ZitatEliah schrieb am 14.10.2006 11:08:
Etwas OT:
Was die Problematik "Max" angeht, so werfe ich persönlich ihm provokante Diskussionstechniken vor. Allerdings werden in Diskussionen durchaus relevante Punkte angesprochen. Es geht dabei auch um die Frage, ob, wie und wann Deutschland zu einer "Normalität" zurückkehren darf. Die Diskussion um die "Holocaust-Industrie" hat mich stark an die Debatten über Martin Walsers Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 erninnert. (Dabei möchte ich Max nicht mit Martin Walser vergleichen.)Gruß.
Eliah
Lieber Eliah!
Die Frage, die sich unmittelbar stellt, wäre, was Du konkret unter "Normalität" verstehst?
Die Verbrechen der Nazis sind in der Geschichte aufgrund der perfiden Planung und der Bereitstellung industrieller Kapazitäten zum Zwecke des Genozids einzigartig.
An sie zu erinnern und zu mahnen sollte selbstverständlich sein, gerade damit sich solche Verbrechen nicht wiederholen.
Das heißt aber nicht, dass jetzt jeder Deutsche sich seiner Herkunft schämen muss oder im Büßergewand herumlaufen muss. Das tun wir heute in dem Sinne auch nicht mehr, wenngleich wir den Holocaust deswegen aber auch nicht schönreden oder verdrängen.
Ich finde, dass dies eine durchaus erträgliche "Normalität" ist.
Die Tatsache, dass in anderen Ländern Genozide nachwievor geleugnet, schöngeredet oder anderweitig verdrängt werden (vgl. z.B. Türkei und Armenier) und das Konfliktpotenzial, was daraus auch heute noch erwächst, spricht doch für sich.
Im Geschichtsunterricht komme ich beispielsweise nicht mit der moralischen Keule sondern ich überlasse es den Schülern, ob sie davon betroffen sind oder nicht.
Ich kann schließlich niemanden zwingen, aufrichtig betroffen zu sein.
Ich habe seinerzeit ein Lied von Alexander Kuliziewicz von der CD "Lieder aus der Hölle" vorgespielt. Das Lied hieß "Wiegenlied für meinen toten Jungen im Krematorium". Die Schüler hörten das Lied (es war auf Polnisch) und hatten den deutschen Text vor sich liegen.
Nachdem das Lied verklungen war, war es mindestens eine halbe Minute totenstill in dem Kurs (GK 13 Geschichte).
Wir haben dann darüber gesprochen ohne moralische Keule oder Betroffenheitszwang. Dennoch konnte ich an den Gesichtern der Schüler ablesen, dass mindestens 80% deutlich betroffen waren. Ganz ohne mein aktives Zutun.
Gruß
Bolzbold