Sinnkrise mit Durchhänger vor Abiprüfung

  • Hallo zusammen,


    die mündlichen Abiprüfungen stehen vor der Tür. Meine Prüflinge sind schon ganz aufgeregt, schreiben mir jeden Tag Mails mit ihren vielen Fragen.


    Wäre alles schön und gut, hätte ich zur Zeit nicht mal wieder eine extreme Sinnkrise was diese unsäglichen und unzähligen Prüfungssituationen angeht, durch die wir die SuS von Kl 5 bis 13 durchjagen. schriftliche Vergleichsarbeiten, mündliche Prüfung Kl 10, schriftliche Lernstandserhebungen, Abiturprüfungen.


    Jede dieser Prüfungen ist auf Lehrer- und Koordinatorenseite mit einem extremen Organisations- und Vorbereitungsaufwand verbunden. Das Ergebnis ist mehr als mickrig: Häufig (v.a. Kl 10 Prüfungen) haben die Prüfungen keinerlei Auswirkungen auf die Noten. Wenn die Behörde die ausgewerteten Arbeiten an die Schule zurückschickt, dann landen die mühselig vom Lehrer im Unterricht vorbereiteten und korrigierten Papiere im Schredder (was nochmal Arbeit macht). Wer hat schon Zeit, die vor Monaten geschriebenen und korrigierten Arbeiten noch einmal durchzulesen und die Ergebnisse für den Unterricht auszuwerten?


    Wer erinnert mich mal bitte an den Sinn von Prüfungen und Schule im allgemeinen?
    Es tut mir in der Seele weh, zu sehen, wie sich die SuS (und die Lehrer, SL, etc.) für diese Farce tagtäglich aufopfern. Wir tun so, als sei uns der Sinn des Ganzen vollauf bekannt, und führen jeden Tag das Schaustück "Schule" auf, zwingen jeden, der sich weigert, die Lüge mitzuspielen, in die Knie.


    Sorry für das diffuse und wirre Posting. Ich sehe im Moment absolut KEINEN pädagogischen Sinn mehr in meiner Arbeit.


    Überzeugt mich jemand netterweise vom Gegenteil?


    Liebe Grüße
    klöni, die sich jetzt noch ein paar Fragen für die Prüfungen überlegt.

  • Wie jetzt? Keiner von euch kennt den pädagogischen Sinn von (Abitur-)Prüfungen und unserer Arbeit im allgemeinen?


    OK, vllt erinnert sich ja noch jemand (ein Referendar evtl.??) ... :weg:


    immer noch demotiviert
    klöni

  • Wenn ich Dir jetzt da eine ehrliche Antwort aus meiner momentanen Gefühlswelt gebe, geht es Dir mit Sicherheit nicht besser.


    Nighthawk, der zwar mit seinen 18 Geschichts-LK und 17 Englisch-GK Abiturprüfungen schon fertig ist, aber heute erfahren hat, dass er übermorgen noch zwei mündliche Prüfungen zur Notenverbesserung durchführen darf ...

  • Na, dann habe ich das Schweigen ja doch richtig gedeutet: Ihr wollt mich schonen... :)
    Ich bin Donnerstag dran.


    Nighthawk: *kreisch* 35+2 Abiprüfungen??? Aber du bist nicht immer Referent gewesen, oder? Obwohl: eigentlich finde ich das Protokollführen fast noch anstrengender.

  • Nee, Klöni, die 35 waren schriftliche Abi-Prüfungen zur Erstkorrektur. Mündliche hab ich eigentlich gar keine (diesmal, letztes Jahre waren es zwar keine schriftlichen Korrekturen, dafür 20 mündliche Prüfungen - immer Hauptprüfer). Nur kommen jetzt nach dem ganzen Stress eben noch 2 mündliche mit denen nicht unbedingt zu rechnen war - freiwillig zur Notenverbesserung eben.

    • Offizieller Beitrag

    Mir ist der Sinn der Dauerprüferei und vor allem der Sinn der Zahlennoten schon immer entgangen.
    Empririsch nachgewisen habe ich allerdings inzwischen die negativen Effekte derselben auf ds Lernverhalten der Schüler, auf deren Einstellung zu den Inhalten (Lernen für die Note) und auf das Verhältnis Schüler/Lehrer.


    Meinetwegen weg mit dem Krams. Sollen die Unis und Betriebe Einstellungstests machen, dann wissen sie eh viel mehr, als wenn sie ein Zeugnis vor sich haben, von dem eh keine Sau weiß, wie es zustande kam.


    Tröstet das, Klöni? :)


    Was die Motivation trotz Sinnkrise angeht: Ich geh für die Schüler hin. Die lohnen sich. Und für durchaus einige Kollegen. Das reicht mir für den Sinn.


