Hallo Powerflower,
Das ICF-Modell wird von den Disability Studies nicht strikt abgelehnt, aber es betont die medizinische Komponente doch relativ stark und gleichberechtigt neben den anderen Komponenten.
Das mag schon sein.
Es ist aber durchaus das aktuell dominante Modell in Medizin, Psychologie, Sonderpädagogik etc., und wir werden auch angehalten, damit zu arbeiten.
Und wie gesagt: Zur Diagnose- und Förderplanung finde ich es auch ganz sinnvoll.
Auch Menschen mit kognitiven Behinderungen haben eine Organisation, die von ihnen selbst vertreten wird, nämlich den Verein "People First" bzw. "Mensch zuerst" (http://www.people1.de/). Das sind natürlich Menschen mit kognitiven Behinderungen, die in der Lage sind, ihre Wünsche und Forderungen selbst zu formulieren. Sie möchten als "Menschen mit Lernschwierigkeiten" bezeichnet werden und das sollte für alle mit kogitiven Behinderungen gelten.
Stimmt, da war was. Sollte man eigentlich wissen, auch wenn man, wie ich, andere Schwerpunkte studiert hat.
Das "Problem" mit dem Begriff ist wohl, dass er im Gegensatz zu den von dir aufgeführten Bezeichnungen für Menschen mit Körperbehinderungen kein Neologismus ist, sondern ein bereits bestehender Terminus, der mit einer anderen Bedeutung belegt ist. Lernschwierigkeiten deckt im Allgemeinen ein viel breiteres Spektrum ab, und kann - zumindest zeitweise - jeden Menschen betreffen.
Warum wird dieser Wunsch so missachtet, immer mit dem Argument, dass es notwendig sei, Menschen nach Schwere der Behinderung zu klassifizieren? Aber warum kann nicht einfach zwischen "geringen" und "ausgeprägten Lernschwierigkeiten" unterschieden werden?
Ich denke schon, dass wir trennscharfe, eindeutige Bezeichnungen brauchen. Allein schon, um den entsprechenden Bedürfnissen der entsprechenden Menschen auf allen Ebenen (Betreuung, Pflege, Bildung, Teilhabe etc.) ausreichend gerecht zu werden. Mit verschleiernden, wenig sagenden Begriffen ist niemandem geholfen, am wenigsten den so bezeichneten Menschen selbst.
Dass auf der anderen Seite natürlich solche Etikettierungen immer die Gefahr der Stigmatisierung bergen, ist mir schon bewusst. Deshalb finde ich diese Debatte darüber, welche Bezeichnungen wir verwenden und wie wir sie vermitteln, ja auch absolut notwendig und sinnvoll.
Wobei viel mehr als Bezeichnungen die Information über und vor allem der Kontakt zu den betroffenen Menschen dabei hilft, Vorurteile abzubauen.
Der Begriff "Förderbedarf" wird auch kritisiert, weil er negativ konnotiert ist und ALLE Menschen (mit und ohne Behinderung) irgendeinen Förderbedarf haben, nur eben in unterschiedlichem Ausmaß in unterschiedlichen Bereichen. Hubert Hüppe, ehemaliger Behindertenbeauftragter sagte mal, dass der Begriff "Förderschwerpunkt Hören/Lernen/Sehen/..." irreführend sei, weil eine Behinderung nicht "weggefördert" werden könne. Statt z.B. von "Schülern mit Förderbedarf im Bereich Hören" wird vorgeschlagen, lieber von "schwerhörigen Schülern" oder "gehörlosen Schülern" zu sprechen.
Ja, deshalb ist die offizielle Bezeichnung ja auch "sonderpädagogischer Förderbedarf", um den Umfang und die Intensität zu verdeutlichen und es von "normalem Förderbedarf", den wir alle haben, abzugrenzen. Und durch die Benennung von Förderschwerpunkten wird auch dem Rechnung getragen, dass die Menschen nicht auf ein Merkmal reduziert werden.
Ich finde diese Terminologie, die ja von beiden Seiten (!) stark kritisiert wird, eigentlich gar nicht so schlecht, obwohl es natürlich ein Wortungetüm ist ("Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung" ...). Und dass impliziert würde, dass die Behinderung "weggefördert" werden könne, finde ich auch nicht. Wie gesagt: Durch "Förderschwerpunkt" wird gerade verdeutlicht, dass es nicht nur darum geht, sondern darum, die Menschen in ihrer gesamten Persönlichkeit mit allen Stärken und Schwächen zu sehen und zu unterstützen. Die von dir genannte Gefahr sehe ich eher bei Bezeichnungen wie "Sprachheilpädagogik/-schule/-schüler" (obgleich die historisch auch anders verstanden wurden).