel, keine wirklichen Krisen, keine größeren politischen Umwälzungen. (Sie kennen dafür mannigfaltige Tötungsmethoden aus Computerspielen.)
Deine Frage lässt sich also zweifelsfrei mit "ja" beantworten.
Als ich geboren wurde, war der Zweite Weltkrieg 29 Jahre her. Mittlerweile ist es ein bisschen mehr geworden. Die unmittelbaren Probleme und Auswirkungen des Krieges sind weitgehend verblasst. Dafür sind andere Probleme hinzugekommen, die durchaus existenziellen Charakter haben.
Die Flüchtlingskrise wird uns sicherlich die nächsten Jahrzehnte beschäftigen, weil wir nur die Symtpome, aber nicht die Ursachen bekämpfen (können). Die Integration von Menschen anderer Kulturen und Religionen, deren Werte und Normen sich nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen, wird uns ebenfalls noch über Jahrzehnte hin beschäftigen. Das Dilemma einer Religion und Kultur, die sich dem Westen gegenüber als überlegen erachtet, aber jeden Tag ihre effektive Unterlegenheit gespiegelt bekommt, wird in den nächsten Jahrzehnten noch viele Opfer fordern - und daran hat auch der Westen erhebliche Verantwortung. Und ja, vor dieser Auseinandersetzung habe ich Angst.
Und doch hoffe ich, dass ich meine Kinder zu anständigen Menschen erziehen kann und ihnen Möglichkeiten aufzeige, wie sie ihr eigenes Lebensglück finden und wahren können.