Unterrichtet jemand eine "neue Schuleingangsstufe"?

  • Hallo!


    Ich bin neu hier: Ich heiße Sandra und mache grade mein 1. Staatsexamen LA Sonderschule (mit GS-Didaktik, Geistigbehindertenpäd. als Schwerpunkt).
    Im Zusammenhang mit meinem Examen hab ich mich mit dem Thema "Neue Schuleingangsstufe" der GS beschäftigt und ich fand den Ansatz durchaus interessant.
    Allerdings würde mich mal die praktische Umsetzung interessieren, denn in der Theorie klingt das ja alles toll, aber organisatorisch stell ich mir das als Lehrkraft doch sehr kraftraubend vor.
    Kann mir jemand berichten, wie das so ist? Welche Fortbildungen wurden vorher angeboten? Wie klappt das Miteinander in der Klasse? Wie läuft die Vermittlung gemeinsamer Inhalte (auch im Hinblick auf einen so stark reglementierenden LP, der ja auch noch "abgearbeitet" werden muss)?
    Würde mich über Erfahrungsberichte freuen! :)


    LG,
    Sandra

  • Hallo,


    ich habe momentan eine jahrgangsgemischte Eingangsstufe, sprich Klasse 1 und 2 zusammen.


    Die Vorteile, die ich tatsächlich sehe, sind folgende:
    Du startest nie bei Null, Regeln und Rituale laufen, die Neuen integrieren sich recht schnell.
    Die Großen helfen den Kleinen und nehmen dir somit oft einige Arbeit ab.
    Das soziale Miteinander ist besser als in Jahrgangsklassen, weil die Kinder von Anfang an an das gegenseitige Helfen gewöhnt werden und es für die Kinder selbstverständlich ist, dass nicht alle gleich weit und gleich gut sind.
    Eltern akzeptieren leichter als in Jahrgangsklassen, dass individuell, offen und differenziert gearbeitet wird.


    Hier meine Nachteile:
    Du stehst als Lehrer permanent unter Strom, hast immer das Gefühl, dass dir die Zeit wegrennt, weil du dich ja nicht auf eine Lerngruppe voll und ganz konzentrieren kannst.
    Vieles bleibt auf der Strecke, beispielsweise das intensive Einüben der Schreibrichtung der Buchstaben, weil du dich, wie gesagt, immer zeitgleich auf mehrere Lerngruppen konzentrieren musst.
    Viele Kinder kommen mit diesem offenen, selbstständigen und individuellen Lernen nicht klar, sie bräuchten eine ganz engschrittige Anleitung und gemeinsame Lernsituationen, die es aber aufgrund der Klassenkonstellation nicht so ausgeprägt geben kann wie in einer Jahrgangsklasse.
    Der Wechsel zu Klasse 3 und 4 ist, zumindest in meinem Bundesland, problematisch, da die Kinder nun zwei Jahre lang individuell gearbeitet haben und plötzlich gibt es dann doch den gleichschrittigen Frontalunterricht, in dem jeder das gleiche können und leisten soll...


    Das waren jetzt ein paar Punkte, die mir so spontan in den Sinn kamen.
    Wenn du mehr wissen willst, frag ruhig!

  • Ich habe auch eine jahrgangsgemischte Klasse 1/2 und würde nur ungerne wieder darauf verzichten.
    Zu den Vorteilen, die julia242 genannt hat, zählt für mich auf jeden Fall,
    - dass Schwächere im zweiten Lernjahr endlich nicht mehr das Schlusslicht der Klasse bilden (zumal Unterschiede ohnehin in diesen Klassen viel natürlicher sind und besser akzeptiert werden), sie können jetzt als "die Großen" den Lernanfängern Dinge erklären und vertiefen ihr eigenes Wissen damit noch einmal. Und falls sie drei Jahre in der Schuleingangsphase bleiben müssen, so müssen sie nie in eine komplett neue Lerngruppe wechseln.
    - dass Stärkere von Anfang an Kinder in der Klasse finden, die weiter sind als sie und die ihnen Anreize bieten, sich weiter zu entwickeln. Und falls sie nur ein Jahr in der Eingangsphase bleiben müssen, weil sie schon alles können, gehen sie mit Kindern ins 3. Schuljahr, die sie schon kennen.


    Die Nachteile, die julia242 genannt hat, kann ich zum Teil nachvollziehen. Ich versuche, die Kinder so oft wie möglich nicht als zwei verschiedene Lerngruppen zu sehen, sondern so viel wie möglich mit allen gemeinsam zu machen. Auf der Suche bin ich da noch beim Matheunterricht, in dem es mir noch schwer fällt, auf der einen Seite individualisiert und auf der anderen Seite in gemeinsamen Lernsituationen zu unterrichten.
    Wenn mit dem Wechsel in Klasse 3 und 4 plötzlich der Frontalunterricht eingeführt wird, ist das ja eigentlich kein Argument gegen die Eingangsklasse sondern eher ein Grund, auch den Unterricht in diesen Klassen auf den Prüfstand zu setzen ;)

  • hallo benno,


    auch ich versuche so oft wie möglich meine klasse nicht als zwei lerngruppen zu sehen, sondern eben als eine klasse. ich mache oft mit allen gemeinsam etwas, beispielsweise bilderbücher lesen und dazu individuell schreiben und gestalten. auch die parallele einführung von druck- und schreibschrift klappt recht gut. sehr sehr schwer ist es hingegen, wie du ja auch sagst, bei mathe... wie kann man da richtig jahrgangsübergreifend arbeiten?! meine kollegen "lösen" das, indem sie in mathe jedes kind individuell und selbstständig "wurschteln" lassen, das empfinde ich jedoch als sehr unbefriedigend und auch nicht als unbedingt förderlich für den großteil der kinder... auch bei rechtschreib- und grammatikthemen fühle ich mich ein bisschen hilflos, was machen deine einser in dieser zeit?
    du hast auch recht, dass eigentlich der unterricht von klasse 3/4 überdacht werden sollte, jedoch ist mein kollegium (kollegen aus klasse 3/4 und die schulleitung) dazu nicht bereit...

  • was mathe angeht, lese ich gerade das buch "mit unterschieden rechnen" von nührenbörger und pust. ich hab erst ein drittel durchgearbeitet, aber das hört sich sehr spannend an. die haben unterrichtsmaterialien ausprobiert, in denen erst- und zweitklässler zusammen an verschiedenen mathethemen arbeiten. wenn ich es durchhabe (und auch das ein oder andere ausprobiert habe), kann ich dir mehr dazu sagen ;)

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