Nach über ein Dutzend Jahren im Schul(front)dienst arbeite ich jetzt Vollzeit seint einiger Zeit in der Schulbehörde. Ich kenne damit nun den Schulalltag und den Behördenalltag.
Beides hat seine Vor- und Nachteile, die jeweils teils offensichtlich sind, teils durch die Neiddebatte und Klischees überlagert sind.
In einer Schulwoche an der Front arbeite ich zwischen 30 und 45 Stunden abhängig davon, was und wieviel anfällt. In der Behörde jede Woche 41 Stunden. Ganz egal, wie viel anfällt.
Und spätestens hier wird der aufmerksame Leser sich fragen, wie Letzteres sein kann. Wir sprechen hier nur über Arbeitszeit. Nicht über die Arbeitsintensität.
Würde man das Ganze mathematisch betrachten, wäre das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und den in dieser Zeit bearbeiteten Aufgaben oder erfüllten Tasks die Arbeitsintensität.
Diese ist nach meinem eigenen Erleben in der Schule zweifellos um ein Vielfaches höher. Die Gründe dafür sind:
Der Schulalltag
- streng getakteter Arbeitsrhythmus im Vormittag
- Interaktion mit >100 Personen täglich
- 100+ größere Entscheidungen sowie "Mikro-Entscheidungen", die man im Laufe eines Schulvormittags trifft.
- Terminarbeit (z.B. Erstellen von Klassenarbeiten sowie deren Korrektur)
- spontan anfallende Tasks (v.a. Gespräche, Konflikte etc.)
- viele verschiedene Arbeitsfelder
- unterschiedliche Chancen, die vielfältigen Arbeiten zeitlich zu koordinieren
- im Vormittag wenig Pausen zum Durchschnaufen, Essen, Trinken oder für Toilettengänge
- Arbeitszeit nach hinten offen abhängig von Aufkommen und Selbstdisziplin
Im Vergleich dazu die Behörde (bei einer Tätigkeit ohne Publikumsverkehr):
- wenig Terminarbeit (mit Ausnahme von Vorgängen, die den Vermerk "eilt" oder "sofort" tragen oder von der Hausleitung kommen, Arbeit im eigenen Tempo)
- Interaktion mit in der Regel nicht mehr als 10 Personen täglich
- Gleitzeit, d.h. flexibler Anfang und Ende
- wenig Entscheidungen (hier vor allem, weil man auf der untersten Hierarchieebene steht)
- überschaubares Tätigkeitsfeld aufgrund einer vorliegenden Geschäftsordnung
- Pausen und Toilettengänge faktisch nahezu jederzeit möglich und individuell gestaltbar
- klare Arbeitszeit - wenn Feierabend, dann Feierabend
- viel Leerlauf durch Vorgaben für die Bearbeitung und Weiterleitung von Vorgängen aufgrund der Geschäftsordnung
- mitunter weniger abwechslungsreiche Tätigkeiten
Ich empfinde die Arbeitsintensität in der Schule um ein Vielfaches höher als in der Behörde, obwohl dort alles andere als fachliche Nieten arbeiten und obwohl dort durchaus gearbeitet wird.
Die Listen sind natürlich nicht abschließend, aber haben mir deutlich die Vorzüge und Nachteile beider Bereiche gezeigt.
Aktuell bin ich froh, nach all der Zeit in der Schule in Vollzeit und Volllast ein bisschen durchatmen zu können. Dennoch habe ich den Anspruch an mich, auch in der Behörde tadellose Arbeit abzuliefern.
Dem klassischen Büroarbeiter dürfte jeder Lehrer, der seine Arbeit halbwegs ernst nimmt, mit gelassener Ignoranz begegnen, wenn er wieder mit dem Halbtagsjob und den 12 Wochen bezahltem Urlaub (sic!) ankommt.
Die zusätzlichen sechs Wochen braucht ein Lehrer, der seine Arbeit gut machen möchte, zum Ausruhen - und zum Abarbeiten aller Dinge, die während der Unterrichtszeit aus zeitlichen Gründen liegengeblieben sind.
In der Behörde brauche ich diese zusätzliche Zeit tatsächlich nicht. Ich komme energetisch und mental mit 30 Tagen Urlaub vollauf aus. Nicht weil ich so toll wäre - sondern weil eine Woche mit 41 Stunden im Büro zumindest mich nicht ansatzweise so plattgemacht haben wie es oft eine Woche Schule getan hatte.