Anscheinend gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen meiner Vorstellung der Rolle des Lehrers und den Ansichten, die im Seminar vorherrschen. Wozu soll denn der Lehrer da sein, wenn nicht zum Erklären und Helfen? Soll meine Aufgabe nur darin bestehen, das Material zur Verfügung zu stellen und den Moderator zu spielen? Dafür bin ich mir ehrlich gesagt zu schade.
Übermäßiges Helfen kann auch als Indiz für zu wenig Auseinandersetzung mit der Lerngruppe und ihrem Leistungsvermögen, zu wenig Reflexion über den Unterrichtsgegenstand und ggf. für eine hier für die Lerngruppe und den Lerngegenstand ungeeignete Methode betrachtet werden.
Und das ist nicht ausschließlich eine Frage des Standpunkts. Da gibt es durchaus objektivierbare Kriterien. Einige davon sind Deine aktuelle für Dich geltende Ausbildungsordnung, sowie die entsprechenden Vorgaben für Deine Fächer.
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Natürlich finde ich es wichtig, dass die Schüler auch selbst aktiv werden. Aber das geht doch in der Praxis nur unter Anleitung der Lehrer und auch nur in bestimmten Phasen. Außerdem ist ein Schüler auch aktiv, wenn er einen Text abschreibt oder dem Lehrer zuhört. Die Vorstellung, dass die Schüler sich fast alles selbst erarbeiten können (und dabei auch noch hochmotiviert sind) ist doch völlig realitätsfern.
Im Referendariat wird aber genau eine solche Vorgehensweise bzw. werden solche Laborstunden von Dir erwartet. Und ob man es glaubt oder nicht - in solchen Stunden sind die meisten Schüler hoch motiviert und reißen sich für den Referendar ein Bein aus.
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Außerdem stört mich in meinen Seminaren diese Fixierung auf den Konstruktivismus. Der Konstruktivismus wird als Fundament vorausgesetzt und überhaupt nicht hinterfragt. Andere Vorstellungen vom Lernen und didaktische Ansätze werden nicht - zumindest nicht ernsthaft - behandelt. Da habe ich manchmal den Eindruck, dass der Konstruktivismus für uns eine Art Religion sein soll, an welche wir glauben müssen.
Der Konstruktivismus gilt momentan als "state of the art". Letztlich wird er in der Geschichte der Lerntheorien ebenso teilweise ein Durchbruch, teilweise aber eben auch nur ein Trend bzw. eine Modeerscheinung sein bzw. bleiben wie die das Berliner Modell, das Hamburger Modell, Klafki alt und neu etc. Mit Religion hat das wenig zu tun.
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Am Ende winkt schließlich das Beamtentum. Spätestens wenn ich diesen Status erreicht habe, kann ich mich auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen und die Lehren der Didaktiker aus den Elfenbeintürmen ignorieren.
Außerdem spiele ich ja sowieso mit dem Gedanken, in die Didaktik zu gehen, um etwas mehr Realitätssinn dorthin zu bringen.
Sorry, aber das IST ebenso arrogant wie stammtischhaft. Du wärst nicht der Erste, der hier vermeintlich selbstbewusst postuliert: "Achtung, hier komme ich. Macht Platz, denn ich verändere die Welt zum Guten und zeige den ganzen Vollpfosten da draußen mal, wie es richtig geht."
Es ist das Privileg der Jugend, dass sie so denkt (und handelt), es ist aber auch die Unsitte der Unbelehrbaren, der Starrsinnigen, die auch in späteren Jahren noch davon überzeugt sind.
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Es ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, dass Menschen, die Charakter zeigen oder stolz auf ihre Leistungen sind, als arrogant gelten. Ich habe im Leben jetzt schon Vieles erreicht, auf das ich stolz sein kann. Das wäre mir sicherlich nicht gelungen, wäre ich nicht so äußerst lernbereit und zudem auch lernfähig.
Soll ich jetzt in diametraler Gegenposition zu Winterhoff meinem Dreijährigen auch einen "starken Willen" attestieren und nach jedem Wutanfall von ihm stolz sein, weil er doch "Charakter" gezeigt habe?
Sollen wir uns jetzt in Selbstkritik ergehen, weil wir einfach unfähig sind zu erkennen, was für ein toller Hecht Du doch bist?
Nein.
Nein.
Und ja, Du kommst arrogant rüber. (Und ja, das kann ich auch
)
Gruß
Bolzbold