Wir haben hier in diesem Land ähnliche Tendenzen, weil auch hier eine bürgerliche Elite sich vom Wahlvolk zunehmend abkapselt und sich ebenso zunehmend anmaßt zu entscheiden, was dem Volke frommt.
Wenn ich als Wähler nicht mehr das Gefühl habe, dass mich die etablierten Parteien irgendwo vertreten, dann laufe ich Gefahr, zum Protestwähler zu werden.
Diesen Menschen Dummheit oder Ignoranz vorzuwerfen ist gefährlich.
Ein Journalist namens Gerlach hat 1930 nach den Erbitterungswahlen beschrieben, woher Hitlers Wähler kamen. Es waren bekanntermaßen nicht die Arbeitslosen sondern vor allem die so genannten "Stehkragenproletarier", also die "white collar workers" der unteren Mittelschicht, die in wirtschaftlich angespannten Zeiten viel zu verlieren hatten oder bereits verloren haben.
Eine ähnliche Entwicklung haben wir heute.
Auch hier gibt es immer weniger Arbeit für Geringqualifizierte - und die müssen dann (gefühlt) mit den Flüchtlingen um die (scheinbar) gering gefüllten Futtertröge konkurrieren. Auch hier gibt es viele Menschen, die sich "abgehängt" und nicht von dem bisherigen Parteienspektrum repräsentiert fühlen. In vielen Gesprächen mit Nachbarn und Bekannten in Schule und Kindergarten ist die Abstiegsangst zu spüren - und da wird dann der Ruf nach dem Heilsbringer (in diesem Fall wohl der Heilsbringerin F. P.) laut.
Wir können diese Menschen gerne als dumm bezeichnen, als ignorant, als unengagiert. Wenn diese Menschen aber eines Tages die politische Mehrheit erringen, bekommen wir ein Problem. Das reflexhafte Diffamieren der "Protestwähler" oder solcher Menschen, die dazu werden, ist im Grunde ein weitere Beleg dafür, dass sich die bürgerliche Mittelschicht nach unten hin abgrenzt und bestätigt die "Abgehängten" nur noch in ihrem Gefühl abgehängt zu sein.