Gallizismen contra Anglizismen?
Grußkarte aus dem Elfenbeinturm
Von Torsten Mayer
Karikatur: ULDEN © 2003
Nationaltheater
Darauf hatten die Fast-food-Ketten Amerikas gewartet: Zoff mit Frankreich auf höchster Ebene! Wer bei der Umbenennung von French Fries (Pommes Frites) in Freedom Fries mitmachte, sorgte nicht nur für Abwechslung auf der Anzeigetafel, sondern leistete seinem Land einen Dienst. Damit lassen sich nämlich Punkte sammeln, in den USA zumindest. Vielleicht springt ja eine Steuervergünstigung dabei heraus.
Dank der Weisheit der Staatsführung also, die neben der Sorge um die öffentliche Moral einmal mehr ein sicheres Gespür für die Bedürfnisse des Marktes bewiesen hat – gut gemacht, bedankt sich die Börse und freut sich auf weitere spannende Entwicklungen – darf die Sonne weiter scheinen auf god's own country.
Aufruf zur Sprachdemo
Empörung diesseits des großen Teiches. Anglizismen raus, Gallizismen rein, verlangte man sinngemäß im "Aufruf zur Sprachdemo" vom Akademiker-Verein "AG Sprache in der Politik", (http://www.sprache-in-der-politik.de/aktuelles.htm), einem der faszinierendsten Beiträge der Bewegung gegen den Irakkrieg. Neben "Eisbaden für den Frieden" und der Landung des Hobbyfliegers im Vatikan.
Das französische Wort als Waffe der Linguistik gegen den Krieg? Die Sprache mächtiger als das Schwert? Hundert Jahre, nachdem Sprachpfleger Billet durch Fahrkarte (vom ignoranten Volk später gar Ticket genannt!) ersetzt haben, kehrt es nun durch die Hintertür wieder zurück? Die Begründung, warum man die Anglizismenflut nicht auch mit deutschen Vokabeln eindämmen sollte, lautet sinngemäß wie folgt: Was nicht auffällt, taugt nicht zur Demo. Außerdem gehe es darum, den Reichtum unseres Lehnwortschatzes neu zu entdecken und die Verbundenheit mit unseren französischen Nachbarn wiederzubeleben. Bis den Anglophonen vor Gallizismen die Galle überläuft?
Leider ging die Rechnung nicht auf. Am 15.04.03 bereits ertönte der Schlusspfiff. Im Rückblick: Es hätte "ein paar sehr hässliche Mails [...] aus denen eine nationale Gesinnung spricht" gegeben, einige Berichte verzerrten das Anliegen der Sprachwissenschaftler mit Bezeichnungen wie "Sprachboycott" oder sogar "Sprach-Krieg". (Quelle: Webseite, s.oben)
Ernst gemeint?
An dieser Stelle sei ein Gedankenexperimente gestattet: Das Programm "Gallizismen für Anglizismen" werde qua humanistischer Verpflichtung für verbindlich erklärt.
Harte Zeiten für den deutschen Michel, denn jetzt heißt es die schwierigeren französischen Sprachaufpepper pauken: Hausse, Hautevolee, Equipe? – Ohne Nachschlagewerkzeug ist an dieser Stelle für, sagen wir einen nicht unerheblichen Teil der Leute, der Film im Leerlauf. Und das alles nur, um Boom, High Society und Team rauszukicken, pardon, zu desavouieren?
Es wird Probleme geben. Schwer vorstellbar, dass Bruce Springsteen ab sofort Chansons auf Scheibe pressen wird. Auch, dass die Tage der Gag-Schreiber gezählt sein sollen, da Witz ab sofort nur noch pointe heißt. Kann der Freund des Videospiels die Meldung "Mission erfolgreich. Niveau 2 wird geladen" adäquat verarbeiten?
Das Problem ist, denke ich, evident: Zu viele französischen Ausdrücke sind bereits besetzt und eignen sich nicht als Ersatz für Anglizismen.
Die Sprache des Internet
Was werden die Informatiker sagen? Wie viele französische Begriffe rund um den ordinateur fallen ihnen denn spontan ein? – Ordinateur? Immerhin. Gallizismen tun aber in diesem Bereich nicht Not: Bildschirm, Maus, Tastatur, Schnittstelle, Knopf, Schalter, Leiterplatte, Speicher, Festplatte, Gehäuse, Warmstart für Reset, Hochfahren für Booten – und warum nicht Halbleiterplättchen für Chip? Das Feld ist trotz New Economy gut beackert.
Wer ernsthaft erwägt, die französische Aussprache im deutschen Sprachraum einzuführen, sollte zuvor mit einem Muttersprachler dieser Zunge Rücksprache halten und die Schwierigkeiten von Aussprache und Betonung einschätzen. Als gewollt aber nicht gekonnt würden wir uns womöglich lächerlich machen. Ebenfalls wichtig: Bedroht bitte nicht länger Radio JUMP und Energy!
Die feinsinnige Salonsprache des 17.Jahrhunderts würde von dieser rauen schnellen Zeit allenfalls benutzt und weggeworfen. Auch hielten sich Aufwand und Nutzen die Wage: disque compact klingt zwar edler als compact disc, der Deutsche braucht aber drei Versuche, es wohlklingend zu imitieren.
Der Aufruf zur Sprach-Demo mag ein öffentlichkeitswirksamer, ja sympathischer Beitrag zur Friedensbewegung gewesen sein, als Beitrag zur Sprachpflege aber ist er nicht ernst zu nehmen (und wohl auch nicht gemeint). Eigentlich ein guter Gag. Etwas zu aufrecht und pathetisch vorgetragen, wie eine Rede vor der UN-Vollversammlung und also verdächtig geworden ... Man hört förmlich schon Monsieur le Président Bushs Ansprache an die Nation: "Das Französische ist ab sofort irrelevant."
Wer's dennoch wagen will: Hier LEOs Liste der Gallizismen:
Adieu/Ade für Bye bye
Bassin für Pool
Billet für Ticket
Bonvivant für Playboy
Budget [büdsche] oder Etat für Budget [badschet]
Chanson für Song
Chauffeur für Driver
Chef für Boss
Communiqué für Briefing
Conférencier für Showmaster (Scheinanglizismus)
Coupe für Cup ("Pokal")
D’accord für okay
Formidable für cool
Hausse für Boom
Hautevolee für High Society
Classement für Ranking
Mannequin für Model
Equipe für Team
Etikett für Label
Fête für Party
Niveau für Level
Opinion publique für Public opinion
Ordinateur für Computer
Pointe für Gag
Canapee für Couch
Rendezvous für Date
Resümee für Abstract
Revue für Show
Souterrain für Basement
Tournee für Tour
Trikot für T-Shirt
Tristesse für Sadness
LEO bittet um die Zusendung weiterer Vorschläge.
Veröffentlicht am 08.05.2003
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