Ich sehe trotzdem nicht, inwiefern das die "Schuld" der Gesamtschule als solcher sein soll. Wenn man als Schule feststellt, dass man im Niveau absackt, wieso ändert man das nicht?
Zunächst mal ist es logisch, dass die Klientel insgesamt schwächer ist als an einem Gymnasium. Das ist ja das Ziel der Gesamtschule, alle Kinder sollen auf eine Schule gehen. Wenn aber auch das Niveau der Sek II schlechter ist, weil man die Noten nach Sozialnorm vergibt und gar den Abschluss anpasst, dann hat die Schulleitung samt ihrem Kollegium versagt, nicht der einzelne aka "die anderen", nicht die SuS und nicht die Grundschule.
Nicht böse gemeint, aber das liest sich furchtbar naiv. Das Problem, dass Kinder keine altesgerechten Kompetenzen mitbringen, haben ja schon die Grundschulen und schaffen es nicht, das aufzuarbeiten. Und egal ob Grundschule oder weiterführende Schule, niemand lässt die Hälfte eines Jahrgangs wiederholen. Müsste und sollte man eigentlich, ja, diese Haltung ist aber nicht konsensfähig - weder bei Schulleitungen, die sich damit in einen grandiosen Shitstorm von allen Seiten stellen würden, noch bei vielen Kollegen. Letztlich hat der einzelne Kollege, der tatsächlich authentische Noten setzt und nicht mitspielen möchte, einen Arsch voll Mehrarbeit, weil er stundenlang unsinnige Förderpläne schreibt und Förderplangespräche führt, die Schüler aber trotzdem durchrutschen, weil am Ende irgendwie doch immer ausreichend Kollegen meinen, jemand, der keinen fehlerfreien Satz schreiben kann, kriegt trotzdem noch die Ausgleich-3 in Deutsch o.ä.
Man kann die soziale Norm auch nicht einfach außer Acht lassen. Ich habe vor +10 Jahren an zwei kirchlichen Gymnasien mal jeweils die gleiche Klassenarbeit in Klasse 8 geschrieben, die meines Erachten ein für die Jahrgangsstufe angemessenes Niveau hatte und an beiden Schulen völlig problemlos funktionierte. Im dritten Jahr hab ich die gleiche Klassenarbeit am Gymnasium im Ruhrpott geschrieben, meine erste KA an dieser Schule, und hatte eine hohe zweistellige Anzahl an Mangelhafts. Dafür durfte ich bei der Schulleitung antanzen und hatte beim Elternsprechtag Schlangen von empörten Eltern vor der Tür stehen. Ich meine noch heute, dass das die einzige niveauangemessene Klassenarbeit war, die ich jemals an dieser Schule geschrieben habe, aber natürlich sahen die Folgearbeiten anders aus. An Gesamtschulen greifen die gleichen Mechanismen und Zwänge vermutlich nochmal auf anderem Niveau. Und natürlich rutschen die Schüler dann unterhalb des eigentlich angestrebten Standards auch in die Oberstufen durch.
Irgendwo vorher schriebst du sinngemäß "beschult die Kinder doch einfach". Meines Erachtens braucht es für eine effektive Beschulung ein schulangemessenes Verhalten und dass dies oftmals nicht gegeben ist, ist eines der Hauptprobleme, die dem Vorhaben im Weg stehen. Ich hatte beim Wechsel ins Ruhrgebiet einen absoluten Kulturschock. Dass Schüler im Unterricht permanent durch die Gegend laufen, notorisch laut sind, Arbeitsanweisungen nicht folgen und so komplett unbeeindruckt von schulischen Maßnahmen sind, wie es dort der Fall war, kannte ich vorher nicht. Und natürlich leidet die Beschulung, wenn signifikante Teile der Unterrichtszeit für Erziehungskrempel draufgehen. Gerade unter G8 war die Dichte an Unterrichtsinhalten sowieso schon sportlich gestrickt, so dass die ganze verplemperte Zeit sich bitter gerächt hat. Dann kam Corona, wo niemand sitzen bleiben durfte, zu schülerfreundlicher Benotung angehalten wurde und die eh schon jahrelang geschönten Noten zu kompletten Phantasienoten mutierten.
Meinem Eindruck nach sind wir in einer multifaktorell bedingten Abwärtsspirale, der man mit "beschult halt und gebt halt authentische Noten" nicht gerecht wird. An keiner Schulform, aber an Gesamtschulen, wo sich tendenziell die " herausforderndere" Klientel versammelt, erst recht nicht.