    Die von Gesellschaft und Landesherren von mir via Jobprofil verlangte Selektion muss ich leider mitbetreiben, mögen oder verteidigen muss ich sie nicht.


    Mei - (16LK-Abiklausuren-28Protokolle-6mündliche)-ke...

    WE are the music-makers, and we are the dreamers of dreams,
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    Einmal editiert, zuletzt von Meike. ()


  • Finde ich sehr kurz gedacht:


    - Sollen nun unsere Schüler, die sich natürlich immer klugerweise auf mehrere Hochschulen oder Ausbildungsstellen bewerben, von einem Test zum anderen rennen? Wer übt mit den Schülern dann auf die Tests?
    - Sollen Betriebe und Hochschulen JEDEN Bewerber testen? Teilweise kommen auf einen Ausbildungs-/Studienplatz über 1000 Bewerber?


    Also ehrlich gesagt erzählen uns die Betriebe anderes: Wenn man ein Zeugnis richtig liest, ist es sehr wohl ein guter Anhaltspunkt für die Einladung zu Bewerbungsgesprächen oder ggf. Einstellungstests.
    Selbst ein großer Automobilkonzern, der vorher online seine Ausbildungsbewerber testet, rechnet immer noch zum größten Teil die Schulnoten mit ein. Nach diesen Kriterien wird dann zum Einstellungstest eingeladen.


    Tut mir leid -weil wir ja sonst oft konform gehen-, aber irgendwie hat Schule immer noch etwas mit der Welt da draußen zu tun.

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

    2 Mal editiert, zuletzt von Timm ()

    • Offizieller Beitrag

    Naja, dann gehen wir halt mal nicht konform. :) Vielleicht müsste man über die Praktikabilität von Eingangstests nochmal genauer nachdenken (obwohl zu meiner Zeit ALLE Anglisten-in-spe einen sprachlichen Eingangstest machen mussten und das hat die Uni auch geschafft. Zum GLÜCK - denn da sind einige interessante Möchtegern-Englischstudenten doch fix wieder gleich ganz oder erstmal ins Ausland gegangen - soviel übrigens zur Verlässlichkeit der Englischnote im Zeugnis!!!!), oder wir eröffnen einen neuen Markt - externe Institute, die die Schüler nach der Schule testen, wie TOEFL, DELF, CAE(Arbeitsplätze noch & nöcher!) - oder es gibt eben eine andere Form des Zeugnis: nur nach der 13 und nur für die Fächer, mit denen der Schüler was anfangen will , oder nur verbale Beurteilungen bestimmter Kompetenzen, in ausührlicher Form - mein Gott, der Kreativität sind doch keine Grenzen gesetzt, mit Sicherheit gibt es da wirksame und effiziente Wege, die sinnvoller sind, als die intrinsische Motivations-, beruflicher Sinn- und Lehrer-Schüler-Verhältnistöter, die wir im Moment als "Noten" - sehr unterschiedlich realistisch - zwecks "Bewertung" verteilen.

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    2 Mal editiert, zuletzt von Meike. ()

  • Fühle mich getröstet und gehe mit Maike in vielerlei Hinsicht konform.
    Aus meinem Bundesland weiß ich, dass die Englischnote der Abiturienten für die meisten Arbeitgeber ohnehin keine Bedeutung mehr hat (trotz EuReRa). Die orientieren sich nur noch an externen Toefl- und Cambridge-Ergebnissen.
    Der Fachleiter meiner Refin erzählte mir, er habe zur Zeit eine große Zahl an Refis (Englisch) zu betreuen, die mit tollen Schulnoten angenommen wurden, aber die leider (aufgrund fehlender Auslands- bzw. Liebhabererfahrung?) kaum einen korrekten englischen Satz über die Lippen bekämen. Er würde Eingangstest für angehende Refis sehr begrüßen.


    Zitat von "Timm"

    Wenn man ein Zeugnis richtig liest, ist es sehr wohl ein guter Anhaltspunkt für die Einladung zu Bewerbungsgesprächen oder ggf. Einstellungstests.


    Wie liest man denn ein Zeugnis richtig?
    Mein Schwager ist Leiter im Marketingbereich einer großen Firma und er meinte, es werde ohnehin kaum noch auf Noten geachtet (also 4er und 5er Zeugnisse schon), beim Rest entscheidet die Rechtschreibung, das außerschulische Engagement und freiwillige Weiterbildung (Sprachtests), sowie das persönliche Auftreten beim Vorstellungsgespräch. Noten auszuwerten, dazu hätte er ohnehin keine Zeit.


    Viele Grüße
    klöni

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