Mir macht das auch Sorge, gesamtgesellschaftlich wie auch privat (wo die Positionen auch zunehmend unvereinbarer werden und die Beziehungen belasten). Ich bin ja auch tendenziell eher ein Vertreter einer extremeren Position, finde aber bedenklich, in welcher Weise die "Gegenseite" oft pauschal in die Schwurbler-, Verschwörungs- oder Neonazischublade abgekanzelt wird. Da gehören sehr sehr viele Gestalten, die man auf den Demos sieht und die sich in den sozialen Medien lautstark bemerkbar machen, auch definitiv rein, aber es gibt eben auch eine wachsende Zahl an völlig normal tickenden Menschen, die einfach keine Wahrung der Verhältnismäßigkeit sehen, Existenzsorgen haben, durch gegensätzliche Studienergebnisse zweifeln, etc. Mit Vertretern der letzten Gruppe muss ein kritisch-konstruktiver Austausch möglich sein, der ohne Vorverurteilungen und eine herabschauende Attitüde auskommt und auch eine entsprechende mediale Repräsentation findet. Mich stört auf beiden Seiten die gegenseitige Respektlosigkeit und das ständige Verunglimpflichen... seien es nun die Covidioten oder die Regierungsschafe... das spaltende "othering" trägt nicht dazu bei, die Debatte zu versachlichen und einen tragfähigen Konsens auszuhandeln.
Im privaten Umfeld habe ich mich aus Debatten weitestgehend zurückgezogen. Hier prallen teilweise unterschiedliche Sichtweisen aufeinander, die auch ganz maßgeblich der unterschiedlichen Betroffenheit von den Maßnahmen geschuldet sind. In meiner Familie ist niemand von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen, unser Fokus liegt eher auf der Sorge um die Gesundheit von Risikogruppenangehörigen. Ich finde alle Maßnahmen bis zu einer Änderung der Sachlage (Impfstoff, deutliche Mutation des Virus hin zu milderen Krankheitsverläufen) absolut gerechtfertigt und bin eher mit den vielen Lockerungen nicht einverstanden. Für diese Haltung kann ich von jemandem, der seinen Job verloren hat und von echten Existenzsorgen geplagt ist, aber keine Zustimmung erwarten. Jede Diskussion würde am Ende darauf hinauslaufen, dass aus meiner Sichtweise durchschimmert, dass mir seine Situation zwar wirklich leid tut und ich mitfühle, dass ich im Gesamtkontext der Pandemie seine Interessen hier aber nachrangig gegenüber anderen einstufe. Und ja, aus meiner bequemen Position heraus wirkt das verständlicherweise wenig empathisch und vielleicht auch ein bisschen zum Kotzen auf den Betroffenen.. also halte ich mich lieber zurück, denn die Situation ist es halt auch nicht wert, langjährige Freundschaften ernsthaft zu beschädigen.